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Ganztagsschulen und Frauenerwerbstätigkeit

Eine quantitativ-empirische Pilotstudie

Ganztagsschulen und Frauenerwerbstätigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Simon Hass
  • Abgabedatum: Februar 2007
  • Umfang: 189 Seiten
  • Dateigröße: 647,0 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Pädagogische Hochschule Weingarten Deutschland
  • Originaltitel: Ganztagsschulen aus interdisziplinärer Perspektive. Schulpolitische Betrachtungen und das Zusammenspiel von Ganztagsschulangeboten und Frauenerwerbstätigkeit
  • Bibliografie: ca. 114
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1711-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hass, Simon Februar 2007: Ganztagsschulen und Frauenerwerbstätigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Ganztagsschule, Frauenerwerbstätigkeit, Quantitative Sozialforschung, Policy-Analyse, Arbeitsmarktsoziologie

Staatsexamensarbeit von Simon Hass

Einleitung:

Diese Arbeit, eine so genannte Wissenschaftliche Hausarbeit, entstand im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Realschulen an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten.

Als Lehramtsstudent rührt mein persönliches Interesse an der vorliegenden Arbeit einerseits aus der eigenen Betroffenheit durch die Einführung von Ganztagsschulen her und liegt andererseits in meinem ausgeprägten gesellschaftspolitischen Interesse.

Die Arbeit besteht aus einem theoretischen Teil und einem Forschungsteil.

Die theoretischen Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit sind die Darstellung und eine daran anknüpfende Analyse der Ganztagsschulpolitik unter den Fragestellungen der Policy-Analyse. In einem Forschungsteil wird eine von mir durchgeführte empirische Pilotstudie und deren Ergebnisse vorgestellt.

Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen der Einführung von Ganztagsschulangeboten und der Erwerbstätigkeitsentwicklung von Müttern. Die zentrale Fragestellung der Arbeit bezieht sich auf die gesellschaftliche Dynamik, die durch die aktuelle Einführung von Ganztagsschulen in Deutschland ausgelöst wird. Diese Entwicklung ist neuartig in Deutschland und die empirische Evidenz über zu dem Phänomen dürftig. Schon allein dieser Zustand weist auf einen Bedarf verstärkter Beobachtung und Untersuchung durch die Wissenschaft hin.

Diese Arbeit beschäftigt sich nicht mit originär schulischen Fragestellungen und Problemen der konkreten Ausgestaltung von Ganztagsschulangeboten, mit pädagogischen Fragen oder dem Unterricht selbst. Vielmehr sollen die Entwicklungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen untersucht werden, die durch die derzeit stattfindende bildungspolitische Offensive in Deutschland mit betroffen sind.

Von besonderem Interesse ist hier das Zusammenspiel eines bildungspolitischen Kraftakts, nämlich die IZBB-Politik und deren Ziel, Ganztagsschulen in Deutschland flächendeckend einzuführen, mit den Rahmenbedingungen für Frauen, Berufstätigkeit, Kinder und Familie zu vereinbaren. Aus diesem Kontext erschließt sich folglich eine altbekannte Frage mit Nachdruck, ob eine Ausweitung des Angebots von Ganztagsschulen einen Einfluss auf die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland hat.

Die in dieser Arbeit vorgestellte empirische Explorativstudie beruht auf verschiedenen Thesen, die sich mit dem Phänomen der Einführung von Ganztagsschulen und Frauen- bzw. Müttererwerbstätigkeit beschäftigen. Dabei wird u. a. von einer spürbaren Auswirkung der Ganztagsschulen auf das Erwerbsverhalten der Mütter ausgegangen, das zu einer zukünftigen Zunahme der Müttererwerbtätigkeit beitragen wird.

Die aufgestellten Forschungshypothesen wurden im Rahmen eines vollständigen Forschungszyklus einer quantitativen Überprüfung unterzogen. Im Rahmen der Untersuchung wurden mit Hilfe eines standardisierten Interviews fast 900 Mütter über ihre Arbeitsmarktaktivitäten aufgrund der Einführung eines Ganztagsschulangebots befragt. Ebenso können Ergebnisse darüber vorgestellt werden, welche Strategien bei der Arbeitsplatzsuche angewendet werden. Auch sind Erkenntnisse über die subjektive Wahrnehmung der Erfolgsaussichten bei der Arbeitssuche sowie der von den Müttern wahrgenommene Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und der Vereinbarkeit von Familienarbeit und Berufstätigkeit gewonnen worden.

Eine theoretische Zielsetzung der Arbeit ist es, die aktuelle Ganztagsschulpolitik zu analysieren. Dabei wird auf die Theorie der Policy-Analyse zurückgegriffen, die IZBB-Politik mittels dieses Ansatzes typologisiert sowie ihre Wirksamkeit und die Implementationsstrategien diskutiert. Die Anwendung der theoretischen Ansatzpunkte zur Analyse von Politik und politischer Programmatik ist dabei auch Grundlage für die Überprüfung der politischen Motive sowie der jeweiligen Wirksamkeit einer politischen Maßnahme.

So befasst sich die vorliegende Arbeit im ersten Teil mit dem aktuellen schulpolitischen Phänomen der Ganztagsschule in Deutschland, die zukünftig zu einem Netz von Ganztagsschulangeboten ausgebaut werden soll.

Hierbei werden die zentralen parteipolitischen Forderungen anhand einer Analyse der Parteiprogramme herausgearbeitet; des Weiteren wird auf die IZBB-Politik des Bundes sowie die zukünftige Ganztagsschulpolitik des Landes Baden-Württemberg eingegangen. Darüber hinaus werden verschiedenartige politische Motive behandelt, die die Einführung von Ganztagsschulangeboten beeinflussen.

Hinzu kommen im ersten theoretischen Teil die Darstellung aktueller Ergebnisse der Akzeptanzforschung im Hinblick auf Ganztagsschulangebote und eine Kurzdarstellung der Positionen einiger wichtiger gesellschaftlicher Akteure zur Ganztagsschule. Darauf folgt in einem nächsten Schritt eine ausführlichere Darstellung der Policy-Analyse. Dabei wird auf verschiedene Klassifikationsmöglichkeiten von Politiken eingegangen, ein theoretischer Rahmen für die Analyse der Akteure von politischen Prozessen aufgezeigt und der so genannte Policy-Zyklus vorgestellt. In einem weiteren Schritt wird dann versucht, eine aufschlussreiche Typologisierung der aktuellen Ganztagsschulpolitik in Deutschland zu geben.

Der zweite Teil der Arbeit gibt Einblicke in die aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sich die Einführung von Ganztagsschulangeboten vollzogen hat und immer noch vollzieht. Hierzu sollen Aspekte der aktuellen familiensoziologischen Entwicklungen und die derzeitigen Strukturen der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland und Europa aufrissartig entfaltet werden. Daraufhin werden gesellschaftliche, politische und verschiedene ökonomische Rahmenbedingungen erläutert, die mit der Erwerbstätigkeit von Frauen in Verbindung stehen. Hierbei spielen kulturelle Gegebenheiten, familien- und sozialpolitische Transferzahlungen sowie mikroökonomische Zusammenhänge eine relevante Rolle. Abschließend sollen in Teil II Szenarien skizziert werden, die die zukünftige Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland betreffen.

Diese Darstellungen bilden den theoretischen Übergang zur oben fixierten Fragestellung und zum Forschungsprojekt selbst. Dabei wird auch auf den aktuellen Stand der Forschung eingegangen.

Die konkrete konzeptionelle Ausgestaltung, der durch die IZBB-Politik eingeführten und ausgebauten Ganztagsschulen, findet im Rahmen dieser Arbeit weitgehend keine Berücksichtigung. Phasenweise werden aber auch schulpädagogische und schulentwicklungstheoretische Aspekte in die Analyse einfließen, besonders dann, wenn im Rahmen der Arbeit die Perspektive der Erziehungswissenschaft auf die Ganztagsschule behandelt und im Rahmen der Policy-Analyse die Problematik der Finanzierung von Ganztagsschulangeboten eingegangen wird.

Inhaltlich wäre ein Eingehen Feinheiten der Haushaltsökonomie, die Komplexität der verschiedenen Arbeitsmarkttheorien, die Diskussion um die Bezahlung von Hausarbeit sowie theoretische Diskussionen um den Wert und die Entwicklung von Arbeit an sich, wie sie zum Beispiel Hanna Arendt entwickelt, sinnvoll in das bearbeitete Thema einzuordnen gewesen. Ebenso reicht der Kontext der Arbeit an seiner Peripherie an die frauenpolitischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte heran.

Der Fokus der Arbeit soll allerdings auf die Ganztagsschulpolitik zentriert und auf die Vorstellung, Ergebnispräsentation sowie die Reflexion der Ergebnisse des angesprochenen Forschungsprojekts gerichtet sein.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 4
I.TEIL 8
1. GANZTAGSSCHULEN IN DER AKTUELLEN DISKUSSION 8
1.1 HISTORISCHE ASPEKTE UND DISKURS DER LETZTEN JAHRE 8
1.2 BILDUNGSPOLITISCHE POSITIONEN DER POLITISCHEN PARTEIEN 11
1.2.1 FDP 12
1.2.2 Bündnis 90/Die Grünen 14
1.2.3 SPD 17
1.2.4 CDU 18
1.2.5 Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede 20
1.3 IZBB - FINANZHILFEPROGRAMM DES BUNDES ZUM AUSBAU VON GANZTAGSSCHULEN 23
1.4 VERSORGUNG MIT GANZTAGSSCHULEN VOR UND NACH IZBB 25
1.5 GANZTAGSSCHULPOLITIK DER BADEN-WÜRTTEMBERGISCHEN LANDESREGIERUNG 26
1.6 POLITISCHE MOTIVE ZUR EINFÜHRUNG VON GANZTAGSSCHULEN 28
1.6.1 Schulpolitische Motive 29
1.6.2 Andere politische Motive 30
1.6.2.1 Familienpolitik 31
1.6.2.2 Sozial- und Jugendpolitik 31
1.6.2.3 Gleichstellungs- und Frauenpolitik 32
1.6.2.4 Wirtschaftspolitik 32
1.7 GESELLSCHAFTLICHE AKZEPTANZ UND NACHFRAGE VON GANZTAGSSCHULEN 34
1.7.1 Akzeptanz der Ganztagsschule in der Gesamtgesellschaft 35
1.7.2 Akzeptanz der Ganztagsschule bei Eltern 36
1.7.3 Zusammenfassung 39
1.7.4 Alleinerziehende und Ganztagsschulen 41
1.8 STELLUNGNAHMEN ÜBER DIE AUSWEITUNG VON GANZTAGSSCHULEN BEI ANDEREN GESELLSCHAFTSPOLITISCHEN AKTEUREN 42
1.8.1 Katholische Kirche 42
1.8.2 Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) 44
1.8.3 Wirtschaftsverbände 45
1.9 KRITISCHE REFLEXION DER GANZTAGSSCHULE DURCH DIE ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT 46
1.10 KRITISCHE REFLEXION DER GANZTAGSSCHULE DURCH DIE RECHTSWISSENSCHAFT 50
2. EINFÜHRUNG VON GANZTAGSSCHULEN UNTER FRAGESTELLUNGEN DER POLICY-ANALYSE 51
2.1 DEFINITIONEN UND BEGRIFFSERKLÄRUNGEN 51
2.1.1 Klassifizierung von Policy-Typen 53
2.1.1.1 Politikfelder 53
2.1.1.2 Wirkungsweise - distributive oder redistributive Politik? 54
2.1.1.3 Steuerung der Policy 55
2.1.1.3.1 Gebot/Verbot 56
2.1.1.3.2 Anreiz 56
2.1.1.3.3 Angebot 57
2.1.1.3.4 Überzeugung/Aufklärung 57
2.1.1.3.5 Vorbild 58
2.1.1.4 Beschaffenheit und Leistungsebenen 58
2.1.1.4.1 Materielle Leistungen 58
2.1.1.4.2 Immaterielle Leistungen 60
2.1.1.4.3 Regulative Policies 60
2.1.1.5 Merkmalsvielfalt 61
2.1.2 Policy-Netz und Politikarena 61
2.1.3 Policy Zyklus - der Politikverlauf 65
2.1.3.1 Problemdefinition 65
2.1.3.2 Agenda-Setting 66
2.1.3.3 Politikformulierung 68
2.1.3.4 Politikimplementation 69
2.1.3.5 Evaluation, Termination oder Reformulierung 70
2.2 TYPOLOGISIERUNG DER GANZTAGSSCHULPOLITIK 72
2.3 GRUNDLEGUNG EINER KRITISCHEN EVALUATION 83
II.TEIL 91
3 FAMILIENSOZIOLOGISCHE ENTWICKLUNGEN IN DER POSTMODERNE 91
4 STRUKTURDATEN DER FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 95
4.1 DEUTSCHLAND 96
4.2 EUROPA 99
5 GESELLSCHAFT, POLITIK, ÖKONOMIE UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 102
5.1 GESELLSCHAFT UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 103
5.2 POLITIK UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 104
5.3 MIKROÖKONOMISCHE BETRACHTUNGEN ZUR FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 108
5.4 SZENARIEN EINER ZUKÜNFTIGEN ENTWICKLUNG FÜR DEUTSCHLAND 110
III. TEIL 116
6. DER ZUSAMMENHANG ZWISCHEN GANZTAGSSCHULEN UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT - STAND DER FORSCHUNG 116
7. FORSCHUNGSPROJEKT ZUR ÜBERPRÜFUNG DES ZUSAMMENHANGSVON GANZTAGSSCHULEN UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 119
7.1 ANLAGE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG 120
7.1.1 Forschungsfragen 120
7.1.2 Hypothesenbildung 121
7.1.3 Variablen und Wirkmodell 121
7.1.4 Definitionen und Explikationen 122
7.1.5 Indikatorenbildung 123
7.2 SAMPLE 123
7.3 METHODISCHE VORGEHENSWEISE UND FORSCHUNGSDESIGN 125
7.4 DURCHFÜHRUNG DER FELDFORSCHUNG 129
8. ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG 130
8.1 MÜTTER MIT EXISTIERENDEM GANZTAGSSCHULANGEBOT 131
8.1.1 Alle Fälle 131
8.1.2 In Partnerschaft lebende Mütter 131
8.2 KONTROLLGRUPPE MIT ANTIZIPIERTEM GANZTAGSSCHULANGEBOT 132
8.2.1 Alle Fälle 132
8.2.2 In Partnerschaft lebende Mütter 133
8.3 ALLEINERZIEHENDE MÜTTER 134
8.4 ANDERE KONSTELLATIONEN 135
8.4.1 Matriarchales Ernährermodell 135
8.4.2 Doppelte Erwerbslosigkeit 135
8.5 DIE STRATEGIEN DER ARBEITSSUCHE 136
8.5.1 Bewerbungen 137
8.5.2 Fortbildungsverhalten, Registrierung und Informationsbeschaffung bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) 138
8.5.3 Zeitungsannoncen 141
8.5.3.1 Stellengesuche 141
8.5.3.2 Stellenangebote 142
8.5.4 Bekannte 142
8.6 WEITERE NEBENBEDINGUNGEN UND FAKTOREN DER FRAUENERWERBSBETEILIGUNGSENTWICKLUNG 143
8.6.1 Einschätzung der Arbeitsmarktsituation 143
8.6.2 Selbsteinschätzung der beruflichen Qualifikation 143
8.6.3 Finanzielle Besserstellung 144
8.6.4 Vereinbarkeit von Beruf und Familie 145
8.6.5 Vereinbarkeit des Ganztagsschulangebots mit beruflichen Vorstellungen 146
8.6.6 Sozialversicherungspflichtigkeit 147
9. KRITISCHE REFLEXION DER EMPIRISCHEN BEFUNDE 147
9.1 DER ZUSAMMENHANG ZWISCHEN GANZTAGSSCHULE UND FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT 147
9.2 AUSWIRKUNGEN AUF DEN ARBEITSMARKT 159
9.3 DIE ERFOLGSAUSSICHTEN ARBEITSSUCHENDER MÜTTER 162
9.4 DIE VEREINBARKEIT VON FAMILIE, GANZTAGSSCHULANGEBOTEN UND BERUFSTÄTIGKEIT 167
10. ZUSAMMENFASSUNG UND FAZIT 172
11. LITERATURVERZEICHNIS 177
12. ANHANG 187

Textprobe:

Kapitel 2.3, Grundlegung einer kritischen Evaluation: Dass die von der Bundesregierung aufgelegte IZBB-Politik in ein nationales Konsensprojekt mündete, ist unbestritten. Obwohl die bildungspolitischen Verantwortlichkeiten traditionell in den Ländern liegen, sah sich die Bundesregierung nach PISA in der Pflicht, die Probleme des deutschen Bildungswesens offensiv anzugehen. Sie überschritt dabei den föderalistischen Tatsachenbestand der bildungspolitischen Kompetenzverteilung.

Die politischen Handlungen in der Not der damaligen Stunde hatten zudem zweierlei Funktionen. Die erste Funktion war sicherlich von der Überzeugung und Anstrengung geleitet, durch die Ganztagsschulpolitik das Bildungswesen mit seiner wichtigen gesellschaftlichen Funktion zu stabilisieren.

Andererseits nutzte die IZBB-Politik, die auch eine etwas aktionistische Komponente bereithält, der Festigung der Legitimation der rot-grünen Bundesregierung. Durch die sehr zügige Problemdefinition und die Entwicklung eines Handlungsprogramms sollte die Reformfähigkeit und die eigene Unentbehrlichkeit betont werden. Die angespannte Situation nach PISA wurde vom Bund als eine strategisch vorteilhafte Situation aufgenommen und dazu genutzt, sich bei der in der Öffentlichkeit sehr wohl im Bewusstsein befindlichen Bildungspolitik als sehr relevanter Akteur, ja sogar als den eigentlichen Impulsgeber, zu inszenieren.

Es gelang ausgesprochen gut, den Anschein einer Politik der Zukunftsorientierung aufzubauen und zu verfestigen. Gauger sieht, dass das vor allem von der Bundesregierung und den SPD-regierten Ländern entfachte Interesse an der Ganztagsschule aus den Ergebnissen der PISA-E-Studie stammt, die den Bankrott der SPD-Schulpolitik belegt; denn jedes Mal sei ein deutliches Leistungsgefälle zwischen Unions-geführten und SPD-geführten Ländern festzustellen gewesen.

So sollte durch die IZBB-Politik vor dem Hintergrund der PISA-Ergebnisse vor allem vom eigenen Versagen abgelenkt werden. Der Inszenierung macht sich die Politik zum Beispiel auch durch die Erfolgsmeldungen aus den Ländern Sachsen und Thüringen verdächtig, als die Ummünzung der bestehenden Gesamtschulen mit Ganztagsschulangebot als ein politischer Erfolg der IZBB-Politik präsentiert wurde.

Manche Skeptiker argumentieren auch, dass die derzeitige Ganztagsschulpolitik keine pädagogisch motivierte Schulreform sei, sondern die Einführung von Ganztagsschulen als Reaktion auf soziale Missstände und jugendpolitische Problemlagen in Großstädten sowie als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen wie Alleinerziehende, Erwerbstätigkeit von Müttern und Erziehungsdefizite hin forciert würde.

Die pädagogischen Argumentationsstränge seien erst im Nachholverfahren von der Politik eingesetzt worden. Die Diskussionen um das „Versagen der Gegenwartsschule“ seien lediglich „Mittel zum Zweck“, um die defizitären gesellschaftlichen Bedingungen nun in der „Reparaturwerkstatt“ Ganztagsschule abzufedern.

Die Wirksamkeit des eingesetzten Steuerungsinstruments besteht bei der IZBB-Politik auf jeden Fall, wie an den hohen Zahlen der Antragsteller abzulesen ist. Die Voraussetzung der Ausgeglichenheit zwischen Regelungs- und Motivationskomponente war demnach gegeben. Ob bei der Verteilung und Investition der Finanzhilfe Mitnahme-Effekte eingetreten sind, ist schwierig zu beurteilen. Wer Schulen, die ganztätige Angebot haben, beobachtet, bemerkt, dass manche Schulen beispielsweise schon vor IZBB so genannte verlässliche Grundschulen oder diverse ganztägige Einrichtungen eingeführt hatten. Womöglich wurde auch in Gemeinden die örtliche Turnhalle renoviert, welche auch von Vereinen intensiv genutzt wird. Im zuletzt genannten Falle wurden – streng genommen - die eigentlichen Adressaten verfehlt.

Ein bisher nur eingeschränkt nachweisbarer Zusammenhang weist auch auf ein sozialregulatives Moment der IZBB-Policy hin. Demnach drängt sich die Frage auf, ob die IZBB-Politik für die Entwicklung der Frauenerwerbsbeteiligung einen sozialregulativen Impuls in die Gesellschaft hinein darstellt. Es wird zumindest die Möglichkeit geschaffen, dass sich tradiertes Verhalten verändert. Der nicht weiter begründungsbedürftige Wert, der eine solche politische Programmatik legitimiert, ist demnach die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt. Sieht man die IZBB-Politik als ein Steuerungsmechanismus an, der versucht, das Verhalten von Erwachsenen, resp. das von Müttern als Programmklienten zu regulieren, so liegt auch eine latente sozialregulative Policy vor.

Da die meisten Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis organisiert sind, ist die Verhaltensmodifikation der Mütter allerdings nicht von vornherein sichergestellt. Allerdings verlässt sich ein Policy-Making-System auch auf valide, reliable und repräsentative Akzeptanzumfragen, die bekanntermaßen ein solches Verhalten bei Anteilen der Schülermütter als sehr wahrscheinlich aussehen lassen.

Zum Policy-Labeling ist demnach Folgendes zu bemerken. Wäre die Ganztagsschulpolitik im Zusammenhang mit Sozial-, Familien-, Wirtschafts-, Fiskal- und Rentenpolitik thematisiert worden, so wäre die Zustimmung zurückgegangen oder eine stärker fragmentierte Politikarena entstanden. Durch den derzeit konsensfähigen, bildungspolitischen Aspekt der IZBB-Politik und die damit entstehende Verbindung zu zentralen gesellschaftlichen Wertvorstellungen einer Wissensgesellschaft erhöhte sich die Legitimation zur Verteilung von öffentlichen Mitteln in einer stark ausdifferenzierten Gesellschaft signifikant.

Es gibt also eine unterschwellige Dramaturgie darüber, welche anderen politischen Chancen die Ganztagsschul-Policy noch bereithält. Die Nachricht einer Ganztagsschul-Policy wird in der Gesellschaft als genuine Bildungspolitik gedeutet, heißt aber für Deutschland mehr als nur Ganztagsschule, wie in den vorhergehenden Kapiteln bereits aufgezeigt wurde. Die Darstellung der Komplexität der existierenden Nebeneffekte wäre für die Mehrheitsgesellschaft zu kompliziert gewesen und hätte unangenehme, konfliktförderliche Irritationen hervorgerufen.

Für die politischen Entscheidungsträger jedoch wurde die bildungspolitische Situation genutzt, um einen Befreiungsschlag bei einer Reihe von anderen Problemen zu schaffen. Es ist also zu vermuten, dass die Rechtfertigung dafür besteht, den Policy-Makern eine gewisse strategische Rationalität zu unterstellen, die in der Ganztagsschulpolitik einen Multi-Lösungs-Entwurf sieht, der bereits mehrfach zum Policy-Problem erklärte Issues unserer Gesellschaft mit zu lösen versucht.

So könnte die Ganztagsschulpolitik, aus bestimmten Perspektiven betrachtet, auch symbolische Politik sein. Policy-Labeling kann zudem gefährlich werden, sollte die Etikette vom Wähler als nicht authentisch perzipiert werden – die Unterstützung der Policy könnte erodieren und von der Agenda verschwinden.

Arbeit zitieren:
Hass, Simon Februar 2007: Ganztagsschulen und Frauenerwerbstätigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Ganztagsschule, Frauenerwerbstätigkeit, Quantitative Sozialforschung, Policy-Analyse, Arbeitsmarktsoziologie

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