Geschwisterkonstellationen bei Adoptiv- und Pflegekindern
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Ulrike Kuhlbrodt
- Abgabedatum: März 2000
- Umfang: 102 Seiten
- Dateigröße: 554,1 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Evangelische Fachhochschule Ludwigshafen Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6442-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6442-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6442-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kuhlbrodt, Ulrike März 2000: Geschwisterkonstellationen bei Adoptiv- und Pflegekindern, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Geschwister, Geschwisterkonstellationen, Adoptivkinder, Pflegekinder
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Diplomarbeit von Ulrike Kuhlbrodt
Einleitung:
Ob ein Mensch mit Geschwistern aufwächst oder als Einzelkind, welche Position er in der Geschwisterreihe und welches Geschlecht er hat, ist für sein ganzes Leben von Bedeutung. Geschwister sind ein Teil der Welt, die zum Leben dazugehören. Mit welcher Situation das Kind in der Familie konfrontiert wird, bildet die Ausgangsbasis für sein späteres Leben und beeinflusst sein Denken über sich und die Welt. Die Geschwistersituation ist eng mit kulturellen Wertvorstellungen, Geschlechterrollen und der Paarsituation der Eltern verknüpft. Sie beeinflusst das soziale Verhalten untereinander und das Verhalten innerhalb der Gemeinschaft.
Geschwister tragen dazu bei zu lernen, auf andere zu reagieren, sich mit anderen anzufreunden, Kontakte durch Kommunikation herzustellen, für andere Sympathie oder Antipathie zu empfinden, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Kann im Laufe des Zusammenlebens die Rivalität und Eifersucht begrenzt werden und entwickelt sich zunehmend eine Geschwisterliebe, hat dieses positive Auswirkungen auf das Verhalten mit der Umwelt.
Die zahlreichen Studien, die es über die Auswirkungen der Geschwisterkonstellation gibt, haben alle eine gemeinsame Erkenntnis: Das erste Kind, das die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern hatte, bekommt Probleme, wenn ein zweites Kind in die Familie kommt. Das erste ist stärker an den Erwachsenen orientiert, ein späteres Kind hat eine vielfältigere Sozialisation. Es kennt es nicht anders, als mit Erwachsenen und Kindern zu leben und wächst mit zwei Normen auf, denen der Erwachsenen und denen der Geschwister.
Ältere Kinder haben eine schwere Position, ab sofort müssen sie die Liebe und Zuneigung der Eltern teilen, die ihnen bisher alleine galt. Die Eltern erwarten vom Älteren mehr Verantwortung und Vernunft, was bei einem geringen Altersunterschied unrealistisch ist.
Wie ich schon erwähnte, gibt es viele Studien über Geschwisterkonstellationen, die sich auf leibliche Kinder beziehen, Geschwisterbeziehungen von Adoptiv- und Pflegekindern in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen sind jedoch wenig erforscht. Nahezu alle Studien, die sich mit geschwisterbezogenen Fragen beschäftigen, werden im Rahmen klinisch-psychologischer Projekte realisiert. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die die Platzierung oder Identitätsbildung von Adoptiv- und Pflegekindern betreffen, die von verschiedenen Autoren sehr widersprüchlich beantwortet werden.
Zu den wenigen Untersuchungen mit einer nicht klinischen Gruppe zählt die „Delaware Family Study“, die u.a. der Fragestellung nachging, ob adoptierte und nicht adoptierte Geschwister genauso eng aneinander gebunden sind wie biologische, und ob es vermehrte Probleme zwischen adoptierten und nicht adoptierten Geschwistern gibt.
Auf die Ergebnisse der Studie werde ich noch ausführlich eingehen.
Weshalb das Gebiet der Geschwisterbeziehungen bei Adoptiv- und Pflegekindern so wenig erforscht ist, liegt meiner Meinung daran, dass Praktiker wie Sozialarbeiter, Pflegeeltern und Heimerzieher die Problematik der Geschwisterbeziehungen nicht kritisch betrachten, weil sie diese idealisieren und nicht infrage stellen. Sie betonen die positiven Seiten der Beziehung, die sich in Nähe, Vertrauen und Akzeptanz ausdrückt, berücksichtigen aber nicht die negativen Aspekte wie Neid, Eifersucht, Rivalität und Aggressivität, die in allen Geschwisterbeziehungen eine Rolle spielen.
Gerade bei der Aufnahme eines älteren Kindes, das schon die ersten 3 Jahre seines Lebens in der Herkunftsfamilie oder im Heim verbracht hat, in eine Familie, in dem bereits ein leibliches Kind existiert, kann zu erheblichen Problemen führen. Das gesamte bisherige Familiensystem ändert sich, wenn ein neues Mitglied mit Sonderstatus in die Familie kommt, die Geschwisterreihe verändert sich, unterschiedliche Traditionen, Regeln und Gewohnheiten stoßen aufeinander.
Das leibliche Kind muss einen Teil seines Besitzes aufgeben, erfährt eine erhöhte Unsicherheit durch Änderungen im Beziehungsgefüge und in alltäglichen Gewohnheiten. Es ist unsicher, ob die Beziehung zu den Eltern stabil bleibt trotz Konkurrenten.
Das „neue“ Kind hat zu Beginn das Problem, sich in die Familie zu integrieren. Verhält es sich zunächst angepasst und fügt sich scheinbar in die Familie ein, so ist dies eine vorübergehende Phase. Im Laufe der Zeit testet es die Grenzen der Pflegeeltern, ob sie es auch dann akzeptieren, wenn es wütend, aggressiv ist und sich unmöglich benimmt. Belastend ist die Anpassungsphase für alle Familienmitglieder, da sich eine verstärkte Eifersucht und Rivalität zwischen den Kindern nicht vermeiden lässt. Kommt das Adoptivkind/Pflegekind als Säugling in die Familie, ergeben sich die üblichen Probleme, die auch vorhanden wären, wenn das Familienkind noch ein leibliches Geschwisterkind bekommen würde.
Das Familienkind hat ambivalente Gefühle gegenüber dem „neuen“ Kind; einerseits freut es sich, ein Geschwister zu bekommen und nicht mehr alleine zu sein, andererseits ist es eifersüchtig, da es sich zurückgesetzt fühlt. Alles dreht sich um den Säugling, der auch vermehrte Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht, was für das leibliche Kind, je nach Alter, schwer zu verstehen ist.
In den meisten Adoptiv- bzw. Pflegefamilien bilden die Kinder eine Reihe wie in jeder anderen Familie auch, es gibt ein ältestes Kind und ein oder mehrere jüngere Geschwister. Wird das Kind als Säugling adoptiert, nimmt es den Platz ein, den auch ein leibliches Kind einnehmen würde.
Die Geburtenfolge legt den Platz innerhalb der Familie fest, biologische und funktionale treffen bei leiblichen Kindern zusammen. Mit der Aufnahme eines Adoptiv- bzw. Pflegekindes ändert sich die funktionale Geburtenfolge, da in diesem Fall die biologische entfällt.
Die Geburtenfolge bestimmt die Geschwisterkonstellation, d.h. die Stellung in der Geschwisterreihe. Der Begriff „Stellung in der Geschwisterreihe“ findet sich erstmals bei Alfred Adler. Durch die Geschwisterkonstellation ist die psychologische Situation jedes Kindes individuell und unterscheidet sich von der der anderen Kinder. Nicht die Zahl, die das Kind in der Geburtenfolge trägt, beeinflusst den Charakter, sondern die Situation, die es in der Familie erfährt, und die Art, in der es diese Situation deutet. So wird verständlich, dass Kinder derselben Familie nicht von derselben Umgebung geprägt werden.
Adler maß der Geburtenfolge eine zentrale Bedeutung bei; denn sie wirkt sich auf die Persönlichkeit des Kindes aus, beeinflusst das Temperament, ob z.B. ein Kind schüchtern, introvertiert oder extravertiert ist, ob eine gute oder schlechte Geschwisterbeziehung entsteht, sie beeinflusst das Verhalten der Eltern, wie sie ihre Kinder behandeln, ob z.B. eines der Kinder in die Sündenbockrolle gedrängt wird oder eines der Kinder von den Eltern favorisiert wird, welche familiäre Nische der Einzelne besetzt. Bei einem fremdplatzierten Kind ist die Geschwisterkonstellation entscheidend für das Ge- bzw. Misslingen bei der Integration und Entwicklung des Kindes.
Obwohl 85 % der Pflegefamilien außer dem Pflegekind noch ein oder mehrere leibliche Kinder oder Adoptivkinder haben, beschränke ich mich bei meinen Ausführungen im ersten Teil auf die Konstellation von zwei Kindern: In der Familie ist ein leibliches Kind vorhanden, ein Adoptiv- bzw. Pflegekind, das 3-4 Jahre jünger als das vorhandene Kind ist, wird in die Familie aufgenommen.
Da es gravierende rechtliche Unterschiede zwischen Adoptiv- und Pflegekindern gibt,- ein adoptiertes Kind wird zum leiblichen Kind der Adoptivfamilie, ein Pflegekind dagegen bleibt Kind zweier Familien, der Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie-, werde ich getrennt auf die Geschwisterbeziehungen von Adoptierten und Pflegekindern eingehen. Es gibt zwar keine empirischen Studien, die sich mit der Frage befassen, welche Arten von Geschwisterbeziehungen sich zwischen Adoptiv- bzw. Pflegekind und leiblichen Kindern entwickeln. Mehrere Autoren sind sich aber einig, dass nach innerfamiliärer Bewältigungen typischer Konflikte sich zwischen den Kindern „normale“ Beziehungen ausbilden, wie sie auch in Kernfamilien vorhanden sind. Ein Kind, das im Säuglingsalter adoptiert wird, hat noch keine Integrationsprobleme, wie ein älteres Kind, es passt sich der häuslichen Umgebung an und wird ein Mitglied der Familie. Für Kinder, die Geschwister haben, ist es unbedeutend, ob sie biologisch miteinander verwandt sind oder nicht. Tatsache ist, dass sie in ein und derselben Familie aufwachsen und sich miteinander auseinandersetzen müssen - und das täglich. Inwieweit „normale“ Geschwisterbeziehungen entstehen können, hängt auch vom Verhalten der Eltern ab. Sie dürften eher das Problem mit dem Status „Adoptivkind“ haben als die Geschwister, denn sie können nicht ignorieren, dass das Kind von ihnen adoptiert wurde.
Wie äußert sich eine „normale“ Geschwisterbeziehung? Sie äußert sich in Machtkämpfen, Streitereien, Eifersucht, Rivalität, Hass, Solidarität, Fürsorglichkeit, Zusammengehörigkeit, Liebe, Verständnis. Eine Geschwisterbindung besteht ein Leben lang, eine gemeinsame Geschichte prägt die Beziehung.
Da immer wieder bestätigt wird, dass sich normale Geschwisterbeziehungen in Adoptiv- und Pflegefamilien entwickeln, habe ich Literatur über biologische Geschwister verwendet und auf die Konstellation leibliches Kind - Adoptivkind übertragen. Wenn ich in meinen Ausführungen von Geschwistern spreche, meine ich die Beziehung zwischen leiblichem Kind und Adoptivkind.
Kommt ein älteres Kind als Pflegekind in eine Familie, ergeben sich andere Probleme als bei Aufnahme eines Säuglings. Psychologische Konzepte gehen davon aus, dass eine Aufnahme in Vollzeitpflege stressvolle Ereignisse darstellen, so dass es Anpassungsprobleme für alle Beteiligten gibt. Es kommt zu mehreren Komplikationen, wenn ältere Kinder aufgenommen werden, da sie von Bezugspersonen getrennt werden und neue Beziehungen erst aufbauen müssen. Die Verlusterfahrungen führen dazu, dass diese Kinder vermehrt unangepasstes Verhalten und ein geringes Selbstwertgefühl zeigen.
Im zweiten Teil, - dem praktischen Teil - schildere ich die Ergebnisse eines Interviews mit einer Pflegefamilie, die 5 Kinder hat (3 leibliche Kinder und 2 Pflegekinder).
Als Sonderfall gebe ich meine Erfahrungen als adoptiertes Einzelkind wieder. Das ist nichts besonderes, das Besondere daran ist, dass ich mit zwei Kusinen im gleichen Haus aufwuchs und meine Persönlichkeitsentwicklung besonders durch die jüngere Kusine stark beeinflusst wurde.
Kurz möchte ich auch auf die Beziehung zu meiner Halbschwester eingehen, die ich vor 2 Jahren kennen lernte.
Im dritten Teil fasse ich die Erkenntnisse zusammen, die ich durch die Beschäftigung mit dem Thema gewonnen habe.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einführung | 1 |
| 2. | Leitgedanken des Darwinismus | 7 |
| 2.1 | Natürliche Selektion | 7 |
| 2.2 | Divergenzprinzip | 8 |
| 2.3 | Kindesmord | 8 |
| 2.4 | Geschwisterstrategien | 10 |
| 3. | Temperament | 11 |
| 3.1 | Schüchternheit | 11 |
| 3.2 | Introvertiertheit/ Extrovertiertheit | 12 |
| 4. | Rechtliche Situation | 13 |
| 5. | Konstellation: Leibliches Kind – Adoptivkind | 14 |
| 5.1 | Zusammenhang Alter und Integration | 14 |
| 5.2 | Bedeutung der Nische innerhalb der Familie | 15 |
| 5.2.1 | Familiäre Nische | 15 |
| 5.3 | Geschwisterrollen | 17 |
| 5.3.1 | Unterschiedliche Persönlichkeiten (Der Ritter - Der Narr) | 17 |
| 5.3.2 | Das Erstgeborene | 18 |
| 5.3.3 | Das einzige Kind | 20 |
| 5.3.4 | Das zweite Kind | 21 |
| 5.3.5 | Das jüngste Kind | 22 |
| 6. | Studien über Geschwisterbeziehungen von Adoptierten | 24 |
| 6.1 | Geschwisterbindungen | 26 |
| 6.1.1 | Bindung der Jüngeren an die Älteren | 27 |
| 6.2 | Geschwisterverhalten – allgemein | 28 |
| 6.3 | Geschwisterverhalten – geschlechtsbedingt | 29 |
| 6.3.1 | Ältere Schwester - Jüngerer Bruder | 30 |
| 6.3.2 | Älterer Bruder - Jüngere Schwester | 31 |
| 6.3.3 | Gleichgeschlechtliche Geschwister | 31 |
| 6.4 | Geschwisterstreitigkeiten | 33 |
| I.A1 | Konstellation: Leibliches Kind – Pflegekind | 36 |
| 1.1 | Überlegungen zur Inpflegenahme | 36 |
| 1.2 | Motive für Inpflegenahme | 36 |
| 1.3 | Strukturprobleme von Pflegefamilien | 36 |
| 2. | Traumatische Erfahrungen | 38 |
| 2.1 | Deprivation | 38 |
| 2.2 | Hospitalismus | 39 |
| 3. | Bindungen des Kindes - biologische und psychologische Elternschaft | 40 |
| 3.1 | Auswirkungen bei Trennung in früher Kindheit | 42 |
| 3.2 | Beziehungsaufbau zu den Pflegeeltern | 43 |
| 3.3 | Voraussetzungen für eine gelungene Integration | 44 |
| 4. | Zusammenleben in der Pflegefamilie | 47 |
| 4.1 | Geschwistersituation | 47 |
| 4.1.1 | Kinder untereinander | 48 |
| 4.1.2 | Eigenes Kind - fremdes Kind | 49 |
| 5. | Beispiel einer Geschwisterbeziehung - Probleme und Lösungen | 51 |
| 5.1 | Neues Familienmitglied – Beziehungsveränderungen | 51 |
| 5.2 | Ursachen für die Spannungen zwischen Florian und Corinna | 52 |
| 5.2.1 | Ursachen in Corinnas Leben | 52 |
| 5.2.2 | Ursachen in Florians Leben | 53 |
| 5.2.3 | Ursachen im elterlichen Verhalten | 53 |
| 5.2.4 | Ursachen in der Paarbeziehung | 53 |
| 5.3 | Wege aus der Krise | 54 |
| 5.3.1 | Rückbesinnung auf die Paarbeziehung | 55 |
| 5.3.2 | Leben lernen mit einem „Wechselbalg“ | 55 |
| 6. | Wie Eltern eine gute Geschwisterbeziehung verhindern | 57 |
| 6.1 | Fragwürdigkeit der Gleichbehandlung | 57 |
| 6.2 | Favoritentum | 58 |
| 6.2.1 | Ursachen des Favoritentums | 58 |
| 6.3 | Der Sündenbock | 59 |
| 6.3.1 | Wer erhält die Sündenbockrolle? | 60 |
| II.1. | Eine Pflegefamilie | 63 |
| 1.1 | Auf der Suche | 63 |
| 1.2 | Die Kinder | 64 |
| 1.2.1 | Markus Geschichte | 64 |
| 1.2.2 | Ginas Geschichte | 66 |
| 2. | Geschwisterbeziehungen | 68 |
| 2.1 | Die Erstgeborene | 68 |
| 2.2 | Geschwisterverhalten und Geschlecht | 68 |
| 2.2.1 | Die Mädchen | 68 |
| 2.2.2 | Die Jungen | 69 |
| 2.2.3 | Geschwisterstrategien/Streit | 69 |
| 2.3 | Integration | 70 |
| 2.4 | Geschwisterrollen und Temperament | 71 |
| 2.5 | Außenseiterrollen | 71 |
| 2.5.1 | Das schwarze Schaf | 71 |
| 2.5.2 | Favoritenrolle | 73 |
| 2.6 | Erziehung unter den Geschwistern | 73 |
| 2.7 | Verhalten der Großeltern | 74 |
| 2.8 | Mein Eindruck | 74 |
| 3. | Einfluss meiner jüngeren Kusine auf meine Persönlichkeitsentwicklung | 77 |
| 3.1 | Kleinkindalter | 77 |
| 3.2 | Grundschulalter/Schulalter | 79 |
| 3.3 | Pubertät | 82 |
| 3.4 | Erwachsenenalter | 83 |
| 4. | Die Beziehung zu meiner Halbschwester | 85 |
| III. | Reflexion | 87 |
| Literaturverzeichnis | 87 |
49 4.1.2. Eigenes Kind, fremdes Kind Manchmal ist es schwierig, die richtige Dosierung von Nähe und Distanz zum eigenen und Pflegekind zu finden. Damit das Pflegekind auch seinen Platz in der Familie finden kann, liegt es an den Eltern, Nähe zu ihrem Kind zu wahren und es loszulassen. Sie sind enttäuscht, dass sie andere Gefühle gegenüber dem Pflegekind haben als gegenüber dem eigenen, was aber verständlich ist, denn das Pflegekind fordert erhöhte Distanz auch heraus. Wichtig ist, sich verschiedene Gefühlsqualitäten zuzugestehen. Das Pflegekind kann die Qualität an Nähe und Vertrautheit nicht wie das eigene Kind herstellen. Sind sich die Eltern bewusst, dass eine zeitweilige Distanz nicht das Ende einer Beziehung sein muss können sie das Pflegekind in der Familie mit dem leiblichen Kind gut begleiten. Dies ist ein schwerer Schritt, der oft daneben geht. Dann kommt es zu folgender Entwicklung: Da das Pflegekind die Erwartungen seiner Pflegeeltern nicht erfüllt, halten biologische Geschwister oder die Eltern und ihr Kind immer mehr zusammen. Sie haben Nähe zum eigenen Kind und distanzieren sich vom Pflegekind. Sie ergreifen Partei für ihr Kind und wollen es gegen das Pflegekind schützen. Das Bündnis zwischen leiblichem Kind und Eltern wird enger, so dass es wieder zu einer symbiotischen Einheit kommt. Das Pflegekind fühlt sich in dieser Situation als Außenseiter, wird ständig stigmatisiert und entwickelt dadurch ein negatives Selbstbild. Es sprengt diese Dynamik durch Verhaltensauffälligkeiten, um den Zusammenhalt der anderen zu lockern. Eltern eines Einzelkindes haben es schwer, ihrem Kind die tägliche Unruhe, die mit dem Pflegekind eingekehrt ist, zuzumuten. Sie haben sich auf der anderen Seite mit der Aufnahme eines Pflegekindes dafür entschieden, ihrem Kind einen Teil seines Paradieses zu nehmen. Eltern können dem Pflegekind gerecht werden, wenn sie von ihm nicht dasselbe fordern, wie von ihrem Kind. Denn oft stellt das Familienkind ein Vorbild für das Pflegekind dar, an dem sich die Pflegeeltern orientieren, seine Fähigkeiten und Bedürfnisse auf das Pflegekind projiziert werden. Das leibliche Kind muss ein wenig von der Distanz erfahren, die das Pflegekind kennt und auch wahrt. Die Eltern können ihr Kind nicht vor allen Problemen, die auftauchen, bewahren. Das Pflegekind erhält eine Position in der [...]
48 so glaubt es, wieder mehr Zuneigung und Liebe von seinen Eltern zu bekommen. Den Pflegeeltern muss klar sein, dass das Familienkind eifersüchtig wird. Dem eigenen Kind werden nun konfliktreiche Aufwachsbedingungen zugemutet, was bei den Eltern zu Schuldgefühlen gegenüber ihrem Kind führt. Wenn das eigene Kind das Pflegekind ablehnt, haben die Eltern Gewissensbisse. Der unterschiedliche Status der verschiedenen Kinder in der Familie beeinflusst das Selbstwertgefühl und die Dynamik unter den Geschwistern noch mal anders als bei der so genannten "Normalfamilie". Pflegekind und leibliches Kind vergleichen sich miteinander: Das Pflegekind spürt, wie gut sich das Familienkind mit den Eltern versteht. Eine dichtere Beziehung und intensivere Vertrautheit zwischen dem Familienkind und den Eltern besteht als zwischen ihm und den Pflegeeltern. Dadurch können sehr starke Rivalitäten um die Beziehung zu den Eltern entstehen. Es hat Zorn auf das andere Kind, das es bisher besser hatte als es selbst. Es schämt sich für seine Eltern, die ihm das nicht geben konnten, was es jetzt täglich erfährt. Es richtet auch seinen Ärger gegen die Pflegeeltern, die ihr Kind nicht fort gegeben haben und es besser machen als die Eltern des Pflegekindes. Das tut weh! [...]
Kommt ein Pflegekind in die Familie, verändern sich die bestehenden Beziehungen sehr plötzlich. Neue Positionen entstehen: Das Pflegekind bringt mit seinen Normen und Regeln das Verhaltensmuster der Familie durcheinander. Es macht Dinge, was das andere nie gewagt hätte zu tun. Es erlebt, dass das Pflegekind Macht auf die Eltern auszuüben versucht, um sie zu verändern, was dem Familienkind in dem Maße gar nicht einfallen würde. Das Kind kämpft um seine Position, die es bedroht sieht, verliert die Orientierung und kommt durcheinander über die vielen Veränderungen, die das Pflegekind mitbringt. Das bisherige Einzelkind hat sich darauf gefreut, ein Geschwisterkind zu bekommen. Diese anfängliche Freude kann sehr schnell in Enttäuschung umschlagen, wenn es feststellt, dass seine Eltern dem Pflegekind aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit schenken als ihm. Es dreht sich alles um das neue Kind, es fühlt sich zurückgesetzt, wodurch die bisher sichere Position des leiblichen Kindes infrage gestellt wird. Es fällt ihm schwer, ab sofort seine Eltern mit noch einem Kind teilen zu müssen. Aus der Sicht des leiblichen Kindes glaubt es, dass es an Wert verloren hat und hat Angst, die Liebe seiner Eltern zu verlieren. Das Pflegekind wird zum Konkurrenten des Familienkindes, insbesondere dann, wenn das Pflegekind versucht, den Platz des Geschwisterkindes streitig zu machen. Werden die Bedürfnisse des eigenen Kindes zugunsten den Bedürfnissen des Pflegekindes zurückgestellt, kann es dazu führen, dass das Familienkind, das bisher keine Probleme machten, ebenfalls abweichendes Verhalten zeigt (Regression, Babysprache, Verhaltensnachahmung des Pflegekindes). Es verhält sich wie das Pflegekind, da das Pflegekind aufgrund seiner Auffälligkeit mehr Zuwendung erhält; wenn es sich wie das Pflegekind verhält, [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832464424
Arbeit zitieren:
Kuhlbrodt, Ulrike März 2000: Geschwisterkonstellationen bei Adoptiv- und Pflegekindern, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Geschwister, Geschwisterkonstellationen, Adoptivkinder, Pflegekinder



