Gestörtes Verhältnis zwischen Fans und Polizei?
Eine empirische Untersuchung zu gewalttätigem Zuschauerverhalten im deutschen Profifußball
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Fabian Friedmann
- Abgabedatum: April 2009
- Umfang: 147 Seiten
- Dateigröße: 932,0 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
- Bibliografie: ca. 135
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3007-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Friedmann, Fabian April 2009: Gestörtes Verhältnis zwischen Fans und Polizei?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Fußball, Zuschauergewalt, Hooligans, Gewaltbereitschaft, Polizei
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Diplomarbeit von Fabian Friedmann
Einleitung:
Zuschauergewalt gilt seit den 70er und 80er Jahren als großes Problem im deutschen Profifußball. Die Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien wurden in den letzten Jahrzehnten drastisch verstärkt und weiterentwickelt: Große Polizeipräsenz, Kameraüberwachung in den Stadien, szenekundige Beamte, Polizisten in Zivil, Blocktrennung zwischen den Fanlagern, Fanprojekte und Sicherheitsbeauftragte der Vereine sollen dafür sorgen, dass der mittlerweile zum gesellschaftlichen Event stilisierte Profifußball nicht durch gewalttätige Exzesse einzelner instrumentalisiert wird.
Doch gerade aktive Fußballfans in der Kurve, die ihre Mannschaft bedingungslos anfeuern und fast zu jedem Spiel ins Stadion gehen, kritisieren den enormen Sicherheitsapparat und hinterfragen Verhältnis- und Rechtmäßigkeit der polizeilichen Maßnahmen. Zusehends häufen sich Berichte von Fanvereinigungen und Faninitiativen über ungerechtfertigte Stadionverbote, repressive Kontrollen, Speicherung von persönlichen Daten und mitunter über die Kriminalisierung von friedlichen Fans. Offenbar fühlen sich viele Fußballzuschauer in der Freiheit ihre Fankultur auszuleben gestört.
Die vorliegende Diplomarbeit soll das Verhältnis zwischen Fans und Polizei eingehender beleuchten. Sie will hinterfragen, ob die massive Präsenz und das Vorgehen der Polizei im Rahmen von Profifußballspielen teilweise für Aggressionen und Fangewalt in und um die deutschen Stadien mitverantwortlich sind. Sie will verstehen, wie es zu einer Eskalation zwischen Fans und Ordnungskräften kommen kann.
Dabei wird zunächst eine Definition der verschiedenen Zuschauergruppen im Fußballstadion gegeben. Es soll aufgezeigt werden, welche Arten von Fans mittlerweile Gewalt verüben. Da in den letzten Jahren eine Änderung in der Fankultur zu beobachten ist, soll besonders auf die neue Fansubkultur der „Ultras“ eingegangen werden. Im Anschluss werden einzelne traditionelle Theorien zur Zuschauergewalt behandelt und mit ihnen die Einflussfaktoren und Ursachen aufgezeigt, die aggressive Handlungen bei Fußballspielen bedingen können.
Schlussendlich soll eine Analyse von qualitativer Feldforschung und Interviews Aufschluss geben, inwieweit das Verhältnis zwischen Fans und Polizei als „gestört“ bezeichnet werden kann oder ob die Kritik am polizeilichen Vorgehen als unberechtigt anzusehen ist und die Maßnahmen angebracht sind, um Gewalttäter im Stadion abzuschrecken und einen friedlichen Verlauf von Fußballgroßveranstaltungen zu gewährleisten.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Theoretischer Hintergrund | 6 |
| 2.1 | Fußball: Von den Wurzeln zum Zuschauersport | 6 |
| 2.2 | Zuschauer: Individuen und dynamische Kollektive | 8 |
| 2.3 | Gewalttätiges Zuschauerverhalten: Kampf- und Konflikterfahrungen | 10 |
| 3. | Die verschiedenen Zuschauergruppen im Fußballstadion | 12 |
| 3.1 | Der Zuschauer als Kunde und Konsument | 12 |
| 3.2 | Der Fan innerhalb einer jugendlichen Subkultur | 14 |
| 3.3 | Die Ultras | 15 |
| 3.3.1 | Motivation, Organisation und Gewaltbereitschaft | 16 |
| 3.4 | Die Hooligans | 19 |
| 3.4.1 | Tradition, Motivation und Veränderungen | 20 |
| 3.4.2 | Ost-West-Vergleich und neuere Entwicklungen | 24 |
| 4. | Zuschauergewalt im sozialen System Fußball | 28 |
| 4.1 | Das Interesse der Medien | 29 |
| 4.1.1 | Die Rolle der Berichterstattung | 29 |
| 4.2 | Die Maßnahmen der Vereine und Verbände | 32 |
| 4.2.1 | Aufgaben von Ordnungs- und Sicherheitsdiensten | 33 |
| 4.2.2 | Stadionordnung und Stadionarchitektur | 35 |
| 4.2.3 | Stadionverbote: Entstehung und Umsetzung | 37 |
| 4.3 | Die Organisation und Vorgehensweise der Polizei | 40 |
| 4.3.1 | Polizeiliche Gewaltprävention und Intervention | 41 |
| 4.3.2 | Analyse von Verhältnis- und Rechtmäßigkeit | 45 |
| 4.3.3 | Zusammenfassung unter Berücksichtigung der ZIS Datei ‚Gewalttäter Sport’ | 49 |
| 4.4 | Zusätzliche Präventivmaßnahmen und Publikumszusammenschlüsse | 52 |
| 4.4.1 | Sozialarbeit und Fanprojekte | 53 |
| 4.4.2 | Faninitiativen und Fanrechtefonds | 54 |
| 5. | Forschungsstand zu den Ursachen von Zuschauergewalt | 55 |
| 5.1 | Grundlagen, Theorien, phänomenologische Erklärungsansätze | 55 |
| 5.1.1 | Aggressionstheorien | 58 |
| 5.1.2 | Massenpsychologische Ansätze | 59 |
| 5.1.3 | Schichtbezogene Ansätze und Subkultur-Theorien | 60 |
| 5.1.4 | Entwertungsthese | 61 |
| 5.1.5 | Zivilisationstheoretischer Ansatz | 62 |
| 5.1.6 | Theorie zum polizeilichen Aggressor | 63 |
| 5.2 | Empirische Untersuchungen | 66 |
| 5.3 | Kritik und Stellungnahme | 70 |
| 6. | Grundlagen und Methodologie der Datenerhebung | 72 |
| 6.1 | Ansatz des methodologischen Individualismus | 73 |
| 6.2 | Strukturell-individualistischer Ansatz | 74 |
| 6.3 | Makro-, Meso-, Mikroebene | 77 |
| 7. | Methodisches Vorgehen | 77 |
| 7.1 | Untersuchungsraum und Auswahl der Untersuchungseinheit | 79 |
| 7.2 | Teilnehmende Beobachtungen im Feld | 80 |
| 7.3 | Leitfadengestützte Experteninterviews | 82 |
| 7.4 | Narrative Interviews | 83 |
| 8. | Auswertung und Theoriebildung | 84 |
| 8.1 | Teilnehmende Zuschauer- und Polizeibeobachtungen | 85 |
| 8.1.1 | Deskriptive Beobachtung Zuschauer (Frankfurt) | 86 |
| 8.1.2 | Fokussierte Beobachtung Zuschauer (Kaiserslautern) | 87 |
| 8.1.3 | Selektive Beobachtung Polizei (Nürnberg) | 89 |
| 8.1.4 | Interpretation und Fazit | 94 |
| 8.2 | Qualitative Inhaltsanalyse zur Zuschauergewalt | 96 |
| 8.2.1 | Aufgaben der Polizei und umgesetzte taktische Maßnahmen | 98 |
| 8.2.2 | Zuschauer als vorsätzliche, situative und medial inszenierte Gewalttäter | 102 |
| 8.2.3 | Formen der Zuschauergewalt und ihre situationsbedingten Ursachen | 107 |
| 8.2.4 | Trends: Gesteigertes Gewaltpotential bei Ostvereinen und in Amateurklassen | 112 |
| 8.2.5 | Einzelfallanalyse zu den Ausschreitungen in Regensburg im Jahr 2004 | 115 |
| 8.2.6 | Verhältnis zwischen einzelnen Zuschauergruppen und der Polizei | 120 |
| 8.2.7 | Präventions- und Lösungsansätze zur Zuschauergewalt | 125 |
| 9. | Diskussion | 134 |
| 10. | Zusammenfassung | 137 |
| Literaturverzeichnis | 140 |
Textprobe:
Kapitel 5.1.1, Aggressionstheorien:
In den 70er und 80er Jahren dominieren Deutungen zur Zuschauergewalt auf Basis der Phänomenologie. Einerseits auf Grundlage der Frustrations-Aggressions-Hypothese, andererseits auf Annahmen der psychoanalytischen Trieblehre und zuletzt der behavioristischen Lerntheorie. Diese Arbeiten haben im Kern ihrer Überlegung eine Aggressionstheorie. Sie gehen zunächst von der Grundüberlegung aus, dass für die Ausschreitungen bei Fußballspielen maßgeblich die Aggressionen der Zuschauer verantwortlich sind. Unter Aggressionen werden grundsätzlich menschliche Verhaltensweisen mit dem Ziel der Verletzung oder Schädigung verstanden. Sie können in physischer oder verbaler Art ausgeprägt sein.
Dollard et al. stellten bereits 1939 die Frustrations-Aggressions-Hypothese auf. Sie sehen Aggressionen als eine Folge erlebter Frustrationen1. Für gewalttätiges Zuschauerverhalten beim Fußball wurde daraus abgeleitet, dass die Fans einer verlierenden Mannschaft aggressiver sind als die Fans einer siegreichen Mannschaft.
Erlebte frustrierende Situationen im Stadion wie Fehlleistungen des Schiedsrichters oder eine schlechte Leistung der favorisierten Mannschaft werden als so genannte Hinweisreize angesehen, die als auslösende Bedingungen für Aggressionen der Zuschauer fungieren und die zur Entstehung gewalttätiger Auseinandersetzungen beitragen: Je höher also der Stellenwert eines Spiels ist, desto größer müsste auch die Erregung und Wut und damit die Aggression sein, welche sich dann gegen die Fans des gegnerischen Vereins richtet. ‚Wenn die eigene Mannschaft nicht in der Lage ist, einen Sieg zu erreichen, muss eben der Gegner auf den Rängen besiegt werden’.
Basierend of Freuds psychoanalytischen Trieblehre und den Lorenz'schen Triebmodellen aus der Verhaltensforschung ist die Hypothese entwickelt worden, dass durch aktive oder rezeptive Teilnahme an aggressivem Verhalten eine Aggressionsminderung eintritt. In dieser „Katharsis“ des Zuschauer-Erlebnisses sollte sich der postulierte Triebenergiedruck entladen. Die Aggressivität müsste dann entgegen der Aggressions-Frustrations-Hypothese nach dem Spiel geringer sein als vorher.
Der Katharsis-Effekt kann nach Lorenz gerade beim Sport erfolgen, da ihm eine reinigende Kraft zugesprochen wird. Statt die Aggressionen gegen sich selbst oder die Gesellschaft zu richten, dient der Sport als Ersatzobjekt und Sicherheitsventil. Durch das Zuschauen des aggressiven Fußballsports und durch gelegentliche Gewaltausbrüche der Zuschauer werden die Beteiligten im therapeutischen Sinne von Unzufriedenheit und Aggressionen befreit.
Einen anderen Ansatzpunkt bildet die behavioristische Lerntheorie: Aggressionen werden nicht als angeborener Instinkt oder Trieb angesehen, sondern sie wird erlernt. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Ansätze: Erstens das Lernen am Erfolg (Bekräftigungslernen) und zweitens das Lernen am Modell (Beobachtungslernen).
Lernen am Erfolg bedeutet, dass ein aggressives Verhalten wiederholt wird, wenn positive Folgen für den Handelnden zu erwarten sind, etwa die Erhöhung des Status' in der Gruppe. Sind negative Folgen zu erwarten (z.B. Strafen) wird es dagegen nicht zu einer Wiederholung kommen. Dabei erfolgt der Abbau von aggressiven Verhalten wesentlich langsamer als ihr Aufbau.
Lernen am Modell besagt, dass Lerneinflüsse gerade auch von Personen mit Vorbildcharakter ausgehen. Aggressive Verhaltensweisen dieser Modellpersonen werden nachgeahmt und in das Repertoires des Beobachters aufgenommen. Ob in der Folge aggressive Akte durch den Beobachter passieren, hängt vom Erfolg und der Befriedigung von Bedürfnissen ab und zudem von der Gelegenheit zur Imitation.
Nach der Lerntheorie kann für das Zuschauerverhalten eines Fußballspiels von zwei Modelliereffekten ausgegangen werden: Einerseits wird durch das Beobachten von aggressiven Verhalten auf dem Spielfeld, etwa durch Fouls, ein Anstieg von gewalttätigem Verhalten angenommen. Andererseits erkennen die Zuschauer, dass sich aggressives Verhalten lohnt, da etwa aggressive Anfeuerungsrufe die Heimstärke eines Vereins zu fördern scheint und besonders fanatische Zuschauer Ansehen und Prestige unter anderen Fans gewinnen können.
Massenpsychologische Ansätze:
Bei hooligantypischen Verhaltensweisen und Auseinandersetzungen ist häufig eine größere Personenanzahl beteiligt. Deshalb ist die Einbeziehung und Untersuchung massen- und gruppendynamischer Prozesse wichtig, um das Phänomen des Hooliganismus erklären zu können.
Der traditionelle massenpsychologische Ansatz nach Le Bon (1895) geht von einem Unterschied zwischen Individuen und der Masse aus. Die Masse kann dabei nicht als Zusammenschluss von Individuen angesehen werden, sondern vielmehr erfahren die Beteiligten die in der Gruppe wirkende „Gemeinschaftsseele“, die eine gemeinsame Orientierung der Gedanken, Gefühle und Handlungen bewirkt. Mit anderen Worten: Der Einzelne verliert in der Masse seine Kritikfähigkeit und verhält sich mitunter primitiv-barbarisch. In dieser Situation ist er leichtgläubiger, unterliegt der psychischen Ansteckung und ist somit von Meinungsführern leichter zu lenken. Derjenige also, der sich von diesem Zustand mitreißen lässt, erlangt durch das Aufgehen in der Masse zu einem Gefühl von Macht und kann seine Triebe aufgrund der vorherrschenden Anonymität ausleben, ohne weit reichende Konsequenzen befürchten müssen.
Des Weiteren sind Le Bons Überlegungen durch Zimbardo aufgegriffen und für die so genannte Deindividuationsannahme weiterentwickelt worden. Unter Deindividation ist ein besonderer Zustand eines Individuums zu verstehen, in welchem die Kontrolle des eigenen Verhaltens nachlässt begünstigt durch Gruppensituationen. Diese Situationen reduzieren die üblichen Hemmungen des Einzelnen gegenüber Aggressionen, so dass Gewaltausbrüche oder Vandalismus wahrscheinlicher werden.
Bezogen auf den Fußball und seine Zuschauer kann hieraus gefolgert werden, dass die Begeisterungsausbrüche des Publikums und das damit verbundene Aufgehen in der Menge vermutlich Gewalttätigkeit begünstigt. Die gleichartige Wut und Erregung über Fehlabläufe beim Spiel können, begünstigt durch vorherrschende Anonymität, zu einer kollektiven Massengewalt führen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836630078
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Fußball, Zuschauergewalt, Hooligans, Gewaltbereitschaft, Polizei



