Bachelor + Master Publishing
811 Bachelorarbeiten, 533 Masterarbeiten, 10.103 Diplomarbeiten

Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens

Kriminologisch relevante Aspekte der Thematisierung der Gewalt bei Marquis de Sade

Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Olaf Bohn
  • Abgabedatum: November 2000
  • Umfang: 86 Seiten
  • Dateigröße: 404,1 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-3126-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-3126-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-3126-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bohn, Olaf November 2000: Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kriminologie, Sadismus, Verbrechen, Gewaltsoziologie, Marquis de Sade

Diplomarbeit von Olaf Bohn

Problemstellung:

Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, wie sich zentrale Gedanken des Marquis de Sade in dem Diskurs der Gewaltforschung wiederfinden und, wie sich viele seiner Überlegungen als Anregung für dieses Gebiet der Kriminologie lesen lassen. Es soll deutlich werden, dass sich das Werk de Sades als zwanglose und manchmal sogar unterhaltsame Denkübung für Gewaltforscher jeglicher Prägung eignet.

Frei drauf los nutzt Sade die literarische Utopie, um uns seine Philosophie der Gewalt nahezubringen. Eine Philosophie, die sowohl die staatliche Gewalt von Terrorregimen als auch die individuelle, private Gewalt einzelner Menschen beschreibt.

Die Philosophie der Gewalt des Marquis de Sade hat mit der traditionellen Gewaltforschung die These gemeinsam, dass der Mensch mit einem nicht unerheblichen Aggressionspotential zur Welt kommt, und dass es von dem sozialen Umfeld abhängig ist, ob ein Mensch zum Gewalttäter wird oder nicht.

Sade beschreibt jedoch nicht nur den Täter ohne Verantwortung, sondern auch den Menschen, der die Verantwortung für grausame Taten anstrebt. Er gelangt so zu dem Diskurs der neueren Gewaltforschung, mit der er vor allem das theoretische Fundament nach Hobbes (der Mensch ist des Menschen Wolf) und die Betonung der Sinnlichkeit teilt, die Gewalt attraktiv macht (der Schmerz, als die intensivste sinnliche Erfahrung, der leicht zu erzeugen, und in seiner Wirkung eindeutig ist und der zudem auch als Verbindung mit anderen Menschen dient).

Viele Überlegungen Sades behandeln nicht nur Aspekte beider Forschungsrichtungen, sondern sind auch dazu geeignet, die neuere Gewaltforschung zu bereichern, wenn es um Aspekte geht, die von ihren Vertretern gar nicht oder nur verkürzt behandelt werden: Der Status einer Person etwa (der Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Strafverfolgung hat), die Geheimhaltung (die Notwendigkeit und Lust zugleich ist), der Egoismus (der nicht nur leitendes Handlungsprinzip des Menschen ist, sondern auch der Ansporn zur Mittäterschaft sein kann), die Rastlosigkeit des Verbrechers (Normlosigkeit, die zum pausenlosen Handeln einlädt und den Täter an den Rand der Erschöpfung bringt), die Vernunft (auch der grausamste Mensch handelt vernünftig, wenn ihm seine Taten Vergnügen bereiten) und die Anlaßlosigeit, bzw. Sinnlosigkeit von Gewalt (für Sade ein Ideal, welches nicht zu erreichen ist, das er aber zum Spaß einigen seiner Protagonisten leben lässt).

Bruno Preisendörfer meint, dass Sade lediglich ein verrückter Schriftsteller war, dessen Lektüre nicht der wissenschaftlichen Betrachtung Wert ist: „´Soll man de Sade verbrennen?´ hat vor ein paar Jahrzehnten Simone de Beauvoir gefragt. (...) Genaugenommen müsste die Antwort auf Beauvoirs Frage ein kompaktes ´Ja´ sein, jedenfalls dann, wenn man bereit ist zu verstehen, was de Sade uns ´eigentlich sagen wollte´. Dass alles Recht bloß das Recht des Stärkeren ist. (...) De Sade hatte nicht nur eine Philosophie, sondern auch eine Meise, das braucht man gar nicht seminarschlau wegzuanalysieren.(...) Ihn gehorsam und brav Kapitel für Kapitel zu lesen ist Denk- und Lebenszeitverschwendung.“ Im klaren Gegensatz zu Preisendörfer steht Luis Buñuels Wertung über Sade, die fast einem Liebesbekenntnis gleichkommt. Über die 120 Tage von Sodom schreibt Buñuel: „An der Universität hatte man uns im allgemeinen keines der großen Meisterwerke vorenthalten (...). Wie war es also möglich, dass ich nichts von der Existenz dieses außerordentlichen Buches wusste, das die Gesellschaft überlegen und systematisch unter allen Gesichtspunkten untersuchte und einem kulturellen Kahlschlag gleichkam? Für mich war es ein beachtlicher Schock. Die Universität hatte mich belogen!“ Dass es möglich ist, Sades Gesellschaftsanalyse ernst zu nehmen und ihn nicht auf die Feststellung des Rechts des Stärkeren zu beschränken, ist von vielen Leuten hervorgehoben worden. Und jeder, der sich die Mühe macht, sein Werk zu lesen, wird sich dieser Meinung wohl anschließen müssen. Zu präzise sind z.B. seine Analysen über Macht und Machtmissbrauch, den Egoismus der Menschen, Familie, die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen oder das Für und Wider von Drogen.

Elisabeth Lenk glaubt darum, dass es nicht länger möglich sei, Sade wissenschaftlich zu ignorieren und kommt zu dem Schluss, „dass es endlich Zeit ist, Sade als Soziologen zu lesen, nicht als Pathologen.“ Ich schließe mich dem Urteil Lenks an und will versuchen, Sade als Gewaltsoziologen vorzustellen.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens und ihre Mitglieder (Libertins, die die Philosophie Sades verinnerlicht haben und praktizieren). Im Anschluss daran werde ich darlegen, auf welchen Thesen sich der bisherige, traditionelle Diskurs über Gewalt der Kriminologie gründet, um dann den neueren Ansatz der Gewaltforschung vorzustellen. Sodann werden die Philosophie Sades und ihre Gemeinsamkeiten mit dem Diskurs der Gewaltforschung dargestellt. Die Desiderate, die sich in der Argumentation der neueren Gewaltforschung ergeben, sollen schließlich im Laufe der Erläuterung der Sadschen Philosophie ausgefüllt werden.

Gegen Ende dieser Arbeit folgt eine kurze Antwort auf die Frage, ob schöne Literatur für die Sozialwissenschaft von Bedeutung sein kann und ein Versuch, Schlusßfolgerungen zu ziehen, die gleichzeitig Vorschläge dafür sind, wie Sades Thesen heute diskutiert werden können.

Inhaltsverzeichnis:

1. Zusammenfassung 3
2. Einleitung 4
3. Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens und ihre Mitglieder 6
4. Gewalt als Thema in der Kriminologie 9
5. Die neuere Gewaltforschung 15
5.1 Gewalt als Thema bei Wolfgang Sofsky und Trutz von Trotha 18
5.2 Desiderate der neueren Gewaltforschung 23
6. Sades Philosophie der Gewalt in drei Ebenen als Anregung für die kriminologische Forschung 25
6.1 Information 25
Der Ursprung des Verbrechens 26
Der Katalog der Grausamkeiten 29
Die Regeln für staatliche Gewalt 30
Die Regeln für private Gewalt 36
Die Nebenwirkung der Gewohnheit 43
Die Rastlosigkeit der Libertins 45
Die Unmöglichkeit des Verbrechens und das anlaßlos 46
Böse als Ausweg 51
6.2 Argumentation 51
Das Naturkonzept 55
Die Aufrichtigkeit des Verbrechers 57
Die Sinnlichkeit des Schmerzes 63
Die Vernunft 66
6.3 Imagination 70
7. Exkurs: Literatur und Kriminologie 71
9. Biographische Hinweise 77
Literaturverzeichnis 80

Automatisiert erstellter Textauszug:

Adelige so etwas wie einen Freibrief für ihre Taten hatten und Menschen aus den unteren Schichten seitens der Justiz kein Gehör fanden und damit fast Freiwild für Leute wie Gilles de Rais waren, ist nicht Gegenstand der Analyse der neueren Gewaltforschung. Für Sade hingegen war die Klassenjustiz zu Gunsten der Herrschenden, von der er zu seiner Zeit profitieren konnte und deren Opfer er schließlich selbst wurde, immer ein zentraler Gegenstand seiner Überlegungen. Er konnte schon sehr früh beobachten, daß Menschen, wie z.B. der Vater eines Spielkameraden des jungen Sade (der Graf von Charolais) der Menschen aus Spaß umbrachte, aufgrund ihres Status immer straffrei blieben126 und ließ diese Beobachtungen folgerichtig in seine Regeln für Verbrechen einfließen. [...]

seine Freunde. Ausgiebig diskutiert er die Ausrichtung der Strafverfolgungsorgane und die Vorteile eines gehobenen Status: „Einen unglücklichen Menschen, der weder über Ansehen noch über den Schutz einflußreicher Gönner verfügt, wird ein kurzer Prozeß gemacht (...) ... wo das Elend ein hinreichender Beweis gegen den Angeklagten ist: solchenorts neigt man aufgrund eines ungerechten Vorurteils dem Glauben zu, daß derjenige, der die Gelegenheit zu einem Verbrechen gehabt, es auch begangen habe; man bildet sich seine Meinung gemäß den Verhältnissen, in denen der Schuldige lebt; und bezeugen weder Geld noch Titel seine Unbescholtenheit, gilt daher die Unmöglichkeit seiner Unschuld als erwiesen.“122 Sofsky fragt: „Was besagt überhaupt die soziale Herkunft über den Sinn eines Verbrechens?“123 Da er Gewalttaten, wie die eines Gilles de Rais, dem adeligen Ritter, der in den Jahren um 1440 zahlreiche Kinder aus den unteren sozialen Schichten ermordete, nicht weiter daraufhin untersucht, inwieweit der Status einer Person die Taten begünstigen kann, läßt er einen Aspekt außer Acht, den Sade berücksichtigt: Der Status einer Person kann die Strafverfolgung ihrer Taten positiv oder negativ beeinflussen. Gehört man der herrschenden Klasse an, kann es gelingen, gegen strafrechtliche Sanktionen immun zu werden, und es kann nicht „überraschen, daß überall [...]

Die Regeln für private Gewalt Die Regeln des privaten Gewaltverbrechens sollen zwei Dinge sicherstellen. 1. Vermeidung von gesetzlicher Strafe 2. Vermeidung von Gewissensbissen Otto Flake schreibt: „Von den notwendigen Morden erholt er (der Libertin) sich bei Lustmorden.“118 Sades Regeln für private Verbrechen gelten sowohl für kaltsinnige und leidenschaftliche Verbrechen, für notwendige Morde wie für Lustmorde. Nur finden vor allem die Regeln zur Straffreiheit bei kaltsinnigen Verbrechen öfter Anwendung, da diese mit mehr Überlegung angegangen werden. Kaltsinnige Verbrechen sind nach Sade „etwas unscheinbarer, dafür aber auch leichter geheimzuhalten, denn die Schleimblütigkeit, mit der sie begangen werden, läßt einem stets die Muße, sie solcherart einzufädeln, daß kein schlimmes Nachspiel zu befürchten steht; (Verbrechen aus Leidenschaft) hingegen werden ohne Schutzmaßnahmen und ohne Überlegung begangen und führen den Täter aufs Schafott,“119 wenn er nicht grundlegende Maßnahmen getroffen hat, die ihn vor Strafe schützen. [...]

Arbeit zitieren:
Bohn, Olaf November 2000: Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kriminologie, Sadismus, Verbrechen, Gewaltsoziologie, Marquis de Sade

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren