Gesundheit und soziale Ungleichheit in Deutschland
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Thomas Peter
- Abgabedatum: Juni 2011
- Umfang: 89 Seiten
- Dateigröße: 912,9 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Bergische Universität Wuppertal Deutschland
- Bibliografie: ca. 58
- ISBN (eBook): 978-3-8428-2215-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Peter, Thomas Juni 2011: Gesundheit und soziale Ungleichheit in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gesundheit, soziale Ungleichheit, Schichtungsmerkmal, Gesellschaft, Gesundheitssystem
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Diplomarbeit von Thomas Peter
Einleitung:
Gesundheit ist eines der höchsten Güter des Menschen. Sie ist Grundlage und Voraussetzung für das Funktionieren einer Gesellschaft, für Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Selbstverwirklichung ihrer Mitglieder. Eine ganze Industrie ist damit beschäftigt, Gesundheit zu schützen, wiederherzustellen und die Folgen von Krankheit zu beseitigen. Doch Gesundheit und Krankheit sind nicht gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt. Seit Jahrtausenden ist allgemein bekannt, dass die Armen durchschnittlich kränker sind als die Reichen, ein Phänomen, das als ‘gesundheitliche Ungleichheit’ bezeichnet wird. Diese Arbeit soll dafür Belege liefern und untersuchen, wie sich Gesundheit und Krankheit auf verschiedene Bevölkerungsgruppen in Deutschland verteilen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie gesundheitliche Ungleichheit zustande kommt. Anschließend ist zu fragen, inwieweit dieser Zustand ungerecht ist und mit welchen Mitteln er korrigiert werden kann. Denn wie bei allem im Leben stehen auch für den Gesundheitssektor nur begrenzte finanzielle Ressourcen zur Verfügung, und diese sollten möglichst effizient auf die einzelnen Verwendungsmöglichkeiten verteilt werden.
Kapitel 2 gibt zunächst einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Gesundheitssoziologie bis hin zur Sozial-Epidemiologie, sowohl als wissenschaftliche Disziplin als auch als (politische) Institution.
Im folgenden Kapitel 3 wird das deutsche Gesundheitssystem mit seiner Gesetzlichen und seiner Privaten Krankenversicherung sowie den einzelnen Versorgungsbereichen vorgestellt. Es wird danach gefragt, ob gesundheitliche Ungleichheit gleichsam institutionell verordnet ist.
Kapitel 4 widmet sich der Frage, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist und wie man soziale Schichten messen kann. Dazu werden fünf Schichtungsmerkmale mit ihren Eigenschaften und Wirkungen vorgestellt, von der klassischen Schulbildung bis zur ethnischen Zugehörigkeit.
Darauf aufbauend wird in Kapitel 5 untersucht, wie sich bestimmte Krankheitsbilder auf die sozialen Schichten verteilen. Als Beispiele wurden Sterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Erkrankungen und der selbstberichtete Gesundheitszustand ausgewählt. Es werden Ergebnisse aus verschiedenen sozial-epidemiologischen Studien der jüngeren Vergangenheit berichtet.
In Kapitel 6 geht es um Belastungen und Ressourcen, jene Faktoren, die im Zusammenspiel Gesundheit und Krankheit mitverursachen. Wenn Belastungen und Ressourcen ebenfalls ungleich in der Bevölkerung verteilt sind, dann kommt man der Ursache von gesundheitlicher Ungleichheit ein ganzes Stück näher.
Nachdem auf diese Weise Erklärungsansätze vorgeschlagen wurden, widmet sich Kapitel 7 der Prävention und somit der Frage, wie sich die allgemeine Gesundheit verbessern und gesundheitliche Ungleichheit verringern lässt. Prinzipien und Akteure werden vorgestellt und die einzelnen Arten von Prävention werden mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen beleuchtet.
Kapitel 8 stellt eine eigene empirische Studie auf Basis des SOEP 2008 dar. Neben der Bestätigung der allgemeinen Erkenntnisse geht es um die Frage, ob und wie das theoretische Konstrukt ‘Selbstverwirklichungsstreben’ eine Vermittlerrolle zwischen sozio-ökonomischem Status (SES) und Gesundheitsverhalten einnimmt.
Kapitel 9 schließt die Arbeit mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse ab. Außerdem wird ein Fazit gezogen und kurz über ethische und politische Konsequenzen gesprochen.
Inhaltsverzeichnis:
| Tabellenverzeichnis | III | |
| Abbildungsverzeichnis | III | |
| Abkürzungsverzeichnis | IV | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Geschichte der Gesundheitssoziologie | 3 |
| 3. | Versorgungsungleichheit | 8 |
| 3.1 | Die Gesetzliche Krankenversicherung | 8 |
| 3.2 | Die Private Krankenversicherung | 14 |
| 3.3 | Der Stand der Forschung | 16 |
| 4 | Soziale Ungleichheit | 19 |
| 4.1 | Schulbildung | 19 |
| 4.2 | Berufsstaus | 21 |
| 4.3 | Einkommen | 22 |
| 4.4 | Lebensstil | 24 |
| 4.5 | Ethnische Gruppe | 26 |
| 5. | Morbidität und Mortalität nach Sozialstatus | 30 |
| 5.1 | Mortalität | 30 |
| 5.2 | Herz-Kreislauferkrankungen | 33 |
| 5.3 | Subjektiver Gesundheitszustand | 35 |
| 5.4 | Psychische Morbidität | 37 |
| 6. | Belastungen und Ressourcen | 41 |
| 6.1 | Arbeitswelt | 41 |
| 6.1.1 | Körperliche Belastungen | 41 |
| 6.1.2 | Psychosoziale Belastungen | 42 |
| 6.1.3 | Arbeitslosigkeit | 45 |
| 6.2 | Haushalt, Familie und Wohnumfeld | 47 |
| 6.2.1 | Körperliche Belastungen | 47 |
| 6.2.2 | Psychosoziale Belastungen | 48 |
| 6.3 | Individuelles Fehlverhalten | 50 |
| 6.4 | Ressourcen | 53 |
| 7. | Prävention | 57 |
| 7.1 | Bedeutung von Prävention | 57 |
| 7.2 | Systematik und Akteure | 58 |
| 7.3 | Primärprävention | 60 |
| 7.3.1 | Verhältnisprävention | 60 |
| 7.3.2 | Verhaltensprävention | 62 |
| 7.3.3 | Moderne Ansätze der Primärprävention | 63 |
| 8. | Empirische Studie | 66 |
| 8.1 | Datenbasis | 66 |
| 8.2 | Methoden | 68 |
| 8.3 | Ergebnisse | 70 |
| 8.4 | Diskussion | 75 |
| 9. | Fazit | 76 |
| Literaturverzeichnis | 80 |
Textprobe:
Kapitel 4.4, Lebensstil:
Wie oben bereits einmal angedeutet, sind die traditionellen Schichtindikatoren nicht der Weisheit letzter Schluss wenn es darum geht, soziale Ungleichheit zu beschreiben. Besonders dann nicht, wenn man tiefer in diese Materie eintaucht, wie es in der Soziologie die Sozialstrukturanalyse tut. Aber auch in der Medizinsoziologie reichen Bildung, Berufsstatus und Einkommen oft für bestimmte Fragestellungen nicht aus, beispielsweise wenn es darum geht, Zielgruppen für präventive Interventionen zu bestimmen (dazu später mehr). Der Grund dafür liegt in den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Durch den insgesamt seit den 1960er Jahren gestiegenen Wohlstand, die Bildungsexpansion, aber auch durch das Privatfernsehen, die technologische Entwicklung (neue Medien) und durch besondere Ereignisse wie die 68er-Bewegung hat eine Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen stattgefunden. Dieser Prozess führte gleichzeitig dazu, dass der Lebensstil der Menschen von ihrem sozio-ökonomischen Status teilweise entkoppelt wurde. Das soziologische Lebensstilkonzept sollte dem Rechnung tragen. Nach einer gewissen Blütezeit dieses Ansatzes wurde in der wissenschaftlichen Debatte zunehmend kritisiert, dass schichtungssoziologische Aspekte nicht mehr genug Beachtung finden, obwohl vertikale Schichtung in der Gesellschaft immer noch vorhanden ist und Theorien mit Schichtungsvariablen immer noch Aussagekraft besitzen. Das Lebensstilkonzept ist daher nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zu klassischen Schichtungsmodellen nach Bildung, Beruf und Einkommen zu sehen.
Aber was genau ist denn nun ein Lebensstil? Ein Lebensstil ist ein mehrdimensionales Set aus Werthaltungen, Handlungsroutinen, Konsumgewohnheiten, kulturellen Vorlieben, Alltagsästhetik und Symbolen wie bestimmter Kleidung, durch die ein Individuum seine Identität konstituiert, seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe betont und sich gleichzeitig von anderen Gruppen abzugrenzen versucht. Vor der Pluralisierung der Gesellschaft erfolgte Sozialisation durch Übernahme von allgemein gültigen Werten und Normen, z.B. über die Herkunftsfamilie. Heutzutage steht die sog. Selbstsozialisation im Vordergrund: erweiterte Handlungsoptionen erlauben es dem Individuum, sich selbst eine Gruppe oder (Sub-) Kultur auszusuchen, zu der es dazugehören möchte, und sich die entsprechenden kontextgebundenen Normen und Symbole, das kulturelle Kapital, selbst anzueignen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Freizeit heute eine größere Bedeutung für die persönliche Sinnfindung und Identitätsbildung hat als noch vor 50 Jahren. Der Mensch lebt nicht mehr (nur) für seine Arbeit, sondern arbeitet, um die (materiellen) Ressourcen zu erwerben, die er braucht, um sich in seiner Freizeit selbst zu ‘verwirklichen’. Beispiele für die einzelnen Dimensionen von Lebensstilen sind ‘kulturelle Vorlieben’, ‘Werte’ oder ‘Freizeitaktivitäten’, ihre Ausprägungen heißen z.B. ‘Harmonieschema’, ‘Hochkulturschema’, ‘Spannungsschema’ oder ‘Jugendschema’. Menschen mit ähnlichen Lebensstilen bilden sog. Milieus, gesellschaftliche Gruppen mit relativ homogenen Strukturen. Vertikale Schichten und horizontale Lebensstile spannen einen zweidimensionalen Raum auf, in dem die einzelnen Milieus über-, unter- und nebeneinander eingeordnet werden können. Ein Beispiel für eine solche Typologie stammt vom Sinus-Institut (2008) und unterscheidet z.B. zwischen dem ‘Konservativen Milieu’, dem ‘Hedonistischen Milieu’, den ‘Postmaterialisten’, den ‘Konsum-Materialisten’ und der ‘Bürgerlichen Mitte’.
Es stellt sich die Frage, wie soziale Lage und Lebensstil miteinander zusammenhängen. Einerseits bilden sie die zwei Dimensionen, anhand derer die Milieus im sozialen Raum unterschieden werden. Andererseits beeinflussen sie sich auch gegenseitig, wobei dem Einfluss von sozialer Lage auf Lebensstil die größere Bedeutung zukommen dürfte. Der einflussreiche Sozialstrukturforscher Pierre Bourdieu hat den sog. Habitusbegriff (Einstellungs- und Bewertungsmuster) geprägt, um diesen Einfluss zu erklären. ‘Der Habitus eines Menschen gilt als unbewusstes und bewusstes Produkt der Lebens- und Lernbedingungen und ist damit stark an die soziale Herkunft gekoppelt.’ Und in der Tat kann Annette Spellerberg in empirischen Untersuchungen einen starken Zusammenhang zwischen Bildung und den meisten Lebensstildimensionen feststellen. So sind Hochgebildete häufiger dem Hochkulturschema zugeneigt, während weniger Gebildete das Harmonieschema bevorzugen. Auch gehen letztere öfter Aktivitäten im häuslichen Umfeld nach, wo es höher Gebildete in die Öffentlichkeit zieht. Der Einfluss von Bildung auf kulturelle Vorlieben und Freizeitaktivitäten wird nur noch vom Einfluss des Lebensalters übertroffen, wobei es unterschiedliche Einflussstärken zwischen den Geburtskohorten und zwischen West- und Ostdeutschland gibt.
Das Alter führt zu einem letzten Punkt, über den es Meinungsverschiedenheiten in der wissenschaftlichen Diskussion gab: Trägereinheit von Lebensstilen ist natürlich das Individuum, nicht der Haushalt, denn Haushalte sind oft altersmäßig heterogen zusammengesetzt, wenn Kinder vorhanden sind.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842822153
Arbeit zitieren:
Peter, Thomas Juni 2011: Gesundheit und soziale Ungleichheit in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gesundheit, soziale Ungleichheit, Schichtungsmerkmal, Gesellschaft, Gesundheitssystem



