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Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik

Gesundheitliche Ungleichheit, epidemiologische Erkenntnisse und sozialpolitische Alternativen

Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Michael Weber

Zusammenfassung:

Die Gesundheitsreformen der Kohl-Regierung führten in der Bundesrepublik Deutschland teilweise unbemerkt zu ganz erheblichen sozialen Einschnitten im Gesundheitswesen. Vor dem Hintergrund der Schlagwörter "Kostenexplosion", "Kostendämpfung" und "Standort Deutschland" wurde die gesetzliche Krankenversicherung zum Spielball wirtschaftlicher Interessen, die primär auf Beitragssatzstabilität abzielten. Durch das Gesundheitsreformgesetz und vor allem das Gesundheitsstrukturgesetz wurden Weichen für die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung in Richtung Privatisierung des Krankheitsrisikos gestellt, wodurch eine weitgehende Umgestaltung des bisherigen bewährten Gesundheitssystems ermöglicht wird.

Trotz bestehender gesundheitlicher Ungleichheit in der Bundesrepublik wurden bei den Gesundheitsreformgesetzen soziale Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt. Unter dem Einfluß wirtschaftlicher Interessengruppen, die vor allem die finanzielle Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung im Blickpunkt gehabt haben, wurden Regelungen getroffen, die die Eigenverantwortung der Versicherten in den Vordergrund rücken und das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung aushebeln. In der Summe der Änderung gab es eine Kumulation von Belastungen bei den sozial schwachen Bevölkerungsgruppen.

In dieser Arbeit werden nach einer Zusammenfassung des Forschungsstands zum Thema gesundheitliche Ungleichheit die Gesundheitsreformen beginnend mit dem Gesundheitsstrukturgesetz bis hin zu den Neuordnungsgesetzen vor dem Hintergrund der in der Bundesrepublik bestehenden gesundheitlichen Ungleichheit analysiert. Dabei wird deutlich, daß die Auswirkungen dieser Politik den Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin öffnen und die bestehende gesundheitliche Ungleichheit vergrößern.

Es wird gezeigt, daß die Gesundheitspolitik der letzten Jahre lediglich ein Krisenmanagement der Beitragssatzstabilität war, daß in den Reformen gesundheitspolitische Aspekte wie die Nutzung wichtiger Instrumente zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung und damit letztlich zur Vermeidung von Krankheitskosten vernachlässigt wurden und daß die Privatisierung des Krankheitsrisikos zu einer sozial äußerst bedenklichen Umverteilung der Finanzierung der Gesundheitskosten zu Lasten der Kranken beigetragen hat. Das dem zugrunde liegende Verständnis von Gesundheitspolitik als Teil der Wirtschaftspolitik wird dabei stark kritisiert.

Weiterhin werden diskutierte Vorschläge zu einer weiterführenden Reform des Gesundheitssystem aufgegriffen und entsprechend beurteilt. Dazu wird eine genauere Betrachtung des Vorschlags zur Aufsplittung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung in den Mittelpunkt gestellt.

Diesem Komplex wird gegenübergestellt, welche anderen Möglichkeiten es gibt, Gesundheitspolitik so auszugestalten, daß die Finanzierungsproblematik berücksichtigt wird und darüber hinaus auch die Verringerung der gesundheitliche Ungleichheit zum Gegenstand der Gesundheitspolitik werden kann.

Es werden Ansätze entwickelt, die sowohl die "Verantwortung des Sozialstaates" als auch die soziale Bedeutung und die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung berücksichtigen. Dabei stehen besonders die Möglichkeit einer zielgerichteten Präventionspolitik und die bislang wenig beachtete Möglichkeit der Verhältnisverbesserung durch sozialpolitische Maßnahmen im Mittelpunkt.

Es findet in der Arbeit eine thematisch sinnvolle Beschränkung auf relevante Punkte der Gesundheitsreformen aus Sicht eines Public Health-Ansatzes statt, was nicht bedeuten soll, daß andere Punkte der Gesundheitsreform im positiven oder negativen Sinn nicht bedeutsam sind.

Inhaltsverzeichnis:

Verzeichnis der Abbildungen 4
1. Einleitung 5
2. Begriffsklärungen 10
3. Forschungsstand 13
3.1 Auswertung von Tagen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung 13
3.2 Analyse von Krankheitsfällen der AOK-Mitglieder in Essen 15
3.3 Der Einfluß der Arbeitswelt 18
3.4 Vorsorgeverhalten und Impfstatus bei Kleinkindern 20
3.5 Persönliche Risikofaktoren und subjektive Morbidität 26
3.6 Strukturelle Situation des Wohnortes 29
3.7 Zusammenfassung 30
4. Ansätze zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit 32
4.1 Modell zum Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit 33
5. Die Gesundheitsreform 37
5.1 Zur Geschichte der Kostendämpfungsgesetze - Kostenexplosion und Kostendämpfung 37
5.1.1 Die jüngere Entwicklung 40
5.2 Relevante Inhalte des Gesundheits-Strukturgesetzes 40
5.2.1 Selbstbeteiligungen und Zuzahlungen 41
5.2.2 Freies Krankenkassenwahlrecht 41
5.2.3 Risikostrukturausgleich 42
5.3 Modifizierungen des Gesundheits-Strukturgesetzes 42
5.3.1 Kürzungen bei Lohnfortzahlung und Krankengeld 43
5.3.2 Erhöhung von Selbstbeteiligungen und Zuzahlungen 43
5.3.3 Kopplung von Zuzahlungen und Beitragssätzen 44
5.3.4 Einschränkung des Präventionsangebotes 45
5.3.5 Beibehaltung der Härtefallregelung 45
6. Beurteilung der relevanten Reforminhalte 46
6.1 Einschub: Die Verteilung der Kosten im Gesundheitswesen 48
6.2 Finanzielle Belastungen der Versicherten 51
6.2.1 Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen 51
6.2.2 Die Härtefallregelung 54
6.2.3 Kopplung von Zuzahlungs- und Selbstbeteiligungshöhe an die Beitragssatzentwicklung 55
6.2.4 Die Kürzung bei Lohnfortzahlung und Krankengeld 56
6.3 Einschränkung des Präventionsangebotes 58
6.4 Freies Kassenwahlrecht und Risikostrukturausgleich 60
6.5 Abschließendes Fazit 61
7. Die Auswirkungen ökonomischer Präferenzen in der Gesundheitspolitik 63
7.1 Gesundheitsleistungen sind nachfragegesteuert 65
7.2 Das Moral Hazard Theorem 66
7.3 Selbstbeteiligungen fördern Eigenverantwortung 66
7.4 Wettbewerb sichert Qualität 68
7.5 Die Problematik der Rationierung 69
7.6 Abschließendes Fazit 72
8. Der Umbau des Gesundheitssystems 74
8.1 Ethische Grundfragen zum Gesundheitssystem 75
8.2 Die Aufspaltung in Grund- und Wahlleistungen 77
8.3 Abkopplung des Arbeitgeberanteils 80
8.4 Kapitaldeckungsverfahren 82
9. Lösungsmöglichkeiten 84
9.1 Zur gesundheitspolitischen Entscheidungsfindung 84
9.1.1 "Sozialstaatliche"-Aspekte der Gesundheitspolitik 87
9.2 Healthy Public Policy 89
9.3 Präventionspolitik als Gesellschaftspolitik 90
9.4 Alternative Sozialpolitik 95
9.4.1 Bildungspolitik 96
9.4.2 Staatliche Transaktionen an Bedürftige 97
9.4.3 Lohn- und Beschäftigungspolitik 98
9.5 Änderung der gesetzlichen Krankenversicherung 99
9.6 Einführung einer ergebnisorientierten Gesundheitsberichterstattung 100
10. Schlußbetrachtung 103
10.1 Zusammenfassung 103
10.2 Ergebnisse und Forderungen 104
10.3 Ausblick 108
Literaturverzeichnis 110

Automatisiert erstellter Textauszug:

"Die absehbaren Wirkungen <der Gesundheitsreform - Anm. d. Verf.> sind hochbrisant und machen deutlich, daß die Solidargemeinschaft nicht 'durch Opfer gerettet', sondern tendenziell aufgelöst werden soll."110 Letztlich ist ein Trend zu einer Privatisierung des Krankheitsrisikos zu beobachten, der zu einer bereits diskutierten Aufspaltung des Leistungsangebots der gesetzlichen Krankenversicherung in Grund- und Wahlleistungen führen kann. Leidtragende sind in allen Fällen trotz der Härtefallregelung die sozioökonomisch Schwachen der Versichertengemeinschaft, die ein hohes Morbiditätsrisiko und eine geringe Finanzkraft in sich vereinigen. Ursprünglich bezogen auf die demographische Entwicklung kann eine Einschätzung von Schwartz/Busse für den gesamten hier dargestellten Reformbereich gelten, nach welcher "der Gedanke der intergenerativen Solidarität und der Solidarität zwischen starken und schwachen Gruppen der Gesellschaft aufgelöst wird und damit vielleicht eine der wichtigsten Errungenschaften der europäischen Zivilisation in dem alles in allem eher unrühmlichen zwanzigsten Jahrhundert, nämlich die solidarische und die gesamte Bevölkerung umfassende Krankenversicherung mit umfassender Sorge für Kranke und Schwache, ohne wirkliche Not zerredet wird und das Primat des Kostenmanagements endgültig den Sieg über den Gedanken ärztlicher Fürsorgepflicht davonträgt."111 [...]

"Es ist in keiner Weise einsichtig, daß gerade der zur Gewährleistung einer angemessenen medizinischen Versorgung in strukturschwachen Regionen gedachte überregionale Risikostrukturausgleich ausgerechnet für die schwächsten Gebiete Deutschlands nicht gelten soll."108 Durch den Risikostrukturausgleich soll auch gewährleistet werden, daß der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen nicht zu einer Risikoselektion führt. Es ist zu vermuten, daß auch der Risikostrukturausgleich eine Risikoselektion nicht völlig verhindern kann. 6.5 Abschließendes Fazit Das Gesundheits-Strukturgesetz und seine Modifizierungen stellen einen wesentlichen Einschnitt in das Gesundheitssystem dar. Ziel der Gesetze war es, den Kostenanstieg zu dämpfen, die Beitragssätze stabil zu halten und Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb in das Gesundheitssystem zu integrieren. Für diese Arbeit, die den gesellschaftspolitischen Aspekt von Gesundheitspolitik in den Mittelpunkt stellt, ist ein wesentliches Ergebnis der Gesundheitsreform die Tendenz der Vergrößerung gesundheitlicher Ungleichheit, der Entsolidarisierung in der gesetzlichen Krankenkasse und der Privatisierung des Gesundheitsrisikos. Es ist zunächst nicht relevant, ob die Gesundheitsreform ihre Ziele erreicht hat. Relevant ist, daß durch die Gesundheitsreform eine Aneinanderreihung von sozialen Ungerechtigkeiten gesetzlich manifestiert wurde, deren Auswirkungen sicherlich nicht gesundheitliche Ungleichheit verringert, sondern sie tendenziell vergrößert. Die Gesundheitsreform verletzt das Grundprinzip einer egalitären Gesundheitsversorgung und einer solidarischen Krankenversicherung, da sie durch die Stärkung der Eigenverantwortung eine Umverteilung der Finanzierungslast erstens von den Schultern der Arbeitgeber hin zu denen der Arbeitnehmer und zweitens von den gesunden Versicherten hin zu den kranken Versicherten vornimmt. Mehr Eigenverantwortlichkeit wird mit höheren Zuzahlungen gleichgesetzt.109 Durch die Aufweichung des Solidarprinzips ist ein wesentlicher Bestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung geschwächt worden. Die Herausgeber des Jahrbuch für kritische Medizin sehen hier eine Gefahr der Entsolidarisierung. [...]

An diesem Punkt hätte die Gesundheitsreform ansetzen müssen. Statt Präventionsmaßnahmen einzuschränken, wäre es sinnvoll gewesen, diese Angebote eventuell durch eine gesetzliche Regelung auszudehnen und auf wirklich bedürftige Bevölkerungsgruppen abzustimmen. In der derzeit gültigen Fassung des SGB V wird Gesundheitspolitik auf Seiten der Versicherten auf eine Krankenversorgung reduziert und die Möglichkeit von Präventionsmaßnahmen und Gesundheitsförderung vernachlässigt. Die wenigen verbliebenen Präventionsangebote werden weiterhin von den Krankenkassen dazu benutzt, gezielt Personen mit mittleren Einkommen anzusprechen. Die Änderung des § 20 SGB V trägt demnach nicht zu einer Abschwächung gesundheitlicher Ungleichheiten bei, sondern vergrößert diese tendenziell. 6.4 Freies Kassenwahlrecht und Risikostrukturausgleich Das freie Kassenwahlrecht und der 1994 eingeführte Risikostrukturausgleich sind positive Ansätze innerhalb der Gesetzesreform. Mit dem freien Kassenwahlrecht erhalten die Versicherten die Möglichkeit, zum Beginn eines neuen Jahres ihre Krankenkasse zu wechseln. Damit haben die Versicherten die Möglichkeit, die für sie günstigste Krankenkasse zu wählen. Der gleichzeitige Kontrahierungszwang und das Diskriminierungsverbot verhindern zumindest theoretisch, daß Krankenkassen einzelne Versicherte nicht aufnehmen.106 Der Risikostrukturausgleich wurde mit dem freien Kassenwahlrecht eingeführt, um beitragsabhängige Finanzierungsunterschiede zwischen den Krankenkassen auszugleichen. Damit soll verhindert werden, daß Krankenkassen, die eine "schlechte" Versichertenstruktur107 haben, Wettbewerbsnachteile haben. Der Risikostrukturausgleich ist nach alten und neuen Bundesländern getrennt worden, so daß die West-Ost-Unterschiede nicht ausgeglichen werden. Gerade die Möglichkeit, durch den Risikostrukturausgleich in strukturschwachen Regionen niedrige und stabile Beitragssätze zu gewährleisten, wird nicht vollständig genutzt. Es ist notwendig, den Risikostrukturausgleich auch auf einen West-OstAusgleich zu erweitern, um durch die Angleichung der Einnahmen der Krankenkassen stabile ähnliche Beitragssätze für alle Versicherten zu ermöglichen. [...]

Arbeit zitieren:
Weber, Michael März 1999: Gesundheitsreform und Gesellschaftspolitik, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gesundheitliche Ungleichheit, Gesundheitsreform, Sozialpolitik, Gesundheitspolitische Entscheidungsfindung, Gesundheitspolitik

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