Der Germanenmythos im Drama des 19. Jahrhunderts
Christian Dietrich Grabbes "Die Hermannsschlacht" und Friedrich Hebbels "Die Nibelungen"
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Daniela M. Sechtig
- Abgabedatum: Dezember 2006
- Umfang: 154 Seiten
- Dateigröße: 1,5 MB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Osnabrück Deutschland
- Bibliografie: ca. 132
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1441-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Sechtig, Daniela M. Dezember 2006: Der Germanenmythos im Drama des 19. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Germanenmythos, Hermannsschlacht, Nibelungen, Grabbe, Hebbel
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Magisterarbeit von Daniela M. Sechtig
Einleitung:
Das Jahr 2006 brachte im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft eine Debatte hervor, die in dieser Form seit langem in Deutschland nicht mehr präsent war. Die Stichworte lauteten Patriotismus und Vaterlandsliebe. Politiker und Journalisten, die sich diesem Thema stellten, waren schon im Vorfeld um eine Definition dieser Begriffe bemüht. Roland Koch sagte in einem Interview:
"Patriotismus ist die Liebe zum eigenen Land. [...] Man entwickelt die Liebe zum Land durch Vorbild, Erfahrung und Gewohnheit." Der Journalist Giovanni di Lorenzo schrieb in einem Artikel in der Zeit:
"Patriotismus braucht [...] das Bewusstsein einer halbwegs ruhmreichen Vergangenheit, die Auflehnung gegen einen Besatzer oder den Sieg über einen Unterdrücker im Inneren. Aus einer kollektiven Erfahrung der erkämpften Freiheit und Einigung erwächst ein identitäts- und demokratiestiftender Patriotismus." Welche Vorbilder und historischen Ereignisse der deutschen Vergangenheit könnten dieses patriotische (Selbst-) Bewusstsein hervorbringen?
Betrachtet man zwei weitere kulturelle Ereignisse des Jahres 2006, stehen zwei Gestalten im Fokus des Geschehens: Arminius und Siegfried.
Die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen, die Pfingsten eröffnet wurde, beginnt mit Exponaten zur Varusschlacht bei Kalkriese. Gezeigt wird das Visier eines römischen Reiteroffiziers, der im Jahr 9 n. Chr. an der Schlacht gegen den Cheruskerfürsten Arminius teilnahm. Grund für den Einstieg mit der Römermaske war folgender:
"Die ganze Historie der Deutschen zu zeigen, ist schon deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil es während des größten Teils dieser langen Geschichte weder Deutschland gab noch ein deutsches Nationalbewusstsein noch eine deutsche Nation. Und so nahm die Museumsleitung die Sprache als entscheidendes Moment: Im Bericht des römischen Geschichtsschreibers Tacitus über die Niederlage des Varus wird der Begriff Germanen zum ersten Mal verwandt." Die deutsche Geschichte beginnt demnach mit dem Sieg des Arminius über Varus und dem Ende der römischen Besatzung in Germanien.
Ein weiterer Kulturhöhepunkt im Sommer 2006 waren die Bayreuther Nibelungen-Festspiele mit der Neuinszenierung von Richard Wagners Musikdrama Der Ring des Nibelungen durch Tankred Dorst. Siegfried ist in diesem Stück ein ungestümer Held, [...] ein junger Mann, wild, stark und ohne Angst, der gegen die germanischen Götter rebelliert und sich in die Walküre Brünhilde verliebt. Gerade der Nibelungenstoff scheint sich in den letzten Jahren in Deutschland großer Beliebtheit zu erfreuen. Im Jahr 2004 drehte Uli Edel den Spielfilm Die Nibelungen - Der Fluch des Drachen mit Benno Fürmann in der Rolle des vorbildlichen Helden Siegfried. 2005 erschien Tom Gerhardts Kinofilm Siegfried, in dem Sigi [...] als kraftstrotzender semmelblonder Hüne zwar äußerlich alle Voraussetzungen für eine heroische Gestalt [erfüllt], doch sein Verstand ist nicht mitgewachsen. Für 2009 plant Dieter Wedel sogar ein Nibelungen-Musical, das auf dem Drama Die Nibelungen von Friedrich Hebbel (1855-60) basiert.
Siegfried und Arminius spielen in unserem kulturellen Leben noch immer eine Rolle. Ob sie uns heute noch als Vorbilder dienen und ein patriotisches Gefühl hervorrufen können sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass diese beiden Helden deshalb einen bedeutenden Platz in der deutschen Kultur einnehmen, weil sie ein Mythos umgibt, den vor allem das 19. Jahrhundert populär gemacht hat. Es ist der Mythos des germanischen Helden, der sich in mehreren hundert Jahren entwickelte und stets im Zusammenhang mit der Geschichte der deutschen Nation und des deutschen Nationalbewusstseins stand. Die literarische Rezeption des Arminius-, beziehungsweise Siegfriedstoffes hat im Laufe der Jahrhunderte für die Bildung, Ausformung, Verbreitung und Instrumentalisierung des Germanenmythos gesorgt. Besonders im 19. Jahrhundert, im Zuge des Prozesses der deutschen Nationalstaatbildung nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, erlebte der Stoff einen literarischen Höhepunkt, der sogar zu der Annahme führte, dass Siegfried und Arminius ein und dieselbe Person seien. Zu diesem Zeitpunkt spielte im kulturellen Leben Deutschlands die Figur des germanischen Helden eine gewichtige Rolle als patriotisches, moralisches und untadeliges Vorbild.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist daher eine Untersuchung zum Bild des germanischen Helden im Drama des 19. Jahrhunderts, die anhand der Dramen Die Hermannsschlacht von Christian Dietrich Grabbe (1836) und Die Nibelungen von Friedrich Hebbel (1855-60) durchgeführt wird. Das Drama galt zu dieser Zeit als höchste literarische Gattung und erzielte auf der Bühne die unmittelbarste Wirkung. Die Auswahl auf die Werke von Grabbe und Hebbel begründet sich aus der zeitlichen Nähe ihrer Entstehung und der Gemeinsamkeit, dass den Dramen eine gewisse Geschichtskonzeption zugrunde gelegt wurde, welche vor allem über das Heldenbild vermittelt wird. Ziel der Untersuchung ist die Identifikation des Hermann- beziehungsweise Siegfriedbildes der beiden Autoren. Es wird dabei der Frage nachgegangen, inwieweit diese Bilder mit dem Germanenmythos des 19. Jahrhunderts übereinstimmen und vor allem welche Änderungen vorgenommen wurden. Dazu sollen die Heldenkonzeptionen Grabbes und Hebbels dargelegt und miteinander verglichen werden. Ein Hauptaugenmerk wird hierbei auch auf den Intentionen der Autoren hinsichtlich ihrer Geschichtsauffassung und der daraus entwickelten Rolle des Helden liegen. Ein Vergleich des Hermann- und Siegfriedbildes am Ende der Analyse wird letztlich eine Aussage dazu liefern, ob Grabbes und Hebbels Protagonisten tatsächlich dem tradierten Bild des germanischen Helden entsprechen und welchen Beitrag sie mit ihren Heldenkonzeptionen für den Germanenmythos in der Literatur und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts leisten.
Die Studie gliedert sich in vier aufeinanderfolgende Teile. Um ein besseres Verständnis für die Thematik zu liefern, wird im ersten Teil die Entwicklung des Germanenmythos in der literarischen Rezeptionsgeschichte dargestellt. Dabei werden Quellen, Ausbau und Instrumentalisierung des Mythos herausgearbeitet. Die Identifikation dieser drei Aspekte erfolgt anhand der Bearbeitungen des Arminius- und Siegfriedstoffes, welche die Heraus- und Weiterbildung des Germanenmythos bis ins 19. Jahrhundert entscheidend geprägt haben.
Vor dem Hintergrund der in den vorherigen Kapiteln gewonnenen Einblicke werden im zweiten und dritten Teil die beiden Dramen Die Hermannsschlacht und Die Nibelungen analysiert und das darin entwickelte Heldenbild untersucht. Als Grundlage für die Dramenanalyse wird die Darstellung der Biografien der Autoren, ihres gesellschaftlich-politischen Umfeldes und ihrer Dramentheorie dienen. Bei der Untersuchung der Dramen werden hauptsächlich die Figuren Hermann und Siegfried hinsichtlich der Beantwortung der oben genannten Fragestellung analysiert. Dabei bildet die Identifikation der Faktoren, welche Erkenntnisse über die Konzeption des germanischen Helden bei Grabbe und Hebbel liefern, den Schwerpunkt.
Der vierte Teil beinhaltet einen Vergleich der zuvor herausgearbeiteten Bilder Hermanns und Siegfrieds, um diese hinsichtlich der Fragestellung dieser Arbeit zu untersuchen und abschließend zu beurteilen.
Das Fazit dient der Zusammenfassung und Bewertung der in dieser Arbeit erlangten Ergebnisse.
Der Forschungsstand über die beiden jeweils letzten Dramen Grabbes und Hebbels ist in neuester Zeit ins Stocken geraten. Die einschlägige Literatur befasst sich vorrangig mit den populäreren Dramen dieser Autoren und stammt größtenteils aus den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Neuere Aufsätze lassen sich oft nur in den Jahrbüchern der Grabbe- und Hebbelgesellschaften finden. Einzelinterpretationen der Dramen und der Hermann- und Siegfriedfigur sind seltener. Dagegen existiert eine Vielzahl von Studien und Aufsätzen, die sich mit der Dramentheorie und Geschichtsauffassung Grabbes und Hebbels befassen.
Die hier vorgenommene Analyse des Germanenbildes im Drama des 19. Jahrhunderts stützt sich weitgehend auf wissenschaftliche Sekundärliteratur und den in vorherigen Kapiteln ausgewerteten Sachverhalten. Die kritische Bearbeitung der Sekundärliteratur soll zudem unterschiedliche Interpretationsansätze aufzeigen, um sie gegebenenfalls zu bestätigen oder zu widerlegen.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1-4 | |
| 1. | Tacitus Schriften und das Nibelungenlied: Die Rezeption des Germanenmythos bis ins 19. Jahrhundert | 5 |
| 1.1 | Der Hermannmythos | 5 |
| 1.1.1 | Tacitus` Germania und die Annalen | 5-6 |
| 1.1.2 | Die Wiederentdeckung der Tacitus – Schriften im Humanismus | 7-9 |
| 1.1.3 | Die Entwicklung des Hermannmythos im Barock | 9-11 |
| 1.1.4 | Die Rezeption der Germanenidee im 18. Jahrhundert | 11-14 |
| 1.1.5 | Der Hermannmythos nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation | 15-18 |
| 1.2 | Der Nibelungenmythos | 18 |
| 1.2.1 | Der Nibelungenstoff in den nordischen Heldenliedern | 18-21 |
| 1.2.2 | Das mittelhochdeutsche Nibelungenlied | 22-24 |
| 1.2.3 | Die Rezeption des Nibelungenstoffes im Humanismus und Barock | 24-26 |
| 1.2.4 | Die Wiederentdeckung der Nibelungenhandschriften im 18. Jahrhundert | 26-27 |
| 1.2.5 | Der Nibelungenmythos nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation | 27-32 |
| 2. | Die Rezeption des Arminiusstoffes bei Grabbe | 33 |
| 2.1 | Das Leben und Werk Christian Dietrich Grabbes | 33 |
| 2.1.1 | Kurzbiografie Grabbes | 33-34 |
| 2.1.2 | Das gesellschaftlich-politische Umfeld Grabbes | 34-35 |
| 2.1.3 | Das Geschichtsdrama Grabbes – Neue Tendenzen | 35-39 |
| 2.2 | Das Arminiusbild in Grabbes Die Hermannsschlacht | 39 |
| 2.2.1 | Die Entstehung der Hermannsschlacht | 39-40 |
| 2.2.2 | Formale und inhaltliche Analyse des Dramas | 40-58 |
| Exkurs | Grabbes Heimat- und Vaterlandsbegriff | 49-51 |
| 2.2.3 | Grabbes Hermann | 58-67 |
| 3. | Die Rezeption des Siegfriedstoffes bei Hebbel | 68 |
| 3.1 | Das Leben und Werk Friedrich Hebbels | 68 |
| 3.1.1 | Kurzbiografie Hebbels | 68-70 |
| 3.1.2 | Das gesellschaftlich-politische Umfeld Hebbels | 70-73 |
| 3.1.3 | Die Dramentheorie Hebbels – Die Tragik | 73-78 |
| 3.2 | Das Siegfriedbild in Hebbels Die Nibelungen | 78 |
| 3.2.1 | Die Entstehung der Nibelungen | 78-81 |
| 3.2.2 | Formale und inhaltliche Analyse des Dramas | 81-84 |
| 3.2.2.1 | Der gehörnte Siegfried | 84-91 |
| 3.2.2.2 | Siegfrieds Tod | 91-103 |
| 3.2.2.3 | Kriemhilds Rache | 103-116 |
| 3.2.3 | Hebbels Siegfried | 117-127 |
| 4. | Vergleich des Hermann- und Siegfriedbildes | 128-131 |
| Schlussbetrachtung | 132-135 | |
| Literaturverzeichnis | 136 | |
| Anhang | 148 |
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836614412
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Sechtig, Daniela M. Dezember 2006: Der Germanenmythos im Drama des 19. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Germanenmythos, Hermannsschlacht, Nibelungen, Grabbe, Hebbel



