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Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Lebenswelt

Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Lebenswelt
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sandra Fietkau
  • Abgabedatum: Mai 2005
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 11,5 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Lausitz, Standort Cottbus Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8872-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8872-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8872-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fietkau, Sandra Mai 2005: Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Lebenswelt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Bruder, Schwester, Behinderte, Geschwisterbeziehung, Familie

Diplomarbeit von Sandra Fietkau

Einleitung:

Zurzeit liegt die Lebenserwartung in Deutschland bei ungefähr 75 Jahren für Männer und bei 81 Jahren für Frauen. Die Zeit, die Geschwister zusammen verbringen, ist also relativ lang – länger als die gemeinsame Zeit mit den Eltern oder mit Lebenspartnern. Deshalb ist es diese Beziehung wert, näher betrachtet zu werden. Wie groß sind die gegenseitigen Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten der Geschwister? Wie verlaufen Geschwisterbeziehungen?

Es gibt allerdings auch Geschwisterbeziehungen, die unter anderen Voraussetzungen stehen und teilweise ganz anders verlaufen. Was passiert, wenn eine Person zusammen mit einer Schwester oder einem Bruder mit geistiger Behinderung aufwächst? Inwiefern verändert sich hier der Verlauf der Geschwisterbeziehung? Wie beeinflussen die besonderen Erlebnisse das Verhalten und die Einstellungen des nichtbehinderten Geschwisters?

Am Anfang der Beobachtungen über Familien mit einem Mitglied mit geistiger Behinderung wurde hauptsächlich untersucht, wie das Leben der Eltern sich durch die Geburt eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen verändert. Erst einige Zeit später wurde „entdeckt“, dass auch das Leben der nichtbehinderten Geschwister durch die Schwester oder den Bruder mit geistiger Behinderung beeinflusst wird.

So müssen sie zum Beispiel sehr früh lernen, Rücksicht zu nehmen und werden verstärkt für Aufgaben im Haushalt oder bei der Betreuung des Geschwisters herangezogen. Dies kann, abhängig von vielen verschiedenen Faktoren inner- und außerhalb der jeweiligen Familie, positive oder negative Auswirkungen auf das Leben dieser nichtbehinderten Geschwister haben.

Die besondere Form der Geschwisterbeziehung zwischen Menschen mit geistiger Behinderung und ihren nichtbehinderten Geschwistern wird im Rahmen dieser Diplomarbeit näher betrachtet. Angesichts der Fülle von Aspekten, die beim Zusammenleben mit einem Geschwister mit geistiger Behinderung von Bedeutung sind, konnten diese nicht alle umfassend behandelt werden. Deswegen wurde der Schwerpunkt direkt auf die Geschwisterbeziehung gelegt und diese auf ihre Entwicklung und Veränderung im Laufe des Lebens hin untersucht.

Im ersten Teil der vorliegenden Diplomarbeit werden, nach einer kurzen Betrachtung des Begriffs der geistigen Behinderung und einigen Definitionsversuchen, neue Blickwinkel der Forschung dargestellt. Danach wird die besondere Geschwisterbeziehung zwischen einem nichtbehinderten Kind, bzw. Jugendlichen, und seinem Geschwister mit geistiger Behinderung im Lauf der Kindheit und Jugend näher untersucht Menschen mit geistiger Behinderung sind ganz speziell auf die Hilfe von Eltern und Geschwistern angewiesen. Wenn die Eltern noch leben, übernehmen diese meist die Betreuungsaufgaben und regeln alle wichtigen Dinge im Leben des Menschen mit Behinderung. Heutzutage ist jedoch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Kinder mit Behinderung ihre Eltern überleben und die nichtbehinderten Geschwister nach dem Tod der Eltern für ihre Geschwister verantwortlich sind.

Aufgrund der bisher eher noch selten untersuchten Phase des Erwachsenenlebens wurden für den zweiten Teil dieser Arbeit ein Fragebogen erstellt, mit dem erwachsene Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung nach ihrer Lebenswelt und ihrer Beziehung zum Geschwister befragt wurden. Es sollte untersucht werden, was sie rückblickend über das Aufwachsen mit einem ‚besonderen’ Geschwister zu sagen haben, inwiefern ihre jetzige Lebenswelt durch das Geschwister mit geistiger Behinderung beeinflusst ist und wie sie die Geschwisterbeziehung zum Zeitpunkt der Befragung einschätzen. Außerdem wurden sie nach Plänen und Wünschen für die Zukunft des Geschwisters und nach ihrer Meinung über den Umgang mit Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft gefragt.

Bei dieser Befragung kamen insgesamt 29 ausgefüllte Fragebögen zurück. In dieser Arbeit werden die von den erwachsenen nichtbehinderten Geschwistern gemachten Aussagen über verschiedene Aspekte ihrer Geschwisterbeziehung bisher durchgeführten Studien gegenübergestellt und mit ihnen verglichen. Außerdem sind alle Antworten in tabellarischer Darstellung im Anhang aufgeführt.

Im dritten und letzten Teil der Arbeit werden Ideen, Einrichtungen und Maßnahmen dargestellt, die den nichtbehinderten Geschwistern helfen können, in ihrer besonderen Geschwisterbeziehung zurecht zu kommen und die ihnen Möglichkeiten geben, mit anderen betroffenen Geschwistern in Kontakt zu kommen, um sich mit ihnen austauschen zu können. Diese Hilfen werden unterteilt in personale Hilfen, die vom Geschwister direkt kommen, in Hilfen vom unmittelbaren Umfeld, zum Beispiel der Familie, in professionelle Hilfen von außen und in indirekte Hilfen, wie zum Beispiel gesetzliche Bestimmungen.

Insgesamt ist die Arbeit einfach zu lesen und somit auch für jemanden verständlich, der nicht alle Fachbegriffe aus der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen und ihren Geschwistern kennt. Trotzdem wird sie fachlichen Anforderungen gerecht und bietet einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand im Bereich der Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung. Durch den Fragebogen für erwachsene Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung und den somit direkten Bezug zur Zielgruppe dieser Arbeit konnten theoretische Aussagen praktisch bestätigt werden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Geschwisterbeziehung – die längste Beziehung des Lebens 2
2. Besonderheiten bei Geschwistern mit geistiger Behinderung 5
2.1 Geistige Behinderung 5
2.2 Veränderungen in der Forschung 7
2.2.1 Ein neuer Blickwinkel 7
2.2.2 Der Ökologische Ansatz nach Bronfenbrenner 9
2.2.3 Äußere Einflüsse auf die Geschwisterdyade 10
3. Die Geschwisterbeziehung in Kindheit und Jugend 14
3.1 Die Geburt eines Kindes mit geistiger Behinderung 14
3.2 Die Entwicklung der Geschwisterbeziehung 16
3.3 Die Rolle des nichtbehinderten Geschwisters in der Kindheit 21
3.4 Pubertät und Adoleszenz als Krise und Chance 30
4. Die Geschwister als Erwachsene 37
4.1 Die Befragung 37
4.1.1 Methodisches Vorgehen 37
4.1.2 Die Stichprobe 39
4.2 Ergebnisse der Befragung 40
4.2.1 Rückblickende Beurteilung des Aufwachsens in einer besonderen Geschwisterbeziehung 40
4.2.2 Verhältnis zwischen den Geschwistern im Erwachsenenleben 44
4.2.3 Pläne für das Älterwerden 53
4.3 Schlussfolgerungen 58
5. Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft 61
5.1 Berührungsängste und Verhaltensunsicherheiten 61
5.2 Sozialpolitische Aspekte 65
5.3 Akzeptanz und Integration 67
6. Hilfen für die nichtbehinderten Geschwister 71
6.1 Hilfreiche personale Faktoren 71
6.2 Hilfen durch das direkte Umfeld 73
6.3 Hilfen von außen 76
6.4 Indirekte Hilfen 82
7. Fazit 84
8. Literaturverzeichnis 89
8.1 Monographien und Zeitschriften 89
8.2 Graue Literatur 95
8.3 Internetquellen 95
9. Anlagen 97

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die Menschen mit einer Behinderung nehmen in den betroffenen Familien oft einen großen Raum an Zeit und Kraft ein. Verständlicher Weise, denn sehr viele bedürfen einen hohen Betreuungsaufwand und viele zusätzlich Termine bei Ärzten und Therapeuten. ‚Nicht das Kind ist behindert, sondern die ganze Familie!’ sagte einmal ein Vater. Der Alltag, die Sozialkontakte, die Urlaubsplanung und anderes mehr werden dem behinderten Kind angepasst. Und wo bleiben die Geschwister? Wie geht es ihnen damit, einen behinderten Bruder oder eine behinderte Schwester zu haben? Mehrmals jährlich finden Angebote für die Geschwister behinderter Kinder statt. Diese Wochenenden werden getragen von dem Förderkreis Haslachmühle – Rotachheim - Offene Hilfen und der Zieglerschen Anstalten Behindertenhilfe. Im Folgenden ein kleiner Bericht über eines dieser Wochenende. Thema: „Wir sitzen alle im selben Boot“ – Segeln auf dem Bodensee. Es ist Freitag 16.00 Uhr. Nach und nach kommen sie in den Hafen in Ludwigshafen am Bodensee, bepackt mit einem Rucksack oder einer Reisetasche und einem Schlafsack. Ziel: ein Wochenende auf Segelschiffen gemeinsam mit anderen Jugendlichen erleben. Gemeinsam ist ihnen, jeder hat einen Bruder oder eine Schwester, der oder die behindert ist. Aus ganz unterschiedlichen Richtungen sind sie angereist, aus Baden – Württemberg, Hessen und Bayern, einzeln von noch weiter her. Nur diejenigen kennen sich, die seit einigen Jahren an einem solchen Wochenende teilnehmen, viele kommen aber das erste Mal. Während die Jugendlichen noch etwas zurückhaltend neugierig die vier Segelschiffe anschauen, kommen die Mitarbeiter mit den Eltern ins Gespräch, die ihrerseits unterschiedliche Interessen haben. Die einen freuen sich darauf, dass ihr Kind, das im Alltag immer wieder durch das behinderte Geschwisterteil verzichten muss, die Gelegenheit hat, verwöhnt zu werden und einen gewissen Ausgleich zu bekommen. Andere erhoffen sich offene Gespräche über die familiäre Situation und Stärkung für den anstrengenden Alltag, wieder andere sind unsicher fragend, was wir denn mit ihrem Kind an diesem Wochenende vorhaben. 17.30 Uhr Die Kinder sind auf den Schiffen verteilt und die Schiffe legen ab. Ein letztes Winken, Zurufen, dann werden die Segel gehisst und das Schiff erobert. Die erste Tour ist nicht sehr lange, denn man möchte abends gemeinsam im Hafengelände in Sipplingen an einem wunderschönen Platz grillen und sich gemeinsam kennen lernen. Erste Kontakte werden an Bord geknüpft, man tastet sich behutsam heran, beobachtet auch die fünf Mitarbeiter, und die Skipper, die dieses Wochenende begleiten oder fragt neugierig, was einen wohl erwartet. Die ersten Seemannsknoten werden gelernt und einige „Wasserregeln“, für die meisten ein Neuland, sie waren noch nie segeln. 18.30 Uhr. Man trifft in Sipplingen ein, erlebt zum ersten Mal mit, wie man ein Schiff anlegt. Das Hafengelände mit den vielen Segel- und Motorbooten wird begutachtet und mit dem ein und anderen Kollegen nebenbei geredet. An der Grillstelle soll es Abendessen geben, wer grillt, putzt Salat, deckt die Bierbänke? Die Jugendlichen sind sehr motiviert und engagiert. 1 [...]

Entgegen der Situation in Wien, wo die Eltern meist allein mit ihren Kindern mit geistiger Behinderung leben, verläuft der Übergang der Betreuung im ländlichen Raum in Südtirol eher allmählich, da es üblich ist, dass die Eltern und die nichtbehinderten Kinder noch zusammen in einem Haus leben. So können sich Eltern und Kinder gegenseitig bei der Haushaltsführung helfen und für rund ein Viertel der Menschen mit Behinderung in Südtirol übernehmen die Geschwister recht früh einen Teil der Verantwortung oder der Betreuungsaufgaben. Als ein Grund der starken Einbindung in die Betreuung ihrer Geschwister mit Behinderung schildern Klicpera und Gasteiger-Klicpera (ebd.), dass die nichtbehinderten Kinder in Südtirol von ihren Eltern sehr früh dazu erzogen werden, für ihr Geschwister mit geistiger Behinderung zu sorgen. Klicpera und Gasteiger-Klicpera (ebd., 116) bestätigten außerdem in ihrer Studie, dass die Einstellungen und Beziehungen zwischen den Geschwistern frühzeitig geprägt werden. Eine längerfristige Belastung des nichtbehinderten Geschwisters durch Zurücksetzungen und Vernachlässigung in der Kindheit kann dazu führen, dass die Geschwister im Erwachsenenalter nicht dazu bereit sind, ihr Geschwister mit Behinderung bei sich aufzunehmen und sich weigern, weitere Einschränkungen auf sich zu nehmen. Deswegen müssen die Eltern sich schon sehr früh darum bemühen, ein Gleichgewicht zwischen der Sorge um das Kind mit geistiger Behinderung und den Bedürfnissen des nichtbehinderten Kindes zu finden. [...]

Anhand von Interviews mit Mitarbeitern von Tageseinrichtungen für Menschen mit Behinderung, den Klienten der Tageseinrichtungen selber und deren Familien, untersuchten Klicpera und Gasteiger-Klicpera (ebd.) unter anderem die Sichtweise aller Beteiligten auf das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung bei ihren nichtbehinderten Geschwistern. Alle teilnehmenden Menschen mit Behinderung lebten zum Zeitpunkt der Interviews noch in ihrer Ursprungsfamilie. In Bezug auf die Belastungen der Familie zeigte sich, dass bei jüngeren Menschen mit Behinderung hauptsächlich die Mütter für die Betreuung zuständig waren, bei den meisten waren die Väter bereits verstorben. Bei zwei Dritteln der älteren Menschen mit geistiger Behinderung waren in Südtirol die nichtbehinderten Geschwister für die Betreuung zuständig, hier meist die Schwestern oder Schwägerinnen (ebd., 112). Im Vergleich zu ungefähr 50% der Angehörigen in Südtirol, die bereits Pläne für die Zukunft des Familienmitglieds mit geistiger Behinderung getroffen hatten, wussten in Wien schon 80% der Befragten, was nach der Zeit im Elternhaus passieren sollte (ebd., 113). [...]

Arbeit zitieren:
Fietkau, Sandra Mai 2005: Geschwister von Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Lebenswelt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Bruder, Schwester, Behinderte, Geschwisterbeziehung, Familie

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