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Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung

Ein Vergleich der Theorie Alfred Adlers mit aktuellen Forschungsergebnissen

Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Kerstin Dupont
  • Abgabedatum: Oktober 1998
  • Umfang: 92 Seiten
  • Dateigröße: 618,3 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5240-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5240-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5240-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dupont, Kerstin Oktober 1998: Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Erziehungsverhalten, Enttrohnung, Individualpsychologie, Charaktertypologie, Familienkonstellation

Magisterarbeit von Kerstin Dupont

Einleitung:

Innerhalb der Persönlichkeitspsychologie unterscheidet man eine Vielzahl an Theorien, die – jeweils verschiedenartige Schwerpunkte setzend – die Entstehung von Besonderheiten des einzelnen Menschen zu erklären versuchen: Sind es erbliche Faktoren, unbewußte Antriebe, oder ist es das soziale Umfeld eines Menschen, seine mitmenschlichen Beziehungen, die den Menschen zu bestimmten Handlungen motivieren und sein Erleben bestimmen?

In dieser Arbeit soll die Bedeutsamkeit der den sozialen Faktoren zugehörigen Variable der Geschwisterposition hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung diskutiert werden. Anlaß für die Wahl der Thematik war nicht nur die wiederholte Auseinandersetzung mit dieser und das dadurch steigende Interesse im Laufe meines Studiums, sondern auch meine persönliche Situation als zweitgeborene von vier Töchtern.

Schon in Märchen und Mythen aller Völker, in Volksbräuchen, Legenden und Sagen finden stereotype Vorstellungen über Geschwisterpositionen ihren Ausdruck. Auch in der Bibel seien „ausgezeichnete Beschreibungen“ von Geschwisterkonstellationen auszumachen, „die mit unserer Erfahrung genau übereinstimmen – so zum Beispiel die Geschichten von Joseph, David, Saul usw.“. Von jeher wurden Motive und Beobachtungen aufgegriffen und gestaltend verarbeitet. Zumeist diente die Darstellung der Geschwisterbeziehung dabei der Verdeutlichung allgemeinerer Fragen des Lebens und Zusammenlebens, wobei die einzelnen Geschwistertypen bestimmte menschliche Seins- und Verhaltensweisen, somit verschiedene Charaktere verkörpern sollten. Demnach unterscheiden sich häufig im Märchen die „Rolle des jüngsten (Nesthäkchen) und die Rolle des ältesten (Führungsrolle) Geschwisters“ deutlich. Die Annahme also, daß das Aufwachsen mit einer Geschwisterschaft, aber auch die Position innerhalb dieser, die Persönlichkeitsentwicklung und das spätere Leben eines Menschen beeinflußt, ist in den Überzeugungen der Völker verankert. Entgegen dieser frühen Erkenntnis wurde der Geschwistereinfluß in der Familien- und Erziehungsforschung lange Zeit unzureichend gewürdigt.

Alfred Adler stellte in den 30er Jahren als erster Hypothesen über Konstellationseffekte auf: Die Geschwisterposition verursache die Ausbildung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften, wobei er betont, daß nicht die Rangposition eines Kindes die entscheidende Rolle spielt, sondern die damit verbundene Situation in der Familie, in die es hineingeboren wird und vor allem deren Wahrnehmung durch das Kind. Adler sieht in seiner Charaktertypologie des einzigen, ältesten, zweiten und jüngsten Kindes nichts Verbindliches, d.h. es gibt keine festen Regeln. Er ist jedoch davon überzeugt, daß ein Rang ganz spezifische, sich mehr oder weniger gleichbleibend wiederholende Situationsbedingungen aufweist, die wiederum fördernd auf die Entwicklung gewisser Eigenschaften einwirken. Die Hypothesenformulierungen Adlers haben starkes Forschungsinteresse geweckt und folglich zur Durchführung zahlreicher Studien angeregt, die sich mit der Frage nach der Bedeutsamkeit der Geschwisterposition im Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung befassen. Ziel dieser Studien ist es, die von Adler aufgestellten Hypothesen zu überprüfen.

In der vorliegenden Arbeit werden die aktuellen Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung der Theorie Adlers vergleichend gegenübergestellt, wobei das individualpsychologische Gedankengut als roter Faden verwandt werden soll.

Neben den Werken Adlers basiert die Arbeit auf psychologischen Zeitschriftenartikeln – überwiegend aus den 70er und 80er Jahren – sowie auf neuerer Literatur, in der Untersuchungen dargestellt werden, die praktische, z.B. pädagogische oder klinisch-psychologische Zielvorstellungen verfolgen.

Gang der Untersuchung:

Zunächst werden in Kapitel 2 die zentralen Begriffe „Geschwisterposition“ und „Persönlichkeit“ eingeführt und erläutert, um das Verständnis für die theoretischen Ansätze zu erleichtern. Kapitel 3 befaßt sich mit der Geschwisterpositionsforschung aus historischer Sicht, gibt uns außerdem Informationen zur bevölkerungsstatistischen Situation der Familiengröße sowie zu methodischen Rahmenbedingungen der Forschungsvariable „Geschwisterposition.“.

Alfred Adlers Geschwisterpositionstheorie wird in Kapitel 4 erläutert, wobei einleitend eine Einordnung dieser in grundlegende Ansätze sowie eine Darlegung der Grundannahmen der Individualpsycholgie vorgenommen wird. Das sich anschließende Kapitel 5 behandelt aktuelle Forschungsergebnisse, die exemplarisch an fünf Persönlichkeitsdimensionen vorgestellt werden. Weiterhin sollen an dieser Stelle sämtliche neueren Studien kennzeichnende methodische Schwierigkeiten angesprochen werden.

Die neben der Geschwisterposition existierenden, persönlichkeitsbeeinflussenden Variablen werden in Kapitel 6 thematisiert, wobei ich auf vier Faktoren, die meines Erachtens bedeutend sind, näher eingehen werde. Eine zusammenfassende, kritsche Gegenüberstellung der Hypothesen Adlers auf der einen Seite und den neueren Forschungsergebnissen auf der anderen Seite erfolgt in Kapitel 7.

Schließlich wird in Kapitel 8 der Versuch unternommen, aus den zusammengetragenen Ergebnissen ein Fazit zu ziehen, welches für therapeutische und pädagogische Überlegungen von Nutzen sein kann.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Terminologie 3
2.1 Begriffserläuterung „Geschwisterposition“ 3
2.2 Begriffserläuterung „Persönlichkeit“ 4
3. Allgemeines zur Geschwisterpositionsforschung 6
3.1 Historischer Abriß 6
3.2 Demographische Situation 8
3.3 Methodische Aspekte 10
4. Alfred Adlers Theorie zum Zusammenhang von Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung 12
4.1 Einordnung in grundlegende Ansätze zur Geschwisterkonstellationsforschung 12
4.2 Grundzüge der Individualpsychologie 13
4.3 Die Bedeutung der Geschwisterposition 18
4.3.1 Das einzige Kind 19
4.3.2 Das älteste Kind 20
4.3.3 Das zweite Kind 24
4.3.4 Das jüngste Kind 27
4.3.5 Sonderpositionen 28
5. Aktuelle Forschungsergebnissezum Zusammenhang von Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung 31
5.1 Extravertiertheit 35
5.2 Freundlichkeit 40
5.2.1 Ergebnisse zu Aggressivität 41
5.2.2 Ergebnisse zu Beliebtheit/Kooperation/Empathie/Altruismus 43
5.3 Gewissenhaftigkeit 45
5.4 Neurotische Disposition 47
5.5 Offenheit für Erfahrung 51
5.6 Fazit 54
6. Intervenierende Variablen 59
6.1 Altersabstand der Geschwister 60
6.2 Anzahl der Geschwister/Familiengröße 63
6.3 Geschlecht der Geschwister 64
6.4 Erziehungsverhalten 67
6.4.1 Positionsspezifisches Erziehungsverhalten 68
6.4.2 Wahrnehmung elterlichen Erziehungsverhaltens 73
7. Kritische Auseinandersetzung 76
8. Resümee und Ausblick 80
Literaturverzeichnis 83

Automatisiert erstellter Textauszug:

‘Gut’ und ‘böse’ haben, wie andere Bezeichnungen von Charakterzügen, nur in dem Zusammenhang einer Gemeinschaft einen Sinn. Sie sind Ergebnisse der Einübung in die Umgebung einer Gemeinschaft unter Mitmenschen, und sie setzen das Urteil voraus: ‘dem Wohl anderer zuträglich’, oder: ‘dem Wohl anderer abträglich’. Vor der Geburt hat das Kind keine es umgebende Gemeinschaft in diesem Sinn. Nach der Geburt hat es Entwicklungsmöglichkeiten nach beiden Richtungen. Welchen Pfad es einschlägt, hängt von den Eindrücken und Empfindungen ab, die es von seiner Umgebung und seinem eigenen Körper empfängt, und von der Deutung, die es diesen Eindrücken und Empfindungen gibt. Vor allem wird es von seiner Erziehung abhängen. (Adler, 1979, S. 136) [...]

Entlehnt aus dem lateinischen Wort persona, das die „Maske des Schauspielers“, die „Rolle, die durch diese Maske dargestellt wird, Charakterrolle“ bezeichnet, steht der Ausdruck Person/Persönlichkeit für den „Menschen in seiner besonderen Eigenart“, den „in sich gefestigte[n] Mensch[en]“ (Duden, Etymologie, 1997, S. 522). Die Persönlichkeit ist die „Gesamtheit aller individuellen Merkmale von Menschen“ (dtv-Atlas Psychologie, 1992, S. 465) oder „ausgeprägte Individualität eines Menschen“ (dtv-Lexikon, 1975, Bd.14, S. 88). Es handelt sich einerseits um subjektive Zustände, Inhalte und Vorgänge, andererseits um beobachtbare Aktivitäten, die die unterschiedlichen Eigenschaften der Menschen ausmachen (dtv-Wörterbuch Psychologie, 1997). Somit umfaßt der Begriff der Persönlichkeit eine Vielzahl an Dimensionen, wie z.B. Emotionalität, Aktivitätsgrad oder Geselligkeit, „die gewöhnlich in der psychologischen Forschung bei Erwachsenen durch Fragebogen oder bei Kindern durch Ratingskalen erhoben werden, mittels derer Eltern ihre Kinder bewerten“ (Dunn & Plomin, 1996, S. 29). Im Mittelpunkt jeder Definition steht der Aspekt der Individualität, d.h. der Eigenartigkeit und Einzigartigkeit eines Menschen. Inwieweit diese individuellen Eigenschaften angeboren oder erworben sind, ist eine in den verschiedenartigsten Persönlichkeitstheorien zentral diskutierte Frage. Die enge Verwandtschaft der Begriffe Persönlichkeit und Charakter wird vor allem in der älteren deutschen psychologischen Literatur deutlich, in der sie häufig synonym verwendet werden. Meist jedoch herrscht dort der Charakter-Begriff vor. Dieser „ist heute weitgehend durch den der Persönlichkeit ersetzt“ (dtv-Wörterbuch Psychologie, 1997, S. 106). In den Büchern von Adler begegnet man beiden Begriffen, wobei er zwischen dem „schöpferischen, prozeßhaft-werdenden Aspekt der Individualität bzw. der Persönlichkeit“ und dem den Charakter betreffenden „statischen Aspekt des Gewordenen, von der Vergangenheit her Geprägten und Gleichbleibenden“ (Hellgardt, 1995, S. 73) unterscheidet. Er stellt also die indeterminierte schöpferische Kraft der Persönlichkeit dem final determinierten Charakter – verstanden als sich gleichbleibend wiederholender Lebensstil – gegenüber und spricht in diesem Zusammenhang von der „Determination des Charakters und seiner Stellung als Mittel im Dienste der Persönlichkeit“ (Adler, 1974, S. 75). Adler betont die für ihn zentrale Bedeutung der „Einma3 [...]

Sucht man in Nachschlagewerken nach diesem Begriff, wird man insbesondere in individualpsychologischer Literatur fündig. Dies ist durch die Tatsache zu erklären, daß sich Adler (1974, S. 195) als einer der ersten mit der Stellung des Individuums in der Geschwisterreihe beschäftigte und somit als Vater der sogenannten „Positionspsychologie“ bezeichnet werden kann.2 Neben „Geschwisterposition“ sind die – zum größten Teil synonym verwendeten – Begriffe „Geschwisterreihe“, „Geburtenfolge“, „Geburtsrang“, „Ordinalposition“ sowie der von Adler geprägte Begriff der „Geschwisterkonstellation“ zu finden. Unter letzterem „werden in der psychologischen Literatur jene formalen Aspekte verstanden, die sich aus der Geschwisterbeziehung ergeben“ (Unzner, 1990, S. 20). Hierzu gehören neben der Reihenfolge der Geburten auch der „Abstand zwischen den Geschwistern, ihre Zahl und ihr Geschlecht“ (ebd.). Der für diese Arbeit bewußt gewählte, weniger komplexe Begriff der „Geschwisterposition“ stellt demnach nur einen Teil der Geschwisterkonstellation dar. Er gibt uns Informationen über die rein zahlenmäßige Geburtenfolge der Kinder, d.h. ob es sich z.B. um das einzige, älteste, zweite oder das jüngste Kind handelt. Verschiedene Autoren, u.a. Sulloway (1997, S. 40f.) und Vuyk (1959, S. 5), weisen auf die sinnvolle Unterscheidung der „biologischen“ Geburtenfolge einerseits und der „funktionalen“ bzw. „psychologischen“ Geburtenfolge andererseits hin. Betrachtet man die Kategorie der Geburtenfolge in biologischer Hinsicht, werden auch verstorbene und totgeborene Kinder mitgezählt, „von denen die lebenden Kinder eventuell nichts wissen“ (Vuyk, 1959, S. 5). Die funktionale bzw. psychologische Geburtenfolge hingegen stellt die für die Geschwisterpositionsforschung bedeutendere Variable dar, da diese die persönlichen Empfindungen und Deutungen des Kindes berücksichtigt: Wird beispielsweise ein Kind adoptiert, oder wachsen Ge2 [...]

Arbeit zitieren:
Dupont, Kerstin Oktober 1998: Geschwisterposition und Persönlichkeitsentwicklung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Erziehungsverhalten, Enttrohnung, Individualpsychologie, Charaktertypologie, Familienkonstellation

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