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Zur Geschichte der Unterhaltungsmusik

Dargestellt am Wirken des Tanzkomponisten und Orchesterleiters Joseph Gungl im Berlin der 1840er Jahre

Zur Geschichte der Unterhaltungsmusik
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Peter Thiebes
  • Abgabedatum: Dezember 1986
  • Umfang: 228 Seiten
  • Dateigröße: 14,6 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8919-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8919-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8919-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Thiebes, Peter Dezember 1986: Zur Geschichte der Unterhaltungsmusik, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: 19. Jahrhundert, Unterhaltungsorchester, Walzerkönig, Marschkomponist, Gung'l

Magisterarbeit von Peter Thiebes

Zusammenfassung:

Infolge der Konzentration musikwissenschaftlichen Forschens auf das herausragende Kunstwerk wurden die Fragen der allgemeinen Musikentwicklung seitens der Musikwissenschaftler lange Zeit nur mit Zurückhaltung aufgeworfen. In dieser Arbeit wird ein bisher von den Musikforschern vernachlässigter Typus der Musikdarbietung untersucht: das reisende kommerzielle Unterhaltungsorchester im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts (im Unterschied zum institutionalisierten Orchester wie etwa der Hofkapelle).

Der 1810 in Ungarn geborene Komponist und Kapellmeister Joseph Gungl (oder auch Josef Gung’l), Protagonist dieser Studie, erweist sich als ein zu Unrecht vergessener Konkurrent des Wiener Walzerkönigs Johann Strauß. Anhand vieler Details - vor allem aus Zeitungen und Zeitschriften, aber auch aus einigen handschriftlichen Briefen Gungls zusammengetragen - entsteht in dieser Arbeit mit über 650 Anmerkungen für einen begrenzten Zeitrahmen von seinen etwa acht Berliner Jahren eine gewissermaßen minutiöse geschichtliche Fokussierung auf das Schaffen dieses in seiner Zeit so populären Musikers.

Zweifellos war gerade er für das Musikleben Berlins um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Persönlichkeit von überragender Bedeutung. In welchem Umfang und mit welchem Ernst sich selbst namhafte Musikkritiker jener Tage mit ihm und seiner Musik auseinander setzten, wird anhand von Rezensionen deutlich und diese Dokumente sprechen für sich.

Musikalisch und stilistisch untersucht werden in der Arbeit exemplarisch nur wenige von Gungls überaus zahlreichen Tanzkompositionen, da im Gegensatz zur kunstmusikalischen Werkanalyse hier nicht das einzelne individuelle Werk im Vordergrund stehen kann. Es geht nicht um die Untersuchung oder Bewertung mal mehr oder mal weniger gelungener Tänze, Potpourris oder Bearbeitungen beliebter Opernarien. Es werden vielmehr erstmalig die damalige Konzertgastronomie, die Konzertwerbung, die Musikalienwerbung des Verlegers sowie das Orchester als kommerzieller Betrieb zusammenhängend dargestellt. Dabei erweist sich u. a., dass Gungls Leistung auch darin bestand, ebenso die Kunstmusik einem breiten Publikum in Berlin bekannt zu machen, dem der Zutritt zu den institutionalisierten Orchesterkonzerten aus ökonomischen wie gesellschaftspolitischen Gründen eher verwehrt war.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts praktizierte man auf anderer Ebene die Einbeziehung unterschiedlichster Gattungen in die Konzertveranstaltungen. Sogenannte Mischprogramme wurden sehr beliebt. In Gungls über Jahre fast täglichen Konzerten in Berlin wurden hauptsächlich Tanzkompositionen, aber auch Ouvertüren oder instrumentale Potpourris mit bekannten Opernarien dargeboten. Allerdings gab er i. d. R. einmal wöchentlich sogenannte „Mittwochskonzerte“ oder auch gelegentlich Konzerte aus besonderem Anlass, in denen er seinem Publikum z. B. sinfonische Werke - auch zeitgenössische - vollständig und auf hohem Niveau präsentieren konnte. Das korrigiert die bisherigen Vorstellungen von der damaligen Funktion sogenannter „Salonorchester“. In der Arbeit wird nachgewiesen, dass zumindest Gungls Kapelle weder von der Größe und Zusammensetzung, noch von der Perfektion der musikalischen Darbietung und damit von der interpretatorischen Qualität her jenen Klischeevorstellungen entsprach, die man sich gemeinhin von derartigen Formationen macht. Denn die zahlreichen ausdrücklichen Hinweise auf deren ungewöhnliche Präzision und Musikalität belegen, dass sie durchaus neben den traditionellen Kulturorchestern zu bestehen vermochte, ja in gewisser Beziehung neue Maßstäbe setzte. Es zeigt sich, welche Bedeutung dieser Orchesterleiter als Privatunternehmer für das gesamte Musikleben der aufstrebenden Metropole Berlin hatte.

Ebenso wird in der Studie rekonstruiert, wie damals Unterhaltungsmusik angeboten und z. B. durch das Berliner Verlagshaus Bote & Bock verbreitet wurde. Im Unterschied zur Kunstmusik entwickelte sich mit der städtischen Unterhaltungsmusik eine eigene Öffentlichkeitskultur, die auf rasches Präsentieren und Anbieten ausgerichtet war – wie es sich in der modernen Popmusik bis heute fortsetzt. Neben der uralten Volksmusik entstand, geprägt u. a. durch die Militärmusik, im Zuge sich verändernder Gesellschaftsnormen das Genre der gehobenen Unterhaltungsmusik oder – man könnte auch sagen – das der kommerziellen Stadtmusik, wie es am Beispiel Gungls deutlich wird.

Darüber hinaus kommen in der Arbeit auch musik- und kulturhistorisch relevante biographische Details des Protagonisten ans Tageslicht, z. B. über die Konzertreise in die USA, über urheberrechtliche Unstimmigkeiten oder über einige ebenfalls musizierende Verwandte Gungls (Johann, Franz, Virginia). In diesem Zusammenhang wird auch auf zahlreiche andere gewissermaßen dynastische Traditionen, also auf Musikerfamilien dieses Genres hingewiesen.

Neben relevanten zeitgenössischen Abbildungen aus dem damaligen Berlin, Periodika-Faksimiles, Notenbeispielen, Briefauszügen oder einigen Portraits Joseph Gungls befindet sich im Anhang eine Werkliste der im Druck nachweisbaren Kompositionen. Sie ist aufgrund des hier untersuchten Zeitraumes nur bis op. 109 durchgängig und für die folgenden bis op. 388 lediglich auszugsweise erstellt. Die Werkliste ist mit zahlreichen Datierungshinweisen versehen, anhand derer sich in etwa auf die Entstehungszeit der einzelnen Kompositionen schließen lässt - zumindest aber auf den Terminus post oder ante quem.

In dieser Arbeit wird nicht nur versucht, eine bisher bestehende Lücke der musikwissenschaftlichen Forschung zu schließen, sondern auch einige Fehlurteile in der nicht sehr umfangreichen seriösen Literatur zu diesem Thema zu korrigieren. Die Studie bietet darüber hinaus Ansatzpunkte für neue Fragestellungen, deren Beantwortung dazu beitragen könnte, das unvollkommene und relativ verschwommene Bild jener musikalischen Aktivitäten zu komplettieren, die sich nach unserem heutigen Verständnis nicht so eindeutig klassifizieren lassen.

Inhaltsverzeichnis:

Vorbemerkungen 1
Die Quellenlage und -auswahl 2
1. Unterhaltungsmusik und Bürgertum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 11
2. Der Werdegang Joseph Gungls vor seiner Berliner Zeit 21
3. Die geschäftliche Struktur 24
Konzert und Gastronomie 24
Das Eintrittsgeld für Konzerte 29
Das Orchester als privater Betrieb 34
Werbung für Konzerte 42
Werbung für Musikalien 47
Komponist und Verleger 53
4. Die Konzerte 62
Aufführungspraxis und Darbietungskunst 62
Die Konzertprogramme 76
Die Rezeption und die Rezensionen der Konzerte 88
Gungls Konzertreisen von Berlin aus 99
Gungls Weggang aus Berlin 113
5. Der Werdegang Gungls nach seiner Berliner Zeit 119
6. Versuch einer musikhistorischen Einordnung Gungls (anhand einiger seiner Kompositionen) 123
Kommentare 139
Quellen und Literatur 179
Anhänge 1-36

Arbeit zitieren:
Thiebes, Peter Dezember 1986: Zur Geschichte der Unterhaltungsmusik, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
19. Jahrhundert, Unterhaltungsorchester, Walzerkönig, Marschkomponist, Gung'l

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