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Geld – Macht – Werte

Gemeinschaftsförderliche Geldsysteme als Forschungs- und Praxisfeld sozialer Arbeit

Geld – Macht – Werte
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Elke Gerber

Einleitung:

Wie soll man das verstehen? Gerade das/die „macht/Macht“ entzieht sich der Eindeutigkeit. Entscheidet man sich für die eine Version, verändern sich sofort auch die anderen Begriffe. Liest man „machen“ im Sinne von „schaffen“ bekommen sie eine positive Klangfarbe. Liest man „Macht“ als Herrschaft des Geldes, sind die Werte nur mehr dann etwas wert, wenn es sich um zählbares Vermögen handelt, lohnt sich „handeln“ nur mehr dann, wenn es profitabel ist.

Einmal ist Geld ein Mittel, einmal ein Ziel, dem sich alle Ziele zu unterwerfen haben. Als sinnhafter Wert und als Orientierungshilfe für Menschen, Gemeinschaften, Gesellschaften wird nur das zugelassen, was sich rentiert, der Logik der Bereicherung folgt. Einmal verlangt Geld nach der richtigen technisch-professionellen Manipulation, um die gewünschten Vermehrungserfolge zu erreichen, zum anderen wird es zum Medium, das menschliche Beziehungen verändern, korrumpieren kann. Da kann man noch so schön formulieren: „Bei uns ist der Mensch Mittelpunkt“, es wird immer daraus: „Bei uns ist der Mensch Mittel. Punkt.“ Auf die „Macht des Geldes“ zu schauen, ist nur ein möglicher Blickwinkel und einer, der in die Enge führt. Wir sehen nur die Quantität bzw. den Mangel, die Fülle und der mögliche Reichtum in dem wir leben, wird so übersehen.

Aus einer anderen Perspektive können wir auch auf die Qualität des Geldes und auf die vielfältigen Möglichkeiten schauen, die es uns bietet.

Ich richte in dieser Arbeit den Blick auf die Frage, wie sich die Enge in die Weite denken lässt, wie wir mit einem anderen Verständnis vom Geld zu Entscheidungen für mehr Lebensqualität finden können.

Was bedeutet Nachdenken über diese Begriffe im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit?

Soziale Arbeit ist immer auch politische Arbeit. Auf kommunaler Ebene bedeutet das, sich über angemessene Hilfeleistungen für KlientInnen Sozialer Arbeit zu verständigen und ihre Bereitstellung auch einzufordern. Darüber hinaus umfasst politische Arbeit den Blick auf und das Wissen um die gesellschaftlichen Hintergründe Sozialer Arbeit und wirft die Frage auf, wo SozialarbeiterInnen individuell und strukturell eingreifen können.

Der „Umbau“ des Sozialstaates ist in vollem Gange. „Alle müssen den Gürtel enger schnallen“ hören wir aus der Politik. Sozialarbeiter sind zur Zeit mit den Folgen des Sozialabbaues auf zwei Ebenen konfrontiert: Einerseits betreffen sie die KlientInnen, deren materielle Ressourcen in Form von Lebensunterhalt und Hilfeleistungen immer kleiner werden, andererseits erleben sie die Folgen am eigenen Arbeitsplatz. Neben dem massiven Stundenabbau wird unter den Stichworten „Dokumentation“ und „Qualitätssicherung“ für eine intensive Rechtfertigungsbürokratie gesorgt und gleichzeitig mehr „Effizienz“ gefordert. Beide Ebenen sind zutiefst mit der Frage nach dem zur Verfügung gestellten Geld verbunden.

Während also ringsherum „die Hecke brennt“, versuchen SozialarbeiterInnen im Kontakt zu KlientInnen Sozialer Arbeit lebensweltorientiert zu arbeiten, Selbstbefähigung zu fördern, Zeit für Begleitung und individuelle Lösungen zu haben.

Natürlich ist die individuelle Begleitung der KlientInnen die wesentliche Aufgabe Sozialer Arbeit. Dennoch ist in jeder prekären Lebenslage zu fragen, inwieweit sie durch gesellschaftliche Strukturen produziert wird und damit für den Einzelnen aus eigener Kraft nur begrenzt, bzw. gar nicht veränderbar ist.

Wir leben zur Zeit in und mit einem kapitalistischen Wirtschafts- und Währungssystem, das einerseits durch zunehmende Technisierung immer mehr Arbeitsplätze abbaut und durch das Zinssystem eine sich immer schneller drehende Spirale der Umverteilung des Geldvermögens von arm zu reich schafft. Daneben gibt es fünf große Themen, die Fragen aufwerfen, auf die wir in dieser Gesellschaft derzeit eine Antwort finden müssen:

Die Überalterung der Gesellschaft: Wie können wir in dieser Gesellschaft das Geld für die alten Menschen im Hinblick auf ihr erhöhtes Lebensalter aufbringen?

Arbeitslosigkeit: Wie können wir Millionen Menschen die Möglichkeit bieten, ihr Leben zu entfalten, wenn technischer Fortschritt keine Arbeitsplätze schafft?

Übergang in eine Informationsgesellschaft: Computer und Internet tragen zu einem strukturellen Wandel in der Gesellschaft bei. Einerseits gehen durch die neuen Zugriffsmöglichkeiten auf Information und Handel tausende Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich verloren, andererseits wird dadurch gezielte Wissenserweiterung für Menschen möglich, denen dieses Wissen sonst nicht zugänglich wäre.

Klimaveränderung und Artensterben: Wie lässt sich der Konflikt zwischen kurzfristigen finanziellen Interessen und einer nachhaltigen Wirtschaftweise lösen?

Währungsinstabilität: Lassen sich in Zeiten zunehmend instabiler Währungen Währungskrisen ausbalancieren?

Eine Diplomarbeit bietet keinen Raum, in dem sich auf diese großen Fragen eine Antwort finden lässt. Dennoch bilden sie den Hintergrund, der in einzelnen Aspekten der Arbeit durchscheint.

Gang der Untersuchung:

Der erste Teil der Arbeit macht die gemeinschaftsförderliche Seite des Geldes sichtbar, zeigt aber auch die gemeinschaftshinderlichen und kritisch zu hinterfragenden Seiten auf.

Im ersten Kapitel beleuchte ich blitzlichtartig den Umbruch des Sozialstaates und einige für den sozialen Bereich wichtige Veränderungen der letzten Jahre. Hier wird zunächst die Enge sichtbar, mit der wir gesellschaftspolitisch auf das Thema Geld schauen.

Im zweiten Kapitel skizziere ich grob einige, für diese Arbeit wesentliche Gesichtspunkte des Geldes. Weder ist es möglich, die derzeitigen Währungssysteme umfassend darzustellen, noch kann ich detailgenau die Funktionsweise des Geldes und der Bankgeschäfte darstellen.

Im dritten Kapitel erläutere ich die Wirkungen und Auswirkungen von Zinsen.

Im zweiten Teil der Arbeit erweitere ich den Blickwinkel auf diese Thematik. Hier geht es um die Entwicklung von nachhaltigem Wohlstand für alle Menschen.

Im vierten Kapitel widme ich mich der Verteilung von Reichtum auf alle Menschen in der Form eines garantierten Grundeinkommens. Zur Zeit werden in verschiedenen Organisationen und Parteien ganz unterschiedliche Modelle von Grundeinkommen und Grundsicherungen diskutiert; diese Vielfalt darzustellen übersteigt den Rahmen einer Diplomarbeit. Ich habe mich deshalb auf die Philosophie von Andre Gorz und die Ausführungen von Ronald Blaschke zum garantierten Grundeinkommen beschränkt.

Im fünften Kapitel stelle ich die kreative Vielfalt dar, mit der durch Komplementärwährungen unser bisheriges Geldsystem ergänzt werden kann.

Ein Resümee schließt die Diplomarbeit ab.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
Teil I: Gemeinschaftsförderliche und –hinderliche Wirkungen des Geldsystems 3
1. Armes Deutschland!? 3
1.1 Das Ende des Sozialstaates? 3
1.2 Der Mythos zum Thema Arbeitslosigkeit: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze 11
2. Zum Thema Geld 13
2.1 Zur Geschichte des Geldes 15
2.2 Der Nebel um das Geld – oder: Was ist Geld? 18
2.3 Fiat Pecunia – es werde Geld 20
2.4 Geld soll dienen, aber wem? 23
2.5 Geld im Informationszeitalter 25
3. Zinsen sind doch selbstverständlich – oder? 29
3.1 Das Dilemma mit dem Geldkreislauf 30
3.2 Zinsen zahlt nur, wer Schulden hat? 32
3.3 Vermögensumverteilung durch Zinsen 33
Teil II: Einer anderen Logik folgen! 35
4. Ein garantiertes Grundeinkommen für alle - was bedeutet das? 37
4.1 Wir arbeiten um zu leben 38
4.2 Was ist ein garantiertes Grundeinkommen? 40
4.3 Begründungen für das Grundeinkommen 41
4.4 Weiterer Forschungsbedarf 43
5. Komplementärwährungen, eine sinnvolle Ergänzung 45
5.1 Silvio Gesell und das Freigeld 48
5.2 Komplementärwährungen in anderen Ländern 54
5.3 Komplementärwährungen in Deutschland 58
5.4 Kriterien für Komplementärwährungen 61
Resümee 65
Literaturverzeichnis 69
Anhang 72

Automatisiert erstellter Textauszug:

Schon vorher kannte man im Mittelalter den Zwangsumtausch mit Abschlagszahlung bei der Einsetzung eines neuen Herrschers. Diesen Verruf hat Erzbischof Wichmann von Magdeburg im Jahre 1154 zur Regel gemacht. Vermutlich geschah es, um über den Umtausch-Abschlag (auch Schlagschatz oder Prägesteuer genannt) den Staatshaushalt zu finanzieren. Dieses Brakteatengeld, das sich unter den Münzherren in Mitteleuropa schnell ausbreitete, hatte einen ungeplanten segensreichen Nebeneffekt: Es blieb im Umlauf! Es wurde nicht gesammelt und in Truhen gehortet, denn mit jeder Geldansammlung riskierte man einen Verlust beim nächsten Verruf. Das Geld wurde möglichst im selben Rhythmus weitergegeben, in dem man es bekam. Und wer zuviel Geld hatte, verlieh es gerne, denn damit konnte man den „Schwarzen Peter“ des Umtauschverlustes loswerden. Dieses Risiko trug dann der Geldleiher. [...]

Die Zunahme sozialer Spannungen zwischen Armen und Reichen durch den Zins war schon früh bekannt, sie endete oft mit Sklaverei, Leibeigenschaft, gesellschaftlichen Zusammenbrüchen. Deshalb haben die Hochreligionen bis hin zur Androhung von Höllenstrafen immer wieder über Ge- und Verbote versucht, ihn aus der Welt zu schaffen. Doch mit Verboten ist dem Zins nicht beizukommen. Er hat seinen Ursprung im widersprüchlichen Charakter des Geldes. Den Widerspruch zwischen Privatbesitz und öffentlicher Einrichtung und die Problematik des Geldhortens habe ich weiter oben herausgearbeitet. Ohne Zins gibt es für Geldbesitzer keinen Grund, ihr nicht benötigtes Geld anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Es wird nicht mehr ausgeliehen sondern gehortet. [...]

„Das kanonische Gesetz aus dem Jahr 1917 (Kanon 1523), das bis heute noch gilt, verlangt von Bischöfen zu investieren: ‚Die Pflichten der kirchlichen Vermögensverwalter ergeben sich aus dem allgemeinen Grundsatz, daß sie ihr Amt mit der Sorgfalt eines guten Hausvaters verwalten müssen... Sie haben die Pflicht ..., überflüssige Gelder soweit als möglich zum Nutzen der Kirche fruchtbringend anzulegen’. Kein Wort über Zinsen. (...) Es muß ein Zufall sein, daß die Sünde des Wuchers genau zu dem Zeitpunkt ‚in Vergessenheit’ geriet, als die Kirche selbst Kapitaleignerin geworden war (d.h. eine Quelle von Geld) und nicht mehr wie traditionell in der Geschichte nur Landbesitzerin (d.h. Nutzerin von Geld) war.“ (Lietaer 1999, S. 131) [...]

Arbeit zitieren:
Gerber, Elke August 2005: Geld – Macht – Werte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
kapitalistisches Währungssystem, Zinswirtschaft, garantiertes Grundeinkommen, Freiwirtschaft, Komplementärwährungen

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