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Friedrich Nietzsches Rezeption des Begriffs "décadence" von Paul Bourget

Friedrich Nietzsches Rezeption des Begriffs "décadence" von Paul Bourget
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Volker Neumann
  • Abgabedatum: Juni 1998
  • Umfang: 91 Seiten
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1299-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1299-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Neumann, Volker Juni 1998: Friedrich Nietzsches Rezeption des Begriffs "décadence" von Paul Bourget, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nietzsche adaptiert Bourget, persönliches Verhältnis Nietzsche - Wagner

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Diplomarbeit von Volker Neumann

Einleitung:

"Ich bin, in Fragen der décadence, die höchste Instanz, die es auf Erden giebt: diese jetzigen Menschen, mit ihr[er] jammervollen Instinkt-Entartung, sollten sich glücklich schätzen, Jemanden zu haben, der ihnen in dunkleren Fällen reinen Wein einschenkt", schreibt Friedrich Nietzsche an Malwida von Meysenbug im Oktober 1888, keine drei Monate vor seinem paralytischen Zusammenbruch. Selbstapotheose oder Scharfblick eines leidenschaftlichen Kulturbeobachters? - Unbestreitbar ist zunächst nur, daß Nietzsche sich mit einer Intensität wie kaum ein anderer Denker seiner Zeit mit dem Phänomen der décadence beschäftigte. Ohne eine Kenntnis der Bedeutung eben dieses Begriffs entzieht sich daher zumindest der späte Nietzsche einem verständigen Zugriff. Die Bedeutung aber erschließt sich nicht ohne eine Kenntnis der Herkunft.

Die vorliegende Untersuchung verfolgt das Ziel, die Herkunft des Nietzscheschen décadence-Begriffs zu eruieren, um ein fundiertes Verständnis des Begriffs "décadence" in Nietzsches Philosophie der 80er Jahre zu erarbeiten.

Wie zu zeigen sein wird, ist es Paul Bourget, von dem Nietzsche mehrere inhaltliche Bestimmungen des Terminus "décadence" rezipiert, die er teilweise umdeutet und in seine Philosophie einfließen läßt. Daher wird vorrangig die Frage zu klären sein, wie nah sich Nietzsche an Bourgets décadence-Begriff orientiert, inwieweit also von einer Übernahme Bourgetscher décadence-Bestimmungen durch Nietzsche gesprochen werden kann. Es wird sich hierbei zeigen, daß Nietzsche einzelne inhaltliche Bestimmungen von "décadence" zwar eindeutig von Bourget adaptiert, daß er sich aber eine Bourget entgegengesetzte negative Wertung von "décadence" speziell in der Anwendung des Begriffs auf die Kunst Wagners zueigen macht. Darüber hinaus verwendet Nietzsche den Ausdruck in einer Bedeutungsdimension, die Bourget fremd ist: Während "dédadence" bei Bourget einen Kunststil und ein künstlerisches Selbstverständnis bezeichnet, dem sich Bourget zugehörig fühlt, benutzt Nietzsche den Ausdruck über die Kunst hinaus für gesellschaftliche, mithin "moralphilosophische" Zusammenhänge. Hieran erweist sich Nietzsches Einbettung des décadence-Begriffs in den weiteren Rahmen seiner Philosophie des Jahres 1888; die funktionale Ausrichtung von"décadence" auf seine Idee des Übermenschen. Erst mit dieser Aufzeigung der Funktion von"décadence" in Nietzsches Spätphilosophie kann auch die Bedeutung Bourgets für Nietzsche vollständig bestimmt werden.

Über diese inhaltlichen Parameter von "décadence" hinaus vermittelt Bourget Nietzsche eine bestimmte Sichtweise auf die sogenannte décadence-Bewegung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, auf eben jene kulturelle Bewegung also, die Nietzsche den entscheidenden Hintergrund für seine Wagner-Kritik der 80er Jahre liefert. Anhand mehrerer Analogiemomente zwischen den Künstlertypen Charles Baudelaire und Richard Wagner erhellt sowohl Nietzsches Umformung des Bourgetschen décadence-Begiffs als auch seine Wagner-Deutung nach dessen Tod 1883. Ein Exkurs zu Nietzsches persönlichem Verhältnis zu Wagner wird indes zeigen, daß Nietzsche schon weit vor seiner Bourget-Rezeption mehrere Elemente seiner décadence-Kritik der späten 80er Jahre anführt (- wenngleich vor 1883 noch nicht in publizierten Werken).

So wird das Ergebnis vorliegender Arbeit darin bestehen, daß Bourget und die französische décadence-Bewegung zwar unverzichtbar wichtig, nicht aber konstitutiv für Nietzsches Gebrauch des Begriffs "décadence" sind. Denn Nietzsches frühe Beschäftigung mit Aufstieg und Verfall der griechischen Kultur (GT 1872) sowie die Entwicklung seines Verhältnisses zu Wagner erweisen deutlich, daß die Bourget-Rezeption zwar einen entscheidenden Meilenstein, nicht aber einen Wendepunkt in der Entwicklung seines eigenen Denkens markiert.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 3
ERSTER TEIL
II. "Décadence" bei Nietzsche: Chronologischer Abriss 5
ZWEITER TEIL
III. Bourget und die französische Bewegung 8
1. Der Verfallsaspekt: "décadence" in tradierter Bedeutung 8
2. Umwertung: Die französische décadence-Bewegung 9
3. Bourgets "Théorie de la décadence" 14
4. Zusammenfassung 17
DRITTER TEIL
IV. Nietzsches Adaption und Protagonistentausch: Die Analogie der "Fälle" Baudelaire und Wagner 18
1. Entlehnung: Der Teil als Herrscher über das Ganze 18
2. Umformung: Die Analogie der "Fälle" Baudelaire und Wagner 21
2.1. Pessimismus / Nihilismus 23
2.2. Mystischer Libertinismus 26
2.3. Raffiniertes Schauspielertum 29
2.4. Sinnlichkeits-Epidemie 32
2.5. Romantisches Erlösungsmotiv 36
2.6. Artistischer Ästhetizismus 40
2.7. "Physiologische décadence" 43
3. Zusammenfassung 46
EXKURS
V. Nietzsches persönliches Verhältnis zu Wagner 48
1. Vorspiel (1861 - 1868) 48
2. Die glücklichen Tribschener Jahre (1869-1872) 51
3. Richard Wagner in Bayreuth (1872 - 1876) 55
4. Sternenfreundschaft (1876 - 1883) 58
5. Überwindung der "Krankheit Wagner" (1883 - 1889) 66
VIERTER TEIL
VI. Synthetisierende Dialektik: Die "Aufhebung" der décadence 69
1. Nietzsches Selbstbekenntnis zur décadence 69
2. Die Idee des Übermenschen und die dialektische "Aufhebung" der décadence 71
VII. Anhang 74
1. Gedichte 74
2. Siglenverzeichnis der Schriften Nietzsches 79
3. Stellenfundus 80
4. Quellen 83
5. Sekundärliteratur 85

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Arbeit zitieren:
Neumann, Volker Juni 1998: Friedrich Nietzsches Rezeption des Begriffs "décadence" von Paul Bourget, Hamburg: Diplomica Verlag

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