Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik
Gesundheitliche Ungleichheit, epidemiologische Erkenntnisse und sozialpolitische Alternativen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Michael Weber
- Abgabedatum: März 1999
- Umfang: 115 Seiten
- Dateigröße: 672,4 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Leibniz Universität Hannover Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-1934-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-1934-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-1934-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Weber, Michael März 1999: Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gesundheitliche Ungleichheit, Gesundheitsreform, Sozialpolitik, Gesundheitspolitische Entscheidungsfindung, Gesundheitspolitik
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Diplomarbeit von Michael Weber
Zusammenfassung:
Die Gesundheitsreformen der Kohl-Regierung führten in der Bundesrepublik Deutschland teilweise unbemerkt zu ganz erheblichen sozialen Einschnitten im Gesundheitswesen. Vor dem Hintergrund der Schlagwörter "Kostenexplosion", "Kostendämpfung" und "Standort Deutschland" wurde die gesetzliche Krankenversicherung zum Spielball wirtschaftlicher Interessen, die primär auf Beitragssatzstabilität abzielten. Durch das Gesundheitsreformgesetz und vor allem das Gesundheitsstrukturgesetz wurden Weichen für die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung in Richtung Privatisierung des Krankheitsrisikos gestellt, wodurch eine weitgehende Umgestaltung des bisherigen bewährten Gesundheitssystems ermöglicht wird.
Trotz bestehender gesundheitlicher Ungleichheit in der Bundesrepublik wurden bei den Gesundheitsreformgesetzen soziale Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt. Unter dem Einfluß wirtschaftlicher Interessengruppen, die vor allem die finanzielle Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung im Blickpunkt gehabt haben, wurden Regelungen getroffen, die die Eigenverantwortung der Versicherten in den Vordergrund rücken und das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung aushebeln. In der Summe der Änderung gab es eine Kumulation von Belastungen bei den sozial schwachen Bevölkerungsgruppen.
In dieser Arbeit werden nach einer Zusammenfassung des Forschungsstands zum Thema gesundheitliche Ungleichheit die Gesundheitsreformen beginnend mit dem Gesundheitsstrukturgesetz bis hin zu den Neuordnungsgesetzen vor dem Hintergrund der in der Bundesrepublik bestehenden gesundheitlichen Ungleichheit analysiert. Dabei wird deutlich, daß die Auswirkungen dieser Politik den Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin öffnen und die bestehende gesundheitliche Ungleichheit vergrößern.
Es wird gezeigt, daß die Gesundheitspolitik der letzten Jahre lediglich ein Krisenmanagement der Beitragssatzstabilität war, daß in den Reformen gesundheitspolitische Aspekte wie die Nutzung wichtiger Instrumente zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung und damit letztlich zur Vermeidung von Krankheitskosten vernachlässigt wurden und daß die Privatisierung des Krankheitsrisikos zu einer sozial äußerst bedenklichen Umverteilung der Finanzierung der Gesundheitskosten zu Lasten der Kranken beigetragen hat. Das dem zugrunde liegende Verständnis von Gesundheitspolitik als Teil der Wirtschaftspolitik wird dabei stark kritisiert.
Weiterhin werden diskutierte Vorschläge zu einer weiterführenden Reform des Gesundheitssystem aufgegriffen und entsprechend beurteilt. Dazu wird eine genauere Betrachtung des Vorschlags zur Aufsplittung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung in den Mittelpunkt gestellt.
Diesem Komplex wird gegenübergestellt, welche anderen Möglichkeiten es gibt, Gesundheitspolitik so auszugestalten, daß die Finanzierungsproblematik berücksichtigt wird und darüber hinaus auch die Verringerung der gesundheitliche Ungleichheit zum Gegenstand der Gesundheitspolitik werden kann.
Es werden Ansätze entwickelt, die sowohl die "Verantwortung des Sozialstaates" als auch die soziale Bedeutung und die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung berücksichtigen. Dabei stehen besonders die Möglichkeit einer zielgerichteten Präventionspolitik und die bislang wenig beachtete Möglichkeit der Verhältnisverbesserung durch sozialpolitische Maßnahmen im Mittelpunkt.
Es findet in der Arbeit eine thematisch sinnvolle Beschränkung auf relevante Punkte der Gesundheitsreformen aus Sicht eines Public Health-Ansatzes statt, was nicht bedeuten soll, daß andere Punkte der Gesundheitsreform im positiven oder negativen Sinn nicht bedeutsam sind.
Inhaltsverzeichnis:
| Verzeichnis der Abbildungen | 4 | |
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Begriffsklärungen | 10 |
| 3. | Forschungsstand | 13 |
| 3.1 | Auswertung von Tagen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung | 13 |
| 3.2 | Analyse von Krankheitsfällen der AOK-Mitglieder in Essen | 15 |
| 3.3 | Der Einfluß der Arbeitswelt | 18 |
| 3.4 | Vorsorgeverhalten und Impfstatus bei Kleinkindern | 20 |
| 3.5 | Persönliche Risikofaktoren und subjektive Morbidität | 26 |
| 3.6 | Strukturelle Situation des Wohnortes | 29 |
| 3.7 | Zusammenfassung | 30 |
| 4. | Ansätze zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit | 32 |
| 4.1 | Modell zum Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit | 33 |
| 5. | Die Gesundheitsreform | 37 |
| 5.1 | Zur Geschichte der Kostendämpfungsgesetze - Kostenexplosion und Kostendämpfung | 37 |
| 5.1.1 | Die jüngere Entwicklung | 40 |
| 5.2 | Relevante Inhalte des Gesundheits-Strukturgesetzes | 40 |
| 5.2.1 | Selbstbeteiligungen und Zuzahlungen | 41 |
| 5.2.2 | Freies Krankenkassenwahlrecht | 41 |
| 5.2.3 | Risikostrukturausgleich | 42 |
| 5.3 | Modifizierungen des Gesundheits-Strukturgesetzes | 42 |
| 5.3.1 | Kürzungen bei Lohnfortzahlung und Krankengeld | 43 |
| 5.3.2 | Erhöhung von Selbstbeteiligungen und Zuzahlungen | 43 |
| 5.3.3 | Kopplung von Zuzahlungen und Beitragssätzen | 44 |
| 5.3.4 | Einschränkung des Präventionsangebotes | 45 |
| 5.3.5 | Beibehaltung der Härtefallregelung | 45 |
| 6. | Beurteilung der relevanten Reforminhalte | 46 |
| 6.1 | Einschub: Die Verteilung der Kosten im Gesundheitswesen | 48 |
| 6.2 | Finanzielle Belastungen der Versicherten | 51 |
| 6.2.1 | Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen | 51 |
| 6.2.2 | Die Härtefallregelung | 54 |
| 6.2.3 | Kopplung von Zuzahlungs- und Selbstbeteiligungshöhe an die Beitragssatzentwicklung | 55 |
| 6.2.4 | Die Kürzung bei Lohnfortzahlung und Krankengeld | 56 |
| 6.3 | Einschränkung des Präventionsangebotes | 58 |
| 6.4 | Freies Kassenwahlrecht und Risikostrukturausgleich | 60 |
| 6.5 | Abschließendes Fazit | 61 |
| 7. | Die Auswirkungen ökonomischer Präferenzen in der Gesundheitspolitik | 63 |
| 7.1 | Gesundheitsleistungen sind nachfragegesteuert | 65 |
| 7.2 | Das Moral Hazard Theorem | 66 |
| 7.3 | Selbstbeteiligungen fördern Eigenverantwortung | 66 |
| 7.4 | Wettbewerb sichert Qualität | 68 |
| 7.5 | Die Problematik der Rationierung | 69 |
| 7.6 | Abschließendes Fazit | 72 |
| 8. | Der Umbau des Gesundheitssystems | 74 |
| 8.1 | Ethische Grundfragen zum Gesundheitssystem | 75 |
| 8.2 | Die Aufspaltung in Grund- und Wahlleistungen | 77 |
| 8.3 | Abkopplung des Arbeitgeberanteils | 80 |
| 8.4 | Kapitaldeckungsverfahren | 82 |
| 9. | Lösungsmöglichkeiten | 84 |
| 9.1 | Zur gesundheitspolitischen Entscheidungsfindung | 84 |
| 9.1.1 | "Sozialstaatliche"-Aspekte der Gesundheitspolitik | 87 |
| 9.2 | Healthy Public Policy | 89 |
| 9.3 | Präventionspolitik als Gesellschaftspolitik | 90 |
| 9.4 | Alternative Sozialpolitik | 95 |
| 9.4.1 | Bildungspolitik | 96 |
| 9.4.2 | Staatliche Transaktionen an Bedürftige | 97 |
| 9.4.3 | Lohn- und Beschäftigungspolitik | 98 |
| 9.5 | Änderung der gesetzlichen Krankenversicherung | 99 |
| 9.6 | Einführung einer ergebnisorientierten Gesundheitsberichterstattung | 100 |
| 10. | Schlußbetrachtung | 103 |
| 10.1 | Zusammenfassung | 103 |
| 10.2 | Ergebnisse und Forderungen | 104 |
| 10.3 | Ausblick | 108 |
| Literaturverzeichnis | 110 |
"Die absehbaren Wirkungen <der Gesundheitsreform - Anm. d. Verf.> sind hochbrisant und machen deutlich, daß die Solidargemeinschaft nicht 'durch Opfer gerettet', sondern tendenziell aufgelöst werden soll."110 Letztlich ist ein Trend zu einer Privatisierung des Krankheitsrisikos zu beobachten, der zu einer bereits diskutierten Aufspaltung des Leistungsangebots der gesetzlichen Krankenversicherung in Grund- und Wahlleistungen führen kann. Leidtragende sind in allen Fällen trotz der Härtefallregelung die sozioökonomisch Schwachen der Versichertengemeinschaft, die ein hohes Morbiditätsrisiko und eine geringe Finanzkraft in sich vereinigen. Ursprünglich bezogen auf die demographische Entwicklung kann eine Einschätzung von Schwartz/Busse für den gesamten hier dargestellten Reformbereich gelten, nach welcher "der Gedanke der intergenerativen Solidarität und der Solidarität zwischen starken und schwachen Gruppen der Gesellschaft aufgelöst wird und damit vielleicht eine der wichtigsten Errungenschaften der europäischen Zivilisation in dem alles in allem eher unrühmlichen zwanzigsten Jahrhundert, nämlich die solidarische und die gesamte Bevölkerung umfassende Krankenversicherung mit umfassender Sorge für Kranke und Schwache, ohne wirkliche Not zerredet wird und das Primat des Kostenmanagements endgültig den Sieg über den Gedanken ärztlicher Fürsorgepflicht davonträgt."111 [...]
"Es ist in keiner Weise einsichtig, daß gerade der zur Gewährleistung einer angemessenen medizinischen Versorgung in strukturschwachen Regionen gedachte überregionale Risikostrukturausgleich ausgerechnet für die schwächsten Gebiete Deutschlands nicht gelten soll."108 Durch den Risikostrukturausgleich soll auch gewährleistet werden, daß der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen nicht zu einer Risikoselektion führt. Es ist zu vermuten, daß auch der Risikostrukturausgleich eine Risikoselektion nicht völlig verhindern kann. 6.5 Abschließendes Fazit Das Gesundheits-Strukturgesetz und seine Modifizierungen stellen einen wesentlichen Einschnitt in das Gesundheitssystem dar. Ziel der Gesetze war es, den Kostenanstieg zu dämpfen, die Beitragssätze stabil zu halten und Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb in das Gesundheitssystem zu integrieren. Für diese Arbeit, die den gesellschaftspolitischen Aspekt von Gesundheitspolitik in den Mittelpunkt stellt, ist ein wesentliches Ergebnis der Gesundheitsreform die Tendenz der Vergrößerung gesundheitlicher Ungleichheit, der Entsolidarisierung in der gesetzlichen Krankenkasse und der Privatisierung des Gesundheitsrisikos. Es ist zunächst nicht relevant, ob die Gesundheitsreform ihre Ziele erreicht hat. Relevant ist, daß durch die Gesundheitsreform eine Aneinanderreihung von sozialen Ungerechtigkeiten gesetzlich manifestiert wurde, deren Auswirkungen sicherlich nicht gesundheitliche Ungleichheit verringert, sondern sie tendenziell vergrößert. Die Gesundheitsreform verletzt das Grundprinzip einer egalitären Gesundheitsversorgung und einer solidarischen Krankenversicherung, da sie durch die Stärkung der Eigenverantwortung eine Umverteilung der Finanzierungslast erstens von den Schultern der Arbeitgeber hin zu denen der Arbeitnehmer und zweitens von den gesunden Versicherten hin zu den kranken Versicherten vornimmt. Mehr Eigenverantwortlichkeit wird mit höheren Zuzahlungen gleichgesetzt.109 Durch die Aufweichung des Solidarprinzips ist ein wesentlicher Bestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung geschwächt worden. Die Herausgeber des Jahrbuch für kritische Medizin sehen hier eine Gefahr der Entsolidarisierung. [...]
An diesem Punkt hätte die Gesundheitsreform ansetzen müssen. Statt Präventionsmaßnahmen einzuschränken, wäre es sinnvoll gewesen, diese Angebote eventuell durch eine gesetzliche Regelung auszudehnen und auf wirklich bedürftige Bevölkerungsgruppen abzustimmen. In der derzeit gültigen Fassung des SGB V wird Gesundheitspolitik auf Seiten der Versicherten auf eine Krankenversorgung reduziert und die Möglichkeit von Präventionsmaßnahmen und Gesundheitsförderung vernachlässigt. Die wenigen verbliebenen Präventionsangebote werden weiterhin von den Krankenkassen dazu benutzt, gezielt Personen mit mittleren Einkommen anzusprechen. Die Änderung des § 20 SGB V trägt demnach nicht zu einer Abschwächung gesundheitlicher Ungleichheiten bei, sondern vergrößert diese tendenziell. 6.4 Freies Kassenwahlrecht und Risikostrukturausgleich Das freie Kassenwahlrecht und der 1994 eingeführte Risikostrukturausgleich sind positive Ansätze innerhalb der Gesetzesreform. Mit dem freien Kassenwahlrecht erhalten die Versicherten die Möglichkeit, zum Beginn eines neuen Jahres ihre Krankenkasse zu wechseln. Damit haben die Versicherten die Möglichkeit, die für sie günstigste Krankenkasse zu wählen. Der gleichzeitige Kontrahierungszwang und das Diskriminierungsverbot verhindern zumindest theoretisch, daß Krankenkassen einzelne Versicherte nicht aufnehmen.106 Der Risikostrukturausgleich wurde mit dem freien Kassenwahlrecht eingeführt, um beitragsabhängige Finanzierungsunterschiede zwischen den Krankenkassen auszugleichen. Damit soll verhindert werden, daß Krankenkassen, die eine "schlechte" Versichertenstruktur107 haben, Wettbewerbsnachteile haben. Der Risikostrukturausgleich ist nach alten und neuen Bundesländern getrennt worden, so daß die West-Ost-Unterschiede nicht ausgeglichen werden. Gerade die Möglichkeit, durch den Risikostrukturausgleich in strukturschwachen Regionen niedrige und stabile Beitragssätze zu gewährleisten, wird nicht vollständig genutzt. Es ist notwendig, den Risikostrukturausgleich auch auf einen West-OstAusgleich zu erweitern, um durch die Angleichung der Einnahmen der Krankenkassen stabile ähnliche Beitragssätze für alle Versicherten zu ermöglichen. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832419349
Arbeit zitieren:
Weber, Michael März 1999: Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gesundheitliche Ungleichheit, Gesundheitsreform, Sozialpolitik, Gesundheitspolitische Entscheidungsfindung, Gesundheitspolitik



