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Gesundheit von Migrantinnen und Migranten in Deutschland

Gesundheit von Migrantinnen und Migranten in Deutschland
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Susan Klose
  • Abgabedatum: Februar 2010
  • Umfang: 154 Seiten
  • Dateigröße: 2,0 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • Bibliografie: ca. 420
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0365-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Klose, Susan Februar 2010: Gesundheit von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Migration, Deutschland, Gesundheit, Erklärungsmodelle, Benachteiligung

Diplomarbeit von Susan Klose

Einleitung:

In Anbetracht der zunehmenden Globalisierung ist es schon längst nicht mehr so, dass 'Fremde' kommen, um dann ihren Zielort nach einer bestimmten Zeit wieder zu verlassen. Im Gegenteil, besonders in diesen Zeiten sind die Menschen verstärkt auf Wanderschaft und versuchen ihre Lebensbedingungen durch eine wenn notwendig, dauerhafte Verlagerung ihres Wohnortes zu verbessern. Dabei hat sich die Art der Migration verändert. Seit dem 19. Jahrhundert kommt es zu einer zunehmenden, Individualisierung der Migration. Zeichnete sich Migration vor allem durch Wanderungen von unterschiedlich großen Kollektiven aus, so bewegen heute andere Motive Menschen dazu ihre Heimat zu verlassen. Meist steht dabei die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen im Vordergrund. Zuwanderer und deren Nachkommen gehören mittlerweile zum festen Bild in Deutschland und fordern dementsprechend eine kulturelle, aber auch wissenschaftliche Beachtung. Das Thema Migration ist heute aktueller denn je, folglich ist es nicht nur die Geographie, die sich mit diesem Themenbereich beschäftigt. Mehr und mehr gewinnt dieses Untersuchungsgebiet ebenso in der Medizin an Bedeutung, auch in Deutschland.

Besonders in Zeiten des demografischen Wandels, in dem der Anspruch an das deutsche Gesundheitssystem wächst. Immer mehr ältere Menschen und vor allem Personen, die in den 1950er und 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und für immer blieben, gliedern sich in die Gruppe der Rentner von heute ein. Aber auch deren Nachkommen, die 2. oder 3. Generation (wie etwa Kinder oder Enkelkinder), die meist nicht selbst migriert, sondern bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, werden die Bevölkerungsentwicklung der Bundesrepublik in Zukunft aktiv mitgestalten.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis IV
Zusammenfassung V
I. Einleitung 1
1. Hinführung zum Themenfeld: Migration und Gesundheit 1
1.1 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 8
1.2 Hauptfragestellung 9
II. Themenfeld: Migration 11
1. Einführung 11
2. Grundbegriffe 13
2.1 Personen mit Migrationshintergrund 18
2.2 Ausländer 20
2.3 Flüchtlinge und Asylsuchende 23
2.4 Illegale Migrantinnen und Migranten 25
2.5 Methodische Herausforderungen 27
3. Wanderungen nach Deutschland ab 1955 32
3.1 Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte (1955-1973) 34
3.2 Aussiedler 36
3.3 Die räumliche Verteilung von Migranten in Deutschland 39
III. Themenfeld: Gesundheit von Migranten 43
1. Gesundheit 43
1.1 Migranten im deutschen Gesundheitssystem 48
1.2 Migration und Gesundheit, eine Bestandsaufnahme: 51
1.2.1 Mortalität 60
1.2.2 Infektionskrankheiten 65
1.2.3 Psychische Gesundheit 69
1.2.4 Subjektive Gesundheit 74
2. Die Bedeutung der kulturellen Dimension 76
2.1 Der Kulturbegriff 77
2.2 Stellenwert von Kultur in der medizinischen Praxis 81
2.3 Krankheitsverständnis am Beispiel türkisch-muslimischer Patienten 84
IV. Erklärungsmodelle 89
1. Erklärungsmodelle für die gesundheitliche Situation von Migranten 89
1.1 Das Erklärungsmodell des „Healthy-Migrant-Effektes“ 89
1.2 Das Modell der Migration als gesundheitlicher Übergang 96
1.3 Zugangsbarrieren für Migranten 99
1.3.1 Migrationsspezifische Erfahrungen 99
1.3.2 Kommunikationsprobleme 101
1.4 Soziale Benachteiligung 103
V. Schlussbetrachtung 109
Abkürzungsverzeichnis: XI
Literaturverzeichnis: XII

Textprobe:

Kapitel III.2, Die Bedeutung der kulturellen Dimension:

Auf den ersten Blick erscheint die Einbindung des Kulturbegriffs im Rahmen dieser Arbeit möglicherweise ungewöhnlich, auf den zweiten Blick sollte jedoch deutlich geworden sein, dass es wichtig ist, diesen Aspekt in das Untersuchungsfeld Migration und Gesundheit mit einzubeziehen.

Migranten bringen bei ihrer Einreise eine eigene Kultur mit, die meist im Gegensatz zur hiesigen steht und nicht selten zu Konflikten führen kann. Auch wenn die Gruppe der Migranten durch ihre Vielfalt gekennzeichnet ist, existieren Gemeinsamkeiten. Von Schenk und Neuhauser knapp formuliert ‘ist ihnen eine Situation gemeinsam, die durch die eigene oder Migrationserfahrung ihrer Eltern geprägt ist.’ Das betrifft also auch Personen, die selbst über keine eigenen Migrationserfahrungen verfügen. Verglichen mit der nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung im Aufnahmeland werden Migranten durch ‘eine ethnische Zugehörigkeit, die durch sie selbst hergestellt oder als Fremdkonstruktion erfahren und bearbeitet wird’, charakterisiert. Der wesentliche Unterschied zwischen der 1. und 2. bzw. 3. Generation liegt im ‚Grad der Verwurzelung und in der kulturellen Identität und der Verbundenheit mit traditionellen Wertvorstellungen’. Daher kommt es nicht selten zu Konflikten zwischen den Generationen, da Kinder oder Enkelkinder von Migranten häufig einen Spagat zwischen ‘elterlicher kultureller Identität und der außerfamiliär erfahrenen Sozialisation im Gastland’ erleben, und sich darin zurechtfinden müssen. Vielfach sind Ausgrenzung aus der einheimischen Gesellschaft, aber auch Diskriminierung, Rassismus oder soziale Ungerechtigkeit die Folge. Diese Erfahrungen können wiederum einen starken Einfluss auf den körperlichen und psychischen Zustand einer Person ausüben und sogar eine weitere Ausgrenzung der Person aus der hiesigen Gesellschaft zur Folge haben Der Kulturbegriff:

Noch in den 1970er Jahren wäre eine Verknüpfung der Themenbereiche Kultur und Gesundheit nicht selbstverständlich gewesen oder wahrscheinlich auf Unverständnis gestoßen. Nicht zuletzt ist diese Entwicklung der ‚kulturellen Wende‘ (engl.: cultural turn) zu verdanken. Zeitlich lässt sich der cultural turn zwischen den 1970er und 1990er Jahren einordnen. Erstmalig fand der Begriff cultural turn‚ im Handbuch für Soziologie von Alexander Verwendung.

‘Er bezeichnet damit einen Paradigmenwechsel in den Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, bei dem die ideelle Dimension menschlichen Handelns, wie unter anderem Symbolik, Ordnung und Bedeutung als Voraussetzung für das Verständnis sozialer Phänomene betrachtet wurde’.

Seitdem hat der Kulturbegriff seinen festen Platz und gilt sozusagen als ‘Schlüsselbegriff (…) in humanwissenschaftlichen und politischen Debatten’. Folglich wurde ‘Kultur (…) zu einem neuen Paradigma in den Geistes- und Sozialwissenschaften’.

Aus dieser neuen Perspektive gewinnen die Themen Kultur bzw. Kulturwissenschaften in der Medizin bzw. in den Gesundheitswissenschaften zunehmend an Relevanz. So änderte sich der Blickwinkel auf das Gesundheitssystem, da sich Krankheitsbilder mehr und mehr verändern und beispielsweise Präventionsprogrammen erheblich mehr Bedeutung zukommt. Diese Entwicklung wiederum, wirkt sich auf das Forschungsfeld Medizin aus und verlangt umfassende medizinische Behandlungsmethoden. Das allgemeine Verständnis des Kulturbegriffs ist sehr komplex und umfangreich. Je nachdem in welchem Forschungsbereich man sich bewegt, variieren dessen Definition und Umfang. Dabei ist besonders für das Thema Migration und Gesundheit von Migranten von Bedeutung, wie Kultur verstanden wird und damit einhergehend, die Einstellung und der Umgang mit ‘Krankheit, Medizin oder Tod’.

In der Wissenschaft existiert eine Vielzahl von Kulturbegriffen, die je nach Fachdisziplin unterschiedlich definiert werden. Eine ‘allgemeingültige Definition von Kultur’ existiert nach Tuschinsky nicht.

Von Knipper und Bilgin werden ferner zwei ‚idealtypische‘ Kulturdefinitionen unterschieden. Zum einen der ‘essentialistische Kulturbegriff’, zum anderen der überwiegend in spezifischen Fachdisziplinen benutzte ‘analytische Kulturbegriff’.

Ausgehend vom essentialistischen Kulturbegriff, ist das Verständnis von ‚Kultur‘ als eine ‘historisch statische Größe’ zu sehen ‘danach umfasst die Kultur von den Sitten und Bräuchen über die Religion, Kunst und soziale Organisation bis hin zu grundlegenden moralischen Orientierungen und – typischen - Persönlichkeitsmerkmalen all jene Aspekte, die einen Menschen als Mitglied einer spezifischen Gesellschaft auszeichnen. (…)’.

An dieses Kulturverständnis knüpft sich die Auffassung, dass kulturelle Merkmale an bestimmte Räume und Sprachen gekoppelt sind. Grundlage dieses Kulturverständnisses sind ethnologische Theorien des 19. Jahrhunderts, die sich einer möglichst vollständigen Darstellung der weltweiten Kulturen widmen.

Der Begriff ‚Kultur‘ gilt als zentraler Begriff in der Völkerkunde. Sein Ursprung geht ‘auf cultura: Bebauung, Bearbeitung, Ausbildung sowie auf das lateinische Verb colere: bebauen, bestellen, pflegen’ und ging damit auf den agrikulturellen Bereich zurück, ‘d. h. auf Handlungen und Prozesse, durch die ‚Natur‘ in soziale Lebensräume transformiert wurden’.

Anfänglich wurde ‚Kultur‘ also ‘im Sinne menschlicher Fähigkeiten’ angewandt und erfuhr am Ende des 18. Jahrhunderts eine Gleichsetzung mit dem Begriff Ethnien (Ethos=Kultur).

Die Definition des britischen Anthropologen Tylor, war grundlegend für darauffolgende Kulturdefinitionen. In seinem ersten Werk ‚Primitive culture‘ im Jahr 1871, interpretiert er den Begriff ‚Kultur‘ in seiner erweiterten ethnographischen Bedeutung als ‘(0…) komplexes Ganzes von Glaube, Kunst, Gesetz, Moral, Brauch und jeder anderen menschlichen Fähigkeit und Haltung’. Lediglich in der Ethnologie wurden Mitte der 1950er Jahre an die 300 verschiedene Definitionsarten des Begriffs Kultur gezählt. Diese vielen Definitionen spiegeln wider, wie viele unterschiedliche Formen des menschlichen Daseins auf der Welt existieren. Dabei verfügt jede Menschengruppe, so ‚primitiv‘ sie auch sein mag über eine Kultur!

In Deutschland ist nach Tuschinsky meist dennoch dieser ‚essentialistische Kulturbegriff‘ verankert und beinhaltet ‘eine verkappte genetische Interpretation von Kultur’.

Neue Kulturdefinitionen entfernen sich von dieser starren Ansicht eines Kulturverständnisses und heben nun den prozesshaften Charakter hervor. Damit wird versucht ‘Stereotypisierungen und Ideologisierungen entgegenzuwirken’.

Optional erfolgt eine Anwendung des Kulturbegriffs in bestimmten Fachdisziplinen auch als ‚analytische Kulturbegriff‘. Dieser bezieht sich auf die Definition des deutschen Philosophen Cassirer: ‘Jede sinnliche Erfahrung und ihre kognitive Verarbeitung wird durch einen individuellen ‚Wahrnehmungsfilter‘ geformt, welcher auf den gesammelten Vorerfahrungen des einzelnen Menschen basiert’.

Arbeit zitieren:
Klose, Susan Februar 2010: Gesundheit von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Migration, Deutschland, Gesundheit, Erklärungsmodelle, Benachteiligung

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