Gestaltpädagogik
Pädagogik im Sinne Erich Fromms?
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Vanessa-Isabelle Reinwand
- Abgabedatum: Dezember 2003
- Umfang: 97 Seiten
- Dateigröße: 671,8 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8184-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8184-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8184-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Reinwand, Vanessa-Isabelle Dezember 2003: Gestaltpädagogik, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Bildung, Bewusstsein, Rainer Funk, Sozialkritik
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Magisterarbeit von Vanessa-Isabelle Reinwand
Zusammenfassung:
Die Probleme unserer Zeit, bestimmt durch Ökonomie und eine entsprechende Ideologie mit negativen gesellschaftlichen, politischen, sozialen, zwischenmenschlichen und ökologischen Auswirkungen machen deutlich, dass sich das allgemeine Denken und Handeln in einem unzureichenden Zustand befindet. Trotz des ungeheuren naturwissenschaftlichen und (sozial)technologischen Wissens, scheint unser Bildungssystem diesem Zustand nicht entgegenzuwirken, sondern bestehende Verhältnisse sogar zu verschlimmern. Grundlegendes Wissen über das Wesen und die Natur des Menschen wird unterschlagen oder gar als veraltet betrachtet, wenn es nicht (im Sinne der „neuen“ Produktivität) sozialtechnologisch verwertet werden kann.
Dies drückt sich in einer Bildungskrise aus, die dadurch charakterisiert ist, dass sie anthropologisches Wissen, welches zur Weiterentwicklung und Emanzipation aus bestehenden Ideologien von Nöten ist, unterschlägt und Bildung mit bloßer Aneignung naturwissenschaftlich-technischen und sozialtechnologischen Wissens gleichsetzt. (Vergleichend hierzu sind die Untersuchungsgrundlagen der Pisastudie zu betrachten.) Vorliegende Arbeit will unter pädagogischen Gesichtspunkten mit Hilfe von Erich Fromms analytischer Sozialpsychologie und ihrer Aktualisierung durch Rainer Funk (Vorsitzender der Erich-Fromm-Gesellschaft e.V.), die gesellschaftlichen Mechanismen herausstellen, welche heute der (sittlichen) Weiterentwicklung des Menschen (im Sinne der Weiterführung der Aufklärung) entgegenstehen. Dabei wird deutlich, dass gestaltpädagogische Ansätze mit Fromms Anthropologie in Einklang gebracht werden können, und somit einen fruchtbaren, alternativen Bildungsansatz darstellen.
„Der einzige Weg, der produktiv ist, besteht darin, dass man mit seinen Mitmenschen und der Natur spontan in Beziehung tritt, und zwar in eine Beziehung, welche den einzelnen mit der Welt verbindet, ohne seine Individualität auszulöschen.“ (Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, GAI, S.235) Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung und Übersicht | 3 | |
| 1. | Erich Fromm | 7 |
| 1.1 | Erich Fromm und die kritische Theorie | 7 |
| 1.2 | Menschenbild Fromms | 12 |
| 1.3 | Grundbedürfnisse des Menschen | 15 |
| 1.4 | Individueller Charakterbegriff | 21 |
| 1.5 | Gesellschaftscharakter | 23 |
| 1.6 | Produktive und nicht-produktive Charakterorientierungen | 24 |
| 2. | Pädagogische Themen bei Erich Fromm | 26 |
| 2.1 | Biophile Ethik | 26 |
| 2.2 | Biophile Erziehung | 27 |
| 2.3 | Pädagogische Grundbegriffe in Teilaspekten | 28 |
| 3. | Gesellschaftsanalyse am Beispiel der Marketing- Orientierung | 35 |
| 3.1 | Die Entstehung der Marketing-Orientierung | 35 |
| 3.2 | Die Marketing-Orientierung und die Konsequenzen | 37 |
| 4. | Rainer Funk: Weiterentwicklung des Frommschen Ansatzes | 39 |
| 4.1 | Allgemeine Gesellschaftsanalyse: Von der Moderne zur Postmoderne | 40 |
| 4.2 | Die postmoderne Ich-Orientierung | 44 |
| 4.3 | Psychische Folgen und sich ergebende Forderungenan eine adäquate Pädagogik | 47 |
| 4.4 | Erziehung zum Sein | 49 |
| 5. | Versuch einer praktischen Anwendung: Gestaltpädagogik | 52 |
| 5.1 | Wurzeln der Gestaltpädagogik | 52 |
| 5.2 | Geschichte der Gestaltpädagogik | 59 |
| 5.3 | Begriffsabgrenzung: Was ist Gestalt? | 60 |
| 6. | Was ist Gestaltpädagogik? | 64 |
| 6.1 | Gestaltgesetze | 64 |
| 6.2 | Ziele der Gestaltpädagogik | 71 |
| 6.3 | Gestaltpädagogischer Lernprozess | 73 |
| 6.4 | Methoden der Gestaltpädagogik | 75 |
| 6.5 | Die Erzieherpersönlichkeit | 81 |
| 7. | Gestaltpädagogik als Pädagogik des Seins im SinneErich Fromms | 85 |
| 7.1 | Rückbezug auf Erich Fromm | 85 |
| 7.2 | Parallelen zwischen Fromms Menschenbild und dem der Gestaltpädagogik | 87 |
| Literaturliste | 90 |
Wie nun antwortet die Frommsche Analyse auf postmoderne Zustände, wie sie im vorhergehenden Kapitel beschrieben wurden? Nach Fromms Definition des Gesellschaftscharakters entwickelt sich in den Individuen einer Gesellschaft die Lust das zu tun, das sie tun sollen. Wer sich nicht so verhält, muss mit große Kraftanstrengung „gegen den Strom zu schwimmen“, um dem Konformitätsdruck zu widerstehen. Der Mensch, der also entgegen der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder, die eine nicht-produktive Charakterorientierung leben, eine produktive Grundorientierung spürt, fühlt sich oft unverbunden und der äußeren Welt fremd. Dies kann zu konkreten Symptomen wie Angstzuständen, Depressionen, Antriebslosigkeit, Arbeitsstörungen etc. oder gar zu Pathologien führen, entstanden durch die unterdrückte und verdrängte produktive Grundorientierung und den Konflikt zur nicht-produktiven Orientierung der jeweiligen Gesellschaft. So ist auch der Ausspruch Fromms in einem seiner letzten Interviews 1980 zu verstehen, wenn er sagt: „Die Normalsten sind die Kränksten. Und die Kränksten sind die Gesündesten… Der Mensch, der krank ist, zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, so daß sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur… und Symptome erzeugen.“76 Um in ihrer Krankheit normal zu erscheinen, entwickelt sich demnach bei der Mehrheit der in postmodernen Gesellschaften Lebenden die postmoderne IchOrientierung. D.i., „die Lust an der selbstbestimmten, ich-orientierten Erzeugung von Wirklichkeit, und zwar der mich umgebenden Wirklichkeit, die ich mir selbst schaffe, ebenso wie der Wirklichkeit, die ich selbst bin, indem ich mich selbst erschaffe.“77 Da wie beschrieben in der Postmoderne nichts mehr absolute Gültigkeit besitzt, keine festen Vorschriften, dauerhafte Werte oder Weltbilder existieren, ist alles einem „anything goes“ – alles ist möglich – unterstellt. So besitzt auch der postmoderne Mensch kein Selbstbild mehr, das mehr oder minder gewachsen oder geformt wurde/wird durch die eigenen Interessen und Fähigkeiten und die Bezie75 [...]
hilfst. Wenn du scheiterst, ist es dein eigenes Verschulden; du bist selbst „verantwortlich“ für dein Leben, du kannst alles erreichen oder nichts, es liegt an dir. Es entsteht so ein Zwang zur Individualisierung. „Individualisierung selbst wird zur paradoxen Sozialstruktur der Zweiten Moderne. Die Menschen werden aus den Selbstverständlichkeiten des nationalen Industrie–Kapitalismus und Wohlfahrtsstaates entlassen in die Turbulenzen der Weltrisikogesellschaft.“71 Dass es sich hier wahrlich um „Turbulenzen“ handelt, beschreibt Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“ (1998): „Die moderne Kultur des Risikos weist die Eigenheit auf, schon das bloße Versäumen des Wechsels als Zeichen des [persönlichen] Mißerfolgs zu bewerten, Stabilität erscheint fast als Lähmung. Das Ziel ist weniger wichtig als der Akt des Aufbruchs. Gewaltige soziale und ökonomische Kräfte haben an dieser Insistenz auf ständiger Veränderung gearbeitet: die Entstrukturierung von Institutionen, das System der flexiblen Produktion – auch die handfestesten Immobilien scheinen in Fluß geraten zu sein. Da will niemand zurückbleiben. Wer sich nicht bewegt, ist draußen.“ 72 Die Wahrheit ist allerdings, dass diese (Bewegungs-)Freiheiten nur Scheinfreiheiten darstellen, also zwanghafte Freiheiten zu etwas sind. Da die Menschen unter einer Nicht-Integration leiden und überfordert sind mit der täglichen IchDefinition, Ich-Findung und dem Management des eigenen Lebens (das sich aus dem „Bewegungszwang“ ergibt), orientiert sich der angebliche Individualismus stark an normativen Vorstellungen, welche die Gesellschaft hervorbringt. Es handelt sich also nicht um eine Ich-Werdung im authentischen Sinne, sondern um einen „institutionalisierten Individualismus“73, der sich an gesamtgesellschaftlich erzeugten Normen orientiert, die lediglich als Stützen gegen die Angst der „Atomisierung“74, der Vereinzelung und Vereinsamung der Individuen, fungieren. [...]
waren, wie die Idee der Territorialität, der gesellschaftlichen Gemeinschaft, der Kleinfamilie, der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, der geschlossenen Lebenswelten und der Ausschlachtung der Naturressourcen für (industrielles) Wachstum. Solche bei allem Wandel „festen“ Prinzipien, welche in der ersten Moderne unhinterfragt Gültigkeit besaßen, scheinen nun zu bröckeln. Es geschieht eine Freisetzung auf allen Ebenen ohne Wiedereinbettung, eine Entgrenzung. Neue Antworten und Lösungen müssen gefunden werden, doch nach welchen Leitideen sollen sie sich richten, was sind die Maßstäbe? Ich möchte hier nicht weiter auf die politische Dimensionen eingehen, sondern vielmehr den Auswirkungen dieses „Fehlens von Leitideen“ auf den Alltag der Menschen nachgehen. Was verändert sich für den Einzelnen in der Postmoderne, wo liegen die Schwierigkeiten und wie gehen die Menschen damit um? Der skizzierte gesamtgesellschaftliche Grundlagenwandel hinterlässt seine Spuren in der Arbeitswelt wie im Privaten. Wenn Maßstäbe und Leitideen fehlen, ist alles frei und möglich; Beck spricht von „riskanten Freiheiten“ im „Zeitalter des eigenen Lebens“.70 • • • • • • Aufhebung des klassischen Schicht– oder Klassensystems (wie noch in der ersten Moderne vorhanden) wird ersetzt durch Rollenidentität Traditionen werden ersetzt durch Institutionen „flexibles Arbeiten“, d.h. Ortspolygamie, mehrere Berufe, Gelegenheitsjobs Wegrationalisierung von Stellen, Vollbeschäftigung als Utopie, Ich-AG Lockerung des sozialen Netzes Auflösung des Familienverbundes und des Geschlechter– sowie Generationenverhältnis verliert ihre Basisprämissen, Singledasein, Alleinerziehende, Patchworkfamilien • • Fehlen der Idee einer „Normalbiographie“ Multikulturale Identitäten, Kultur als Experiment [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832481841
Arbeit zitieren:
Reinwand, Vanessa-Isabelle Dezember 2003: Gestaltpädagogik, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Bildung, Bewusstsein, Rainer Funk, Sozialkritik



