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Das Gespenst

Das Gespenst
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Peter Voigt
  • Abgabedatum: März 1999
  • Umfang: 90 Seiten
  • Dateigröße: 743,8 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1596-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1596-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1596-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Voigt, Peter März 1999: Das Gespenst, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wertgeschichte, Blonder Eckbart, Gespenstergeschichten, Begriffsgeschichte, Volksglauben

Magisterarbeit von Peter Voigt

Einleitung:

Ob die Shen und die Kuei, der Chagrin oder der Domovoy, ob die Verre-Geister, der Umi Bozu, der Khu oder der Tash - in den meisten Kulturen und zu fast allen Zeiten waren Gespenster, Erscheinungen und Geisterwesen ebenso fest verankert und besaßen einen ebenso wichtigen wie starken Funktionswert in der Ordnung des Alltags wie die Darstellungen und Interpretationen der Dachreligionen oder der jeweiligen Glaubensgemeinschaften. Ektoplasmatische Körper-Manifestationen, Phantome und Weiße Frauen, Rauchgeister, Höllenhunde, Fetsche und Doppelgänger, all diese übernatürlichen Phänomene, deren Dasein allein durch die moderne Ratio und durch die Naturwissenschaften heutzutage in Frage gestellt werden, sind schon weit über den Sinn und Zweck ihrer Existenz hinausgelangt: nämlich einerseits die Urängste zu personifizieren und damit zu bannen und andererseits die Neugier auf mögliche Zwischenwelten zu wecken und Erklärungsansätze hinsichtlich des Terminus Jenseits darzubieten. Das Unbegreifliche und Schaurige erinnert den Menschen sowohl an seine eigene Sterblichkeit, als auch an die Frage nach dem Danach; diese zwei Konstanten im Leben eines jeden Individuums zwingen es, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und produzieren ihrerseits ständig neue Schimären, die wiederum weitergetragen und modifiziert werden. Somit hat dieses amorphe Wesen längst, dank unzähliger kreativer Köpfe und eines filigranen Mediennetzes, eine einmalige Eigendynamik entwickelt, die es zu einem Freizeitmoloch sondergleichen mutieren ließ und die dem individuellen Grauen einen gänzlich neuen Stellenwert gegeben hat.

Mittlerweile ist das Gespenst, eingebunden in die Grusel-, Schauer- oder Horrorgeschichte, zu einer Kunstform geworden, die ganz eigenen variablen Gesetzen unterliegt. Damit deute ich nicht nur auf die legendären Campfire-Tales, die klassische Geistergeschichte oder die Geschichten vom Monster im Wandschrank als elterliches Druckmittel, sondern auf den gesamten Komplex der sogenannten Spukgeschichten bzw. der Geschichten mit phantastischen Elementen, der die Freude am Gruseln und die Notwendigkeit des Schreckens dokumentiert und perfektioniert und diese Arbeit noch immer verrichtet. Kaum ein Literaturzweig ist dermaßen dehnbar und themenübergreifend, obwohl er von einigen Fachgeistern nur allzu schnell verpönt und als Schund abgetan wird. Man darf bei solch unüberlegten Äußerungen jedoch nicht vergessen, daß die Horrorliteratur in erster Linie unterhalten soll. Was jeder Einzelne letztendlich für sich und sein Weltgefüge aus einer solchen Erzählung übernimmt, wird jedoch zwangsläufig über den Unterhaltungswert hinausgehen und den reinen Konsumrahmen sprengen, da die meist sehr geschickte Inszenesetzung der Angst und der angsterzeugenden Mechanismen automatisch Parallelen zum eigenen Innersten zieht.

Was ich nun in der folgenden Arbeit über das Gespenst aufzuzeigen versuche, stellt lediglich einen kleinen Ausschnitt des gesamten Terrains dar: Von Definitions- und Erklärungsansätzen, dem Gespenst im Volksglauben und einem kurzen Geleitwort zum literarischen Gespenst werde ich überleiten zur Gespenstergeschichte und deren Poetik mit konkretem Fallbeispiel, so daß trotz der Komplexität des Themas ein guter Überblick über die gespenstischen Hintergründe verbleibt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 04
2. Wort- und Begriffsgeschichte 05
3. Das Gespenst im Volksglauben 09
3.1 Das Geschöpf 10
3.2 Die Motivation des Übernatürlichen 11
3.3 Manifestation und Darstellung 12
3.4 Die Lokalisierung 14
3.5 Die temporisierte Erscheinung 15
3.6 Die Wahrnehmung 16
4. Das literarische Gespenst 16
4.1 Eigensinnig und kummervoll warnend 17
4.2 Stumm und körperlos 20
4.3 Verliebt und verstorben 21
4.4 Im Spukhaus 25
5. Erklärte und erklärbare Phänomene 27
5.1 Täuschung und Imitation 28
5.2 Phantasmagorie 30
6. Die Gespenstergeschichte 33
6.1 Definition und Abgrenzung 34
6.2 Formstrukturen 39
6.3 Zu den Beglaubigungsansätzen 42
6.4 Aufbautechniken der Spannung 44
6.5 Der Hintergrund der Angst 46
6.6 Zwischen Mittelalter und Szientismus 48
7. Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert" 52
7.1 Irrationalität und Romantik 52
7.2 Tieck und die Gespenster 54
7.3 "Der blonde Eckbert" 65
7.3.1 Zur Entstehungsgeschichte 65
7.3.2 Zur Wirkungsgeschichte 66
7.3.3 Zur Analyse 68
8. Nachwort: Zweifel, Lust und was dazwischenliegt 80
Anhang A: Erklärung zur Urheberschaft 84
Anhang B: Normvorschläge 84
Anhang C: Bildquelle 84
Primärliteratur 85
Sekundärliteratur 88
Audioquelle 90

Automatisiert erstellter Textauszug:

46 lediglich unvollständige Erklärungsversuche angeboten, deren Auswertung und Interpretation ihm selbst überlassen sind. Zur dritten und letzten Form des Lösungstyps, der rational aufgeklärten Gespenstergeschichte (siehe 5.), läßt sich nur noch anmerken, daß sie zwar die Illusion des Unheimlichen durch dessen nachträgliche Neutralisierung am Schluß zerstört, ohne jedoch ihre Wirkung vollständig zu vernichten. Auch wenn die aufklärerische Absicht erreicht ist, so ist der Leser doch zumindest Zeitweise auf den Zauber des Unheimlichen und vermeintlich Unerklärbaren hereingefallen. Das eigentliche und uneingestandene Ziel ist also erreicht. 6.5. Der Hintergrund der Angst Die Angst, die als präferierter Gegenstand in so manchen Literaturzweig des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts Einzug hält, bildet mit ihren kausalen Spießgesellen das eigentliche Fundament der Gespenstergeschichte und ihrer Wirkungsfähigkeit. Sie ist die Reaktion auf das Unbekannte und Ungreifbare, dessen „ bildhafter Ausdruck das Dunkel ist“ (Wilpert, 1994, S.50). Dieser Ausdruck beinhaltet u.a. Komplexe wie Nachtangst und Gespensterfurcht, die sich bis heute trotz Vernunftdenkens und Wissenschaftsgläubigkeit des Gefühlslebens sowohl der Kinder als auch der Erwachsenen bemächtigen, zwar abgeschwächt, aber dennoch stark genug, um ihnen das Fürchten zu lehren. Wie schon erläutert (3.3., S.13 und 5.1., S.22) stellt die Angst vor dem Dunkel die Angst vor dem nicht Erkennbaren dar, das möglicherweise doch anwesend ist. Sobald der Gesichtssinn entfällt, verstärkt sich die auditive Wahrnehmungsfähigkeit, und der Mensch beginnt, aufgrund der plötzlich fehlenden Orientierung, der Ortungs- und Zuordnungsfähigkeit akkustischer Quellen und der daraus sich ergebenden Steigerung der Assoziationsfähigkeit in seiner Ängstlichkeit tatsächlich Gespenster zu sehen. Das Unsichtbare mutiert zum Unheimlichen. Stephen King, Großmeister des modernen Horrors verleiht dieser Begebenheit in einer Erzählung vortrefflich Sprache: [...]

44 Qualität seiner Erzählung und seiner Überredungsstrategien sicher sein, will er auf unmittelbare Akzeptanz stoßen. Von dieser spezifischen Erzählsituation profitiert die Gespenstergeschichte, indem sie die Skepsis einer imaginären ungläubigen Zuhörergemeinde ausführlich beschreibt und damit etwaige Einwände des Lesers bereits vorwegnimmt und dank der erschöpfenden Antwort des Erzählers entkräftet. Die Ich-Form der Erzählung setzt darüber hinaus das Überleben des erzählenden Protagonisten voraus, womit sie einen besonderen, paradoxen Grund liefert, nicht an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln: Denn der Kontakt mit dem Übernatürlichen endet nicht selten tödlich, und der Tod ist bekanntlich wenig mitteilsam. Die Anwesenheit des Überlebenden, der in der Gestalt eines alten und weisen Mannes in Erscheinung tritt, ist der lebende Beweis eines „ Kontinuums der Tradition“ (Brittnacher, 1994, S.107); seine Erzählungen avancieren zum Bestandteil eines oral vermittelten Überlieferungsgeschehens. Zwar betrachtet nicht jeder Autor einer Gespenstergeschichte die Techniken des Überzeugens als ein rhetorisches Spiel, doch entwickeln diejenigen, welche die Aufgabe der Beglaubigung ernst nehmen, aus ihnen differenzierende erzähltechnische Strategien, wie sie selten verlangt werden. 6.4. Aufbautechniken der Spannung Die durch das Mißtrauen gegenüber dem Unterhaltungswert und durch die Angst vor vermeintlicher Trivialität entstandene Abqualifizierung spannungshafter Elemente in der Gespenstergeschichte und dieser selbst muß im Einzelfall zwangsläufig zu einer genaueren Analyse des Spannungsbogens nebst seiner Bestandteile führen. Im Rahmen der Bauelemente der Gespenstergeschichte kann die Spannung selbst als ein relativ eigenständiges Bauprinzip verstanden werden, das mit Hilfe der Zusammenstellung eines logischen und bannenden Handlungszusammenhangs der Lenkung des Rezipienten dient. Ihre primären Aufgaben bestehen darin, das Interesse des Lesers zu beeinflussen, seine Aufmerksamkeit bei Bedarf abzulenken und ihm Entwicklung und Entwicklungsmöglichkeiten der Handlung ins Bewußtsein zu rufen. Bauelemente der Spannung können sich z.B. als eine Folge von sich steigernden, angst- [...]

42 Die retrospektive Gespenstergeschichte setzt die Erzählpointe strategisch ein, indem sie ein zunächst vermeintlich alltägliches oder reales Geschehen beschreibt, das sich dem Leser am Schluß in seiner Übernatürlichkeit oder Unheimlichkeit offenbart. Der Spannungsbogen erhebt sich also erst am Ende der Erzählung und hat die Eigenschaft, die Leserschaft vor dem Hintergrund gänzlich neuer Gesichtspunkte zur wiederholten Lektüre zu motivieren. Nach dieser Auflistung der verschiedenen Strukturbereiche sei unbedingt erwähnt, daß im Unterschied zu anderen Erzählgattungen mit übernatürlichunheimlichen Elementen die meisten Gespenstergeschichten bewußt von phantastischem Zierrat absehen. Sie ist im „ zumeist alltäglichen, wenn auch leicht verfremdeten oder historischen Milieu“ (Wilpert, 1994, S.39) angesiedelt und legt Wert auf den Einsatz in der realistisch geschilderten bürgerlichen Alltagswelt oder im Glamour der zeitgenössischen Oberschicht.61 In diese Konfiguration eines realistischen bzw. natürlichen Ambientes hält nach größtenteils sehr ausführlichen Beschreibungen das Unheimliche Einzug und zerstört damit nach und nach die Struktur der vorgelebten, sicher geglaubten Werte. Die Charaktere, die in das oft leicht skurrile und antiquierte Milieu geschoben werden, verfolgen bedenkenlos ihre Tätigkeiten, die sich allmählich vom Unheil(igen) geprägt zeigen. Spätestens hier wird die Wichtigkeit der Erzählzeit hinsichtlich der Leser-Geschöpf-Relation deutlich, denn die Identifikation des Lesers mit einem fiktiven Charakter und die notwendige Realitätsüberprüfung können teilweise erst dann ermöglicht werden, wenn die Erzählgegenwart die aktuelle Gegenwart des Lesers bildet, die dadurch nicht in Gefahr gerät, ihn in die Rolle des unbeteiligten Zusachauers zu drängen. 6.3. Zu den Beglaubigungsansätzen Die Schaffung einer nachvollziehbaren Atmosphäre erweist sich unverkennbar als eine wichtige Stufe zur Beglaubigung der Gespenstergeschichte. Die Glaubwürdigkeit dieser beruft sich allein auf Auffassungsbereitschaft, Auslegungsfähigkeit und Verständnis des individuellen Lesers. Die innere Wahrheit einer Erzählung wird oft allerdings erst dann bereitwillig vom Leser [...]

Arbeit zitieren:
Voigt, Peter März 1999: Das Gespenst, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wertgeschichte, Blonder Eckbart, Gespenstergeschichten, Begriffsgeschichte, Volksglauben

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