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Gesellschaftliche Bedingungen für Familienpolitik in Brasilien und Deutschland

Eine vergleichende Analyse

Gesellschaftliche Bedingungen für Familienpolitik in Brasilien und Deutschland
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Christine Schnor
  • Abgabedatum: Juli 2007
  • Umfang: 129 Seiten
  • Dateigröße: 679,3 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
  • Bibliografie: ca. 62
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3840-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schnor, Christine Juli 2007: Gesellschaftliche Bedingungen für Familienpolitik in Brasilien und Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Demographischer Wandel, Brasilien, Fertilität, Maslow, Familienpolitik

Diplomarbeit von Christine Schnor

Problemstellung:

Die Diskrepanz zwischen Kinderreichtum und Kindersegen.

‘Der Kinderreichtum ist kein Kindersegen.’ Mit diesen Worten beschrieb Erich Kästner bereits im Jahre 1930 das Verhältnis von Politik und Bevölkerung bezüglich der Nachwuchsfrage und wies damit auf die Diskrepanz zwischen politisch gewünschter Bevölkerungsgröße und der realisierten Kinderzahl in der Gesellschaft hin. In Deutschland zeigen sich Politiker auch derzeit ‘sehr empört von wegen dem Geburtenschwund’. Zu Recht beklagen sie die niedrigen Geburtenraten, die Deutschland eine Vorreiterrolle in dem weltweiten Prozess des Geburtenrückgangs einnehmen lassen. Seine Auswirkung auf die Bevölkerungsstruktur und –größe spürt es folglich früher als andere Nationen.

Wie vor 77 Jahren zu Kästners Zeiten gibt es dabei auch heute Argumente, die dazu führen, dass die Familiengröße kleiner ist als es die Politik erwartet. Diese Diskrepanz schafft Raum für Policies, die sich diesem Problem zuwenden. Insbesondere die Familienpolitik scheint hierfür geeignet, da sie mit der Familie auch den ‘Ort der Reproduktion’ schützt und fördert.

Wie die Familienpolitik auf den demografischen Prozess Einfluss nehmen kann, ist hierbei die zentrale Fragestellung vorliegender Arbeit. Es lässt sich vorab nur vermuten, dass die Kenntnis der gesellschaftlichen Bedingungen hiermit in Zusammenhang steht. Um dem Geburtenschwund begegnen zu können, könnte es sich dabei als wesentlich erweisen, die Geburtenhäufigkeit als reproduktives Ergebnis eines Geburtenverhaltens anzuerkennen und zu untersuchen. Insbesondere im Hinblick auf die globale Entwicklung des Geburtenschwundesergibt sich hier die Frage, ob diese aus den gleichen gesellschaftlichen Ursachen resultiert oder ob unterschiedliche Gründe in den Ländern zu einem Rückgang der Geburtenrate führen. Während übereinstimmende Ursachen die Übertragbarkeit politischer Maßnahmen begünstigen würden, könnte die Erkenntnis der Existenz national unterschiedlicher Gründe des Geburtenrückgangs die Herausbildung eigener Strategien stärken.

Um diese Erkenntnis zu gewinnen, werden in vorliegender Arbeit die gesellschaftlichen Bedingungen in Brasilien und Deutschland untersucht. Die Unterschiedlichkeit der Länder, die sich etwa an der ethnischen Zusammensetzung, der Einkommensverteilung oder ihrer Vergangenheit zeigt, macht sie zu Repräsentanten der Globalität des demografischen Prozesses. Wie vorliegende Arbeit zeigen wird, befinden sich darüber hinaus Brasilien und Deutschland derzeit in charakteristischen Stadien dieses Prozesses.

Ein analytischer Vergleich der Einflussfaktoren auf das Geburtenverhalten in diesen Ländern könnte eine erste Antwort auf die Frage geben, wie die Familienpolitik auf den Geburtenrückgang reagieren kann und ob gleiche Faktoren ihn bedingen.

Gang der Untersuchung:

Wie kann Familienpolitik die Geburtenhäufigkeit positiv beeinflussen? Um auf diese Frage eine Antwort zu erhalten, werden in Kapitel 2.1 Grundlagen der Demografie vermittelt. Anhand der Transformationstheorie von Gerhard Mackenroth wird sich zeigen, dass sich die demografische Entwicklung in Phasen einteilen lässt. Ein Vergleich der Bevölkerungsvorgänge wird dabei deutlich machen, dass die Geburtenrate die zentrale Variable ist, mit der die Politik auf die Bevölkerungsentwicklung Einfluss nehmen kann.

In Kapitel 2.2 soll die Begriffsbestimmung von Familienpolitik in Abgrenzung zur Bevölkerungspolitik verdeutlichen, wie sie auf demografische Prozesse einwirken kann. Es wird sich erweisen, dass insbesondere die Betrachtung des Effektes politischer Maßnahmen für die Eingrenzung des politisch möglichen Handlungsbereiches von Familienpolitik eine Rolle spielt. Eine Untersuchung der Wirkungsweise familienpolitischer Maßnahmen wird den Fokus schließlich auf die Mikroebene verschieben.

Das Geburtenverhalten schließlich steht im Mittelpunkt von Kapitel 2.3. Hier zeigt sich, dass die Entscheidung, nach der Motivationstheorie von Abraham Maslow, von Grundbedürfnissen, die das menschliche Verhalten bestimmen, abhängig ist. Die Übertragung dieser Theorie auf das Geburtenverhalten soll verdeutlichen, wie dieses wirkt, um letztendlich der Familienpolitik Handlungsbereiche aufzudecken. Dabei werden sowohl die Bedürfnisse wie die Prämissen des Maslowschen Modells auf Theorien des Geburtenverhaltens transferiert. Daraus ergibt sich ein ‘generatives Faktorenmodell’, welches Aufschluss über den Zusammenhang von Einflussfaktoren und Geburtenhäufigkeit geben soll.

Im analytischen Teil wird zunächst in Kapitel 3.1 die Fallauswahl der Länder Brasilien und Deutschland begründet, sowie in Kapitel 3.2 ihre demografische Entwicklung veranschaulicht. Daran schließt sich in Kapitel 3.3 die Analyse von Indikatoren des generativen Faktorenmodells an. Aus der Analyse soll schließlich in Kapitel 3.4 hervorgehen, wie die Familienpolitik auf den demografischen Prozess einwirken kann und ob die gleichen Faktoren in beiden Ländern für die demografische Entwicklung verantwortlich gemacht werden können.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt somit auf der Darstellung der gesellschaftlichen Bedingungen für Familienpolitik. Auf die Darstellung der aktuellen familienpolitischen Maßnahmen wird an dieser Stelle verzichtet.

Inhaltsverzeichnis:

Patriotisches Bettgespräch 1
1. Einleitung 2
1.1 Fragestellung 2
1.2 Vorgehensweise 3
2. Gesellschaftliche Bedingungen für Familienpolitik 5
2.1 Demografie und Fertilität 5
2.1.1 Bevölkerungsgröße 5
2.1.2 Bevölkerungsstruktur 9
2.1.3 ‘Bevölkerungsgleichgewicht’ 10
2.2 Politik und Fertilität 13
2.2.1 Unterschiede von Familien- und Bevölkerungspolitik 14
2.2.2 Die Wirkungsweise familienpolitischer Maßnahmen 18
2.3 Generatives Verhalten und Fertilität 21
2.3.1 Der biografische Entscheidungsrahmen 21
2.3.2 Die Motivationstheorie von Maslow 23
2.3.3 Generatives Verhalten und seine Einflussfaktoren 30
2.3.4 Maslowsche Prämissen im generativen Faktorenmodell 34
2.4 Zwischenfazit des theoretischen Teils 40
3. Vergleichende Analyse der Länder Brasilien und Deutschland 41
3.1 Gleiche Entwicklung, gleiche Faktoren? 41
3.2 Die demografische Entwicklung in Brasilien und Deutschland 43
3.2.1 Fertilität - die Gesamtfruchtbarkeitsziffer 44
3.2.2 Transformationstheoretische Phasen 47
3.2.3 Konsequenzen der Subfertilität 49
3.2.4 Fazit der demografischen Entwicklung 56
3.3 Das generative Faktorenmodell 57
3.3.1 Biologischer Faktor - Alter und Kontrazeption 58
3.3.2 Faktor Sicherheit - Erwerbslosigkeit und Kleinkindbetreuung 67
3.3.3 Faktor Zugehörigkeit - Zusammenleben und Eheleben 72
3.3.4 Faktor Achtung - Lebens- und Gesellschaftskonzepte 77
3.3.5 Faktor Selbstverwirklichung. Gewünschte und tatsächliche Kinderzahl 87
3.3.6 Fazit der Analyse des Faktorenmodells 92
3.4 Mögliche Handlungsfelder der Familienpolitik 95
4. Fazit 100
5. Anhang 101
Anhang-I Tab.2 Generative Verhaltenseinflüsse 101
Anhang-II Dynamik der demografischen Entwicklung 102
Anhang-III Wertetabellen der Abbildungen 104
6. Literaturverzeichnis 111
6.1 Literaturquellen 111
6.2 Datenquellen 119
7. Glossar 121

Textprobe:

Kapitel 3.2.2, Transformationstheoretische Phasen:

Im Folgenden werden Fertilität und Mortalität untersucht, um Brasilien und Deutschland in transformationstheoretische Phasen einteilen zu können. Dabei ist zu beachten, dass sich die oben diskutierte Gesamtfruchtbarkeitsziffer von rohen Geburten- und Sterberaten unterscheidet. Die TFR ist eine synthetische Zahl, welche das generative Verhalten einer gesamten Lebensspanne für ein Beobachtungsjahr angibt. Rohe Raten beziehen sich hingegen auf das demografische Verhältnis, hier angegeben als Zahl pro 1000 Einwohner. Da die TFR von Timingeffekten gereinigt ist, wird sie in der Wissenschaft als Diskussionsgrundlage herangezogen. Bei der Transformationstheorie ist hingegen davon auszugehen, dass hier rohe Raten die Basis der Phaseneinteilungen sind. Dementsprechend werden in Abb.5 die rohen Geburts- und Sterberaten für den Zeitraum von 1950 bis 2050 angegeben.

In Brasilien befindet sich die Geburtenrate bis zum Ende der betrachteten Periode oberhalb der Sterberate. Mit 44 Geburten pro 1000 Einwohner liegt die Geburtenrate ebenso wie die Sterberate mit 15,4 Sterbefällen zwischen 1950 und 1955 auf dem höchsten Niveau des gesamten Betrachtungszeitraums. Bis 1965 sinken beide Raten, ihre Differenz bleibt jedoch gleich hoch. Erst im darauf folgenden Zeitraum nimmt die rohe Geburtenrate deutlicher ab als die Sterbefälle pro 1000 Einwohner. Somit befindet sich Brasilien hier in der vierten transformationstheoretischen Phase. Um das Jahr 2045 liegt die Geburtenrate auf ähnlichem Niveau wie die Sterberate. Brasilien tritt folglich in die fünfte Phase ein. Jedoch vollzieht sich schon in den nachfolgenden Jahren ein Wandel, da die Zahl der Geburten unter die Zahl der Sterbefälle sinkt. Ab dem Jahre 2050 beginnt für Brasilien die sechste Phase.

In Deutschland hingegen übersteigt in den Jahren 1950-1970 die Geburtenzahl die Sterbefälle, das Land befindet sich in der vierten Phase der Transformationstheorie. In der darauf folgenden Periode von 1970 bis 1990/95 verlaufen die rohen Raten auf ähnlichem Niveau (Phase fünf), um dann ab dem Jahrtausendwechsel auseinander zu divergieren. Die Geburtenrate hält sich hierbei auf niedrigem Niveau, während die Sterberate immer weiter ansteigt und im Jahre 2050 ihren höchsten Wert im Betrachtungszeitraum erreicht. Folglich befindet sich Deutschland seit 2000 in der sechsten Phase.

Die beobachteten Phasen stimmen mit dem Bevölkerungswachstum überein. So findet in der vierten Phase positives Wachstum statt. In der fünften Phase stagniert die Bevölkerung, um in der sechsten Phase in das Stadium der Schrumpfung einzutreten. Ein- und Abwanderungen können dabei zuVariationen führen. So verzögert in Deutschland die Nettomigration mit einer konstanten jährlichen Einwanderung von 100.000 Menschen den demografischen Prozess. Aufgrund der niedrigen deutschen Geburtenrate ist dieser Bevölkerungsvorgang jedoch nicht in der Lage, den demografischen Wandel abzuwenden. In Brasilien fallen diese äußeren Erneuerungskräfte mit einer negativen Nettomigrationsrate von 26.000 nur unbedeutend ins Gewicht der demografischen Entwicklung.

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass beide Länder in das Stadium der Bevölkerungsschrumpfung eintreten, mit einem zeitlichen Abstand von circa 50 Jahren. Im Folgenden stellt sich dar, wie diese demografische Situation die gesellschaftliche Struktur verändert.

Arbeit zitieren:
Schnor, Christine Juli 2007: Gesellschaftliche Bedingungen für Familienpolitik in Brasilien und Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Demographischer Wandel, Brasilien, Fertilität, Maslow, Familienpolitik

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