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Globalisierung und Soziale Arbeit

Globalisierung und Soziale Arbeit
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jörg Fuhrmann
  • Abgabedatum: Juni 2006
  • Umfang: 108 Seiten
  • Dateigröße: 574,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Dortmund Deutschland
  • Originaltitel: Globalisierung und Soziale Arbeit
  • Bibliografie: ca. 91
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0866-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fuhrmann, Jörg Juni 2006: Globalisierung und Soziale Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Deutschland, Globalisierung, Sozialarbeit, Neoliberalismus, Sozialstaat

Diplomarbeit von Jörg Fuhrmann

Einleitung:

Globalisierung. Kaum ein anderes Wort hat die politische und gesellschaftliche Debatte in den letzten Jahren so sehr beherrscht, wie dieses. Und wohl kaum ein anderes Wort wird für die Bezeichnung von so unterschiedlichen und vielfältigen Prozessen und Entwicklungen in einem Atemzug genannt. Wirtschaft und Politik, Religion und Kultur, Menschenrechte und Terrorismus, Migration und Demographie, Umwelt und ihre Zerstörung, Medien und Kommunikation, Finanz- und Absatzmärkte, Coca-Cola und Pepsi, Madonna und Batman; alles ist global geworden, oder lässt sich zumindest mit ein paar sprachlichen Handgriffen schnell in den Kontext der Globalisierung stellen.

Ob man sich einen neuen Film aus Holly- oder Bollywood ansieht, ein Produkt kauft, dessen Fertigungsketten sich über den gesamten Globus erstrecken, ob man seine Liebe zur Kultur der Maori oder zur fernöstlichen Küche entdeckt, oder sich bei amnesty international für die globale Durchsetzung von Menschenrechten engagiert; all das und mehr lässt sich unter dem schwammigen Begriff der Globalisierung subsumieren.

Gerade dies macht den Reiz aber auch die Problematik der Verwendung dieses Begriffes aus. Noch immer gibt es keinen einheitlichen und allgemein anerkannten Globalisierungsbegriff. Allgemeiner Konsens scheint mittlerweile dahingehend zu bestehen, dass Globalisierung keine vollkommen neue Erscheinung ist, die erst mit dem Ende des Kalten Krieges über die Welt hereingebrochen wäre, sondern einen geschichtlichen Prozess darstellt. Wie weit dieser allerdings in die Geschichte zurückreicht, also wo genau der „Startpunkt“ der Globalisierung anzusiedeln ist, herrscht weiterhin Uneinigkeit.

Dies ist eines der Probleme, die die Behandlung dieses Themas mit sich bringt. Ein anderes (und für meine Arbeit wesentlicheres) ist die stetig weiter steigende Zahl der Beiträge zu diesem Thema. Es ist schier unmöglich, im Wust der literarischen Neuerscheinungen, die sich diesem Thema widmen, auch nur in Ansätzen den Überblick zu behalten. Globalisierung scheint ein Thema von immensem Interesse zu sein, da sie das Leben aller Menschen auf dem gesamten Globus (daher der Begriff) zu erfassen vermag.

Dennoch könnte man gegenwärtig den Eindruck gewinnen, dass die Widerstände gegen diesen Prozess immer stärker werden. Schlagzeilen wie „Volkswagen streicht 14000 Arbeitsplätze“ (FAZ vom 06.09.2005) oder „Deutsche Telekom baut 32000 Arbeitsplätze ab“ (Die Welt vom 03.11.2005) und die Rechtfertigungen dieser Maßnahmen mit dem Verweis auf den globalen Wettbewerb erzeugen Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung. Arbeitsplatz- und Sozialabbau, längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten, Rentenkürzungen und Hartz IV, alles lässt sich mit dem Verweis auf die Globalisierung und den durch sie erzeugten globalen Wettbewerb rechtfertigen. Hierdurch erhält Globalisierung für immer mehr Menschen einen schalen Beigeschmack. Dass die Ursachen für solche Veränderungen oftmals inhärenten Strukturdefiziten und / oder dem Missmanagement in den jeweiligen Unternehmen und eben nicht dem Prozess der Globalisierung geschuldet sind, bleibt hierbei häufig außer Acht gelassen.

Die Bayer AG hat am 24.03.2006 angekündigt, das Unternehmen Schering zu übernehmen. Daraufhin sahen sich viele der Beschäftigten als „Verlierer der Globalisierung“ aufgrund von befürchteten Stellenstreichungen (N-TV Nachrichten am 24.03.2006). An diesem Beispiel wird deutlich, wie widersprüchlich der Globalisierungsbegriff innerhalb der Bevölkerung verwendet wird. Wenn es einen Begriff gibt, der auf rein ökonomischer Ebene den der Globalisierung brauchbar ersetzen könnte, wäre es der der Internationalisierung. Im vorliegenden Fall hat aber ein deutsches Unternehmen ein deutsches Unternehmen übernommen. Also selbst wenn Deutschland eine in sich geschlossene und abgeschottete Nationalökonomie wäre, hätte es eine solche Übernahme gegeben (ohne hierbei den durch die Globalisierung erzeugten Konkurrenzdruck zu übersehen). Denn innerhalb einer kapitalistischen Nationalökonomie gelten die gleichen Spielregeln wie innerhalb einer kapitalistischen Welt, nur ist bei letzterem das Spielfeld eben ein größeres.

Die gewaltsamen Ausschreitungen von Globalisierungsgegnern / -kritikern in Seattle (1999) und Genua (2001) haben diejenigen, die den Prozess der Globalisierung weiterhin verteidigen, in die Defensive gebracht. Jene, die weiterhin die positiven Chancen eines freien Welthandels betonen sehen sich (oftmals nicht ganz unberechtigten) kritischen Fragen gegenüber. Dient die Globalisierung nicht lediglich den Interessen der multinationalen Konzerne? Verträgt die Umwelt eine weltweite Industrialisierung und den stetig steigenden Verbrauch der natürlichen Ressourcen? Sollte es nicht globale, soziale Standards geben, die unternehmerisches Handeln weltweit regulieren und ein Mindestmaß an sozialer Sicherung schaffen?

Was hat aber all das mit Sozialer Arbeit in Deutschland zu tun? Welche Folgen ergeben sich aus diesem Prozess für sozialarbeiterisches Handeln? Wie verändert sich die Struktur der Klientel Sozialer Arbeit?

Gang der Untersuchung:

Ich werde zu Beginn meiner Arbeit zunächst einige Definitionen von Globalisierung vorstellen und eine (von Teusch) auswählen, welche mir für die Soziale Arbeit als nutzbar erscheint.

Die Globalisierung ist und bleibt jedoch ein zuvorderst ökonomischer bzw. durch die Ökonomie vorangetriebener Prozess. Aus diesem Grund werde ich mich sodann auf die ökonomisch-theoretischen Grundlagen des Prozesses beziehen. Hierbei soll insbesondere auf die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach David Ricardo und John Maynard Keynes` antizyklische Fiskalpolitik eingegangen werden. Darüber hinaus sollen aktuellere Theorieansätze vorgestellt werden (insbesondere die Devisentransaktionssteuer von James Tobin, welche in der gegenwärtigen Globalisierungsdiskussion von zentraler Bedeutung ist).

Sodann soll ein geschichtlicher Überblick des Prozesses der Globalisierung gegeben werden, in dem auch die internationalen Wirtschaftsinstitutionen, welche die Globalisierung maßgeblich prägen, vorgestellt werden.

In einem weiteren Schritt soll die kulturelle Dimension der Globalisierung beleuchtet werden. Hierbei geht es zunächst um eine Positionierung innerhalb der soziologischen Debatte von Homogenisierungs- vs. Heterogenisierungstendenzen und sodann um die Bedeutung der Migration im Rahmen des Globalisierungs-prozesses. Hierbei werde ich zunächst auf die globale Dimension der Migration und auf Frauenspezifische Aspekte globaler Migration eingehen, bevor ich auf die Situation in der Bundesrepublik eingehe. Neben einem geschichtlichen Überblick soll ausführlich auf die Bildungs- und Arbeitsmarktsituation von Migranten eingegangen werden, wobei ich mich schwerpunktmäßig auf die Studie von Peter Bremer beziehen werde.

Im nächsten Schritt werde ich wieder auf die wirtschaftliche Dimension des Globalisierungsprozesses zurückkommen und auf seine Auswirkungen auf die Bundesrepublik und den Sozialstaat eingehen, bevor ich mich schließlich den Auswirkungen auf die Soziale Arbeit zuwende.

Da ich mich schon seit langem mit der Thematik der Globalisierung und ihrer Auswirkungen (insbesondere) auf Deutschland befasse, sollen im Resümee einige offene Fragen zur Diskussion gestellt werden, wie die Soziale Arbeit auf diesen Wandel reagieren könnte / sollte.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 4
1. Definition(en) 8
2. Ökonomisch-theoretische Betrachtung 11
2.1 Die Theorie der komparativen Kostenvorteile (David Ricardo) 11
2.2 Antizyklische Fiskalpolitik (John Maynard Keynes) 13
2.3 Aktuelle Ansätze und Weiterentwicklungen 16
3. Geschichte der Globalisierung 18
3.1 Vergangenheit 18
3.1.1 Merkantilismus 18
3.1.2 Die Nationalökonomie, der Liberalismus und die Doppelrevolution 19
3.1.3 Ein erster Versuch und sein Scheitern 20
3.2 Gegenwart 21
3.2.1 Internationale Finanzinstitutionen und ihre Aufgaben 22
3.2.1.1 Welthandelsorganisation 22
3.2.1.2 Weltbank 24
3.2.1.3 Internationaler Währungsfond 25
3.2.2 Ein Neuanfang 26
3.2.3 Vom Ende des Bretton Woods zum Ende des Kalten Krieges 28
3.2.4 Welcome to the jungle? 30
3.3 Zukunft 37
4. Die kulturelle Dimension der Globalisierung 40
4.1 Die Vereinheitlichung der Vielfalt 40
4.2 Globalisierung und Migration 44
4.2.1 Globale Migration und die Folgen 44
4.2.2 Frauenspezifische Aspekte globaler Migration 48
4.2.3 Migration in der Bundesrepublik Deutschland 50
4.2.3.1 Geschichte der Migration in der Bundesrepublik 50
4.2.3.2 Die Arbeits- und Bildungssituation von Migranten 55
5. Standort Deutschland 64
5.1 Die ökonomischen Folgen der Globalisierung 64
5.1.1 Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft? 64
5.1.2 Der deutsche Arbeitsmarkt im internationalen Wettbewerb 68
5.2 Das Ende des Sozialstaats? 73
6. Die Folgen für die Soziale Arbeit 79
6.1 Soziale Arbeit im Globalisierungsprozess 79
6.2 Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession (Silvia Staub-Bernasconi) 81
6.3 Migrationssozialarbeit 84
Resümee 88
Literaturverzeichnis 93

Textprobe:

Kapitel 4.2.1, Globale Migration und die Folgen:

Unter Migration versteht man, als Völkerwanderung zu bezeichnende, menschliche Massenbewegungen, welche über nationalstaatliche Grenzen reichen. Innerstaatliche Bewegungen, wie bspw. die Wanderungen von ländlichen in städtische Gebiete oder von strukturschwachen in strukturstarke Regionen innerhalb eines Landes, fallen demnach nicht unter die Bezeichnung Migration.

Die Zahl der weltweit nicht mehr in ihrem Geburtsland lebenden Menschen hat sich zwischen 1965 und 1990 von 75 Millionen auf 120 Millionen erhöht und lag im Jahre 2000 bei 150 Millionen. Verglichen mit dem Anstieg der Weltbevölkerung blieb dabei der prozentuale Anteil der Migranten an der Weltbevölkerung mit durchschnittlich 2% konstant. Neben den globalen Zielregionen weltweiter Migrationströme (USA und Europa) haben sich regionale Zielregionen herausgebildet, wie bspw. die Golfstaaten, Japan oder Australien, welche jeweils attraktive Zielländer für Migranten aus vorwiegend benachbarten Regionen darstellen.

Die verstärkte wirtschaftliche Globalisierung und der gleichzeitige Anstieg transnationaler Migrationströme in den 90er Jahren haben innerhalb der Industrieländer zur Herausbildung eines liberalen Paradoxons geführt: „Seit dem Ende des 2. Weltkriegs haben die internationalen ökonomischen Entwicklungen – Handel, (Direkt-)Investitionen und Migration – die Staaten auf der einen Seite zu immer weiterer Öffnung getrieben, während das internationale Staatensystem und mächtige (inländische) politische Interessen sie auf der anderen Seite zu einer größeren Abschottung drängten. Dies ist ein liberales Paradox, weil es einige der Widersprüche hervorhebt, die dem Liberalismus generell innewohnen“. Während die Industrieländer also auf der einen Seite die stetige Forderung nach wirtschaftlicher Liberalisierung vorantreiben, um ausländische Märkte für die heimischen Unternehmen zu erschließen, führen die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung in Form von ansteigender Migration zu einer stärkeren Abschottung der Staaten gegen diesen Ansturm von Menschen.

Wieso aber führen die gegenwärtigen wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse zu einem Anstieg von Migration?

„Damit massenhafte Migration stattfindet, müssen sowohl der Leidensdruck potenzieller Migrant(inn)en als auch die Attraktivität des Zielortes oder –landes sehr groß sein“. Die globale Verbreitung der Massenmedien (Fernsehen und Radio, aber auch zunehmend das Internet), welche heute nahezu jeden Winkel der Welt erreicht haben, führt jenen, die in Armut leben, die globale Ungleichheit vor Augen. Je größer diese Ungleichheiten erscheinen, umso größer wird die Bereitschaft, auch große und gefährliche Migrationunternehmungen zu wagen. Historisch betrachtet entstehen Migrationbewegungen vornehmlich dann, wenn es innerhalb eines Landes bzw. einer Region zu einer Ressourcenverknappung kommt und Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden können. Weitere Faktoren sind eine wirtschaftliche, politische und / oder kulturelle Schwächung. Ersteres kann nicht nur zwischen Staaten, sondern auch in ihnen der Fall sein (z. B. Zentrum-Peripherie-Gefälle zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen Stadtteilen („soziale Brennpunkte“)).

Hierdurch ergeben sich für Galtung sechs Hypothesen, nach denen sich Migration vollzieht: 1. aus überbevölkerten in unterbevölkerte Regionen, 2. aus ressourcenarmen in ressourcenreiche Regionen, 3. aus Regionen mit hohem in Regionen mit niedrigem Bevölkerungswachstum, 4. aus Regionen mit niedrigem in Regionen mit hohem Menschenrechtsstandard, 5. aus Regionen mit niedrigem in Regionen mit hohem ökonomischem Wohlstand, 6. aus Regionen mit niedriger in Regionen mit hoher kultureller Identität.

Aus diesen Hypothesen ergibt sich für Galtung ein steigender Migrationdruck auf die nordwestliche Welt (Nordamerika, EU-Staaten) und, wenn auch in wesentlich geringerem Maße, auf die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, aufgrund der, im Verhältnis zur Landmasse, bestehenden Unterbevölkerung.

Für Nuscheler vollziehen sich die Wirkungszusammenhänge von Globalisierung und Migration durch (1) die Revolutionierung des Verkehrswesens und der damit einhergehenden gestiegenen Mobilität von Menschen, (2) die globale Verbreitung der Kommunikationstechnologien und den von ihnen transportierten Bildern von Wohlstandsregionen, (3) globale Produktions- und Arbeitsmarktstrukturen, welche eine soziale Klassendifferenzierung hervorgebracht hat, von der überwiegend Frauen betroffen sind („weibliche Hausangestellte“) und (4) die Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung, welche zu einem so genannten „brain drain“ (Abwandern von Hochqualifizierten aus Entwicklungs- in Industrieländer) geführt hat. Er kommt zu dem Schluss, dass die Globalisierung die Marginalisierung ganzer (Welt-)Regionen weiter verschärft und die OECD-Länder zu einem höheren Aufwand der eigenen Grenzziehung(en) zwingen wird. Hierdurch erhöht sich das „lokale und intraregionale Konfliktpotenzial“.

Dieses Konfliktpotenzial ist allerdings nicht gleichmäßig auf diese Länder verteilt und auch die jeweiligen „Gegner“ sind unterschiedliche.

Nach Huntington spaltet sich die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges in ca. 8 große Kulturkreise (sinischer (chinesischer), japanischer, hinduistischer / indischer, islamischer, westlicher, lateinamerikanischer, orthodoxer und (fraglich, da unterschiedlichste kulturelle Einflüsse) afrikanischer Kulturkreis), welche die neuen relevanten Grenzen für die Folgen von Migration sind. Elementares Merkmal dieser Kulturkreise ist nach Huntington die Religion, mit Ausnahme des Buddhismus´. Zwar betont auch Huntington, dass es immer schon Migration gegeben habe und insbesondere die Europäer zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert „Meister der demographischen Invasion [waren, aber zugleich] das ausgehende 20. Jahrhundert (..) einen anderen, noch größeren Aufschwung der Migration“ erlebe. Der Zustrom in die Länder der Freien Welt hat in den 90er Jahren fast das Ausmaß der europäischen Auswanderung im 19. Jahrhundert erreicht. Huntington bezieht sich sodann auf die Auswirkungen der Migration auf den westlichen Kulturkreis (genauer: USA und Europa). Bis in die 70er Jahre hinein wurde Migration innerhalb der USA und Europa begrüßt und sogar, in Deutschland und der Schweiz, ausdrücklich ermutigt. Erst rückläufige Produktivitätszuwächse, das Scheitern keynsianischer Steuerungspolitik und eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit führten zu einer Beschränkung und einer, an ökonomischen Interessen orientierten Ausrichtung der Zuwanderung, insbesondere in den angelsächsischen Ländern.

Die Weltbank weist darauf hin, dass sich im Zuge dieser politischen Entscheidungen die Struktur der Zuwanderung verändert hat. In der historischen Auswanderung von Europa in die Neue Welt (ca. 1870 – 1910) waren es vorwiegend Bauern (ca. 80% der Auswandernden), die aus den ländlichen Randgebieten Europas nach Amerika zogen, um dort in den entstehenden Fabriken zu arbeiten. Seit den in den 1960er und 1970er Jahren eingesetzten Beschränkungen, steht diese Möglichkeit immer weniger Menschen aus den Entwicklungsländern offen, da aufgrund von Rationalisierungsprozessen und der Verlagerung von arbeitsintensiven Produktions-zweigen für jene ungelernten Kräfte faktisch keine Arbeitsplätze mehr zur Verfügung stehen. Gegenwärtig sind mehr als 50% der in die USA auswandernden Menschen Fachkräfte gehobener Berufe, gelernte Arbeiter und Studierte und gehören somit zur Gruppe des beschriebenen „brain drain´s“.

Nach Huntington ergeben sich im Zuge der aktuellen Migrationbewegungen für die USA und Europa verschiedene Problemkonstellationen. Die Probleme der USA sind nach Huntington zukünftig insbesondere durch die Zuwanderung aus Mexiko gekennzeichnet (was gegenwärtig zu einer Verschärfung der Grenzsicherung und den (Aus-)Bau einer entsprechenden Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko führt). In den 50er Jahren kamen zwei Drittel der Zuwanderer in den USA aus Europa und Kanada, während in den 80er Jahren nur noch 15% aus diesen Ländern kamen. Stattdessen kamen in den 80ern 35% der Einwanderer aus Asien und 45% aus Lateinamerika.

Europa sieht sich hingegen einer steigenden Einwanderung von Muslimen und einer „demographischen Revolution von unten“ (www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ 0,1518,400647,00.html), im Sinne einer Umformung der europäischen Gesellschaften durch die höheren Fertilitätsraten von (überwiegend) muslimischen Migrantinnen, gegenüber. Anfang der 90er Jahre waren zwei Drittel der Migranten in Europa Muslime. Während aber die kulturellen Differenzen zwischen den beiden größten Zuwanderergruppen in den USA (Mexikaner, welche katholisch und spanischsprachig sind und Philippiner, die katholisch und englischsprachig sind) verhältnismäßig gering ausfallen, sind diese Differenzen bei der Einwanderung von Muslimen in Europa wesentlich stärker ausgeprägt, was sich durch die Re-Islamisierung der muslimischen Länder und der muslimischen Migranten in nicht muslimischen Ländern (aufgrund des grenzüberschreitenden Zugehörigkeitsgefühls zur Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen) seit der Ausrufung der Islamischen Republik Iran im Jahre 1979 durch Ayatollah Khomeini noch verschärft hat. Der entscheidende Unterschied zwischen den USA und Europa in der Frage der Migration, auf welchen Huntington hinweist, ist aber, dass die USA in ihrer Tradition als Einwanderungsland „historisch überaus erfolgreiche Prozesse der Assimiliation (!) von Neuankömmlingen entwickelt“ haben. Demgegenüber tun sich europäische Gesellschaften bis heute mit der Entwicklung von Assimilationskonzepten schwer, was gegenwärtig noch immer in der gesellschaftlichen Debatte über die Integration von „Ausländern“ (schon der Begriff ist bspw. in der Bundesrepublik strittig) deutlich wird. Dieser Mangel an Assimilationsdruck und entsprechenden Integrationsangeboten, sowie die wirtschaftliche Krise der (west-)europäischen Wohlfahrtsstaaten, führten in Frankreich Ende 2005 zu massenhaften und gewaltsamen Unruhen in den Pariser Vorstädten, welche schließlich im „Ruf nach Schußwaffeneinsatz (!)“ gipfelten, nachdem sich über Jahrzehnte hinweg Parallelgesellschaften in den Quartieren der Maghreb-Migranten gebildet hatten.

Allerdings sollte angesichts des Karikaturenstreits und dem allseits zu vernehmenden Ruf vom „Kampf der Kulturen“ nicht übersehen werden, dass Huntingtons These die religiös-verbindende Dimension der Kulturreise stark überbewertet, während sozio-ökonomische und politische Interessen stark verkürzt werden. Im Atomstreit mit dem Iran hat sich u. a. Ägypten klar gegen die Bestrebungen des Iran gestellt. Und während des Irak-Krieges haben sich viele europäische Länder (insbesondere Deutschland und Frankreich) gegen diesen, von der US-Regierung (und ihrer „Koalition der Willigen“) durchgeführten Krieg, gewendet, was Robert Kagan gar zu der Frage veranlasste: „Ist das überhaupt noch <>?“.

Trotz des Globalisierungsprozesses bleiben die Nationalstaaten die entscheidenden Akteure der Weltpolitik. Ihre Einbettung in regionale Zusammenschlüsse bzw. in die von Huntington konstatierten Kulturkreise ist, mit Ausnahme der umfassenden Integration innerhalb der EU, in der Regel nur gering ausgeprägt und beschränkt sich gegenwärtig vor allem auf eine ökonomische Ebene im Rahmen von Freihandelszonen.

Arbeit zitieren:
Fuhrmann, Jörg Juni 2006: Globalisierung und Soziale Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Deutschland, Globalisierung, Sozialarbeit, Neoliberalismus, Sozialstaat

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