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Vom Handymenschen zum Menschhandy

Ein techniksoziologischer Ansatz zur Entwicklung des Mobilfunks und seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft

Vom Handymenschen zum Menschhandy
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Juliane Uhl
  • Abgabedatum: Mai 2006
  • Umfang: 90 Seiten
  • Dateigröße: 843,5 KB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 81
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1585-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Uhl, Juliane Mai 2006: Vom Handymenschen zum Menschhandy, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Techniksoziologie, Virtueller Raum, ubiquitous computing, Kommunikationstheorie, Mensch-Maschine-Symbiose

Magisterarbeit von Juliane Uhl

Einleitung:

„Wir sind am Beginn.

Was wir bislang noch sehen, ist Stümperei und größtenteils Kitsch.

Das Begeisternde ist nicht das, was wir sehen, sondern das, was wir hinter dem uns Sichtbaren wittern“.

In Deutschland hat die Mobilfunkdurchdringungca. 86% erreicht. Das Aufkommen von Discount-Anbietern für Handyverträge führt zu einer Deregulierung des Mobilfunksegments und wird die Diffusion weiter erhöhen. Der Mobilfunk verzeichnete in nur sieben Jahren eine Entwicklung für die das Festnetztelefon 100 Jahre brauchte. Wenn ein Medium einen solchen Werdegang hat, sind gesellschaftliche Auswirkungen vorprogrammiert.

Der Mobilfunk personalisiert und individualisiert Kommunikation, macht den Anschluss an die Gesellschaft aber gleichzeitig leichter und vermindert die Nachteile der Individualisierung. Das Handy gibt uns die Freiheit allein zu sein und zu agieren und gleichzeitig die Sicherheit, nicht allein sein zu müssen. Es ist ein antisoziales Instrument, weil es die Kommunikation aus dem öffentlichen Raum in den völlig isolierten privaten Raum legt. Es ist aber auch ein soziales Instrument, da es die Nutzer verbindet, Status anzeigen und Gruppenbildung hervorrufen kann. Der mobile Internetzugang per WAP oder WLAN ermöglicht jederzeit den Zugang zu den Informationen der Welt und lässt uns gleichzeitig hier sein und das Dort wahrnehmen. Die Gleichzeitigkeit realer und virtueller Räume ist durch den Mobilfunk erlebbar. Seit seiner Einführung in den Markt hat sich das Handy vom Spielzeug zum Alltagsgegenstand entwickelt und bereits heute den Status eines ‚must’, wenn man an das Leben angeschlossen bleiben will.

Geht man von Castells These einer Netzwerkgesellschaft aus ist der Besitz neuer Technologien inklusive des Handys die Bedingung, um an Gesellschaft teilhaben zu können. Oder wie Fortunati es ausdrückt: „(T)he mobile phone (is) a technological instrument to which people are often forced to resort in order to maintain their social relationsships“. Doch die Innovationen in der Kommunikation und die Informationsverbreitung durch den Mobilfunk bergen auch Nachteile, Ängste und Gefahren. Der Besitz eines Handys verpflichtet zu ständiger Erreichbarkeit und Rechtfertigung. Die Technik des Mobilfunks ermöglicht die Ortung des Nutzers. Der Besitz und die Nutzung des Handys befreien den Menschen also von den Fesseln des festen Telefons, binden ihn gleichzeitig aber an anderer Stelle wieder an. So ist die Überwachung des Telefonierenden durch andere Haushaltsmitglieder aufgehoben, gleichzeitig ist der Mobilfunknutzer aber überwacht von anderen Anwesenden und von denen, die seine Erreichbarkeit voraussetzen.

Die Vorteile des Handys liegen dennoch auf der Hand: Mobilität, Flexibilität, bessere Koordinationsmöglichkeiten, Erreichbarkeit – all diese Eigenschaften scheinen in einer Ära der flexiblen Arbeits- und Lebenszeiten in einem globalen Raum brauchbare Tugenden zu sein. Doch jede neue Technik oder Erfindung hat auch immer ihre Schattenseiten: Zwang zur Mobilität und Flexibilität, flexible Arbeits- und Lebenszeiten, ständige Erreichbarkeit. Auf Grund seiner nützlichen Eigenschaften als „ultra-mobile-tool“ wird der Mobilfunk aus dem Alltag bald nicht mehr wegzudenken sein. Die Entwicklungen im Bereich neuer Technologien werden immer bessere Apparate hervorbringen, die Informations- und Kommunikationstechnologien, die in dieser Arbeit mit IuK abgekürzt werden, vereinen. Da Mobilität ein Erfordernis der modernen Weltgesellschaft ist, werden die neuen Endgeräte handlich sein und mobilen Zugriff auf die Speichernetzwerke der Welt haben. Das Handy in seiner Eigenschaft als mobiles Kommunikations- und Speichermedium wird in Zukunft nicht an Bedeutung verlieren. Vielmehr ist abzusehen, dass es zu einem Alltagsgegenstand wird, dessen Daseinsberechtigung nicht mehr zur Debatte steht. Das Handy als technisches Instrument unterliegt in seiner weiteren Entwicklung vorrangig Effizienzprinzipien.

Becker-Schmidt sieht das Problem des Technik-Gesellschaft-Verhältnisses im prometheischen Gefälle:

„Das ´prometheische Gefälle´, die ungeheuerliche Diskrepanz zwischen dem, was vom menschlichen Intellekt als machbar gedacht werden kann, und der Begrenztheit des menschlichen Vorstellungsvermögens, die Konsequenzen des tendenziell Machbaren zu prognostizieren und einzusehen erscheint als abgründige Kluft“.

Ziel eines moralischen Diskurses sollte sein, dieses Gefälle aufzuheben, denn jetzt, da die Möglichkeiten existieren, muss der Mensch auch den Umgang mit diesen lernen.

Die Impertinenz des Handys in Alltagssituationen macht es unmöglich diese Technik zu eskamotieren. Tendenzen technischer Innovationen zur Transplantation von Apparaten in den menschlichen Körper sind in der Medizin zu sehen und werden auch von einigen Medienphilosophen diskutiert. In der vorliegenden Arbeit soll auf technik-soziologischer Basis ein Ausblick in die Zukunft der mobilen Kommunikation und Information gewagt werden.

Ein technik-soziologischer Ansatz verlangt die Definitionen von Technik und Gesellschaft, welche als Rahmen der Diskussion fungieren sollen. Im ersten Teil dieser Arbeit wird die Gesellschaftstheorie Luhmanns vorgestellt und in Verbindung mit der Globalisierung zu einem Gesellschaftsbegriff führen. Vorstellungen zum Raum in einer Weltgesellschaft ergänzen diese einführenden Überlegungen.

Die Diskussion technischer Auswirkungen verlangt weiterhin nach einer Definition des Technikbegriffes an sich, welche im zweiten Kapitel aus verschiedenen Ansätzen extrahiert wird. Da Technikfolgenabschätzung als gängiges Prinzip des Technikdiskurses anerkannt ist, soll sie auch in dieser Arbeit umschrieben werden und als theoretischer Rahmen dienen.

Im dritten Kapitel werden nach einem Abriss über die Verbreitung des Mobilfunks in Deutschland Studien vorgestellt, die Auswirkungen dieser Technik belegen. Dabei liegt die Konzentration auf den Punkten Mobilität, Koordination und Kommunikation im öffentlichen Raum. Dieses empirische Material wurde gewählt, um darzustellen, welche beobachtbaren Folgen der Mobilfunk als Medium hat. Auf der Basis der Goffmanschen Vorstellung zur Selbstdarstellung werden die Ergebnisse als Zeichen der Gegenwart eingeordnet. Dem Erreichbarkeitsdilemma als vieldiskutierter Aspekt der mobilen Kommunikation wird dabei besonders Beachtung geschenkt.

Nachdem bereits ein Einblick in die bestehenden Mobilfunkangebote und deren Einfluss als Kommunikationstechnologie gegeben wurde, werden im vierten Kapitel in der Entwicklung befindliche Mobilfunktechniken und – dienste vorgestellt. Ziel ist es dabei, einen Eindruck von zukünftigen Möglichkeiten zu erlangen und die Bedeutung des Mobilfunks für die Gesellschaft der Zukunft aufzuzeigen. Anhand des Forschungsprojektes Ring&Ride wird eine zusammenfassende Prognose der Mobilfunkentwicklung gegeben werden.

Da der Mobilfunk als Technik effizienzsteigernden Prinzipien unterliegt, kann eine Diskussion der Technikentwicklung im Bereich der Computertechnologie und Künstlichen Intelligenz in dieser Arbeit nicht fehlen. Die Leitlinien technischer Überlegungen zur Mensch-Maschine-Symbiose werden auch den Mobilfunk bzw. die Entwicklung neuer Handytypen wesentlich beeinflussen und sollen hier nicht unbeachtet bleiben.

Sobald Auswirkungen von Techniken beobachtbar sind, sind sie nicht mehr abzuwenden. Prognostizierende Ansätze müssen demnach von dem Eintritt aller Möglichkeiten ausgehen und sowohl negative als auch positive Tendenzen diskutieren. Die zu diagnostizierende Überzeichnung medienphilosophischer Betrachtungen ist ein angemessenes Instrument, um eine Diskussion überhaupt erst anzuregen. Deshalb werden im sechsten Kapitel die Theorien Flussers und Virilios, sowie die Theorie des Transhumanismus vorgestellt. Die Zusammenfassung wird noch einmal unter allen hier erarbeiteten Gesichtspunkten die Tendenzen der Technikentwicklung und des Mobilfunks diskutieren.

Habermas schreibt, „dass wir gut daran tun, die normative Beurteilung der aktuellen Entwicklungen an Fragen zu kontrollieren, mit denen uns theoretisch mögliche (.) Entwicklungen eines Tages doch konfrontieren könnten“. Ganz im Sinne Habermas´ wird in dieser Arbeit eine Eventualität diskutiert, die in Zukunft auf uns zukommen könnte. Die Beleuchtung verschiedener Positionen soll die Diskussion um die Vor- und Nachteile eines technisierten Menschen anregen. Der Mobilfunk wird an Bedeutung zunehmen: Die Vereinigung von Informations-und Kommunikationstechnologien wird aus dem Handy von heute einen multifunktionales Endgerät machen, dessen Besitz zum gesellschaftlichen Zwang werden könnte. Durch die Individualisierung des Menschen, werden virtuelle Netzwerke gesellschaftskonstituierend sein und der Anschluss an diese Gesellschaft wird durch mobile Apparate gesichert. Das Handy wird in diesem Status zum Identifikationsmerkmal des Menschen und die Wandlung des Handymenschen zum ‚Menschhandy’ scheint unausweichlich.

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung 3
1. Die Weltgesellschaft und das Verständnis von Raum 7
1.1 Die Weltgesellschaft der Kommunikationen 7
1.2 Raum in der entgrenzten Gesellschaft – Die Zusammenkunft des visuellen und virtuellen Raums 12
2. Technikbegriff und Technikfolgenabschätzung 16
2.1 Der Technikbegriff in der Diskussion 16
2.2 Neue Technologien und Technikfolgenabschätzung 20
3 Zum Mobilfunk und zur Veränderung gesellschaftlicher Aspekte 26
3.1 Besonderheiten des Mobilfunks – Mobilität von Information und Kommunikation 26
3.2 Zur Verbreitung des Mobilfunks in Deutschland 28
3.3 Auswirkungen des Mobilfunks 32
3.3.1 Mobilfunk und Mobilität 32
3.3.2 Mobilfunk und Mikro- und Hyperkoordination 35
3.3.3 Exkurs: Goffmans Vorstellungen zur Performanz im Alltag 38
3.3.4 Mobilfunk und die Kommunikation im öffentlichen Raum 42
3.3.4 Das Erreichbarkeitsdilemma – zwischen Vorteil und Fluch ständiger
Erreichbarkeit 50
4. Entwicklung neuer Mobilfunktechnik und Dienste 55
4.1 Neue Handytechnik – Die Vereinigung von Telefon, Computer und anderer Endgeräte 55
4.2 Die Zukunft mobiler Dienste 56
4.3 Ring & Ride – Konzept einer weiteren Mobilfunkanwendung 59
5. Technikentwicklung – auf dem Weg zur Mensch-Maschine-Symbiose 62
5.1 Zur Angleichung menschlicher Prozesse an die Maschine 62
5.2 ubiquituous computing und ambient intelligence 65
6. Die Zukunft der Technik – zwischen Anthropozentrismus und Transhumanismus 69
6.1 Anthropozentrische Ansätze zur Zukunft der Technik 69
6.1.1 Der Compunicator als Interaktionspartner 69
6.1.2 Flussers telematische Gesellschaft und Virilios Eroberung des Körpers 71
6.2 Transhumanismus – Die Obsoleszenz des Prinzips Mensch 74
6.3 Technokratie und Technopol – Voraussagen zur zukünftigen Gesellschaftsform 76
7. Zusammenfassung 80
8. Literaturverzeichnis 84
9. Abbildungsverzeichnis 90

Textprobe:

Kapitel 3.3.3, Exkurs: Goffmans Vorstellungen zur Performanz im Alltag:

In seinem Buch Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag beschäftigt sich Erving Goffman mit der Darstellung des Selbst und beschreibt diese mit Begriffen des Theaters, da er der Ansicht ist, dass diese Darstellung gleich wie auf einer Bühne zwischen Ensemble und Publikum stattfindet. Bevor dieses Konzept genauer beschrieben wird, sollen einige Begriffe in Goffmans Worten definiert werden:

Interaktion bezeichnet er „grob als de(n) wechselseitige(n) Einfluss von Individuen untereinander auf ihre Handlungen während ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit“. Als Konfrontation versteht er die Summe der Interaktionen einer Gruppe die ununterbrochen zusammen ist und als Performance soll die „Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation definiert werden, die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen“. Darstellung definiert Goffman als das „Gesamtverhalten eines Einzelnen (...), das er in Gegenwart einer bestimmten Gruppe von Zuschauern zeigt und das Einfluss auf diese Zuschauer hat“.

Nach Goffmans Ansicht beruht Interaktion auf den eigenen Erwartungen dem Partner gegenüber und auf den Erwartungserwartungen, das heißt, auf den Erwartungen, die der Partner erwartungsgemäß haben könnte. In der Interaktion würde das Selbstkonzept nicht konkret enthüllt. Rückschlüsse auf das Selbstkonzept einer Person lassen sich demnach nach der Interaktion ziehen. Das heißt, dass während der Interaktion Taktiken verfolgt werden, um einen bestimmten Eindruck beim Gegenüber zu hinterlassen. Diese Taktiken können bestimmte verbale Ausdrücke, Verschweigen, oder auch Gesten sein. Zu Beginn der Interaktion wird laut Goffman eine „Arbeitsübereinstimmung“ getroffen, die das Ziel der Gruppe definiert. Das Ziel eines jeden Einzelnen kann, muss aber nicht, mit der Arbeitsübereinstimmung konform gehen. Bei der Interaktion wird angenommen, dass ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, welchem ein Motiv zu Grunde liegt – deshalb möchte man auch das Verhalten des Anderen kontrollieren. Die Abschätzung des Verhaltens des Anderen erfolgt durch die Beobachtung seiner verbalen und nonverbalen Äußerungen.

„Die Anderen können dann die als nicht manipulierbar angesehenen Aspekte seines Verhaltens als Kriterium dafür verwenden, was in den vermittelten manipulierbaren Aspekten gültig ist“.

Goffman meint damit, dass die verbalen, vom Sprecher gut steuerbaren Äußerungen durch sein nonverbales Verhalten bestätigt oder unterminiert werden. Ein Beispiel wäre, dass eine Person mit einem hämisch grinsenden Gesicht einer anderen Person einen guten Tag wünscht. Die Glaubwürdigkeit der grüßenden Person ist in dieser Situation nicht gegeben, da sich Wort und Mimik voneinander unterscheiden. Deshalb ist es für die Präsentation des Selbst auch wichtig, die (scheinbar) nicht manipulierbaren Aspekte zu beachten und für sich zu nutzen, also eine große Konzentration und Kontrolle seiner Emotionen in der Interaktion zu gewährleisten. Dabei entsteht eine „Asymmetrie des Kommunikationsprozesses“, da der Zuhörer dem Darsteller gegenüber im Vorteil ist. Als „unbeobachtete(r) Beobachter“ kann er die nonverbalen Äußerungen beobachten und daran die Ehrlichkeit der verbalen Äußerungen nachvollziehen. Die Interaktionssituation wird laut Goffman durch alle Teilnehmer bestimmt. Dabei müsse man Kompromisse eingehen, manche Dinge zurück stellen und Aspekte seines Selbst, die in dieser Situation nicht von Bedeutung oder sogar störend sind, unterdrücken. Passen sich alle Teilnehmer dieser Forderung an, käme es zu der erwähnten Arbeitsübereinstimmung, also zu einer allgemeinen Zustimmung zur Situation. Die Bestimmung der Situation hilft, diese zu meistern und ein klares Ziel zu verfolgen. Zu Beginn der Interaktion scheint jeder über den anderen Informationen zu besitzen, sei es aus früheren Erfahrungen mit dieser Person oder aus Erinnerungen ähnlicher Situationen. Diese Informationen werden eingebracht und tragen zur Situationsbestimmung bei. Stellt sich jemand als eine bestimmte Person vor, bestimmt er schon die Situation, und er erhebt die moralische Aufforderung auch als diese anerkannt zu werden. In der Aktion selbst werden aber immer wieder Korrekturmaßnahmen ergriffen, um peinliche Situationen zu vermeiden. Man spricht dann von „Verteidigungsmanövern“, „Schutzmanövern“ oder „Takt“ (ebd.) Diese Manöver sollen den aufgebauten Eindruck sichern, Störungen des eigenen Eindrucks vermeiden oder den Eindruck, den andere von sich kreiert haben, schützen. Schon der letzte Satz legt den Vergleich dieses Handelns mit einer Imagekampagne nahe. Das Selbst scheint in Goffmans Beschreibung eine Kreation zu sein, die in sozialen Situationen präsentiert wird. Es gibt während der Interaktion einen Darsteller, sein Publikum und seine Rolle. Spielt ein Darsteller bei verschiedenen Gelegenheiten die gleiche Rolle, entsteht eine Art Sozialbeziehung. Eine soziale Rolle besteht dann aus vielen Teilrollen, die zu verschiedenen Gelegenheiten ‚gespielt’ werden; das Selbstkonzept besteht aus vielen Teilen, die je nach Gelegenheit aktiviert oder zurück gestellt sind.

Die Darstellung des Selbst kann nach Goffmans Auffassung aufrichtig oder zynisch sein, wobei der aufrichtige Darsteller selbst von seinem Spiel überzeugt ist und der zynische das Spiel spielt und sich dessen bewusst ist. Meist sind diese beiden Darstellertypen nicht in reiner Form zu finden, sondern Aufrichtigkeit und Zynismus vermischen sich miteinander: Man glaubt nicht immer an den Eindruck, den man vermittelt, möchte aber das Publikum zu einer bestimmten Beurteilung seiner Person veranlassen und verfolgt einen Selbstzweck der Darstellung. Zur Verwirklichung des Darstellungszieles benutzt der Darsteller eine Fassade, ein „standardisierte(s) Ausdrucksrepertoire“. Standardisiert ist dieses, weil sich bestimmte Darstellungen in bestimmten Situationen als praktisch erwiesen haben und nur die Übereinstimmung der Interaktionsteilnehmer über diese Ausdrucksweisen zu einer effizienten Kommunikation führen kann. Fassaden haben auch Aspekte der Allgemeingültigkeit und Abstraktion, das heißt, verschiedene Fassaden können für verschiedene Rollen genutzt werden. Sie werden sozialisiert, also der Gesellschaft angepasst verständlich dargestellt Der Darsteller hat auch eine persönliche Fassade: seine Kleidung, sein Geschlecht, sein Alter, seine Gestik und Mimik. Einige Ausdrucksträger wie Geschlecht und Ethnie sind fixiert, andere ändern sich situationsbedingt. Goffman unterscheidet außerdem zwischen „Erscheinung und Verhalten“, wobei die Erscheinung den sozialen Status und das Verhalten die beabsichtigte Rolle anzeigt. Erscheinen und Verhalten sollten übereinstimmen, können aber auch widersprüchlich sein. Der Idealtypus einer Darstellung wird erreicht, wenn es eine Kohärenz zwischen Bühnenbild, Erscheinen und Verhalten gibt. Das Bühnenbild wird von Goffman in Vorder- und Hinterbühne unterteilt, wobei die Vorderbühne durch „Höflichkeitsregeln (und) Anstand“ definiert ist und die Hinterbühne der Raum ist, in dem man die Fassade fallen lassen kann und Normen der Vorderbühne nicht unbedingt beachtet werden müssen.

Goffman geht in seinem Buch auch auf Taktiken der Überzeichnung des Selbst ein. So meint er, dass auf Grund fehlender Objektivierbarkeit mancher Aufgaben manche Personen dazu neigen, den Sinn ihres Schaffens durch Darstellung enorm hervorzuheben, da die Produkte ihrer Arbeit nicht sichtbar sind. Andere Darsteller idealisieren ihr Selbst und ihre Fähigkeiten, um etwas Besseres darstellen und somit vielleicht auch sich selbst zu bessern.

„Der Einzelne wird sich also bei seiner Selbstdarstellung vor anderen darum bemühen, die offiziell anerkannten Werte der Gesellschaft zu verkörpern und zu belegen, und zwar in stärkerem Maße als in seinem sonstigen Verhalten“.

Idealisierungen sind daher als Ritual zu betrachten, welches die bestehenden gesellschaftlichen Werte anerkennt und bekräftigt. Goffman vertritt die Annahme, dass Menschen immer aufsteigen wollen bzw. sich vor dem Abstieg hüten. Er beschreibt Idealisierungen nach oben und auch nach unten, wobei Idealisierungen nach unten heißt, dass Fertigkeiten verborgen werden, um sich z.B. vor bestimmten Aufgaben zu drücken. „Wenn jemand in seiner Darstellung bestimmten Idealen gerecht werden will, so muss er Handlungen, die nicht mit ihnen übereinstimmen, unterlassen oder verbergen“. Die Darstellung des Selbst verlangt die Aufrechterhaltung eines Bildes solange man ein Publikum hat. Vor der Darstellung wird dieses von Fehlern bereinigt und dem Publikum wird dann im Idealfall das fertige Endprodukt präsentiert. In diesem Sinne kann es zu einem Schein-Selbst kommen. Für die Aufrechterhaltung des Scheins müssen an mancher Stelle andere Ideale geopfert werden.

Interaktion ist demnach die Darstellung im öffentlichen Raum auf einer Vorderbühne, die als Rahmen der Inszenierung gilt. Konzentration auf die Arbeitsübereinstimmung und die Interaktionsteilnehmer ist dabei Voraussetzung für das Funktionieren des sozialen Systems.

Arbeit zitieren:
Uhl, Juliane Mai 2006: Vom Handymenschen zum Menschhandy, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Techniksoziologie, Virtueller Raum, ubiquitous computing, Kommunikationstheorie, Mensch-Maschine-Symbiose

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