Funktionen der Filmmusik
Dargestellt anhand eigener Filmmusik zum Film 'Wölfe in B.'
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Thomas Seher
- Abgabedatum: Dezember 2007
- Umfang: 54 Seiten
- Dateigröße: 4,2 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität Hildesheim Deutschland
- Bibliografie: ca. 23
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3819-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Seher, Thomas Dezember 2007: Funktionen der Filmmusik, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Komposition, Soundtrack, Stummfilm, Filmästhetik, Zofia Lissa
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Diplomarbeit von Thomas Seher
Einleitung:
Die Diplomarbeit entstand im Winter- und Sommersemester 2006/2007 und setzt sich aus einem praktischen und theoretischen Teil zusammen. Zum besseren Verständnis sollte sich der Leser den Kurzfilm ‘Wölfe in B.’ anschauen, der sich auf DVD im Anhang befindet. Der vorliegende theoretische Teil gliedert sich in zwei Abschnitte: der erste behandelt Modelle zu den Funktionen der Filmmusik; im zweiten Teil wird die Filmmusik zu ‘Wölfe in B.’ in Hinblick auf ihre Funktionen analysiert.
Da ich seit 2001 Schauspiel- und Filmmusik komponiere, war für mich eine Beschäftigung mit der Theorie im Bezug auf eigene Werke im Rahmen der Diplomarbeit selbstverständlich. Mein Interesse an dem Erkenntnisgewinn ist demnach persönlich, da ich meine Reflexion auf theoretischer Ebene wiederum in die praktische Arbeit einließen lassen kann. Gleichwohl gibt die Theorie für Interessierte einen Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs zu den Funktionen der Filmmusik (Stand 2007).
Die Grundfrage dieser Arbeit lautet: welche Funktionen kann Filmmusik in Spielfilmen im Allgemeinen übernehmen und welche Funktionen übernimmt Musik konkret im Film ‘Wölfe in B.’ ?
An dieser Stelle ist es wichtig zwischen Funktionen und Wirkungen zu differenzieren, denn beide Begriffe unterscheiden sich darin, was Filmmusik leisten soll und was sie letztendlich beim Zuschauer auslöst.
Mit dem Begriff Funktion werden alle Aufgabenstellungen beschrieben, die im weitesten Sinn der Filmdramaturgie sowie der Filmvermarktung zugedacht sind. Die Entscheidungen für den Musikeinsatz werden in der Regel vom Regisseur, Produzenten, Komponisten, Cutter und Tonmeister gefällt, die bestimmte Vorstellungen von Wirkungsweisen der Musik verfolgen. Die Wirkung bezieht sich auf den Zuschauer, der die eigentlichen dramaturgischen und kommerziellen Absichten der Filmemacher nicht kennt und daher die Bild-Ton-Kombination auf subjektive Weise erlebt. Somit können Unterschiede auftreten zwischen den von Filmschaffenden angedachten Funktionen und den tatsächlich erlebten Wirkungen auf den Rezipienten. So hat beispielsweise die Musik von 1930 (z.B. Duke Ellington) heute eine andere Wirkung als auf das damalige Filmpublikum. Um verlässliche Aussagen zur Wirkung von Filmmusik zu treffen, sind Datenerhebungen in Form von Besucherbefragungen und Tests notwendig, die Gegenstand der Psychologie sind. Bei meinen Betrachtungen konzentriere ich mich auf die Funktionen der Filmmusik. Das geschieht in folgenden Schritten.
Bei der Darstellung der Modelle wird der Schwerpunkt auf die Musik in Tonfilmen gelegt. Die Funktionen der Stummfilmmusik werden nur der Vollständigkeit halber in einer Übersicht vorgestellt. Darüber hinaus versuche ich ein Modell zu den Funktionen der Filmmusik zu entwerfen, welches eine umfassende Katalogisierung ermöglicht, ohne dabei eine simple Auflistung der Funktionen vorzunehmen, wie es einige Autoren bereits getan haben. Anschließend wird dieses Modell zur Analyse der Filmmusik zum Film ‘Wölfe in B.’ angewendet.
Es ist bemerkenswert, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Filmmusik eine junge Tradition hat. Es liegt eine Menge von Veröffentlichungen vor, die sich um das Wesen der Filmmusik bemüht, doch umfassende systematische Beschreibungen unter dem Aspekt der Funktion sind die Ausnahme.
Wie bei jedem Versuch, Dinge der gelebten Wirklichkeit (hier das Schaffen des Filmmusikkomponisten) in ein System zu zwängen, fallen vereinzelte Aspekte durch das 'Raster'. Wolfgang Thiel weist zurecht darauf hin, dass jede Systembildung die Gefahr birgt ‘die innere Dynamik der beschriebenen Objekte aus den Augen zu verlieren.’ So sei eine genrespezifische Differenzierung erforderlich, da in jedem Filmgenre andere Funktionen an Bedeutung gewinnen. Diese Grundspannung lässt sich auch in dieser Arbeit nicht auflösen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Bedeutung der Musik im Kontext filmästhetischer Mittel | 4 |
| 3. | Funktionen der Filmmusik | 7 |
| 3.1 | Funktionen der Stummfilmmusik | 7 |
| 3.2 | Funktionen der Tonfilmmusik | 11 |
| 3.2.1 | Filmmusik soll nicht bemerkt werden | 11 |
| 3.3 | Systematik nach Zofia Lissa | 14 |
| 3.4 | Modell nach Hansjörg Pauli | 16 |
| 3.5 | Dramaturgische Funktionen nach Norbert Jürgen Schneider | 17 |
| 3.6 | Modell nach Georg Maas | 18 |
| 3.7 | Modell nach Claudia Bullerjahn | 20 |
| 3.8 | Modell nach Wolfgang Löffler und Lars Wittershagen | 23 |
| 3.9 | Versuch eines eigenen Modells | 24 |
| 4. | Zur Analyse der Filmmusik zu ‘Wölfe in B.’ | 31 |
| 4.1 | Vorgehensweise | 31 |
| 4.2 | Analyse | 31 |
| 5. | Fazit | 45 |
| 6. | Schlussbertrachtung | 47 |
| 7. | Literatur- und Quellennachweis | 49 |
| 8. | Anhang | 52 |
| Anhang: DVD ‘Wölfe in B.’ | ||
| Kurzinformation zum Film |
Textprobe:
Kapitel 3.9, Mikroebene:
Mit Funktionen auf der Mikroebene sind solche Absichten gemeint, die Musik zu konkreten, einzelnen Bildinhalten erfüllen soll. Musik und Bild sind die kleinste Sinneinheit und schaffen damit die sachlich-materielle Grundlage des Films. Eine Bewertung, Urteilsbildung oder Emotionalisierung durch den Zuschauer findet auf dieser Ebene noch nicht statt! Die Mikroebene beschreibt die Beziehung von Musik zum Filmbild. Der Zuschauer spielt hier eine untergeordnete Rolle; er soll die gezeigten Bild-Ton-Zuordnungen lediglich zur Kenntnis nehmen, Strukturen, Orte, Gegensätzliches wahrnehmen ohne sich emotional zu beteiligen. Psychologische Wahrnehmungsgesetze sind hier von Bedeutung (Gesetz der Geschlossenheit, Integration in Raum und Zeit, Prägnanzgesetz). Diese Ebene soll sozusagen die Voraussetzung schaffen, die vom Regisseur gewünschten Absichten zu erreichen, welche auf der nächsten Ebene eine Rolle spielen.
Filmmusik soll auf der Mikroebene:
(1)Synchronität/Asynchronität zum Bild herstellen, (2) Bilder zu einer Sinneinheit zusammenfassen und strukturieren, (3) Akzente setzen, (4) Aufmerksamkeit auf bestimmte Bildinhalte lenken, (5) Zeitempfinden relativieren, (6) Schnitte kaschieren, (7) Stimmungen, Emotionen abbilden, (8) den Bildstimmungen entgegen wirken/Kontrapunkt, (9) Klischees aufgreifen, (10) Ort der Handlung charakterisieren, (11) historische Zeit oder Tageszeit verdeutlichen, (12) Bildinhalt verdoppeln- Illustration, (13) dramaturgische, schauspielerische Mängel überspielen.
Beispiel: Im Film ‘Clock Work Orange’ verprügelt der Protagonist äußerst brutal eine Männergruppe. Dazu hört man die Musik von Ludwig van Beethoven. Hier soll die Musik die Handlung kontrapunktieren. Klischees eines geordneten, gebildeten Bürgertums werden in Form von klassischer Musik gegen die verstörenden Bilder der Prügelei gestellt. Die Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Inhalte durch Bild und Musik werden auf dieser Ebene vom Zuschauer zur Kenntnis genommen - ohne dass eine Meinungsbildung statt findet. Darüber hinaus wird Beethovens 9. Symphonie als 'Markenzeichen' mit dem Hauptdarsteller assoziiert.
Makroebene:
Funktionen auf dieser Ebene provozieren beim Zuschauer Reflektion und emotioanle Reaktion. Sie können in ihrer zeitlichen Dimension über die Länge einer Szenen hinausgehen und einem vom Regisseur gewünschten Erkenntnissprozess beim Zuschauer auslösen. Diese Funktionen sind für das inhaltliche Verständnis der Geschichte und für den Aufbau einer gelungenen Dramaturgie wesentlich. Hier werden subjektive Erlebnisse der Zuschauer verlangt, die meist vom Regisseur so gelenkt werden, so dass - im Idealfall - die Mehrheit des Publikums die gleichen Erfahrungen erlebt. Die Makroebene bezeichnet die Beziehung: Musik-Filminhalt-Zuschauer.
Filmmusik soll auf der Makroebene:
(1) Verständnis der Filmhandlung ermöglichen, (2) Distanz/Verwirrung/Zustimmung beim Zuschauer provozieren, (3) Identifikation mit Figuren ermöglichen, (4) Bezüge zu anderen Szenen herstellen, (5) verschiedene Handlungsstränge unterscheidbar machen, (6) Erkenntnisgewinn ermöglichen, (7) vom Regisseur gewünschte Sichtweisen suggerieren, (8) reale Stimmungen/Emotionen beim Zuschauer auslösen.
Beispiel: Durch das Erkennen der Gegensätzlichkeit von Musik und Bild bei ‘Clock Work Orange’ soll eine psychische Reaktion beim Zuschauer in Form von Emotionen, Stimmungen und Meinungen hergerufen werden. Es kommt auf die Vorbildung des Zuschauers an, ob er mit Ablehnung, Schock oder Verwirrung auf die Szene reagiert. Der Zuschauer reflektiert den 'neuen' Bild-Musik-Zusammenhang und stellt gegebenenfalls ein neues Beurteilungssystem auf; er setzt sich mit der Szene auseinander, indem er bewertet und urteilt. Beethovens Musik zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und charakterisiert den Protagonisten und unterstützt dramaturgische Absichten: Erstens: Musik bekommt eine Wirkung, auch wenn der Protagonist nicht im Bild zu sehen ist, denn Beethovens 9. Symphonie ist mit Gefahr konnotiert. Zweitens: Dadurch wird der Zuschauer zu kritischer Distanz gezwungen – eine Reaktion, die vom Regisseur gewünscht ist, da es zur Aussage des Films beiträgt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836638197
Arbeit zitieren:
Seher, Thomas Dezember 2007: Funktionen der Filmmusik, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Komposition, Soundtrack, Stummfilm, Filmästhetik, Zofia Lissa



