Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung im lippischen Volksschulwesen
Die lippische Volksschule 1933
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Natalie Lietz
- Abgabedatum: Oktober 2006
- Umfang: 148 Seiten
- Note: 3,0
- Institution / Hochschule: Universität Paderborn Deutschland
- Bibliografie: ca. 70
- ISBN (CD) :978-3-8366-0597-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lietz, Natalie Oktober 2006: Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung im lippischen Volksschulwesen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nationalsozialismus, Machtergreifung, NSDAP, Gleichschaltungsmechanismen, Jüdische Schülerschaft
48,00 €
PDF-eBook auf CD: 48,00 €
Staatsexamensarbeit von Natalie Lietz
Einleitung:
Diese Arbeit befasst sich mit dem lippischen Volksschulwesen in der unmittelbaren Zeit nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler im Jahr 1933. Das Ziel dieser Arbeit ist es zu verdeutlichen, inwiefern sich die lippische Volksschule unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Regimes durch zwingende Maßnahmen anpasste und inwieweit Formen der Anpassungsbereitschaft und Freiwilligkeit im Schulalltag Bestand hatten.
Bereits nach dem 30. Januar 1933, dem Tag der Machteinsetzung Adolf Hitlers, war die Schule von einem Prozess faschistischer Formierung gekennzeichnet. Die Schule sollte nunmehr im Dienste des Nationalsozialismus stehen und als Instrument für die Verwirklichung der von der Partei gesetzten politischen Ziele eintreten. Das programmatische Buch Adolf Hitlers „Mein Kampf“ bildete das Dogma der nationalsozialistischen Pädagogik und galt als Leitfaden für eine ganzheitliche Umstrukturierung des Schulwesens. Hitler beanspruchte die Institution Schule, um mit ihrer Hilfe die politischen Grundprinzipien der nationalsozialistischen Weltanschauung durchzusetzen und die heranwachsende Jugend auf einen potentiellen Krieg vorzubereiten.
„Durch Gewalt und Terror einerseits, Gesetze, Erlasse und Verordnungen andererseits“, wurde durch die Regierung der Nationalsozialisten versucht, die neuen Erziehungsziele in den Schulalltag zu integrieren, um dadurch ihre Machtstellung auszubauen. Dieser Prozess, gemeinhin mit dem Begriff der „Gleichschaltung“ umschrieben, bezeichnete jene Maßnahmen des Regimes um Adolf Hitler, „die der nationalsozialistischen Machtergreifung folgend den bedingungslosen Gehorsam aller Beteiligten gegenüber den Direktiven des nationalsozialistischen Staates dadurch sichern sollten, dass im Rahmen der bestehenden Institutionen eine weit-gehende Auswechslung des Personals, die Aufrichtung eines Systems von Kontrollen und Drohungen und die Zerschlagung aller Gruppenbildungen stattfand, durch die alle Möglichkeiten der Opposition beseitigt wurden“.
Neben diesem Phänomen des Anpassungsdrucks „von oben“ bestand in der Schulwirklichkeit ein weiteres Phänomen; das der Anpassungsbereitschaft „von unten“, der sogenannten Selbstgleichschaltung. Neben einzelnen Schülern und Eltern gab es zahlreiche Lehrer und Schulleiter, welche die neuen Machtträger stillschweigend akzeptierten oder sie durch ihr konformes Verhalten unterstützten.4 Das Ziel dieser Arbeit soll darin liegen zu untersuchen, inwieweit die beiden Phänomene im lippischen Volksschulalltag Bestand hatten.
Die lippische Volksschule eignet sich im Besonderen zur Klärung der Phänomene der Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung im Schulwesen durch die regionale Überschaubarkeit und der Kompaktheit des Staatsgebildes Lippe. Das besondere Interesse an der Beschäftigung mit der Region liegt darin verwurzelt, dass es bereits zahlreiche Literatur zu dem Thema der Schule im NS gibt, bis dato aber wenige Untersuchungen über den Raum Lippe vorhanden sind. Die regionalgeschichtliche Untersuchung soll das Ziel verfolgen, an konkretem Material der Region Lippe Ergebnisse zu liefern, die zum einen einen eigenständigen Untersuchungswert erhalten und zum anderen zur Ergänzung eines überregional historischen Bildes beitragen können.
Der Grund für eine Untersuchung des Volksschulwesens Lippe liegt außerdem in der außerordentlich günstigen Überlieferung von NS-Schriftgut im nordrhein-westfälischen Staatsarchiv Detmold. Zahlreiche Quellen wie Schul- und Personalakten erlauben es, einen Gesamtüberblick über die Schulrealität des Jahres 1933 zu erhalten. Neben der Erschließung einiger Lehrer- und Schulleiterbiographien und der Untersuchung von Konferenzprotokollen und Berichten einzelner Schulen aus dem Raum Lippe, geben außerdem Regierungsakten und Tageszeitungen genügend Auskunft über den Schulalltag 1933, der von Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung gekennzeichnet war. Deren unterschiedliche Gewichtung gilt es in dieser Ausarbeitung zu untersuchen.
Ein weiterer Vorteil, der sich aus der Arbeit mit dem Staatsarchiv ergibt, besteht darin, dass die Beschäftigung mit teils unerforschten Primärquellen Abwechslung und Spannung bringt. Durch die Arbeit mit dem Quellenmaterial des Staatsarchivs existiert die Möglichkeit, als Lokalhistoriker praktisch an und mit der Geschichte zu arbeiten. Darin liegt aber auch die Anforderung, die Primärquellen, im Gegensatz zu gedruckten Texten von Büchern, kritisch zu beleuchten und in das Gesamtgebilde einzuordnen. Ein weiterer Grund für die Beschäftigung mit der Volksschule der lippischen Region liegt in der Wertschätzung, die Lippe durch die nationalsozialistischen Machthaber im Jahr 1933 erlangte.5 Lippe verlor seine Bedeutungslosigkeit, nachdem sich „die Reichsleitung der NSDAP [...] entschloss, die für Januar 1933 [...] anstehenden Landtagswahlen als Prüfstein für ihre weiteren Erfolgsaussichten auszuwählen und dem kleinen Land einen Wahlkampf mit bis dahin nicht gesehenem propagandistischen Einsatz“ zuzumuten.
Im ersten Teil der Arbeit soll zunächst ein Überblick über die desolate Schulwirklichkeit der Volksschulen in der Endphase der Weimarer Republik gegeben werden. Anschließend soll in einem gesonderten Punkt auf die Lehrerschaft eingegangen werden, in der sich nach dem Scheitern der Weimarer Republik und durch die Notverordnungspolitik als Folge der wirtschaftlichen Krise zunehmend Verbitterung und Unzufriedenheit ausbreitete. Dabei soll aufgezeigt werden, dass es in der Lehrerschaft bereits vor 1933 Tendenzen einer politischen Umorientierung und Radikalisierung gab. Diese Tendenzen werden im nachfolgenden Abschnitt der Arbeit weiter beleuchtet und durch antisemitische, antidemokratische und völkischnationale Stimmungen, die bereits vor der Machtergreifung in der Bevölkerung Lippes Bestand hatten, ausgeweitet.
Es gilt zu untersuchen, ob „die Bevölkerung des Lipperlandes [...] von jeher für den völkischen Gedanken besonders zugänglich gewesen [ist].“7 Vor diesem Hintergrund widmet sich der nachfolgende Teil der Arbeit dem Entstehungsprozess der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Lippe, ihrer propagandistischen Tätigkeiten vor und während der Landtagswahl am 15. Januar 1933 sowie den Auswirkungen ihres Wahlsieges für Lippe und das gesamte Reich.
Durch die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 durch dessen Ernennung zum Reichskanzler wurde die Schule fortan ausschließlich in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt. In diesem Teil der Arbeit gilt es, den neuen Erziehungsanspruch Hitlers an die Schule zu beschreiben und zu verdeutlichen, welche inhaltlichen Änderungen sich für die Institution Schule im Allgemeinen ergeben sollten. Dabei soll auf die Neudefinierung der Unterrichtsziele und die erneuerte Rolle der Lehrerschaft unter dem nationalsozialistischen Regime eingegangen werden.
Der Hauptteil der Arbeit widmet sich dem Aspekt der Gleichschaltung. Es soll dargestellt werden, inwieweit und mit welchen Mitteln sich die faschistische Formierung in der lippischen Volksschule ausbreiten konnte, um mit deren Hilfe die gesamte Schule in die NS-Ideologie einzuführen und die Machthaber somit in ihren Positionen zu stärken.
Mit Hilfe von zahlreichen Erlassen, Notverordnungen und Gesetzen wurden neben personellen Änderungen auch strukturelle Möglichkeiten geschaffen, um die Gleichschaltung im Schulwesen zu vollziehen. Sie dienten ferner dazu, den Unterricht in Form und Inhalt zu verändern und zu legitimieren. Der juristisch-administrative Rahmen sorgte dafür, dass der gesamte Schulalltag der Indoktrination im nationalsozialistischen Sinne diente. Ebenfalls fanden zahlreiche Rituale und Feierlichkeiten Einzug in die Schulen mit der Absicht, alle Schüler im Geist des NS-Regimes zu formieren.
Daneben bildete die neu gegründete außerschulische Instanz, die Hitlerjugend, einen weiteren Faktor der Gleichschaltung. Es gilt, ihren Einfluss auf den lippischen Schulalltag zu kennzeichnen. Ein weiterer Gleichschaltungsmechanismus, den es gegen Ende dieses Abschnitts zu behandeln gilt, stellen die Terrormaßnahmen und Gewaltakte gegen die politischen Feinde und die Andersdenkenden dar. Mit Hilfe von Entlassungen, Drohungen oder durch Provozierung von Angst gelang es den Machthabern, die Angehörigen der Schule für ihre Zwecke zu missbrauchen und sie in den totalen Dienst des Staates zu stellen. Dabei soll im Besonderen auf den lippischjüdischen Lehrer Moritz Rülf eingegangen werden, dessen Schicksal stellvertretend für alle anderen angesehen werden kann, die aufgrund ihrer nicht- arischen Herkunft oder ihrer politischen Tätigkeit Opfer des NS-Regimes und seiner Gleichschaltungsmechanismen wurden.
Ob es konträr zu dieser Gleichschaltung, inszeniert durch den neuen Staat, eine gewisse Bereitschaft und Konformität im Volksschulwesen Lippe gegenüber der NS-Regierung gegeben hat, soll der abschließende Teil dieser Ausarbeitung klären. Neben einzelnen Lehrer- und Schülerschicksalen, die bezeugen sollen, dass sie den Nationalsozialismus zugestimmt haben, sollen andere wiederum darüber Aufschluss geben, wie stark das Denunziantentum im Schulalltag als eine besondere Form der Anpassungsbereitschaft die neue Regierung mit ihrem Totalitätsanspruch unterstützten.
Diese schriftliche Ausarbeitung lehnt sich im ersten Kapitel schwerpunktmäßig an die Studie von Wilfried Breyvogel über die soziale Lage und das politische Bewusstsein der Volksschullehrer an. In dieser wird mit Hilfe der erstmals vorgenommenen Auswertung der Mitgliederkartei des NSLB belegt, dass die unzureichenden Maßnahmen der damaligen Regierung angesichts der verschlechterten sozialen Lage der Lehrer eine Radikalisierung der Lehrerschaft und ihr Abgleiten ins rechte Lager mitverursacht haben.
Martin Wolf, der in seinem Buch „Geschichte der Lippischen Volksschule“ bereits eine geschichtliche Entwicklung des Schulwesens in der Region aufzeigt, soll helfen, einen Überblick über die lippische Schulwelt unmittelbar vor der Machtergreifung zu erhalten.
Volker Wehrmann befasst sich in seiner Arbeit ausschließlich mit der Regionalgeschichte Lippes während der Nazidiktatur. Seine Ausarbeitung gibt Aufschluss über die Bedeutsamkeit Lippes in den Zeiten der Machtergreifung. Rein systematisch versucht der Autor, den Werdegang des nationalsozialistischen Regimes in Lippe aufzuzeigen und seine unterschiedlichen Einflussbereiche zu kennzeichnen. Seine Arbeit macht es möglich, durch die Entwicklung Lippes im Kleinen wiederzuspiegeln, was sich im größeren Rahmen auf höherer Ebene im Reich vollzog.8 Darüber hinaus konkretisieren die Aufzeichnungen des früheren Gaupressewarts der NSDAP, Arno Schröder, die Entwicklungen der Partei und ihre Vorbereitungen auf die Landtagswahl.
Im Besonderen der Aspekt der Schule wurde zum Forschungsgegenstand zahlreicher Autoren, die Verwendung im Hauptteil dieser Arbeit finden. Besonders zu erwähnen sind an dieser Stelle die Werke von Prof. Dr. Wolfgang Keim sowie Elke Nyssen, welche sich bereits mit dem Phänomen der Gleichschaltung intensivst auseinander gesetzt haben. Während Elke Nyssen in ihrer Studie die Schule auf bildungssoziologischer Ebene untersucht und beweist, dass die Schule neben der Qualifizierungs- hauptsächlich eine Integrationsfunktion erfüllte, widmet sich Prof. Dr. Keim in seinem Werk „Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Band I“ im Besonderen der Pädagogenschaft. Hierin wird der Frage nachgegangen, wie sich diese Gruppe in ihrer Mehrheit für die inhumanen Ziele der Nazis funktionalisieren ließ. Beide Autoren liefern ein umfangreiches Bild über den Schulalltag in Zeiten des Umbruchs. Über gesetzliche Bestimmungen und Richtlinien des Jahres 1933 geben besonders die Werke von Hans Jürgen Apel und Michael Klöckner sowie das von Renate Fricke-Finkelnburg Aufschluss.
Darüber hinaus verhalf die umfangreiche Recherche im Staatsarchiv Detmold dazu, einen historischen Einblick in das Schulwesen der Region Lippe zu erhalten. Als Quellen für den Aspekt der Selbstgleichschaltung dienen überwiegend die Personalakten einzelner Lehrer und Schulleiter sowie die Berichte und Protokolle einiger Schulen.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungsverzeichnis | IV | |
| Abkürzungsverzeichnis | V | |
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Die Volksschule in den Trümmern der Weimarer Republik | 7 |
| 1.1 | Desolate Schulwirklichkeit | 7 |
| 1.2 | Missmut in der Pädagogenschaft | 12 |
| 2. | Die NSDAP in Lippe | 19 |
| 2.1 | Antisemitische und antidemokratische Grundmuster in der Bevölkerung | 19 |
| 2.2 | Geschichtliche Meilensteine der Partei 1923-33 | 25 |
| 2.3 | Propagandistische Aktivitäten zum Machtaufbau | 30 |
| 2.4 | Lippische Landtagswahl 15. Januar 1933 | 36 |
| 3. | Die Situation nach der Machtergreifung 1933: Die Schule im Dienst des Nationalsozialismus | 40 |
| 3.1 | Die nationalsozialistische Weltanschauung als neuer Erziehungsanspruch | 41 |
| 3.2 | Neudefinierung von Unterrichtszielen | 45 |
| 3.3 | Neue Rolle der Lehrerschaft | 53 |
| 4. | Gleichschaltungsmechanismen im Volksschulwesen Lippe (unter Nutzung von Archivmaterial) | 57 |
| 4.1 | Schulpolitische Maßnahmen | |
| 4.1.1 | Struktureller Wandel | 58 |
| 4.1.2 | Personelle Neubesetzungen | 63 |
| 4.2 | Notverordnungen und Erlasse | 66 |
| 4.2.1 | Lehrerschaft | 67 |
| 4.2.2 | Jüdische Schülerschaft | 75 |
| 4.2.3 | Unterricht | 77 |
| 4.2.4 | Nationalsozialistische Ritualisierung | 87 |
| 4.2.5 | Einzug von Feiertagen und Feierlichkeiten in den Schulbetrieb | 91 |
| 4.3 | Zum Konkurrenzverhältnis von Schule und Hitlerjugend | 97 |
| 4.4 | Terrormaßnahmen und Gewaltakte am Beispiel des Lehrers Moritz Rülf | 103 |
| Inhaltsverzeichnis | III | |
| 5. | Selbstgleichschaltung in der lippischen Volksschule (unter Nutzung von Archivmaterial) | 111 |
| 5.1 | Konformes Verhalten in der Lehrer- und Schülerschaft | 111 |
| 5.2 | Denunziationen im Schulalltag | 119 |
| 6. | Fazit und Ausblick | 123 |
| 7. | Quellenverzeichnis | 128 |
| 7.1 | Literatur | 128 |
| 7.1 | Archivalien | 131 |
| 8. | Anhang | 133 |
Textprobe:
Kapitel 1.1, Desolate Schulwirklichkeit:
Betrachtet man die Volksschule in den letzten Jahren der Weimarer Republik, so wird deutlich, dass auch sie von den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen des Landes nicht verschont blieb.
Bedingt durch die hohen Reparationszahlungen als Negativfolgen eines verlorenen Ersten Weltkrieges, einer daraus resultierenden fortschreitenden Inflation und der Instabilität der Reichsregierung, blieb auch die Volksschule von den Negativentwicklungen der Zeit nicht verschont. Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 verstärkte die wirtschaftlich desolate Situation des Reiches und somit auch der Volksschulen. Dazu veranlasst, die Krise durch restriktive Maßnahmen zu bekämpfen, rief die Präsidialregierung Brüning eine Notverordnungspolitik „als Wirtschaftsankurbelung gedachtes Steuersenkungsprogramm“ ins Leben.
Diese Notverordnungspolitik, bestehend aus vier Einzelverordnungen zwischen Juli 1930 und Dezember 1931, beabsichtigte zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen die Einführung einer Reihe von Sparmaßnahmen. Die Notverordnungen der Reichsregierung sollten Rahmen- und Weisungscharakter für die Maßnahmen der einzelnen Länder besitzen.
Besondere Einschneidungen betrafen den Bereich des Volksschulwesens auf Personal-, Sach- und Investitionsebene, wie im Folgenden näher erläutert werden soll.
Im Laufe der knapp anderthalb Jahre trafen den Volksschullehrer eine Reihe von stufenweisen Gehaltskürzungen und zusätzlichen Einkommenssteuer zuschlägen.
Wie drastisch sich die Sparpolitik auf das gesamte Schulwesen in Preußen niederschlagen sollte, belegt folgendes Zitat einer Elternveranstaltung:
„Den Löwenanteil (des Sparprogramms, d. Verf.) trägt natürlich die Volksschule. So sollen 10.000 Lehrerstellen eingespart werden, Klassenstärken von 63 Kindern werden als normal erklärt, 10.000 Junglehrer, die schon 6-8 Jahre warten, werden auf drei weitere Jahre ausgesperrt, während die Arbeit nach ihnen schreit.“ Neben den ersten Sparmaßnahmen, die ausschließlich die individuelle Gehaltskürzung betrafen, führte eine weitere, die Arbeitssituation der Lehrer in der Schule betreffend, zur Erhöhung der Pflichtstundenzahl. „Wir waren die einzige Beamtengruppe, deren Stundenzahl nach dem Kriege erhöht wurde, - 26 Pflichtstunden, später 28, dann 29 (...).“ Durch zusätzlich eintretende Mehrbelastungen wie der Krisensteuer und dem Wegfall der Kinderzulage lag das tatsächliche Realeinkommen der Lehrer bis 1933 unter Vorkriegsniveau und ließ den Abstand zum letzten Friedensjahr 1913 deutlich hervortreten.
Da die vom Reich vorgeschlagenen Kürzungssätze nicht ausreichend den Vorstellungen der Länderregierungen entsprachen, kam es zu einer weiteren „Notverordnung zur Sicherung der Haushalte in Ländern und Gemeinden“, die sogenannte „Dietramzeller Notverordnung.“ Sie hatte zur Folge, dass die Besoldung und die gesamte materielle Sicherung der Lehrer faktisch rechtlos den diktatorischen Maßnahmen der Verwaltung unterstellt wurde; die Stabilität staatlicher Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse sowie die Rechte des Lehrers als Berufsbeamter waren aufgehoben worden. Statt der bisherigen Verbeamtung sollte die Lehrerschaft in ein Angestelltenverhältnis überführt werden.
Ein weiterer, preußischer Noterlass führte zur Verordnung der allgemeinen Versetzbarkeit der Beamten als Vorbereitung des Lehrerabbaus. Allgemeine Anstellungs- und Beförderungsstopps sowie die Stornierung des Dienstalteranstiegs auf zwei Jahre schlugen sich außerdem auf die bereits finanziell angeschlagene Lehrerschaft nieder.
Nach dem preußischen Abbauerlass von 1931 erfolgte die Streichung von 7.200 Lehrerstellen sowie die Einstellungssperre und der direkte Stellenabbau der Junglehrer. Der pädagogische Nachwuchs war im Besonderen von der Kürzungspolitik betroffen, da „nur ihre Entlassung - aufgrund der fehlenden Pensionsansprüche - zur finanziellen Entlastung des Staates“18 beitragen konnte. Sie waren dadurch gezwungen, sich in die elterliche Fürsorge zurückzubegeben oder eine fremdberufliche Tätigkeit auszuüben.
Auch in Lippe wurde durch das Lippische Landespräsidium mittels einer Verordnung vom 14. Oktober 1931 zur „Sicherung des Landeshaushalts“ bezweckt, das Lehrpersonal der öffentlichen Volksschulen planmäßig zu vermindern, mit dem Ziel, bis zum 31. März 1932 die Besoldung von mindestens 20 Lehrkräften Ein Beleg für die Einsparpolitik der Region Lippe liefert das persönliche Schicksal des Berufschulrats Fritz Geise, der als Nachfolger des verstorbenen Erstschulrats sowohl dessen als auch sein eigenes Amt miteinander verbinden musste.
Wie sehr sich der personelle Abbau auf das lippische Schulwesen auswirkte, zeigt ein Rechenschaftsbericht in der 1932 erschienenen Schrift „Die Lippische Landesverwaltung“. Danach blieb die Zahl der öffentlichen Volksschulen im Jahr 1932/33 im Vergleich zu 1929 zwar konstant, dennoch bezeugte die Zahl der Lehrkräfte eine um 21 auf 457 erfolgte Minderung. Die Zahl der auf eine Lehrkraft entfallenen Schüler stieg von 40,6 auf 49,1. Diese Statistik vergegenwärtigt außerdem, dass eine Mehrbelastung für die damalige Volksschullehrerschaft unumgänglich war.
Im „Meer aus Notverordnungsfluten“ wurden die Lehrer noch im gleichen Jahr mit der länderspezifischen Umsetzung der 2. Preußischen Sparverordnung konfrontiert. Diese sah eine Zwangspensionierung aller 62jährigen Lehrer als Sonderbehandlung und die Schließung zahlreicher pädagogischer Akademien zur Lehrerbildung vor.
Eines von zahlreichen Beispielen bildete das Schicksal des ersten lippischen Schulrats, Heinrich Schwanold, der aufgrund des Erreichens seiner Altersgrenze zum 1. August 1932 in den Ruhestand hätte treten müssen. Dieser Forderung der Notverordnungspolitik konnte er nur durch seinen vorigen Tod entgehen.
Durch die „Heraufsetzung der Klassenfrequenzen, die Schwierigkeit von Klassenteilungen, die Einschränkungen wahlfreien Unterrichts, die Reduzierung der Stundentafeln, die Verlängerung der Unterrichtsstunden von 45 auf 50 Minuten“ und die drastische Kürzungspolitik „wurde die Volksschullehrerschaft auf Lebensbedingungen des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen.“ Die wirtschaftlichen Einschneidungen und die hohe Arbeitslosigkeit in Lippe - Anfang 1932 erreichte sie mit knapp 17.000 Arbeitslosen ihren Höhepunkt - haben sich auch negativ auf die Schülerschaft ausgewirkt. Die Verschlechterung der Ernährungsverhältnisse aufgrund chronischem Geldmangels sowie der auf den Kindern lastende Druck bedingt durch die Arbeitslosigkeit der Eltern führte dazu, dass „die kindliche Fröhlichkeit verschwand; schnelle Ermüdbarkeit, Abgespanntheit, Mangel an Konzentrationskraft, allgemeine Zerstreutheit und Zerfahrenheit, Nachlassen des Hausfleißes, starke körperliche Unruhe, sichtbare Leistungsrückgänge“ erschwerten den Schulbetrieb und verschärften den desolaten Schulalltag zusätzlich.
Aufgrund der schwierigen Zustände in der Volksschule Lippe und durch die politischen Umorientierungen im lippischen Land, die fallende Wählerschaft der SPD und DVP und die zunehmende der KPD und NSDAP, unterlagen einzelne kirchliche Kreise der Illusion, erneut Einfluss auf die Schule gewinnen zu können, nachdem sie den letzten klerikalen Einfluss - die kirchliche Beaufsichtigung des Religionsunterrichts - seit dem Volksschulgesetz von 1914 verloren hatten.
Vor diesem Hintergrund verbreitete der Verband evangelischer Schulgemeinden Flugblätter, um sich über die Unreligiosität der lippischen Volksschulen zu beschweren. „Weiter richtete sich die lebhafte Wahlpropaganda gegen die Gefährdung der christlichen Erziehung, gegen die marxistische Lehrerschaft, gegen Freidenker, gegen die Schule ohne Bibel.“ Dieser kleine Wahlkampf inszeniert durch die Kirche, der sich gegen die „marxistisch verseuchte Schule“ richtete, galt als Vorspiel für die im folgenden Jahr 1933 durchgeführten Wahlen zum lippischen Landtag; in dem Glauben als Sieger dieses Schulkampfes zu gelten, verhalf die Kirche indirekt der NSDAP, an diese reaktionären Tendenzen im Schulalltag anzuknüpfen und sie für die eigenen Ziele zu missbrauchen.
Kapitel 1.1, Missmut in der Pädagogenschaft:
Im Folgenden wird betrachtet, wie die unter Punkt 1.1 dargestellten wirtschaftlichen und politischen Umbrüche und ihre negative Auswirkungen auf die Volkschullandschaft zu Unzufriedenheit und Missmut und dadurch zu einem „Prozess der mentalen Faschisierung“ der Volksschullehrer führten.
Dieser Prozess, getragen von finanzieller Unsicherheit und Existenzängsten der Lehrer, entwickelte sich parallel zu der zunehmend sich verstärkenden Kürzungs- und Einsparpolitik des Landes.
Mit der Einführung der ersten und zweiten Notverordnung im Jahr 1930 und den damit verbundenen ersten Gehaltskürzungen drückte sich in den Stellungnahmen vieler Beamter mehr Verständnis als Ablehnung gegenüber den Handlungen der Reichsregierung aus: „Lehrer und Beamte sind mit dem Wohlergehen des Staates stärker verbunden als die anderen Berufsschichten.“ Gleichzeitig zeugten die Aussagen davon, dass die Gehaltsabzüge das Interesse der Lehrer weniger berührt hatten als die Verschlechterung der Arbeitsplatzbedingungen: „Für die Kinder des Volkes aber bleibt die dumpfe Volksschulstube mit ihren 63 Schülern, mit ihren überlasteten, gehetzten, nervösen Lehrern! Gewiss soll und muss gespart werden; aber soll man damit doch endlich einmal „oben“ anfangen, und sei es auch nur des guten Beispiels wegen (...)“.
Die anschließende Serie verschärfter Gehaltskürzungen, Entlassungen und die als katastrophal empfundenen Verschlechterungen im Schulleben führte auch zu tiefgreifenden Veränderungen in der Verhaltens- und Denkstruktur der Lehrer. Es begann unter der Pädagogenschaft ein Prozess der Desillusionierung; viele erkannten, dass sich das Land in einer Wirtschafts- und Staatskrise befand und die Beamtenschaft davon nicht verschont bleiben sollte. Während sie die ersten Kürzungen als notwendiges und angemessenes Opfer ansahen, wurden die Lehrer zunehmend verunsicherter.
Neben den ersten allgemeinen Appellen zum Abwehrkampf setzte außerdem eine tiefgreifende Ursachenanalyse bei der Volksschullehrerschaft ein: „Bei diesem Kampf handelt es sich gar nicht um die Frage, ob 2,5% oder 6%, ob 1. Februar oder 1. April, ob vom Reichspräsidenten diktierte oder vom Reichstag genehmigte Notverordnung. Grundsätzlich geht es darum, ob die Finanzdiktatur auch die Unterordnung des Staatslebens und des Staatsbeamtentums unter ihren Diktaturwillen erzwingen kann“.
Durch die dritte Notverordnung im Frühjahr 1931 zeichnete sich eine erneute Verschärfung der sozial-ökonomischen Krise der Lehrer ab. Diese führte bei den Pädagogen neben stürmischen Protesten, Empörungen und Entrüstungen zu der Einsicht, dass die eigene Geduld einer weiteren Belastungsprobe nicht mehr standhalten würde und sich die Ablehnung dem Staat gegenüber unaufhaltsam zu verstärken drohe. Die Notverordnung löste erste Debatten in der Lehrerschaft und schockartige Verunsicherungen aus: „Uns stockte der Atem, als wir diese Bestimmungen lasen. Man traut seinen Augen kaum, muss es immer wieder lesen, überlegen und doch: es stimmt.“ Diese Äußerung macht deutlich, wie naiv sich die Pädagogenschaft gegenüber den ersten Kürzungsforderungen des Staates verhalten hatte in dem Glauben, dass es bei den einmaligen Einschneidungen blieben würde. Durch die weiter anhaltende, sich verstärkende Sparpolitik musste die Lehrerschaft erkennen, dass sich ihre Situation weiter verschlechtern würde. Erstmals offenbarte sich anhand verbaler Äußerungen eine zunehmende faschistoide Radikalität: „Es fehlt der Mut zum Brutal-Gerechten.“ Die schwindende Loyalität der Lehrerschaft zum Staat erhielt durch die Folgen der „Dietramzeller Notverordnung“ Mitte 1931 ihren Höhepunkt. Durch sie verursacht, verlor der Lehrer die parlamentarische Rechtssicherheit und wurde somit den Willkürakten des Staates hilflos ausgeliefert. Der Verlust der wohlerworbenen Rechte des Berufsbeamtentums ließ den Lehrer in seiner bereits wirtschaftlich desolaten Situation weiter vom demokratischen Staat abkehren. Neben der „Furcht vor dem Abbau des erreichten sozialen Besitzstandes“ gesellte sich ab diesem Zeitpunkt ein „starker Identifikationsverlust gegenüber dem parlamentarischen Staat“ hinzu: „Die letzte Notverordnung mache den Beamten völlig recht- und schutzlos. Der demokratische Volksstaat, der sich zu solcher Behandlung seiner Beamten hergebe, bereite sich selbst den Untergang“.
48,00 €
PDF-eBook auf CD: 48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836605977
Arbeit zitieren:
Lietz, Natalie Oktober 2006: Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung im lippischen Volksschulwesen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nationalsozialismus, Machtergreifung, NSDAP, Gleichschaltungsmechanismen, Jüdische Schülerschaft



