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Gewalt an Kindern und die Folgen für ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit

Gewalt an Kindern und die Folgen für ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Simone Smit
  • Abgabedatum: August 2003
  • Umfang: 258 Seiten
  • Dateigröße: 5,4 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7889-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7889-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7889-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Smit, Simone August 2003: Gewalt an Kindern und die Folgen für ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Bindungtheorie, John Bowlby, Kindheit, Missbrauch, Bindungsstörungen

Diplomarbeit von Simone Smit

Einleitung:

Wer denkt, das Thema „Gewalt gegen Kinder“ sei nur ein aktuelles, der täuscht sich. Denn es existiert schon so lange, wie es auch die Menschheit gibt.

Der Historiker Philippe Ariès und der Psychoanalytiker Lloyd deMause bestätigen dies in ihren Schilderungen von der Geschichte der Kindheit. Sie beschreiben einen langsamen Prozess, in dessen Verlauf sich die Erwachsenen für die Andersartigkeit und Besonderheit der Kinder sensibilisierten.

Philippe Ariès beschreibt in seinem Buch „Geschichte der Kindheit“ eine gewisse Gleichgültigkeit der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern, die er darin begründet sieht, dass sie eine direkte und unumgängliche Folge der Demographie dieser Epoche war. Zu hoch war die Säuglingssterberate, um eine Bindung im Sinne von John Bowlby zu seinem Kind aufzubauen. Äußerungen wie: „Ich habe zwei oder drei Kinder im Säuglingsalter verloren, nicht ohne Bedauern, aber doch ohne Verdruss“ (Ariès, 2000), spiegeln dies wieder. Noch lange blieb die Einstellung in den Köpfen der Menschen verankert, mehrere Kinder zu zeugen, um wenigstens Eines am Leben erhalten zu können.

Der Begriff „Bindung“ ist im Hinblick auf den oben beschriebenen geschichtlichen Kontext noch relativ jung. Geprägt wurde er durch den englischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby Ende der 50er Jahre. Die dazugehörige Bindungstheorie hat er zusammen mit Mary Ainsworth entwickelt, wobei John Bowlby selbst die wesentlichen Grundzüge dieser Theorie durch Einbeziehung von Begriffen aus der Ethologie, Kybernetik und Psychoanalyse formulierte. Im Zentrum der Bindungstheorie steht die Bindung zwischen Mutter und Kind, wobei davon ausgegangen wird, dass der menschliche Säugling die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen.

Die Bindungstheorie beschäftigt sich dementsprechend nicht ausschließlich mit der Mutter-Kind-Beziehung, „Das Bindungskonzept lässt sich ebenso auf die Beziehung zu den Vätern (oder Geschwistern, Erzieherinnen, Großeltern) anwenden. In den wenigen Untersuchungen mit Vätern (Grossmann et al., 1981 a; Kotelchuck et al., 1975) ließen sich die gleichen Bindungsarten in Bezug auf die Väter unterscheiden“ (Rauh, 2002).

In der Zeit John Bowlbys lag der Fokus der Bindungsforschung nur auf der Beobachtung normal entwickelter Kinder, obwohl John Bowlby selbst seine Theorie aufgrund von klinischen Daten und Beobachtungen entwickelt hatte; er untersuchte demzufolge hauptsächlich „kranke“ Kinder um dann seine Bindungstheorie auch auf „gesunde“ Kinder anzuwenden.

Erst seit ungefähr 1980 werden vermehrt high-risk samples erforscht; es werden also Kinder von schizophrenen oder depressiven Müttern untersucht. Darunter fallen auch die Kinder, die aus Vernachlässigungsfamilien stammen, sexuell missbrauchte Kinder und Kinder, die psychischen oder physischen Misshandlungen ausgesetzt waren.

Seit meinem Praktikum im Kinderschutz-Zentrum Kiel, bei dem ich täglich mit Kindern, die Gewalt in jeglicher Form und jeglichem Ausmaß erlebt haben, konfrontiert wurde, weiß ich die Bedeutung der Bindungstheorie z.B. in Bezug auf die Diagnostik erst richtig zu schätzen. Daher hat es mich im Hinblick auf den geschichtlichen Kontext verwundert, dass sich die Bindungsforschung erst spät, nämlich erst ca. dreißig Jahre nach ihrer Gründung mit dem Thema „Kindesmisshandlung und deren Auswirkung auf das Bindungsverhalten der Kinder“ konfrontiert sieht. Dies hängt auch mit der vorher nicht existierenden gesellschaftlichen Akzeptanz zusammen. Viele Jahre lang war z.B. das Thema sexueller Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen einschließlich in der Psychologie und Medizin ein Tabuthema, das erst durch den Einsatz der Frauenbewegung und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen als solches enttabuisiert wurde und immer mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses geriet.

Dies hatte zur Folge, dass die Gesellschaft für dieses brisante Thema sensibilisiert wurde und sie somit in der Lage war, die Misshandlungsproblematik überhaupt als Problem zu sehen und anzuerkennen sowie ihre Tragweite zu erkennen.

„Seit der Wiederentdeckung der modernen Misshandlungsproblematik in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich weltweit ein deutlicher Trend ergeben, das Scheitern im Verhältnis zum Kind, das Misshandeln, die vielfältige Zurichtung von Kindern sowie das Fehlen einer für die Entwicklung von Kindern notwendigen Pflege, Förderung und Erziehung immer mehr zu einem Problem der einzelnen Eltern zu machen“ (Wolff, 2002).

Aus diesem Grund möchte ich mit meiner Diplomarbeit an dieser Stelle anknüpfen und anhand einer Literaturarbeit die bis jetzt erforschten Folgen von sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung und körperlicher oder seelischer Misshandlung von Kindern auf ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit zusammentragen. Weiterhin ist es mein Ziel, auf die Einsatzmöglichkeiten der Bindungstheorie in Beratung oder Therapie aufmerksam zu machen, durch die meines Erachtens auch die große Bedeutung dieser Theorie deutlich wird. So wird in meiner Arbeit auch ersichtlich werden, wie eine schlechte Bindung z.B. aufgrund von Kindesmisshandlung die Lebensqualität eines Kindes und auch eines Erwachsenen zerstören kann und wie wichtig dann eine gute Bindung ist, um demjenigen wieder Mut zu machen, ihm eine Perspektive aufzuzeigen und ihm somit zu neuem Glück zu verhelfen. Einerseits soll in meiner Arbeit, so wie eben beschrieben, deutlich werden, warum Bindung zum einen ein Risikofaktor und zum anderen ein Schutzfaktor ist, andererseits soll ersichtlich werden, welche fatalen Folgen es haben kann, wenn ein misshandeltes Kind inner- oder außerhalb seiner Familie nie erfährt, was es heißt sicher gebunden zu sein. Denn erstens ist dann die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es sich jemals aus dem bestehenden Misshandlungszyklus befreien kann und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieses Kind später z.B. als eigene Mutter selbst nicht anders mit ihren Kindern umgeht. Dies ist ein Teufelskreis, der in den meisten Fällen nur durch eine Therapie durchbrochen werden kann.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 6
2. Die Bindungstheorie nach John Bowlby 14
2.1 Die Biographie von John Bowlby 14
2.2 Die Bindungstheorie 17
2.3 Die Bindungsentwicklung 26
2.4 Die Bindungsqualität 29
2. Frühe Kindheit 35
3.1 Die psycho-sexuelle Entwicklung nach Sigmund Freud 36
3.2 Geschlechtsspezifische Sozialisation 43
3.3 Geschichte der Kindheit 56
3. Gewalt 67
4.1 Gewalt in der Kindererziehung 73
4.2 Soziologische Erklärungsansätze für Gewalt gegen Kinder 76
4.3 Formen von Gewalt 83
4.3.1 Sexueller Missbrauch 83
4.3.2 Opfer sexuellen Missbrauchs 90
4.3.3 Täter sexuellen Missbrauchs 93
4.3.4 Vernachlässigung 102
4.3.5 Körperliche und seelische Misshandlung 104
4.4 Psychologische Charakteristika und Beziehungsrepräsentanzen misshandelnder Eltern 110
4.5 Wie kann ein bestehender Misshandlungszyklus durchbrochen werden? 115
4.6 Krankheitsbilder in der Folge von sexuellem Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung 116
4.6.1 Angsterkrankungen 117
4.6.2 Depression 119
4.6.3 Essstörungen 122
4.7 Sexuelle Störungen und Verhaltensauffälligkeiten als Folge sexuellen Missbrauchs 125
5. Sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und körperliche oder seelische Misshandlung aus der Sicht der Bindungstheorie 128
5.1 Bindungsstörungen 128
5.2 Bindungsqualität und Interaktionsverhalten misshandelter Kleinkinder 135
5.3 Folgen der Kindesmisshandlung im Kindes- und Erwachsenenalter 138
5.4 Bindung als Risiko- und Schutzfaktor 142
6. Die Videotechnik 147
6.1 Darstellung der Videotechnik 148
6.2 Bindungstheoretische Grundlagen der Nutzung von Videoanalyse in Diagnostik, Beratung und Therapie 149
6.3 Videotechnik als Hilfsmittel in der Beratung/ Therapie 153
6.3.1 Interview mit einer Mitarbeiterin des Kinderschutz- Zentrums Kiel 153
6.3.2 Auswertung des Interviews 154
6.4 Abschließende Beurteilung aus den gewonnenen Informationen, ob der Einsatz der Videotechnik in Beratung und Therapie sinnvoll und hilfreich ist 168
7. Qualitative Sozialforschung 173
7.1 Zentrale Prinzipien qualitativer Sozialforschung 173
7.2 Das narrative Interview 183
8. Beratung und Therapie 194
8.1 Hilfsangebote am Beispiel des Kinderschutz-Zentrums Kiel 198
8.2 Prävention psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter Perspektiven der Beziehungsberatung 202
8.2.1 Stufen der Diagnostik: Screening und individuelle Untersuchung 203
8.2.2 Ein theoretischer Orientierungsrahmen für die präventive Praxis 204
8.3 Die integrative Funktion der Bindungstheorie in Beratung/ Therapie 205
8.3.1 Die therapeutische Beziehung 206
8.3.2 Der Berater/ Therapeut als sichere Basis 206
8.3.3 Die therapeutische Beziehung als eine reelle Beziehung 211
8.3.4 Die Beziehung zum eigenen Selbst 212
8.3.5 Die Eltern-Kind-Beziehung 213
9. Schluss 215
10. Literaturverzeichnis 223
11. Internetquellennachweis 245
12. Graphiknachweis 246
13. Anhang 248

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die Autonomen, die Verstrickten, die Distanzierten und die vierte Gruppe mit nicht bewältigten Traumata. Die Autonomen erzählen ihre Geschichte flüssig, kohärent und ohne unangemessene Idealisierung der Vergangenheit. Sie hatten Probleme, haben diese aber anscheinend bewältigt. Die als verstrickt eingestuften setzen sich noch mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie kämpfen noch mit ihren Erinnerungen, die oft von Groll und dem andauernden Bemühen durchzogen sind, es den realen oder verinnerlichten Eltern recht zu machen. Die Distanzierten haben einiges verdrängt. Sie erinnern sich kaum, und wenn, dann widersprechen sich die Erinnerungen. Zum Beispiel beschreiben sie ihre Eltern als toll, können aber keine einzige darauf zutreffende Szene wiedergeben. Die vierte Gruppe ist durch nicht bewältigte Traumata in der Kindheit, wie z.B. dem Verlust einer wichtigen Person durch Tod oder körperlichem bzw. sexuellem Missbrauch, stark beeinträchtigt. [...]

Hierzu gehören auch die positiven Auswirkungen des Stillens. Zu einer weiteren gefährdeten Gruppe von Kindern gehören diejenigen mit minimalen zentralnervösen Behinderungen. Dies sind Kinder, die nicht offensichtlich behindert sind und bei denen erst exakte Untersuchungsmethoden belegen, dass diskrete Hirnschäden vorliegen. Diese Kinder sind nicht mit verhaltensgestörten Kindern zu verwechseln, obwohl sie ebenso wie diese durch ihr oft unruhiges, überaktives Verhalten und durch ihre nicht altersentsprechende Entwicklung zu einer Belastung für die Eltern werden. Zur letzten Gruppe gehören kränkelnde Kinder, Kinder mit Gedeihstörungen und unruhige Schreikinder. Bei der Bearbeitung dieses Kapitels ist mir bewusst geworden, dass, wie auch schon das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sagt, eine Trennung der Begriffe „emotionaler Misshandlung und „körperlicher Misshandlung“ nicht nötig, wenn nicht sogar falsch ist, da jede emotionale Misshandlung den Kern einer körperlichen Misshandlung darstellt. Für meine weitere Arbeit bitte ich dies zu berücksichtigen. Ich werde die Definition des körperlichen Missbrauchs des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Grundlage meiner Arbeit verwenden, da sie inhaltlich am ausführlichsten ist und betont, dass die körperlichen Verletzungen, die das 109 [...]

KINDESMISSHANDLUNG - ist ein das Wohl und die Rechte eines Kindes (nach Maßgabe gesellschaftlich geltender Normen und begründeter professioneller Einschätzung) - beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. ein Unterlassen einer angemessenen Sorge - durch Eltern oder andere Personen - in Familien oder Institutionen (wie z.B. Schule, Kindertagesstätten, Heime oder Kliniken) - das zu nicht- zufälligen, erheblichen Verletzungen, - zu körperlichen und seelischen Schädigungen - und/ oder Entwicklungsgefährdungen eines Kindes führt, - die die Hilfe und eventuell das Eingreifen - von Jugendhilfe- Einrichtungen - in die Rechte der Inhaber der elterlichen Sorge - im Interesse der Sicherung der Bedürfnisse und des Wohls eines Kindes notwendig machen. [...]

Arbeit zitieren:
Smit, Simone August 2003: Gewalt an Kindern und die Folgen für ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Bindungtheorie, John Bowlby, Kindheit, Missbrauch, Bindungsstörungen

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