Gewalt in Familien
Sozialarbeiterische Handlungsmodelle unter Berücksichtigung verschiedener Erklärungsansätze
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Andrea Schudlick
- Abgabedatum: November 1998
- Umfang: 81 Seiten
- Dateigröße: 495,0 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Universität - Gesamthochschule Essen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7241-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7241-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7241-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schudlick, Andrea November 1998: Gewalt in Familien, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Systematische Arbeit, Tätigkeitsfelder, Psychosoziale Familienberatung
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Diplomarbeit von Andrea Schudlick
Einleitung:
Schon allein der Ausdruck „Gewalt“ in Familien führt uns „ad absurdum“. Sollte doch gerade die Familie ein Hort der Liebe und Geborgenheit sein, erscheint uns diese Assoziation als ein unvereinbarer Widerspruch. Aber auch enge soziale Beziehungen sind kein konfliktfreier Raum. Es ist allerdings durchaus positiv zu bewerten, dass der größte Teil der familiären Konflikte friedlich ausgetragen wird. In manchen Situationen kommt es aber leider auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dies ist eine beklagenswerte Realität.
Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil ich denke, dass Gewalt in Familien immer noch ein Tabuthema ist und viele Professionelle dieser Problematik oft hilflos gegenüberstehen.
In der Sozialarbeit werden wir mit den unterschiedlichsten Formen häuslicher Gewalt konfrontiert, beispielsweise massiven Drohungen und Beschimpfungen, Verwahrlosung, Misshandlung, sexuellem Missbrauch, wobei letzterer eine gesonderte Stellung einnimmt. Leider habe ich im Rahmen dieser Arbeit keinen Raum, mich mit diesem sehr brisanten Thema näher zu beschäftigen, und ich denke, es bedarf einer gesonderten intensiven Auseinandersetzung.
Diese Gewalthandlungen können sich gegen alle Familienmitglieder richten, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer und Kinder, und sie sind schichtenunabhängig.
In der gesamten, von mir durchgearbeiteten Literatur werden Frauen und Kinder als „Opfer“, Männer als „Täter“ benannt. Dies hat einerseits gesellschaftlich-strukturelle Ursachen (wir leben immer noch in einer männerdominierenden Gesellschaft) andererseits aber auch geschlechtsspezifische Sozialisationsursachen.
Bisher standen Schutz und Hilfe der „Opfer“ im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, doch seit einiger Zeit gibt es auch Hilfsangebote für die „Täter“, z. B. „Männer gegen Männergewalt“ (MgM) Hamburg, „HerrMann-Informations- und Beratungszentrum für Männer e.V.“ in Duisburg.
Ich finde, wir sollten bei aller Missbilligung von männlichem gewalttätigem Handeln nicht übersehen, dass Männer ihrerseits als Kinder evtl. „Opfer“ von häuslicher Gewalt waren und dass es auch eine genügende Anzahl von Frauen gibt, die sich ihren Kindern gegenüber gewalttätig verhalten (aus welchen Gründen auch immer), oder an die Kinder und Jugendlichen denken, die sich ihren Eltern gegenüber gewalttätig verhalten.
Gang der Untersuchung:
Im ersten Kapitel werde ich versuchen, einen Überblick über Gewalt- und Familiendefinition zu geben. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr ist es mir wichtig aufzuzeigen, dass es gerade zum Thema „Gewalt“ unterschiedliche Interpretationsansätze gibt und es von der Wahrnehmung des Einzelnen abhängt, was man unter „Gewalt“ versteht.
Im Hinblick auf das Thema meiner Arbeit erscheint es mir ausreichend, die Funktionen und Phasen der Familie zu beschreiben, da gerade die Vielzahl von Funktionen und Übergänge der verschiedenen Phasen Raum für Konflikte bieten können.
Im weiteren Verlauf werde ich in bezug auf Gewalt speziell auf Erklärungsansätze eingehen, die eine besondere Relevanz für die Sozialarbeit darstellen. Aus der Vielzahl psychotherapeutischer Schulen habe ich die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und die systemische Familientherapie ausgewählt, und zwar aus folgenden Gründen:
Die Psychoanalyse ist die klassischste und wohl bekannteste Form der Psychotherapie. Sie wurde von Sigmund Freud erarbeitet und gelehrt. Aus dieser Standardmethode entwickelten sich bis heute alle anderen psychoanalytisch orientierten Theorien und Methoden, die sich lediglich in Dauer, Sitzungsfrequenz, Anzahl der beteiligten Personen, Gegenstand der Behandlung o.ä. unterscheiden. Freuds Erkenntnisse waren spektakulär für die Entwicklung der Psychologie. Sie waren und sind aber bis heute nicht unumstritten. Aus diesem Grund erscheint es mir wichtig, anhand von A. Adler und E. Erikson Differenzen aufzuzeigen. Da sie im Grunde Freuds Theorien übernahmen und ich nur die Unterschiede erarbeitet habe, fallen die Beiträge entsprechend kürzer aus.
In mehr oder weniger Ab- oder Anlehnung an die Psychoanalyse haben sich andere nicht-analytische Verfahren entwickelt. Die Verhaltenstherapie gehört eher zu den ablehnenden Verfahren, geht sie doch davon aus, dass alles Verhalten erlernt ist und demzufolge wieder verlernbar ist. Die Verhaltenstherapie ist die heute am meisten angewandte Therapieform. Sie wird meist von den Krankenkassen bezahlt und hat eine kurze Behandlungsdauer.
Psychoanalyse und Verhaltenstherapie sind Therapieformen, die sich hauptsächlich am Individuum orientieren. Nicht so die (systemische) Familientherapie, die m.E. immer mehr an Bedeutung gewinnt. Sie orientiert sich am Gesamtsystem Familie. Die von mir aufgeführten Familientherapeuten, Stierlin, Minuchin und Satir, nennen sich systemische Familientherapeuten. Deshalb ist es meiner Meinung nach nötig, näher auf die Begriffe „System“, „systemisch“ einzugehen. Die Beiträge zu den Familientherapeuten sind dann besser zu verstehen. Ich verzichte auf eine Abhandlung der Systemtheorie, die doch stellenweise sehr abstrakt ist und den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Ich denke, meine Erklärungen reichen im wesentlichen für ein grundsätzliches Verständnis aus.
Zum Thema „Gewalt in Familien“ (Freud, Alder, Fromm u.a. bezeichnen Gewalt als destruktive Aggressivität) ist der systemische Ansatz m.E. am besten geeignet, die Dynamik familiärer Gewalt zu verstehen.
Im dritten Kapitel meiner Arbeit geht es um die praktische Arbeit. Welche Interventionsmöglichkeiten habe ich als SozialarbeiterIn zum Thema Gewalt in Familien?
Aus den unzähligen Bereichen der sozialen Arbeit habe ich drei Tätigkeitsfelder herausgearbeitet. Im ersten Teil werde ich dieses beschreiben und Interventionsmöglichkeiten im anschließenden Punkt 3.3. zusammenfassen, um Wiederholungen zu vermeiden. Ich bin der Meinung, wir müssen in der sozialen Arbeit immer situativ entscheiden, auf welche Interventionsmöglichkeiten wir zurückgreifen wollen.
Im vierten und letzten Kapitel setze ich mich mit einer spezifischen Arbeitsform auseinander, die von Oswald und Müllensiefen erarbeitet wurde. Sie unterteilen verschiedene Beratungsformen (problem-krisenzentrierte Familienberatung und stützender Langzeitkontakt) in Phasen und geben entsprechend Interventionsbeispiele. Ich finde, diese spezifischen Arbeitsformen sind gut gelungen, weil sie mir eine Orientierungshilfe für meine spätere Arbeit geben.
Im Anhang befinden sich drei Tabellen. Die erste gibt einen Überblick und Vergleich über verschiedene psychotherapeutische Schulen. Die Zweite vergleicht Schulen der Familientherapie und die dritte gehört zum Kapitel 4. Die Tabellen sollen es erleichtern, sich ein komplexeres Gesamtbild zu verschaffen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Definitionsansätze zum Thema „Gewalt“ | 4 |
| 1.1.1 | Definition nach Galtung | 4 |
| 1.1.2 | Definition nach Horn | 5 |
| 1.1.3 | Definition nach Riedl | 6 |
| 1.1.4 | Definition nach Struck | 6 |
| 1.2 | Die Familie | 7 |
| 1.2.1 | Definitionsversuche | 7 |
| 1.2.2 | Funktion der Familie | 8 |
| 1.2.3 | Phasen der Familie | 8 |
| 2. | Erklärungsansätze | 9 |
| 2.1 | Psychoanalyse | 9 |
| 2.1.1 | Psychoanalyse nach Sigmund Freud | 9 |
| 2.1.1.1 | Entwicklungstheorie | 9 |
| 2.1.1.2 | Persönlichkeitsmodell | 11 |
| 2.1.1.3 | Motivation | 12 |
| 2.1.1.4 | Neurosentheorie | 13 |
| 2.1.2 | Psychoanalyse nach Alfred Adler | 15 |
| 2.1.2.1 | Verhalten und Persönlichkeit | 15 |
| 2.1.2.2 | Motivation | 16 |
| 2.1.2.3 | Neurosentheorie | 17 |
| 2.1.3 | Neopsychoanalyse nach Erik Homburger Erikson | 17 |
| 2.1.4 | Psychoanalytisches Verständnis von Aggression | 18 |
| 2.1.5 | Behandlungsmethoden | 20 |
| 2.1.6 | Psychoanalyse und Sozialarbeit | 20 |
| 2.2 | Verhaltenstherapie | 22 |
| 2.2.1 | Entwicklung | 22 |
| 2.2.2 | Prinzipien | 24 |
| 2.2.3 | Methoden | 24 |
| 2.2.4 | Verhaltenstherapeutisches Verständnis von Aggression | 26 |
| 2.2.5 | Verhaltenstherapie und Sozialarbeit | 27 |
| 2.3 | Systemische Familientherapie | 28 |
| 2.3.1 | Systemdefinition | 28 |
| 2.3.2 | Systemmerkmale | 28 |
| 2.3.3 | Systemisches Verständnis von Gewalt | 30 |
| 2.3.4 | Die strukturelle Familientherapie nach Minuchin | 31 |
| 2.3.5 | Psychoanalytisch orientierte Familientherapie nach Stierlin | 33 |
| 2.3.6 | Erfahrungsbezogene bzw. integrative Familientherapie nach Satir | 36 |
| 3. | Handlungsmodelle | 39 |
| 3.1 | Definition von Methoden und Intervention | 39 |
| 3.2 | Tätigkeitsfelder der sozialen Arbeit | 40 |
| 3.2.1 | Jugendamt | 40 |
| 3.2 | Obdachlosenarbeit | 42 |
| 3.2.3 | Beratungsstelle am Beispiel der Opferhilfe (OH) Hamburg e. V. | 45 |
| 3.3 | Schulenübergreifende Interventionen | 51 |
| 4. | Spezifische Arbeitsformen der psycho-sozialen Familienberatung nach Oswald / Müllensiefen | 58 |
| 4.1 | Merkmale und Phasen der problemzentrierten Beratung | 58 |
| 4.2 | Krisenzentrierte Familienberatung | 66 |
| 4.3 | Stützender Langzeitkontakt | 68 |
| Anhang | ||
| Literaturverzeichnis | ||
| Zeitschriftenaufsätze | ||
| Anhangsverzeichnis |
- 36 2.3.6. Erfahrungsbezogene bzw. integrative Familientherapie nach Satir Unter diesem Titel lassen sich einige Richtungen zusammenfassen, die allerdings schwer voneinander abzugrenzen sind. Erfahrungsbezogen deutet auf das Gewicht, das dem Erleben den Erfahrungen einzelner Familienmitglieder beigemessen wird. Integrativ deutet auf das Gewicht, welches das Bemühen widerspiegelt, den Menschen in seiner Ganzheit aufzufassen und seine Kontexte zu erfassen. Deutlich wird eine Verwandtschaft zur Humanistischen Psychologie. Alle folgenden Ausführungen können dieser psychologischen Richtung zugeordnet werden. „Die Humanistische Psychologie entstand in den 50er Jahren als sog. `Dritte Kraft´ gegenüber der Psychoanalyse und dem Behavorismus. Sie ist verbunden mit Namen wie Abraham Maslow, Carl Rogers u. a. Die Idee war damals, dass der Mensch weder ein von Trieben beherrschtes Wesen ist, die es zu kanalisieren gelte, noch eine `konditionierbare Reflexmaschine´, sondern ein im Kern mit ihr interagiert. Gleichwertig steht daneben der Glaube an Leben und Lebendigkeit als das tiefste Ziel des Menschen: sich zu verwirklichen, zu wachsen. Rogers nennt die `Selbstaktualisierungstendenz des Organismu´. Man nennt diese Richtung daher auch `Wachstumsmodelle´. Therapieziel ist immer, dass der einzelne sich einer ihm gemäßen Weise entfalten kann und seine schöpferischen und produktiven Kräfte optimal einsetzen kann. Wo das ohne große Blockierungen gelingt, ist auch ein relativ symptomfreies Leben möglich. Der Blick auf Störungen in diesem Modell ist daher immer ein Blick auf Störungen im Wachstumsprozess. Wo in einer Familie Selbstausdruck, d. h. Ausdruck der Individualität des einzelnen, nicht möglich ist, ohne Selbstachtung zu verlieren, kommt es zu Störungen. Störungen sind daher immer (…) Störungen der Selbstachtung, des Selbstwertes.“ (Schlippe, Arist v. :Familientherapie im Überblick, a. a. O., S. 60/61) Satir geht in ihren Überlegungen zur menschlichen Natur von drei Annahmen aus: 1. Alle Menschen wollen (über)leben, wollen wachsen und anderen nahe sein. Diese Ziele drücken sich in allem Verhalten aus, egal wie pathogen es erscheinen mag. 2. Was die Gesellschaft nun krank, verrückt, unnormal nennt, ist für sie in Wirklichkeit ein Hilferuf, der Versuch eines Menschen, seine „Verwirrung“ zu signalisieren. 3. Nur in dem Ausmaß ihres Wissens, sich selbst zu verstehen, und in ihrer Fähigkeit, sich an anderen zu messen, sind die Menschen beschränkt. Dabei sind Gedanken und Gefühle für Satir untrennbar miteinander verbunden. Die Grundlage für ihre Annahme, dass der Mensch das lernen kann, was er (noch) nicht weiß, basiert auf ihrer Annahme, dass der Mensch kein Gefangener seiner Gefühle zu sein braucht. Er kann die kognitiven Anteile seiner Gefühle dazu nutzen sich zu befreien. Der Mensch kann Wege des Verständnisses ändern, wenn sie nicht stimmen. Sie vergleicht die wirkliche Natur des Menschen mit der Sicht der Erde zur Zeit Kolumbus = die Erde ist flach, dagegen heute = die Erde ist rund. Ebenso beim Menschen. Das „alte“ Bild vom Menschen ist „flach“, und erst [...]
- 35 3. Delegation Hierunter stellt sich Stierlin ein Loyalitätsband vor, das den Delegierenden und den Delegierten miteinander verbindet. Dieses Band bildet sich schon in der frühesten Kindheit. Indem wir uns delegieren lassen, erhält unser Leben Richtung und Sinn. Deshalb muss der Delegationsprozess nicht unbedingt etwas Pathologisches haben. Ist er doch vielmehr Ausdruck eines legitimen und notwendigen Beziehungsprozesses. Der Prozess kann aber auch misslingen, z. B. ein Auftrag lässt sich nicht mit den Bedürfnissen, Talenten des zu Delegierenden in Einklang bringen. Das wäre z. B. der Fall, wenn ein Akademiker unbedingt will, dass sein Kind auch studiert. Stierlin unterscheidet den Auftragskonflikt und den Loyalitätskonflikt. Eine Entgleisung des Auftragskonflikts ist z. B. der „Auftrag“ einer Mutter an die Tochter, dass sie einerseits ein tugendhaftes Hausmütterchen zu sein hat, andererseits soll sie aber die unbewussten Wünsche der Mutter nach sexueller Aufregung ausleben. Als besonders problematisch sieht Stierlin den Loyalitätskonflikt, wenn z. B. ein Kind den einen delegierenden Elternteil um des anderen Willen verraten soll. Es setzt das Kind massiven Schuldgefühlen aus. In der strukturellen Familientherapie wird dies „Triangulation“ genannt. 4. Mehrgenerationsperspektive von Vermächtnis und Verdienst Dabei geht es um die transgenerationale Ausweitung des Delegationsprozesses d. h. eine über mehrere Generationen wirkende Bindung, Verpflichtung oder Zwang zur Rechenschaft. Ein Beispiel für Vermächtnis wäre: Eine Frau soll das Vermächtnis von Mutter und Großmutter erfüllen, emanzipiert zu sein. Andererseits gibt es auch das Vermächtnis, eine gebende und dienende Mutter zu sein = Auftragskonflikt. Dieses Vermächtnis wird nicht nur sie sondern auch ihre Kinder in Mitleidenschaft ziehen. Der Begriff „Verdienst“ besagt, dass es innerhalb von Beziehungen eine sogenannte Verdienstbuchführung gibt, wo die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung eines Vermächtnisses einem Familienmitglied angerechnet wird. Das Gefühl, gerecht oder ungerecht behandelt zu werden, einen Lebenssinn zu haben oder Integrität zu besitzen, ist nach Stierlin hauptsächlich davon bestimmt. Zu einem späteren Zeitpunkt fügte Stierlin seinen vier Grundannahmen noch eine fünfte hinzu: Der Status der Gegenseitigkeit, d. h. in schweren Beziehungsstörungen ist häufig eine negative Gegenseitigkeit zu beobachten. Anstatt sich gegenseitig positiv zu bestätigen und anzuerkennen = > positive Gegenseitigkeit, werten die Familienmitglieder einander ab, und die Möglichkeit für eine echte Konfrontation und Versöhnung fehlt. [...]
Unabhängigkeit wandelt sich in Isolation, Getrenntheit und ausweglose Einsamkeit, und andererseits Unterindividuation,, d. h. die Abgrenzung ist nicht gelungen, die Grenzen sind weich und brüchig. Das Prinzip der bezogenen Individuation in Familien kann z. B. durch die Unfähigkeit, eigene Wünsche Erwartungen, Gefühle von den anderen abzugrenzen, ausgedrückt sein, Positionen lassen sich dann nicht bestimmen und Konflikte bleiben unausgetragen. 2. Interaktionsmodi von Bindung und Ausstoßung Damit meint Stierlin die Trennungsdynamik zwischen den Generationen, also langfristig wirkende Beziehungsstrukturen. Unter diesem Blickwinkel werden die Schwierigkeiten von versuchten und nicht versuchten, geglückten und nicht geglückten Trennungen zwischen Eltern und Kindern sichtbar. Herrscht der Bindungsmodus vor, bleibt das Kind länger und stärker in der Familie gefangen, d. h. die Trennung von den Eltern beschleunigt. Stierlin definiert Bindung als massive Inbesitznahme eines Abhängigen durch z. B. die Eltern. Dabei unterscheidet er drei Ebenen von Bindung: 1. Es-Bindung: Diese Bindung bewirkt eine abhängige und ansprüchige Haltung beim Kind und passiert auf der affektiven Ebene. Natürliche kindliche Abhängigkeitsbedürfnisse werden manipuliert und ausgebeutet. 2. Ich-Bindung: Sie geschieht hauptsächlich auf kognitiver Ebene. Die Eltern zwingen dem Kind das eigene verzehrende Ich auf, z. B.: „Ich weiß es besser, was gut für dich ist.“. 3. Über-Ich-Bindung: Kindliche Loyalitätsbedürfnisse werden einerseits genährt, andererseits aber auch ausgebeutet. Das Kind bleibt in einer intensiven, wenn auch unsichtbaren, Loyalität gefangen und entwickelt starke Verpflichtungsgefühle. Bei Überwiegen des Ausstoßungsmodus sind die Vernachlässigungen anderer Art: Das Kind wird zurückgewiesen und ausgestoßen und erfährt von seinen zentralen Bezugspersonen hauptsächlich Kälte und Abweisung. Das zentrale Erleben ist, nicht geliebt zu werden. Dieser Modus mag zwar zu einer frühen Autonomie führen, evtl. auch zu einer Form Beziehungslosigkeit und Bindungsunfähigkeit. Bei der analytischen Familientherapie ist die Frage, ob Ausstoßungs- oder Bindungsmodus vorherrscht, von zentraler Bedeutung! [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832472412
Arbeit zitieren:
Schudlick, Andrea November 1998: Gewalt in Familien, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Systematische Arbeit, Tätigkeitsfelder, Psychosoziale Familienberatung



