Bachelor + Master Publishing
868 Bachelorarbeiten, 0 Masterarbeiten, 10.112 Diplomarbeiten

Globalisierung in der öffentlichen Debatte

Deutungsmuster zweier Diskursstränge zum G8-Gipfel 2007

Globalisierung in der öffentlichen Debatte
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Nico Drimecker
  • Abgabedatum: November 2007
  • Umfang: 367 Seiten
  • Dateigröße: 2,8 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 139
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1684-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Drimecker, Nico November 2007: Globalisierung in der öffentlichen Debatte, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Globalisierung, G8-Gipfel, Diskursanalyse, Spiegel Online, Indymedia

Magisterarbeit von Nico Drimecker

Einleitung:

‚Es geht also bei Globalisierung weder nur um technische noch nur um ökonomische Dinge. Auch handelt es sich keineswegs nur um die größte Herausforderung, vor der die Konzern- und Regierungschefs stehen. Es ist alles dies, aber es ist zugleich etwas sehr viel Wichtigeres. Es geht darum, wie du und ich unser Leben führen’.

Der Globalisierungsbegriff genießt eine große Popularität in politischen Reden und der Presselandschaft, er ist eine oft unbewusste Erfahrung im Alltag und ein beliebter Gegenstand für Forschungsprojekte. Die vorliegende Arbeit gründet auf der Beobachtung, dass sehr konträre Meinungen und Vorstellungen von Globalisierung bestehen, wie das obige Zitat von Martin Albrow ankündigt. Dies lässt sich auch am jährlichen G8-Gipfel erkennen, zu dem eine Vielzahl von Aussagen über Globalisierung in die öffentliche Debatte gelangen (können). Das Treffen der Regierungschefs der acht „wichtigsten“ Industrienationen und die öffentliche Diskussion zu diesem Ereignis bieten vielen Akteuren die Gelegenheit, sich und ihren Meinungen Gehör zu verschaffen und so „(geht es) bei den G8-Gipfeln und den Protesten der sozialen Bewegungen immer auch um die Deutung der Welt.“ Dies führt zur übergeordneten Forschungsfrage: Wie werden die Ereignisse rund um den G8-Gipfel aufgenommen und wiedergegeben?

Erinnert man sich zurück an den diesjährigen Gipfel in Heiligendamm, ist es wahrscheinlich, dass schnell die Bilder der Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstrierenden, die in Rostock stattgefunden haben, ins Gedächtnis kommen. Deshalb stellt sich die vorliegende Arbeit die Frage, welche inhaltlichen Auseinandersetzungen über Globalisierung(sprozesse) und mit ihnen verbundene politische und gesellschaftliche Verhältnisse zu diesem Ereignis in die Öffentlichkeit getragen wurden. Aufgabe der Untersuchung ist es, die symbolischen Deutungskämpfe, die abseits der scheinbar dominierenden Gewaltdebatte stattfanden bzw. sich hinter dieser verbargen, zu extrahieren.

Der Fokus wird dabei auf das World Wide Web (WWW) als institutionalisierter Ort der Bedeutungsproduktion gelegt. Ähnlich zu den Gedanken von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und zu Netzwerktheorien der 1990er Jahre wird das WWW zum Teil heute noch als neuer Demokratiehoffnungsträger gesehen, was den Fokus so interessant macht. Um möglichst unterschiedliche Ergebnisse bei der Analyse zu erhalten, wurden für die Analyse zwei Aussageproduktionsstätten gewählt, deren Autorschaft und Produktionsbedingungen sehr unterschiedlich sind. SPIEGEL ONLINE unterliegt als ökonomischer Betrieb marktwirtschaftlichen Bedingungen und produziert Aussagen aus einem geschlossen Sprecherkreis, der Redaktion, heraus. INDYMEDIA hingegen ist kein ökonomischer Betrieb und bietet als partizipatives Format einer unbegrenzten Zahl von Menschen die Möglichkeit, zum Sprecher zu werden. Zudem halten Neuberger et al. fest, dass ‚(u)nter den partizipativen Formaten des Web 2.0 bisher vor allem Weblogs und die Online-Enzyklopädie Wikipedia empirisch untersucht worden (sind).’ Auch um diese Lücke etwas zu schließen, wurde INDYMEDIA als zweites Untersuchungsobjekt gewählt.

Um diesen ‚Kampf der Interpretationen’ zu analysieren, bietet sich die diskursanalytische Forschungsperspektive an, wofür sich diese Arbeit an Michel Foucault orientiert. Unter Diskurs wird die kollektive „Aussagepraxis bzw. Gesamtheit von Aussageereignissen, die im Hinblick auf institutionell stabilisierte gemeinsame Strukturmuster, Praktiken, Regeln und Ressourcen der Bedeutungserzeugung untersucht werden“, verstanden. Ein Diskurs ist somit nicht die physische Welt, sondern eher als Bedeutungswelt zu verstehen. Der Diskursbegriff verweist auf eine Art „Sinnregion“, die durch Muster von Deutungen (mit)bestimmt wird. Die Aussagensysteme von INDYMEDIA und SPIEGEL ONLINE dienen damit der Wissensordnung und tragen so zur (Re-)Produktion und (Re-)Transformation von Meinungen und Vorstellungen von Globalisierung bei. Ziel der Arbeit ist es, die Deutungsmuster der Diskursstränge zu (re-)konstruieren, die den Adressaten als Interpretationsgrundlage der Wirklichkeit dienen, und schließlich aggregiert werden sollen zu einer Position, wie Globalisierung gedeutet wird.

Das Analysematerial stammt aus dem Zeitraum 1. bis 9. Juni 2007 und beginnt damit einen Tag vor der internationalen Großdemonstration in Rostock und endet einen Tag nach dem offiziellen Ende des G8-Gipfels. Die Untersuchung orientiert sich am G8-Gipfel, weil er von INDYMEDIA und SPIEGEL ONLINE im selben Zeitraum maßgeblicher Gegenstand der kommunikativen Auseinandersetzungen war; weil er als politisches und mediales Großereignis besonders herausgestellt wird und wurde und als solches ‚die Richtung und Qualität des Diskursstrangs (und des darüber liegenden (Globalisierungs-)Diskurses; Anm. ND) (…) mehr oder minder stark beeinfluss(t)’; und weil es sich für öffentliche Diskurse anbietet, sie in massenmedialen Angeboten zu untersuchen. Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen folgende Forschungsfragen:

Wie werden die Ereignisse rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm von INDYMEDIA und SPIEGEL ONLINE verarbeitet und interpretiert?

Welche Einstellungen zum politischen und gesellschaftlichen Status quo gehen aus der Verarbeitung und Interpretation der Ereignisse im INDYMEDIA- und SPIEGEL ONLINE-G8-Diskursstrang hervor?

Inwieweit beschreibt die Verarbeitung und Interpretation der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizisten ein grundsätzliches Verhältnis zwischen Staat und Bürger?

Wie vollzieht sich Globalisierung laut INDYMEDIA- und SPIEGEL ONLINE-G8-Diskursstrang?

Gang der Untersuchung:

Zur Beantwortung der oben genannten Fragen wird im Anschluss an die Einleitung zuerst der Globalisierungsbegriff erklärt. Dazu wird im ersten Abschnitt gezeigt, was Globalisierung sein kann (2.1.1), im zweiten werden die G8-Staaten bzw. -Treffen (2.1.2) sowie die Globalisierungskritiker (2.1.3) beschrieben. Zwar soll dieses Kapitel rein deskriptiv sein, jedoch wird aufgrund der verwendeten Quellen bereits in den Diskurs „eingetaucht“. Dies soll in der späteren Analyse Früchte tragen, wenn bereits in diesem Kapitel Diskurspositionen angedeutet werden, die sich möglicherweise in den zwei Diskurssträngen wieder finden lassen. Die Beschreibung von Globalisierung, der G8-Staaten und der Globalisierungskritiker beschränkt sich auf deren Grundzüge. Im zweiten Teil des Kapitels wird die Diskursebene knapp charakterisiert, wofür die zwei Untersuchungsobjekte INDYMEDIA und SPIEGEL ONLINE beschrieben werden.

Den theoretischen Rahmen spannt das dritte Kapitel auf. Im ersten Teil soll die Forschungsperspektive dargelegt werden. Dazu wird zuerst in die Theorie des Diskurses eingeführt, wofür pragmatische Aspekte der Foucaultschen Diskurstheorie herangezogen werden (3.1.1). Anschließend wird der Diskurs „geordnet“, indem die zum Verständnis und Nachvollzug der forschungspraktischen Umsetzung benötigten Arbeitsbegriffe eingeführt werden (3.1.2). Hierbei orientiert sich die Arbeit vor allem an Keller sowie an Jäger. Mit diesem Teil (3.1) wird sich der Forschungsperspektive zunächst nur angenähert; insofern steht hier nicht die konkrete methodische Ausformung im Mittelpunkt, sondern die Entfaltung eines grundlegenden Verständnisses der Forschungsperspektive. Im zweiten Teil des Kapitels wird eine theoretisch-begriffliche Fundierung gelegt, die den Untersuchungsgegenstand kennzeichnet. Dazu wird der Öffentlichkeitsbegriff erläutert (3.2.1; 3.2.2) und das Konzept Gegenöffentlichkeit vorgestellt (3.2.3). Schließlich sollen die Konstrukte Öffentlichkeit und Diskurs verbunden werden, was gleichzeitig eine Synthese der vorangegangen Abschnitte des Kapitels darstellt (3.2.4). Auf dieser Basis kann im dritten Teil das konkrete diskursanalytische Instrumentarium für die Untersuchung entwickelt werden (3.3).

Die Ergebnisse der forschungspraktischen Umsetzung zeigt das vierte Kapitel. Dazu werden zuerst die Phänomen- und Problemstrukturen der Diskursstränge kurz dargestellt (4.1), um darauf aufbauend die Deutungsmuster zu (re-)konstruieren (4.2.1; 4.2.2). Schließlich werden alle (Zwischen-)Ergebnisse im Zusammenhang betrachtet und resümiert, wie Globalisierung in den zwei G8-Diskurssträngen verstanden wird.

Bilanz wird im fünften Kapitel gezogen. Darin wird die theoretische und methodische Arbeit bewertet sowie Probleme und Fragen diskutiert, die während der Untersuchung entstanden sind.

Im Anhang finden sich die Artikel, die bis zum Schluss im Datenkorpus geblieben sind, sowie ein Teiltranskript des Interviews mit Gershom Schwalfenberg.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
1.1 Themenstellung und Zielsetzung 5
1.2 Gang der Untersuchung 7
2. Das Untersuchungsfeld 9
2.1 Globalisierung und Akteure in der öffentlichen Debatte 9
2.1.1 Was ist Globalisierung? 9
2.1.1.1 Inhalte von Globalisierungsdimensionen 13
2.1.1.2 Interdependenzen, Chancen und Risiken 17
2.1.1.3 Global Governance 22
2.1.2 Die großen Acht 25
2.1.3 Globalisierungskritiker - G8-Gegner 33
2.2 Mediale Angebote im World Wide Web 43
2.2.1 INDYMEDIA 45
2.2.2 SPIEGEL ONLINE 49
2.3 Zwischenresümee 51
3. Theoretischer Rahmen 53
3.1 Methodische Annäherung 53
3.1.1 Der Diskursbegriff 53
3.1.2 Begriffserläuterungen und theoretische Prämissen 58
3.2 Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit 63
3.2.1 Der Öffentlichkeitsbegriff 64
3.2.2 Strukturen von Öffentlichkeiten: Forum und Arena 66
3.2.3 Gegenöffentlichkeit als Kampfbegriff 68
3.2.4 Zum Verhältnis von Öffentlichkeit und Diskurs 71
3.3 Methodologisches Konzept 76
3.3.1 Korpuserstellung 77
3.3.2 Oberflächenanalyse 78
3.3.3 Rekonstruktion der diskursiven Beziehungen 80
4. Vergleich von INDYMEDIA und SPIEGEL ONLINE 83
4.1 Zwischenergebnis der Datenauswertung: Phänomen- und Problemstrukturen 83
4.2 Ergebnis: Deutungsmuster der Diskursstränge 87
4.2.1 Narrative Struktur und Deutungsmuster des INDYMEDIA-G8-Diskursstrangs 87
4.2.2 Narrative Struktur und Deutungsmuster des SPIEGEL ONLINE-G8-Diskursstrangs 103
4.3 Resümierender Vergleich und Rückschlüsse auf das Ideologem „Globalisierung“ 118
5. Fazit 124
5.1 Theoretische und methodische Evaluation 124
5.2 Ausblick 126
6. Quellenverzeichnis 128
6.1 Primärquellen 128
6.2 Sekundärquellen 128
ANHANG
Dossier 4
Tabellarische Übersicht des Dossiers 5
INDYMEDIA-Texte 11
SPIEGEL ONLINE-Texte 114
Teiltranskript des Interviews mit Gershom Schwalfenberg 236

Textprobe:

Kapitel 3.2.3, Gegenöffentlichkeit als Kampfbegriff:

Der Grund, dass dem Gegenöffentlichkeitsbegriff in dieser Arbeit Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, liegt in seiner diskursiven Verwendung. Gegenöffentlichkeit wird hier nicht als eine – wie auch immer geartete – spezifische Form von Öffentlichkeit betrachtet, obwohl dies der Begriff vorgibt. Folglich umschreibt sie auch keinen machtfreien Bereich, was teilweise mit ihr assoziiert wird, denn: ‘Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht.’ Ferner kann es ‘die’ Gegenöffentlichkeit nicht geben, wenn auch nicht ‘die’ Öffentlichkeit existiert.

Wie Hickethier festhält, entstand der Gegenöffentlichkeitsbegriff aus der Vorstellung einer Opposition zweier Öffentlichkeiten – bspw. konstituiert sich im Habermas’schen Verständnis bürgerliche Öffentlichkeit als Gegenöffentlichkeit zur feudalen Öffentlichkeit – und so beginnt auch für Spehr Gegenöffentlichkeit ‘(…) mit der Erfahrung, sich mit seinem Anliegen in der vorfindlichen Öffentlichkeit nicht äußern zu können, nicht frei äußern zu können, oder mit seiner Stimme keinen Einfluss zu haben; sie besteht in der Konsequenz, die Regeln dieser Öffentlichkeit brechen zu müssen, um wahrgenommen zu werden oder sich austauschen zu können’.

Dabei zielt Gegenöffentlichkeit immer ‘auf eine kollektive Praxis.’ Im Laufe der Zeit hat sich dabei u.a. Kommunikationsguerilla als eine besondere Form von Gegenöffentlichkeit herausgebildet. Worauf es bei dieser Form wie auch bei der Nutzung neuer Medien, d.h. der ‘Vernetzung von unten’, und den damit zusammenhängenden Hoffnungen zu einem emanzipativen Gebrauch von Medien und einhergehenden demokratischeren Verhältnissen ankommt, ist, dass der hegemoniale Diskurs gestört werden soll. ‘In der Aufhebung der Trennung von Macherinnen und Publikum liegt die Hoffnung auf die emanzipative Kraft der Rezipientinnen und Rezipienten begründet.’ Mit der dadurch (vermeintlich) erreichten direkten ‘Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den politischen Diskussions- und Entscheidungsprozessen verspricht man sich ein Aufbrechen vermachteter Strukturen.’ Diese Hoffnung – so die hier vertretene These – ist jedoch falsch, da, wie oben erwähnt, Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit keine machtfreien Sphären sind. Trotzdem schimmert diese Hoffnung im Mission Statement von INDYMEDIA durch; die Möglichkeit, gleichzeitig senden und empfangen zu können wird hier zur ‘Chiffre für wahrhaft demokratische Verhältnisse’ erhoben.

Nach Spehr bezeichnet der Begriff Gegenöffentlichkeit ‘in erster Linie eine Politik, eine soziale Praxis mit emanzipativen Zielen.’ Damit es zu Emanzipation der Massen kommt, wird angestrebt, jene Öffentlichkeit, die den institutionellen Rahmen für den hegemonialen Diskurs bereitet – und die Spehr als ‘herrschende Öffentlichkeit’ bezeichnet –, gezielt zu stören, zu dekonstruieren oder eine ‘andere(n), zur herrschenden oppositionellen Öffentlichkeit’ zu konstruieren. In zweiter Linie bezeichne Gegenöffentlichkeit ‘auch einen Kreis von Akteuren und Rezipienten, das heißt eine nicht mit der herrschenden übereinstimmende andere Öffentlichkeit’ und ‘manchmal wird Gegenöffentlichkeit auch mit einem bestimmten sozialen Raum identifiziert’. Hierzu halten Plake et al. fest, dass die Informationen und Meinungen, die durch ‘die Gegenöffentlichkeit’ verbreitet werden, ‘nicht an bestimmte Personen adressiert sind’, weshalb nur ‘in begrenztem Maße Öffentlichkeit zustande (kommt).’ Die Begrenzung bezieht sich dabei vor allem auf Eingeweihte und denen, ‘die ihnen nahe stehen’.

Soll ein Adressat beeinflusst werden, muss der entsprechende Tatbestand oder das Ereignis zuerst als Thema definiert und dann als Problem etikettiert werden. Es werden ‘Diskrepanzen zwischen Ist-Zuständen und Soll-Zuständen gekennzeichnet’. Die Auswirkung auf die Lebenspraxis kann durch Konkretisierung erreicht werden, d.h. ‘durch Herstellung von Betroffenheit’, weil die ‘eigene Lebenspraxis negativ tangier(t) wird’, oder durch Abstraktion, indem das Thema ‘in einen größeren Wertezusammenhang’ gestellt wird, sodass sie mit allgemeinen Werten verbunden werden und ‘eine normative Aufladung (erfahren)’.

Dies findet sich auch in den drei Idealtypen ‘von kritischen Theoremen von Öffentlichkeit, Medien und Demokratie und den mit ihnen korrespondierenden Praxisformen’ wieder, die Oy ausführt: Gegenöffentlichkeit als Sorge um die Demokratie, Betroffenenberichterstattung als Kritik an der Massendemokratie und Kommunikation als emanzipative Strategie. Beim ersten Typ steht Repression im Mittelpunkt. In diesem Sinne richtet sich Gegenöffentlichkeit gegen die ‘Manipulationszentren’, ‘gegen das den Herrschaftszusammenhang legitimierende Mediensystem’. Das Ziel ist, ‘sich gegen die faktisch undemokratische Ausgestaltung der vermachteten öffentlichen Räume zu stellen und eine Einlösung der emanzipativen und demokratisierenden Potenziale der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihrer Medien zu fordern. Das Konzept Gegenöffentlichkeit versteht sich somit als eine praktische Verwirklichung einer demokratischeren Öffentlichkeit’.

Das zweite Konzept stellt sich in die Tradition der Kritik der Massengesellschaft, worin die Forderung bzw. der Ansatz der authentischen Kommunikation mit der ‘fundamentale(n) Kritik an den Informations- und Kommunikationsangeboten der Massenmedien’ verknüpft wird. Realer Meinungs- und Wissensaustausch wird nach diesem Verständnis verhindert, da die Massenmedien einheitlich einseitig berichten, wodurch die Individuen keine ‘wirkliche(n) Erfahrungen’ machen können. Bei dieser Art der Medienkritik stehen drei Momente im Mittelpunkt: die authentische Kommunikation, die Idee von Rezeption als gänzlich unkritische, passive Konsumtion und das Betroffenheitskonzept.

Der dritte Typ stellt Repression und Manipulation in den Mittelpunkt; theoretische Bezüge liegen bspw. in den Gedanken von Brecht und Benjamin sowie in Netzwerktheorien der 1990er Jahre, die von der Idee gekennzeichnet sind, ‘nur ein grundlegender Wandel des Verhältnisses von Medienproduzenten und -rezipienten könne eine Umwälzung der Struktur der Medien und somit der Gesellschaft hervorbringen.’ Aus dieser Perspektive erscheint das Internet als Demokratiehoffnungsträger.

Es lässt sich resümieren, dass ‘ein vermeintlicher Rückgriff auf das Konzept Gegenöffentlichkeit (vor allem; Anm. ND) den kritischen Impetus des eigenen Tuns untermauern (soll).’ ‘Gegenöffentlichkeit’ wird (immer noch) als eine Art Kampfbegriff für die Sprecher eines antihegemonialen Diskurses verwendet, indem er indirekt auf die Forderungen und Ziele des Akteurkreises verweist und als relativ unspezifische Markierung der Doktrin des Diskurses dient.

Zum Verhältnis von Öffentlichkeit und Diskurs:

‘Der Begriff des Diskurses setzt die Öffentlichkeit und Konflikthaftigkeit diskursiver Prozesse voraus.’ Öffentlichkeit bietet dabei, wie Plake et al. für Neidhardt festhalten, ‘den institutionellen Rahmen, der Diskursivität möglich macht.’ Allerdings wird Öffentlichkeit hier nicht, wie Neidhardt und Gerhards sagen, ‘in der Topographie der Gesellschaft (…) im Vorhof zur Macht platziert’. Weil Öffentlichkeit als Kommunikationsraum für diskursive Aussageereignisse Raum stiftet und gestaltet, bedeutet dies, dass Öffentlichkeit ‘keine der Macht äußerliche Sphäre (ist), sondern ein durch Hierarchisierungen gekennzeichneter und umkämpfter Raum.’ Sobald zwei Akteure kommunizieren, entsteht mit ihnen und durch sie ein solcher diskursiver Kommunikationsraum: eine Öffentlichkeit. Für Negt/Kluge ist ‘die Strukturierung von Öffentlichkeit eine Frage der Organisation von Macht und der zulässigen bzw. möglichen kollektiven Erfahrungsbildung.’ Jedoch wird sich hier Oy angeschlossen, der argumentiert, dass Öffentlichkeit diskursiv und vermachtet ist.

Um dies zu verdeutlichen, soll hier Dorer herangezogen werden. Sie zeigt den Wandel vom Informations- zum Kommunikationsdispositiv auf, dessen Kennzeichen ihr zufolge der Wandel von Repression, Unterdrückung und (Ver-)Schweigen zu einem ‘kategorischen Imperativ zur ständigen, mehrdimensionalen Rede’ sei, d.h. ein permanentes Sprechen in der Öffentlichkeit. Der Geständniszwang als Kennzeichen des Kommunikationsdispositivs offenbart die ‘Vermachtung’ von Öffentlichkeit (als einen Aspekt jener Vermachtung). Hierzu hält Foucault fest, dass ‘(…) die Herrschaft nicht mehr bei dem (liegt), der spricht (dieser ist der Gezwungene), sondern bei dem, der lauscht und schweigt; nicht mehr bei dem, der weiß und antwortet, sondern bei dem, der fragt und nicht als Wissender gilt. Und schließlich erzielt dieser Wahrheitsdiskurs seine Wirkung nicht bei dem, der ihn empfängt, sondern bei dem, dem man ihn entreißt’.

‘Das Dispositiv der öffentlichen Rede’ hat sich also nicht nur insofern gewandelt, als dass nun die Möglichkeit zur gleichberechtigten Rede und Gegenrede als Schlüssel zur Befreiung des Individuums bestünde, sondern dass ein Geständniszwang besteht, der ‘die öffentliche Auseinandersetzung (strukturiert) und jenen öffentlichen Diskurs (konstituiert)’. Diesem Geständniszwang oder Geständnisimperativ sind ‘alle Userinnen und User im Namen der Freiheit und Demokratie (bzw. auch Anarchie) (ausgesetzt)’. Außerdem hält Dorer fest, dass die Integration der Rede ebenso eine der Gegenrede und diese ‘Integration von Widerstandspotenzialen dabei der Strategie der Macht eingeschrieben (ist).’ Dadurch wird, wie Foucault sagt, ‘(d)er Zuhörende (…)der Herr der Wahrheit sein’, dessen Macht (nun) darin besteht, ‘durch das Geständnis und seine Entschlüsselung hindurch einen Wahrheitsdiskurs zu konstituieren.’ Da die Existenz eines Publikums für (das Entstehen von) mediale(n) Öffentlichkeiten eine zentrale Voraussetzung ist und dieses in der Position ist, einen Wahrheitsdiskurs zu konstituieren, erscheint der Machttypus des Kommunikationsdispositivs, den Dorer diagnostiziert, einleuchtend: Er ‘wirkt nicht mehr repressiv, sondern zeigt sich in einer produktiven Form’.

Für den Diskurs wird also der institutionelle Rahmen ‘Öffentlichkeit’ z.B. durch mediale Angebote zur Verfügung gestellt, die in diesem Zusammenhang ‘eine Machttechnik der Normierung und Disziplinierung (sind). Die Wirkung erzielen sie nicht über Verbot oder Zensur, sondern im Gegenteil über das Gebot permanenter Konsumtion, Interaktivität und Beteiligung’. Die Normierung und Disziplinierung des Blicks und des Hörens geschieht mit und durch Deutungsmuster, da sie Anreize zur Konstituierung von Wirklichkeit enthalten bzw. vermitteln. Folglich (ent-)stehen Deutungsmuster auch unter dem Einfluss des Zwangs zum (öffentlichen) Sprechen.

Arbeit zitieren:
Drimecker, Nico November 2007: Globalisierung in der öffentlichen Debatte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Globalisierung, G8-Gipfel, Diskursanalyse, Spiegel Online, Indymedia

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2013, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren