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Die Funktion von Neurobiologie und Psychiatrie als Kontrollinstanz gesellschaftlicher Normen im kulturellen Wandel

Eine systemisch-konstruktivistische Betrachtung

Die Funktion von Neurobiologie und Psychiatrie als Kontrollinstanz gesellschaftlicher Normen im kulturellen Wandel
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Bruno Mohr
  • Abgabedatum: Oktober 2009
  • Umfang: 88 Seiten
  • Dateigröße: 516,1 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 185
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1276-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Mohr, Bruno Oktober 2009: Die Funktion von Neurobiologie und Psychiatrie als Kontrollinstanz gesellschaftlicher Normen im kulturellen Wandel, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Neurobiologie, Psychiatrie, Systemtheorie, Konstruktivismus, Kontrollkultur

MA-Thesis / Master von Bruno Mohr

Einleitung:

Die vorliegende Masterarbeit stellt eine wissenschaftstheoretische Abhandlung über das Wesen und den Wandel gesellschaftlicher Normen und die Funktion von Psychiatrie und Neurobiologie als Kontroll- und Legitimationsinstanzen dieser Normen dar. Zentrales Anliegen der Arbeit ist es, den Anstieg gesellschaftlicher Kontrolle aus der Sicht der dynamischen Systemtheorie als einen vorübergehenden Prozess negativer Rückkopplungsprozesse darzustellen, die jeden kulturellen Wandel begleiten. Dieses Thema ist für die Kriminologie von Bedeutung, da exemplarisch am Beispiel der Psychiatrie aufgezeigt wird, wie die Legitimations- und Kontrollinstanzen gesellschaftlicher Normen Handlungen, die als Risiken für die soziale Ordnung wahrgenommen werden, durch Typisierung diagnostizier- und handhabbar machen. So werden die Abweichungen je nach abgegrenzter Deutungshoheit der jeweiligen Kontroll- und Legitimationsinstanz als Sünde (Kirche), als Revolte (Militär), Krankheit (Psychiatrie), Verwahrlosung (Erziehung) oder eben als Kriminalität stigmatisiert und bearbeitet. Welche ‘Diagnosefigur’ jeweils Anwendung findet, ergibt sich aus den jeweiligen Macht- und Interessenverhältnissen und aus der Bedeutung des Verstoßes innerhalb der herrschenden Kultur. Es handelt sich hierbei somit immer um Deutungen von gesellschaftlichen Deutungen bzw. Konstruktionen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden im Sinne des Konstruktivismus nicht als Wirklichkeit im allgemeinen (metaphysischen) Sinne, als objektive oder ontologische Realität, sondern als kognitive Realität dargestellt, die aufgrund wissenschaftlicher Operationen erscheint und in der Kommunikation semantisch (re-)konstruiert wird. In dieser Perspektive erscheint Kriminologie nicht als Spiegel der Kriminalität. ‘Sie bildet Kriminalität nicht ab, sondern verständigt sich mit der Gesellschaft über dieses Thema, indem sie sich die Kriminalitätsverständnisse partikularer gesellschaftlicher Akteure erschließt und dadurch die Vielfalt möglicher Verständnisse bewusst macht. Stets werden Bilder interpretierend reproduziert und als neuerlich vorstellungsbildende Imagination der gesellschaftlichen Verständigung darüber ausgesetzt’.

In der vorliegenden Masterarbeit soll die Darstellung psychiatrischer Normenkontrolle exemplarisch für die gesellschaftliche Reaktion auf Abweichung stehen, die auch bei kriminalisiertem Verhalten Anwendung findet. Eine zunehmende Bedeutung erfährt die Betrachtung durch den Anspruch der Psychiatrie auf Zuständigkeit in der Kriminologie unter dem Schlagwort des ‘geborenen Verbrechers’, der durch die wissenschaftlichen Konstruktionen der Neurobiologie gestützt wird.

Im ersten Abschnitt stelle ich das Wesen kultureller Wandlungsprozesse aus Sicht des systemischen Konstruktivismus dar. Zeiten kulturellen Wandels gehen mit der Auflösung von Sinnsystemen und ihnen inhärenter Normen einher und lösen Kontroll- und Sanktionsprozesse der Legitimationsinstanzen der gesellschaftlichen Sinnwelt aus. Somit eignen sich kulturelle Wandlungsprozesse, das Wesen gesellschaftlicher Normen und die gesellschaftlichen Reaktionen auf Abweichungen von ihnen exemplarisch darzustellen. Am Beispiel des Paradigmenwandels vom metaphysischen zum mechanistischen Weltbild stelle ich die Konstruktion gesellschaftlicher Normen und hieraus abgeleiteter Normalitäts- und Krankeitsdiagnosen der Psychiatrie dar.

Der zweiten Abschnitt beschreibt, dass das mechanistische Weltbild an einem Punkt angelangt ist, an dem seine Zweck- und Zielorientierung zu einem unüberschaubaren Anstieg von Komplexität und damit einher gehender Risiken geführt hat, die den Fortbestand der Menschheit bedrohen. Hieran anschließend stelle ich die in der Postmoderne stattfindenden Auflösungsprozesse gesellschaftlicher Normen und Normalitätskonstrukte als Ausdruck eines neuen Paradigmenwandels dar, der das mechanistische Weltbild radikal infrage stellt.

Ich vertrete die These, dass den Herausforderungen von Komplexität und Risiken nur durch ein radikales Umdenken und ein virtuelles Spiel mit der Konstruktion und Kombination neuer kognitiver Systeme erfolgreich begegnet werden kann. Deshalb darf sich produktive, wissenschaftliche Forschung nicht an das Diktat einer Methode halten. Vielmehr muss sie auf opportunistische Weise Methoden ausprobieren, aufgeben und variieren. Denn es ist auch ihre Aufgabe Modelle bereitzustellen, die in der Lage sind, reale Probleme zu bewältigen. Das in der Wissenschaft ungeschriebene Gesetz, dass man nur dann eine Theorie veröffentlicht, wenn sie zu überprüfbaren Beobachtungen führt, muss fallengelassen werden. Ideen sollten scheitern dürfen. Deshalb plädiere ich, mit der Parole des Mai 1968 ‘Seien wir Realisten, fordern wir das Unmögliche’ ernst zu machen und ‘sich etwas auszudenken, was in den Koordinaten des bestehenden Systems unmöglich erscheint’.

Während David Garland die durch Risiko und Unsicherheit geprägten sozialen und ökonomischen Verhältnisse als gesellschaftliche Grundlage einer übersteigerten Betonung von Kontrolle beschreibt, werde ich die Veränderung gesellschaftlicher Wirklichkeitsvorstellungen in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen stellen. Hiermit möchte ich von einer scheinbar objektiven Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse zu neuen Wirklichkeitskonstruktionen gelangen, die Antworten auf die Herausforderungen von Komplexität und Risiken aufzeigen. Dies erfordert, dass ich mich mit der Konstruktion von Wirklichkeit und ihren Wandlungsprozessen auseinandersetze. Deshalb werde ich den Kulturbegriff und seine Wandlungsprozesse aus Sicht des systemischen Konstruktivismus als kognitives Konstrukt darstellen, welches sich über Kommunikation selbst reproduziert, aber auch durch koevolutionäre Prozesse wandelt und an Komplexität gewinnt.

Im dritten Abschnitt beschäftige ich mich mit den Auswirkungen der Auflösung gesellschaftlicher Normen auf die Kontrollfunktion der Psychiatrie. Die These der biologischen Prädisponierung menschlichen Erlebens und Verhaltens werde ich als neue Form zeitgemäßer Kontrolle der Individuen durch die Medizin darstellen. Die Konstruktion eines ‘neurobiologischen Selbst’ ermöglicht eine ‘Kontrolle durch Freiheit’, bei der die Individuen ihr gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten selbst kontrollieren. Die Kontrollbestrebungen von Psychiatrie und Neurobiologie werde ich als Versuch der Legitimationsinstanzen der gesellschaftlichen Sinnwelt darstellen, das alte Sinnsystem zu stabilisieren und Entwicklungsprozesse zu verhindern. Im Anschluss reflektiere ich die Frage, in wieweit diese Kontrollmechanismen angesichts eines zunehmenden Verlustes an Glauben in Metaerzählungen Erfolg haben.

Im vierten Abschnitt ventiliere ich Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Neuro- und Sozialwissenschaften, um neue Antworten auf die Herausforderungen von Komplexität und Risiken zu ermöglichen. Ich werde die Implikationen der systemisch konstruktivistischen Perspektive sowie aktueller neurowissenschaftlicher Forschungen für die psychiatrische Konstruktion von Krankheit und Normalität reflektieren und ein neues Verständnis von Kommunikation und Interaktion sowie ethisch korrektem Handeln als verbindende Phänomene von Neuro- und Sozialwissenschaften darstellen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
1. Kultureller Wandel 4
1.1 Der Kulturbegriff 4
1.2 Wissenschaft als Kulturprodukt 5
1.3 Kultureller Wandel aus Sicht des systemischen Konstruktivismus 8
1.4 Paradigmenwechsel 10
1.4.1 Vom metaphysischen Paradigma zum mechanistischen Paradigma 12
1.4.2 Der Einfluss des mechanistischen Paradigmas auf die Bedeutung von Gesundheit und Krankheit 14
2. Kultureller Wandel in der Postmoderne 16
2.1 Anstieg von Komplexität und Risiko als Folge der Ziel- und Zweckorientierung des mechanistischen Paradigmas 17
2.2 Individualisierung und die Auflösung gesellschaftsstabilisierender Normen und Werte 19
2.3 Auflösung des mechanistischen und Entstehung eines konstruktivistischen und systemischen Paradigmas 22
2.3.1 Wissenschaftliche Wirklichkeitskonstruktionen in der Postmoderne 27
2.3.2 Systemische Wirklichkeitskonstruktionen in der Neurobiologie 29
3. Die Funktionalität des ‘neurobiologischen Selbstverständnisses’ für das Regieren durch Freiheit 31
3.1 Das Entstehen einer Kontrollkultur 31
3.2 Die Psychiatrie als Legitimationsinstanz der gesellschaftlichen Sinnwelt 33
3.3 Die Konstruktion der psychiatrischen / neurologischen ‘Krankheit’ 35
3.4 Der Vormarsch der ‘Lebenswissenschaften’ 37
3.4.1 Molekularisierung in der Neurobiologie 38
3.4.2 Vom Risiko zur Anfälligkeit 40
3.4.3 Die Konstruktion des ‘neurobiologischen Selbst’ als Masterstatus und Verpflichtung zur Selbststeuerung 41
3.5 Regieren durch Freiheit 43
3.6 Die Wirksamkeit der Kontrolle durch Freiheit 45
4. Für einen systemisch–konstruktivistischen interdisziplinären Diskurs zwischen Sozial- und Neurowissenschaften 48
4.1 Das Krankheitskonzept in der systemisch-konstruktivistischen Perspektive 50
4.1.1 Das Krankheitskonzept auf der innersubjektiven Ebene 51
4.1.2 Das Krankheitskonzept auf der interkommunikativen Ebene 53
4.1.3 Das Krankheitskonzept auf der gesellschaftlichen Ebene 54
4.2 Vom genetischen Determinismus zu kreativen Lernprozessen neuronaler Netzwerke 56
4.2.1 Kritik des genetischen Determinismus 56
4.2.2 Kreative Lernprozesse neuronaler Netzwerke 57
4.3 Informationsaustausch als verbindendes Element zwischen Sozial- und Neurowissenschaften 59
4.3.1 Informationsaustausch zwischen Nervensystem und Umwelt 60
4.3.2 Informationsaustausch in sozialen Systemen 63
4.4 Ethisches Handeln im Umgang mit abweichendem Verhalten 66
4.4.1 Ethisches Handeln in der Perspektive der dynamischen Systemtheorie 66
4.4.2 Konsequenzen eines ethisch korrekten Handelns für den Umgang mit abweichendem Verhalten 69
Schlussbemerkungen 70
Literatur 73

Textprobe:

Kapitel 2, Kultureller Wandel in der Postmoderne:

Das Präfix ‘post’ drückt ein zeitliches und sachliches Jenseits dieses Zustandes aus, in dem die Gesetzmäßigkeiten und Normen der neuzeitlichen Kultur und Zivilisation nicht mehr greifen. Wurden die ‘neuzeitlichen Projekte’ innerhalb ihres eigenen Horizonts mit hohem Wahrheits- und Vorbildlichkeitsanspruch entworfen und legitimiert, so wird dieser Horizont nun selbst in Frage gestellt. Normen und Gesetzmäßigkeiten der modernen Gesellschaft werden zunehmend gesprengt und die Aufweichung bisher gültiger Ordnungen und Traditionen gibt einer nie gekannten Pluralität Raum.

In der Postmoderne vernetzt sich die Gesellschaft immer mehr durch einen digitalen Medienverbund in einem globalen Weltsystem. Das Verhalten der Teilnehmer des ‘globalen Netzes’ wird nur noch aus dem Systemzusammenhang verständlich. Der Geltungsbereich des ‘Kultursystems’ büßt in einem globalen Weltsystem seinen Anspruch auf universale Zuständigkeit immer mehr ein. Globalisierung bedeutet ein zunehmendes Verschwinden von universalen kulturellen Ansprüchen und Zuständigkeiten. In einem globalen Weltsystem wird es keinen einzelnen Entwurf kultureller Identität mehr geben, der die unterschiedlichen Kulturen dominiert und allgemeine Verbindlichkeit beanspruchen kann. In diesem Sinne ist die Kultur eines Weltsystems eine nachhegemoniale Kultur.

Vor diesem Hintergrund stellt der Postmodernismus eine kulturelle Orientierung dar, die in dem Orientierungssystem des modernen Weltbildes, der modernen Kultur und ihres Wertesystems eine Zäsur vornimmt. Ihre Grundhaltung ist ein Skeptizismus gegenüber Expertentum, der aus der Inkommensurabilität sich widersprechender Deutungsansprüche einer chaotischen Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit resultiert. Eine solche postmoderne Kultur und Zivilisation entzieht sich folglich auch den Erkenntnismöglichkeiten der exakten Wissenschaft und den Zugriffsversuchen der sozialen Herrschaft. Sprache verliert ihren Realitätsbezug; es gibt keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen. Die Postmoderne kann man somit als Grundsituation des sozialen Wandels und des Umbaus des kulturellen Orientierungssystems bezeichnen, der dahin geht, dass ‘Ziele’ und ‘Werte’ der Kultur keinen universalen Anspruch mehr erheben können.

2.1, Anstieg von Komplexität und Risiko als Folge der Ziel- und Zweckorientierung des mechanistischen Paradigmas:

Die Gesellschaft ist sich selbst zum dominanten Risiko geworden. Ihr Fortbestand wird von ihr durch selbsterzeugte Risiken bedroht. Dies ist lt. Ulrich Beck der Preis, der für den Fortbestand der ‘Moderne’ gezahlt wird. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um ein zwingendes Gesetz sozialer Evolution, sondern um eine gesellschaftliche Pathologie. Sie ist die Antwort auf die Weltsicht automatischer Gesetzmäßigkeiten, die sich seit der Aufklärung durchgesetzt hat. ‘Durch die gezielte Zweckverfolgung nehmen wir bewusst oder unbewusst selbsterzeugte Risiken in Kauf, die unseren Fortbestand bedrohen’. ‘Wir hatten gehofft, diese Natur in eine Hierarchie hineinzubekommen, die unserem alten Bild entspricht. Diese Hierarchie hat versagt. Die eigentlich schwierigen Probleme sind komplex. Sie sind derart, dass ich alle Menschheitsprobleme im Schoß habe, wenn ich an einer Stelle anfange zu ziehen. Bei einer solchen Verfilzung und Vernetzung der verschiedenen Kausalketten ist der Wissenschaftler überfordert. Er kann nur umgehen mit Problemen, die man auseinanderdröseln kann. Das ist auch der Grund, warum er so verschreckt ist und sich auf Probleme zurückzieht, die er lösen kann’.

Ein Kernargument der Risikogesellschaft ist die besondere Qualität neuer Risiken. Sie treten als Nebenfolgen der industriellen Moderne in Erscheinung und sind verantwortlich für ihre Selbsttransformation. Es sind in diesem Sinne die objektiven Qualitäten neuer Risiken, die es der Gesellschaft so schwer machen, mit ihnen in herkömmlicher Weise umzugehen. Mit seinem Konzept der Hybridität rechtfertigt Beck seinen Risikoobjektivismus, indem er die Trennung von Natur und Kultur als eine Idee darstellt, die sich erst in der Moderne durchsetzte. Es sei unmöglich, die beiden Seiten trennscharf voneinander zu unterscheiden. Zugang zur Natur sei nur durch kulturell provozierte Beobachtungsstrategien möglich und Kultur sei ohne eingewobene Natur nicht denkbar. Wissenschaftliche Analysen könnten sich entsprechend nur daran abarbeiten, die Hybridität von Natur- / Kultur- Konstrukten zu beschreiben. Diese Problematik wird im Kontext der Risikovergesellschaftung noch einmal besonders deutlich. Denn die wissenschaftlich unterstellte Beherrschbarkeit und Kontrolle der Natur hat die impliziten normativen Annahmen bisher verdeckt. Der bis dahin stillschweigend unterstellte gesellschaftliche Wertekonsensus wird mit den Grenzen der Bearbeitbarkeit erneut zum Thema und in Frage gestellt. Die bis dahin als wünschenswert angesehene technische und wissenschaftliche Entwicklung wird durch ihre ungesehenen oder ausgeblendeten Nebenfolgen selbst fraglich und das Wissensmonopol der Wissenschaften aufgebrochen. Mangelndes Wissen oder besser wachsendes Wissen über Nicht-Wissen ruft einerseits nach Strategien der Bearbeitung von Nicht-Wissen, andererseits nach normativ-moralischer Wertung.

Beck beschränkt Risikofragen jedoch nicht auf Umweltrisiken. Mit der Individualisierungsthese adressiert er ‘institutionenabhängige Individuallagen’. Für die gesellschaftliche Form des Zusammenhanges von Zweckerreichung und riskanten Nebenfolgen erscheint Beck der unaufhaltsame Trend zur Vereinzelung und Individualisierung bedeutsam. Er signalisiere den Siegeszug des Primats subjektiver Zweckverfolgung auf der Basis individueller Präferenzen. Entscheidungszwang und Entscheidungsunmöglichkeit bei gleichzeitiger individueller Verantwortungszurechnung würden das Individuum in ganz neuer und ungeahnter Form unter Druck setzen. In Becks Individualisierungsthese sind die Gestaltungswünsche und Gestaltungsnormen eines modernen Individuums verbunden. Unsicherheitsbearbeitung und Risikobewältigung werden so zu einem individuell zu bearbeitenden und zu verantwortenden Projekt.

In der systemtheoretischen Perspektive erscheint Risiko als Form gesellschaftlicher Selbstbeobachtung. Sie ist typisch für moderne Gesellschaften, die sich primär in Kategorien von Handeln und Entscheiden beschreiben anstelle von Zufall, Schicksal oder göttlicher Fügung. Durch den Wandel von einer stratifikatorischen (d.h. in Schichten und Stände) differenzierten Gesellschaft zu einer funktional differenzierten Gesellschaft, deren Funktionssysteme sich durch spezifische Codes gegenüber anderen gesellschaftlichen Bereichen abschließen, werden sie füreinander undurchschaubar. Dies hat zur Folge, dass es keine gesellschaftliche (Beobachtungs-)Position mehr gibt, die Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen kann.

Luhmann definiert die kleinste konstitutive Einheit von sozialen Einheiten und Gesellschaft als Kommunikation. Handlungen und Entscheidungen werden in diesem Sinne nur insofern sozial konstituiert, wie sie kommunikativ hergestellt werden. Da es keine allgemeingültige (Beobachtungs-)Position mehr gibt, existieren auch keine absoluten Gewissheiten mehr. Entscheidungen sind somit per definitionem immer riskant. In funktional differenzierten Gesellschaften wird Entscheiden und Verantwortungszuschreibung zum Dauerproblem und damit Risiko zur zentralen Größe gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Mit wachsender Komplexität gesellschaftlicher Kommunikations- und Austauschprozesse, den zeitlich wie räumlich immer weiter ausufernden Interdependenzen sozialer Interaktionen, haben sich nicht nur die Handlungsoptionen potenziert, sondern auch die Reichweite der Handlungsfolgen sowie die Schwierigkeiten, diese abzuschätzen.

Diese Offenheit wurde und wird nicht allein als positive Erweiterung von Möglichkeiten, sondern zugleich als verstörende Entgrenzung erfahren. In dem Maße, wie für die Unwägbarkeit des menschlichen Lebens nicht länger ein göttliches Schicksal verantwortlich gemacht werden kann, erscheint es möglich und unabweisbar nötig, die bedrohlichen Seiten der Kontingenz aus eigener Kraft unter Kontrolle zu bringen. Hierzu ist es jedoch erforderlich, die Folgen des eigenen Handelns zu antizipieren und negative Folgen durch Prävention zu vermeiden. Dies ist aber immer weniger möglich, da es keine allgemeingültigen Gewissheiten mehr gibt. Vielmehr kann präventives Handeln selbst neue Risiken erzeugen – das Problem jeder Schutzimpfung. So lässt die Risikogesellschaft die bekannte Logik, die Auswirkungen gegenwärtiger Ereignisse im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf künftige Ereignisse zu beurteilen, obsolet werden. Prävention ufert unter dem Aspekt unberechenbarer und unvorhersehbarer Handlungsplanung aus.

Aus systemtheoretischer Sicht erweist sich Prävention als ein selbstreferentielles Unterfangen. Sie konstruiert die Bedrohung, gegen die sie Abhilfe verspricht. Insofern ist sie ein gesellschaftlich erzeugtes Kulturprodukt, welches die Ideologie des mechanistischen Paradigmas, alles sei beherrsch- und kontrollierbar, obsolet werden lässt. So erscheint es angemessen, von einer Krise des mechanistischen Paradigmas zu sprechen.

Arbeit zitieren:
Mohr, Bruno Oktober 2009: Die Funktion von Neurobiologie und Psychiatrie als Kontrollinstanz gesellschaftlicher Normen im kulturellen Wandel, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Neurobiologie, Psychiatrie, Systemtheorie, Konstruktivismus, Kontrollkultur

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