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Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen

Möglichkeiten und Grenzen ihrer Tätigkeit

Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Irmtraudt Kuß
  • Abgabedatum: Mai 1995
  • Umfang: 93 Seiten
  • Dateigröße: 548,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 93
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1515-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kuß, Irmtraudt Mai 1995: Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nationalsozialismus, Konzentrationslager, Häftlingsgesellschaft, Erinnerungsberichte, Widerstand

Staatsexamensarbeit von Irmtraudt Kuß

Einleitung:

In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden Häftlinge in der Lagerbewirtschaftung, der Lagerverwaltung und im Ordnungsdienst eingesetzt. Die SS unterschied dabei zwischen Hilfsdiensten, wie sie in den Strafanstalten der Justiz und der Polizei eingerichtet waren, und einer ‘Häftlingsselbstverwaltung’, in deren Rahmen organisatorische Aufgaben und Ordnungsfunktionen an Häftlinge übertragen wurden. Der Begriff ‘Selbstverwaltung’ suggeriert eine selbständige und eigenverantwortliche Regelung der Angelegenheiten der Häftlinge durch gewählte Vertreter. Im Konzentrationslager wurden die Häftlinge der ‘Häftlingsselbstverwaltung’ nicht gewählt, sondern von der SS eingesetzt. Die Ausübung der Tätigkeiten unterlag den SS-Befehlen, die auf die Vernichtung von Menschen ausgerichtet waren. Konzentrationslager und Selbstverwaltung stellen somit einen unauflösbaren Widerspruch dar.

Die Ausübung von Funktionen war unter den Häftlingen nicht unumstritten. Entsprechend werden in den Erinnerungsberichten und historischen Darstellungen ehemaliger Häftlinge unterschiedliche Positionen bezogen. Das Spektrum dieser Positionen reicht von der Beschreibung der Tätigkeit der Funktionshäftlinge als Interessenvertretung der Häftlinge, wie sie u. a. der ehemalige Lagerälteste des Konzentrationslagers Sachsenhausen vornimmt, bis hin zu Aussagen, daß die Kapos ‘schärfer’ als die Lagerwache und im Vergleich zur SS die ärgeren Peiniger gewesen seien. Hermann Langbein stellt abwägend fest, daß es eine Schicksalsfrage für Unzählige gewesen sei, in welchem Sinn die ‘Häftlingsselbstverwaltung’ gehandelt habe. Hinsichtlich der Übernahme von Funktionen konstatiert Eugen Kogon:

‘Man hatte nur die Wahl zwischen aktiver Beihilfe und vermeintlichem Rückzug aus der Verantwortung, der nach aller Erfahrung weit Schlimmeres heraufbeschwor’.

Untersuchungen, die sich explizit mit der Tätigkeit der Funktionshäftlinge befassen, liegen bislang nicht vor. Ihre besondere Stellung im Lager fand zunächst im Rahmen der Widerstandsforschung Berücksichtigung. Die Untersuchungen zum Widerstand in Konzentrationslagern basieren auf Häftlingsberichten aus verschiedenen Lagern und sind zum Teil ins Verhältnis zur Entwicklung des Konzentrationslagersystems gesetzt. Die Rolle der Funktionshäftlinge spiegelt sich aus diesen Arbeiten folgendermaßen wieder: Die Funktionshäftlinge werden in ihrer Gesamtheit als ‘konzentrationäre Führungsschicht’ bezeichnet. Eine systematische Beschreibung von Häftlingsfunktionen findet nicht statt. Grundsätzlich sei von einer durch ‘ die Häftlingsselbstverwaltung möglich gewordener Einflußnahme auf die Geschehnisse im Lager’ auszugehen, soweit der jeweilige Häftling ‘seine Möglichkeiten gegen die Lagerleitung’ nutzte und nicht zu ihrem Werkzeug wurde.

In seiner idealtypischen soziologischen Studie ‘Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager’ stellt Wolfgang Sofsky die These auf, daß die Übernahme von Funktionen der Stabilisierung des Machtapparats der SS gedient habe.

‘Die Lagerführung stellte ihr Regime auf eine breite Grundlage und übertrug einer Hilfstruppe von Häftlingen erhebliche Vollmachten. Die ‚Selbstverwaltung‘ der Gefangenen verringerte die Macht nicht, sondern steigerte sie durch Organisation und Delegation. In dem es einige Opfer zu Komplizen machte, verwischte das Regime die Trennlinie zwischen Personal und Insassen. Zugleich reduzierte es seinen Machtaufwand. Die Helfershelfer nahmen ihm die Detailarbeit des Terrors ab und erhielten dafür befristeten Verfolgungsschutz. Die Machfiguration des Konzentrationslagers verdankte seine Dauer und Festigkeit vor allem dieser Hilfsmannschaft kleiner Satrapen, deren Macht nach unten absolut war. Ohne die Institution der Selbstverwaltung und die Kollaboration der Funktionäre wären Disziplin und soziale Kontrolle alsbald in sich zusammengebrochen’.

Sofsky verzichtet in seiner Untersuchung bewußt auf synchronische und diachronische Vergleiche. Seine Arbeit liefert einen Rahmen, der allerdings weitere, differenzierende Untersuchungen geradezu herausfordert.

In der von Lutz Niethammer herausgegebenen Dokumentation ‘Der ‚gesäuberte‘ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald’ wird die Tätigkeit kommunistischer Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Buchenwald thematisiert. Die Edition steht jedoch weniger im Rahmen der KZ-Forschung, sondern ist von ihrem Schwerpunkt her auf die Geschichte der KPD/SED nach 1945 und die Etablierung eines offiziellen Antifaschismus als Staatsideologie ausgerichtet.

Ausgehend von der grundsätzlichen Feststellung Hans Günther Adlers, ‘die Konzentrationslager der SS sind weder entwicklungsgeschichtlich noch soziologisch ein einheitliches Phänomen, so viele Gemeinsamkeiten sie auch überall und in allen ihren Phasen aufweisen’, untersucht die vorliegende Arbeit die Tätigkeit der Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen, soweit sich diese aus den Erinnerungsmaterialien nachzeichnen läßt. Der Begriff ‘Funktionshäftlinge’ dient hier im weitesten Sinne als Oberbegriff für Häftlinge, denen in den einzelnen Lagerabteilungen unterschiedliche Tätigkeiten und Hilfsdienste übertragen wurden. Die Frage nach den Möglichkeiten, die sich für die Häftlinge im Zusammenhang mit ihrer Lagerfunktion boten bzw. die gezielt gesucht wurden, folgt nicht dem Ansatz der Widerstandsforschung, vorrangig die Solidaritäts- und Widerstandshandlungen aufzuzeigen. Es wird vielmehr versucht, die unterschiedliche Ausübung von Funktionen anhand der Quellen aufzuzeigen und die Grenzen des Handelns zu benennen. Dabei geht es nicht darum, moralische Wertungen vorzunehmen. Als Basis der Untersuchung wird im ersten Kapitel ein Überblick über die Entwicklung des Konzentrationslagers Sachsenhausen gegeben. Das zweite Kapitel befaßt sich mit der Quellenlage und thematisiert insbesondere die politischen Vorgaben für die Sammlung von Erinnerungsmaterialien. Im dritten Kapitel werden die unterschiedlichen Häftlingsfunktionen getrennt nach Lagerabteilungen beschrieben und die Tätigkeit einzelner Funktionshäftlinge anhand von Häftlingsberichten dargestellt und erörtert. Gegenstand des vierten Kapitels ist die Arbeit der ‘Häftlingsselbstverwaltung’ sowie die Verknüpfung von ‘Häftlingsselbstverwaltung’ und illegaler Leitung der KPD. Abschließend sind Möglichkeiten und Grenzen der Tätigkeit der Funktionshäftlinge zu resümieren.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 3
I. Das Konzentrationslager Sachsenhausen im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager 7
1. Funktion, Lageraufbau, Arbeitseinsatz 7
2. Lagerorganisation und SS-Personal 12
3. Häftlingsgruppen und –kategorien 18
II. Quellenlage und Quellenkritik 25
1. Erinnerungsberichte 25
2. Prozeßakten 30
3. SS-Schriftgut 30
4. Unterlagen des Politbüros der KPD 31
III. Die Tätigkeit der Funktionshäftlinge 32
1. Funktionshäftlinge der Abteilung ‘Schutzhaftlager’ 32
2. Funktionshäftlinge der Abteilung ‘Lagerverwaltung’ 53
3. Funktionshäftlinge der Abteilung ‘Lagerarzt’ 56
4. Funktionshäftlinge der Abteilung ‘Kommandantur’ 60
5. Funktionshäftlinge der ‘Politischen Abteilung’ 61
IV. Der Einfluß der ‘Häftlingsselbstverwaltung’ 67
1. Die Häftlingsschreibstube 67
2. ‘Häftlingsselbstverwaltung’ und illegale Leitung 74
V. Zusammenfassung 78
Quellen- und Literaturverzeichnis 80
Anlagen
1. Zusammenstellung der Lagerältesten, Rapportschreiber und Funktionshäftlinge des Häftlingsarbeitsdienstes 88
2. Personenverzeichnis 89

Textprobe:

Kapitel 2, Lagerorganisation und SS-Personal:

Das Lager Sachsenhausen war wie die anderen Konzentrationslager nach dem Prinzip der Arbeitsteilung in fünf Bereiche gegliedert:

Kommandantur.

Politische Abteilung.

Schutzhaftlager.

Verwaltung.

Lagerarzt.

Gemäß Organisationsplan führte der Kommandant die Gesamtaufsicht über das Lager. Seiner Aufsicht waren jedoch faktisch nicht alle Lagerabteilungen gleichermaßen unterstellt. Bevor im folgenden die einzelnen Lagerabteilungen mit ihren jeweiligen hierarchischen Abhängigkeiten skizziert werden, sei hier noch eine kurze Übersicht über die Abfolge der Lagerkommandanten in Sachsenhausen vorangestellt; denn neben den formal erteilten Kompetenzen spielt deren subjektive Umsetzung eine ebenso große wenn nicht sogar größere Rolle für die Lagerverhältnisse.

Erster Kommandant im Lager Sachsenhausen war SS-Obersturmbannführer Michael Lippert. Ihm folgte im Oktober 1936 SS-Standartenführer Karl Otto Koch, der aus Esterwegen kam und dann im Juli 1937 das Lager Ettersberg (Buchenwald) übernahm. Koch wurde ersetzt durch SS-Oberführer Hans Helwig, der sich allerdings bereits im Mai 1938 durch Ansätze eines humaneren Auftretens gegenüber den inhaftierten Pfarrern disqualifiziert hatte. Die gewünschte Härte brachte als Nachfolger SS-Oberführer Hermann Baranowski, der ehemalige Lagerführer aus Dachau, mit. Baranowski schied Ende 1939 aus Krankheitsgründen aus. Daraufhin wurde der bisherige Lagerführer Walter Eisfeld zum SS-Sturmbannführer und Kommandanten befördert. Ihn versetzte man im Januar 1940 nach Dachau. An seiner Stelle kam SS-Oberführer Hans Loritz nach Sachsenhausen. Loritz hatte sich bereits als Kommandant in Esterwegen und Dachau als primitiver, rücksichtsloser und korrupter SS-Führer einen Namen gemacht. In Sachsenhausen fiel er durch die maßlose Ausnutzung von Häftlingsarbeit zu seiner persönlichen Bereicherung bei Himmler in Ungnade. Er wurde im September 1942 durch SS-Obersturmbannführer Anton Kaindl abgelöst. Kaindl war zuvor Leiter des Amtes D IV ‘KL-Verwaltung’ des WVHA. Er zeichnete sich während seiner Dienstzeit durch seinen besonderen Ehrgeiz aus, das Lager Sachsenhausen als führendes Beispiel für die Steigerung des Arbeitseinsatzes sowie als Stätte der Erprobung neuer Vernichtungsmethoden herauszustellen.

Für den Bereich der Kommandantur wies der Organisationsplan die Stelle eines Adjudanten aus, der als Vorgesetzter des SS-Personals des Kommandanturstabes fungierte, für Schriftverkehr mit Behörden und der Inspektion der Konzentrationslager, für Disziplinarstrafen und Strafvollzug (Exekutionen!) zuständig war.

Die Politische Abteilung war aus dem Kontrollbereich des Kommandanten ausgegliedert. Sie wurde von einem Beamten der Geheimen Staatspolizei oder der Kriminalpolizei geleitet, der demzufolge der für das Konzentrationslager zuständigen Gestapo- bzw. Kripostelle unterstand und in deren Auftrag Vernehmungen von Häftlingen durchführte. Gleichzeitig war er für die Führung von Häftlingsakten und einer Häftlingskartei sowie für die Erfassung von Neuzugängen zuständig. Für diese Erfassungsarbeit war der Politischen Abteilung der Erkennungsdienst angeschlossen. Dem Leiter der Abteilung II standen Angehörige des Kommandanturstabes zur Unterstützung zur Verfügung.

Die Abteilung III, ‘Schutzhaftlager’, die für den inneren ‘Dienstbetrieb’ zuständig war, unterstand dem Kommandanten. Wie seine Weisungen im einzelnen umgesetzt wurden, entzog sich in der Regel weitgehend seiner Aufsicht. Die Leitung der Abteilung III oblag dem Schutzhaftlagerführer, dem ein bis zwei Lagerführerstellvertreter zur Ausbildung und Unterstützung zugeordnet waren. Der Lagerführer fungierte als ständiger Vertreter des Kommandanten, ihm unterstanden Rapport-, Arbeitsdienst- und Blockführer. Im Konzentrationslager Sachsenhausen wechselten die Lagerführer im Laufe der Zeit sehr häufig. Rudolf Höß, der von Ende 1939 bis Mai 1940 Lagerführer war, und Fritz Suhren, der aus der Inspektion der Konzentrationslager kam und die Stelle als Lagerführer von Frühjahr 1941 bis September 1942 innehatte, wurden zu Kommandanten in Auschwitz und Ravensbrück befördert. Andere Lagerführer wurden in die für selbständig erklärten ehemaligen Außenlager von Sachsenhausen versetzt oder vom Dienst abgelöst. Zur Fluktuation der Lagerführer stellt Harry Naujoks, ehemaliger Lagerältester, fest:

‘Die meisten Lagerführer wurden schon nach wenigen Wochen wieder ausgewechselt, so daß es schwer war, sich auf sie einzustellen. Wenn der eine ‚hüh‘ sagte, kam der nächste und sagte ‚hott‘ ... Die einzige Möglichkeit, ihre Anordnungen zu unterlaufen, bestand darin, die Anweisungen der Schutzhaftlagerführer durch den Filter der Rapportführer an uns herankommen zu lassen, denn mit denen hatten wir ständig zu tun’.

Naujoks‘ Aussagen bezeugen einen Mangel an kontinuierlicher zentraler Steuerung. Der Bedeutung dieses Sachverhalts für die Arbeit der Funktionshäftlinge wird im Rahmen der Untersuchung ihrer verschiedenen Funktionen weiter nachgegangen.

Der Rapportführer war ständiger Dienstvorgesetzter sämtlicher Blockführer. Er beaufsichtigte die Appelle, war für die tägliche Zusammenstellung der Lager- und Verpflegungsstärke zuständig und hatte zusammen mit dem Arbeitsdienstführer und dem Leiter der Politischen Abteilung einen Monatsrapport über das Lager zu erstatten. Er hatte die Neuzugänge zu übernehmen und auf die einzelnen Blocks aufzuteilen, Verlegungen im Lager auszuführen und Transporte in andere Lager vorzubereiten. Der Rapportführer wurde in seiner Arbeit von einem zweiten Rapportführer unterstützt. Für diesen Bereich ist zu untersuchen, welche Bedeutung den von Funktionshäftlingen der Häftlingsschreibstube geleisteten umfassenden Vor- und Zuarbeiten zukommt.

Die Blockführer sollten für Disziplin und Sauberkeit in den ihnen unterstellten Häftlingsblocks (jeweils zwei bis drei Blocks) sorgen. Sie hatten die Aufgabe, die Kontrolle der Häftlinge zu jeder Tages- und Nachtzeit und mit rücksichtloser Härte durchzuführen. Daneben wurden sie nach einem durch den Rapportführer aufgestellten und vom Lagerführer genehmigten Wochendienstplan zum Wach- und Bereitschaftsdienst am Lagertor herangezogen. Der ‘Blockführer vom Dienst’ hatte für 24 Stunden das Aus- und Eingehen sämtlicher Häftlinge am Lagertor zu überwachen sowie das Dienstübergabe-, das Bestands- und das Häftlingsarbeitskommandobuch zu führen. Die dauernde Besetzung des Lagertores wurde durch die Unterstützung eines zum Hilfsdienst eingeteilten Blockführers gewährleistet. Für besondere Aufgaben waren zwei bis drei Blockführer zum ‘Bereitschafts- und Lagerdienst’ eingeteilt. Sie hatten den Rapportführer nach dem Ausrücken der Häftlinge zur Arbeit bei der Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager zu unterstützen, waren bei der Aufnahme neuer Häftlinge zugegen und wurden auch zur Vollstreckung offizieller Lagerstrafen herangezogen. Die Blockführer wurden ferner zur Kontrolle der Arbeitskommandos als Arbeitskommandoführer eingesetzt. Im Rahmen dieser Tätigkeit unterstanden sie dem Arbeitsdienstführer. Um diese umfassenden Ordnungsaufgaben bewältigen zu können, waren Funktionshäftlinge zur Unterstützung eingesetzt.

Der Arbeitsdienstführer war für die Einteilung der Häftlinge zum Arbeitseinsatz verantwortlich. Bei dieser Einteilung waren Auflagen der Politischen Abteilung sowie Anweisungen des Lagerkommandanten zu berücksichtigen, nach denen bestimmte Häftlinge von bestimmten Arbeiten ausgeschlossen sein sollten. Die Zusammenstellung der Arbeitskommandos erfolgte im Laufe der Jahre in zunehmenden Maße durch die für den Arbeitsdienst tätigen Funktionshäftlinge, so daß diesem Bereich bei der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen der von Häftlingen ausgeübten Funktionen eine besondere Bedeutung zukommt. Der Arbeitsdienstführer hatte ferner die zur Bewachung der Arbeitskommandos benötigten Wachposten anzufordern. Zusätzlich war er für den Einsatz von Spitzeln in den Arbeitskommandos zuständig. In Sachsenhausen nahm der Arbeitsdienstführer zeitweilig auch die Aufgaben eines zweiten Rapportführers war. Hinsichtlich der hierarchischen Strukturen im Lager ist zu beachten, daß laut Anordnung des Leiters der Inspektion der Konzentrationslager, Glücks, vom 29. September 1941 der Bereich Arbeitseinsatz der Häftlinge der neu errichteten Stelle eines Schutzhaftlagerführers ‘E’ (gleich Arbeitseinsatz) zugewiesen wurde. Diesem unterstand der Arbeitsdienstführer nun unmittelbar, während er in seiner Funktion als zweiter Rapportführer dem ersten Lagerführer unterstellt sein sollte. Der Schutzhaftlagerführer ‘E’ war nicht einem ersten Lagerführer untergeordnet, sondern unterstand direkt der Dienstaufsicht des Kommandanten und der Fachaufsicht der ebenfalls neu eingerichteten Dienststelle des ‘Beauftragten für den Arbeitseinsatz’ bei der Inspektion der Konzentrationslager. Diesen ersten Ansatz, den Häftlingsarbeitseinsatz zu zentralisieren, versuchte man im Rahmen der Eingliederung der Inspektion der Konzentrationslager in das Wirtschaftsverwaltungshauptamt zu perfektionieren. Diese Maßnahme änderte jedoch nichts an dem Prinzip der Doppelunterstellung. Im Hinblick auf die Verschränkung von Kompetenzen und Zuständigkeiten, die keine Einzelerscheinung darstellen, sondern Strukturmerkmal des nationalsozialistischen Herrschaftsgefüges sind, stellt sich für die vorliegende Untersuchung die Frage, inwieweit sich konkurrierende Vorgesetztenverhältnisse auf die Tätigkeit der Funktionshäftlinge ausgewirkt haben.

Arbeit zitieren:
Kuß, Irmtraudt Mai 1995: Funktionshäftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Nationalsozialismus, Konzentrationslager, Häftlingsgesellschaft, Erinnerungsberichte, Widerstand

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