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Friede, Freude, Migration?

Senegalesische Rücküberweisungen – Länderspezifische Analyse eines transnationalen Phänomens

Friede, Freude, Migration?
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Hülya Dagli
  • Abgabedatum: September 2008
  • Umfang: 53 Seiten
  • Dateigröße: 559,0 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • Bibliografie: ca. 52
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1111-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dagli, Hülya September 2008: Friede, Freude, Migration?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Migration, Senegal, Rücküberweisung, Transnationalismus, Tranfer

Bachelorarbeit von Hülya Dagli

Einleitung:

Was haben der hoch qualifizierte Informatiker aus Indien, die polnische Pflegerin, der südafrikanische Doktor oder die Flüchtlinge aus aller Welt gemeinsam? Warum begegnen uns fast täglich junge Menschen in den Medien, die sich in Scharen auf den Weg machen, um in lebensgefährlichen Küstenbooten die über 1.000 Kilometer lange Strecke bis hin zu den Kanaren zu bewältigen? Sie alle gehören zu den über 200 Millionen Menschen der Weltbevölkerung, die als Flüchtlings- oder Arbeitsmigranten bezeichnet werden. Zwei vielschichtige Begriffe, hinter denen sich neben komplexen Definitionen auch Lebensziele und Träume von Individuen verbergen.

Der US-amerikanische Soziologe Douglas S. Massey sagte einst: ‘Menschen sind eine migrierende Spezie.’ Migration ist ein zentraler Bereich der condition humana und auf Grund dessen kann dieser Aussage nur zugestimmt werden. Migrationsprozesse sind Teil der Menschheitsgeschichte, da sie ebenso sehr in der Steinzeit wie in der Antike oder der Neuzeit zu beobachten sind. Es ist unumstritten, dass sich die Welt ständig in Bewegung befindet und Migration keine Randerscheinung, sondern ein zentrales Phänomen und ein Bestandteil unserer Lebenswelten ist. Allerdings machen Wanderungsprozesse epochale Metamorphosen durch, die dazu führen, dass sich historisch angepasste Dynamiken formieren, welche ein Spiegelbild der jeweiligen Migrationsmotive und -konzepte sind. In der frühen Forschung waren es vor allem klassische Push- und Pull-Faktoren, die innerhalb der Wissenschaft als Erklärungsansätze für Migration dienten. Gewaltsam ausgetragene Konflikte, Verfolgung, Hungersnot, Naturkatastrophen und Perspektivlosigkeit waren hierbei typische Druckfaktoren und Grund für Emigration, wobei beispielsweise ökonomische Prosperität, politische Stabilität, demokratisch gefestigte Regierungen sowie Glaubensfreiheit als Sogfaktoren fungierten und Menschen zur Immigration motivierten. Im Mittelpunkt dieser Migrationsforschung standen lediglich der ein- (Emigration/ Immigration) oder zweimalige (Rückkehrwanderung) Wohnortswechsel. Zudem floss zwischen Herkunfts- und Einwanderungsland relativ wenig Kommunikation, so dass der Herkunftskontext sehr schnell eine marginale Rolle im Leben der Migranten einnahm.

Doch wie verlief die Migration während der letzten Jahrzehnte? Einhergehend mit zunehmender Auflösung traditioneller Lebens- und Arbeitsweisen sowie Sozialmilieus änderte sich die Migrationswirklichkeit unserer Zeit. Nationalstaatlich fixierte, bilaterale sowie einfache Wanderungsprozesse verloren im Bereich der sozialen Lebenswelten von Menschen immer mehr an Bedeutung. Nicht desto trotz werden Nationalstaaten, mangels Alternativen, weiterhin ein fundamentaler Bestandteil unseres Raumdenkens sein und uns in Zukunft als die sozialräumliche Einheit erhalten bleiben, die beispielsweise die Wirtschaft oder das Politische formiert. Der neue Typ der Migrationserscheinung betrifft, wie bereits erwähnt, vor allem die soziokulturellen Lebenswelten der Menschen. Diese bewegen sich demzufolge nicht mehr in geschlossenen Behältern oder homogenen Gesellschaftscontainern, deren nationalstaatliche Grenzen geographisch-territorial und politisch gesetzt sind und durch einen Nationalstaat bewacht werden. Anstelle dessen treten transstaatlich organisierte Migrationsströme, die als oszillierend und zirkulär charakterisiert werden können. Der Fortschritt moderner Informations- und Kommunikationstechnologien sowie der Repression von Zeit und Raum ist es zu verdanken, dass Menschen über weite Distanzen hinweg ihre Beziehungen in ihre Heimatländer pflegen und aufrecht erhalten. Zu einem günstigen Preis und mit einer hohen Geschwindigkeit ist es möglich, von Düsseldorf nach New York oder Dakar zu fliegen. Im ugandischen Fernsehen werden täglich Filme und Nachrichten aus der Ferne gezeigt. Hierdurch werden Lebensträume geweckt, die viele im Nachhinein auf ihre eigenen Lebensbedingungen projizieren und anschließend dazu nutzen, Migrationswünsche zu entwickeln. Sie können letztendlich entweder ihre Wünsche verwirklichen oder lediglich ihr Leben lang in dem Glauben leben, dass diese eines Tages in Erfüllung gehen werden. Ein weiterer Faktor, der die soziale Welt im Rahmen der transstaatlichen Migration stark beeinflusst, sind Rücküberweisungen, die im Laufe der Zeit von Migranten getätigt und immerzu preiswerter und schneller geworden sind. Fest steht, dass Wanderungserscheinungen und die daraus resultierenden Prozesse heutzutage vielschichtiger sind als noch vor 50 Jahren. Mit dem hier zuletzt genannten Aspekt, der vor allem soziale Lebensräume von Menschen maßgeblich bestimmt, beschäftigt sich diese Arbeit im weiteren Verlauf. Hierbei wird ein spezieller Fokus auf senegalesische Rücküberweisungen liegen. Ziel ist es, besondere Merkmale und gewisse Probleme im Rahmen von senegalesischen Migrantentransfers herauszuarbeiten, da alle Länder ihre Eigenheiten bezüglich dieses Phänomens haben. Dies betrifft die Taktiken der Rücküberweisenden und die Probleme, die sie im Rahmen ihrer eigenen Migrationsgeschichte haben.

Da eine soziologische Untersuchung versuchen sollte, ihre Fragestellung im Feld vorliegender Theoriebildung zu lokalisieren und im Bezugsrahmen dieser Theorie zu behandeln, wird Migration im Rahmen dieser Arbeit als transnationale Migration verstanden. Dieser Migrationstyp erhöht durch die Etablierung von transnationalen Sozialräumen, die dazu dienen, dass Migranten ihr Herkunftsland und das Land, in das sie auswandern, miteinander verbinden, die Wahrscheinlichkeit, dass Rücküberweisungen getätigt werden. Nach Portes et al. bestehen Aktivitäten von transnationalen Migranten nämlich aus:

[…] einer ganzen Skala von ökonomischen, politischen und sozialen Initiativen, die von informellen Import-Exportgeschäften, über den Aufstieg einer Klasse bi-nationaler höherer Berufsgruppen bis hin zu Kampagnen von Heimatpolitikern unter ihren ausgewanderten Mitbürgern reichen.

Transmigranten entwickeln eine Migrationsstrategie, die sie von herkömmlichen Migranten unterscheiden. Sie haben keinen klaren Lebensmittelpunkt mehr und entwickeln im Laufe der Zeit ‘hybride, kulturelle Identitäten und Praxisformen’ (Bürkner 2005: 115), welche sie befähigen gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Gesellschaften und Ländern zu agieren und zu existieren. Ludger Pries bringt dies auf dem Punkt, indem er Transmigration definiert als:

[…] eine moderne Variante der nomadischen Lebensform […]. Sie steht im Zusammenhang mit transnationalen Sozialräumen, die sich pluri-lokal zwischen und oberhalb von verschiedenen Wohn- und Lebensorten aufspannen. In dem Typus der Transmigration ist Wanderung also nicht mehr vorwiegend der - einmalige, zeitlich eng begrenzte - Übergang zwischen verschiedenen, örtlich eindeutig fixierten Lebenszusammenhängen. Vielmehr wird Wanderung selbst zu einer Daseinsform.

Es ändern sich demnach nicht nur die Motive der Migranten, die sie dazu verleiten, aus einem Land auszuwandern, sondern auch die Qualität der Migration. Der Migrationsprozess bewirkt, wie bei einem Domino-Spiel, dass diverse Folgeerscheinungen auftreten. Ein Beispiel wäre die kumulative Verursachung von Migration, wobei ab einer bestimmten Zeit und Größenordnung weitere Migrationsprozesse hervorgerufen werden, die unabhängig von den ursprünglichen Gründen der Auswanderung stattfinden. Ein Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Wunsch von Migranten nach heimischer Musik, Sport oder Essen. Diese Nachfrage nach länderspezifischen Dienstleistungsprodukten im Ausland könnte eine weitere Migrationswelle aus dem Heimatland hervorrufen, die zugleich als Netzwerkerweiterung dient. Die Entstehung der Migrantennetzwerke und des transnationalen Raumes beginnt allerdings bereits mit dem Entscheidungsprozess des Migrierens. Der Entschluss zur Auswanderung wird in einem kollektiven Prozess im Rahmen von Familienverhältnissen oder Dorfgemeinschaften gefasst. Im Laufe der Zeit werden somit Netzwerke gebildet, die nicht nur als Vermittler für Nachfolgegenerationen fungieren, sondern auch bestimmte Wanderungsströme vorgeben. Transnationale Migranten können somit sowohl im Herkunfts- als auch im Aufnahmeland auf Unterstützung zurückgreifen. Im Migrationsprozess entstehen infolgedessen sogenannte transnational communities, die sich über verschiedene Staaten hinweg definieren. Es ist eine neue Form einer kollektiven und ethnischen Netzwerkstruktur, die durch bestimmte soziale Praktiken, Artefakten und Symboliken charakterisiert ist und sich über Ländergrenzen hinweg aufspannt.

Transmigration und Rücküberweisungen – Fallbeispiel:

Fred Sy studierte im Senegal Informatik. Dann kam er nach Deutschland an die Universität Düsseldorf und schrieb sich für Romanistik und Informationswissenschaft ein. Nach dem Studium eröffnete er zahlreiche Internetcafés und Computergeschäfte, heiratete und bekam zwei Kinder. Seit seiner Ankunft in Deutschland, hat er nicht aufgehört, regelmäßig nach Senegal zu reisen. Jedes Mal nimmt er Geschenke, Geld, Elektrogeräte und Computer mit. Nach seinem Studium kaufte er Ländereien und Häuser im Senegal, doch denkt er nicht an seine endgültige Rückkehr, da sein Wohlstand in seiner ursprünglichen Heimat von seiner Arbeit in Deutschland abhängt. Er hat mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft und trotzdem kann er kein Land wirklich als sein Zuhause bezeichnen (fiktiver Name).

Dieses Fallbeispiel steht für das Leben von Millionen Menschen. Sie leben zwischen zwei Welten und pflegen kontinuierlich ihre Kontakte in beiden, meist auch in mehreren Ländern. Die vorliegende Arbeit wird sich mit den Geschenken und monetären Mitteln beschäftigen, die Jemand, wie Fred Sy regelmäßig in seine Heimat bringt oder schickt. Es wird deutlich, dass das Thema Rücküberweisungen in den Rahmen des Transnationalismusansatzes passt, da diese meistens innerhalb eines transnationalen Familienverbundes getätigt werden. Die transnationale Familie bedeutet hierbei ‘[…] living in and contributing to two cultures, two countries, and two economies at the same time.’.

In den folgenden Kapiteln werden vor allem die Unterschiede und Besonderheiten der Rücküberweisungen nach Senegal im Kontext afrikanischer Länder hervorgehoben. Kapitel zwei beschäftigt sich ausführlicher mit den Grundlagen des Phänomens der Rücküberweisungen und gibt einen Überblick über weltweite Trends der Rücküberweisungsflüsse mit einem speziellen Fokus auf Sub-Sahara Afrika und dem Senegal. Daraufhin folgt ein Kapitel, welches sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzt, die zu Geldüberweisungen führen. Anschließend wird der eigentliche Prozess des Transfers näher betrachtet und letztendlich der Endverbrauch dieser Gelder fokussiert. Obwohl diese Arbeit eine länderspezifische Analyse darstellt, muss in diesem Kapitel auf Grund mangelnder Studien über den Senegal, zusätzlich auf diverse Fallstudien zurückgegriffen werden. Zu bestimmten Teilaspekten dieses Themas liegen keine senegalspezifischen Daten und Fakten vor, weswegen gewisse Prozesse unter anderem aus afrikanischen Ländern dazu dienen werden, einige Lücken zu schließen. Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausschließlich mit der senegalesischen Migrationsbewegung. Zudem werden, soweit das vorhandene Datenset es ermöglicht, sowohl Sender- als auch Empfängerhaushalte näher betrachtet und charakterisiert, um anschließend im Fazit die Vorarbeiten zusammenzufassen und bestimmte Eigenheiten und Probleme im Rahmen senegalesischer Rücküberweisungen herauszuarbeiten und zu schauen, warum der Transnationalismusansatz gerade für den Senegal so fruchtbar ist. Die vorliegende Arbeit konnte dankenswerterweise neben der wissenschaftlichen Literatur mit einer Expertenmeinung zu diesem Thema bereichert werden: Dr. Laurence Marfaing, die am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist, beantwortete einige Fragen zu senegalesischen Migrantentransfers. Als Ergänzung hierzu befindet sich im Anhang ferner eine Teilabschrift eines Interviews zwischen Frau Dr. Marfaing und einem senegalesischen Migranten, welches im Jahre 2000 in Hamburg geführt wurde.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG - DIE WELT IN BEWEGUNG 1
2. RÜCKÜBERWEISUNGSFLÜSSE: DAS ‘SOZIALE GESICHT’ DER MIGRATION 1
2.1 RÜCKÜBERWEISUNGEN 6
2.2 GLOBALE DATEN UND TRENDS - FOKUS AFRIKA SÜDLICH DER SAHARA 9
2.3 RÜCKÜBERWEISUNGSTENDENZEN IN DEN SENEGAL 13
3. MIGRANTENTRANSFERS IN DEN SENEGAL: WIESO, WIE UND FÜR WAS? 15
3.1 WAS MOTIVIERT ZUM TRANSFER? 15
3.2 RÜCKÜBERWEISUNGEN SIND… 18
3.3 DAS GELD IST IM SENEGAL - WIE GEHT ES WEITER? 23
4. ÜBERHAUPT ERGEHT ES UNS IM LEBEN WIE DEM WANDERER… 27
4.1 EXKURS HISTORIE: MIGRATIONSDYNAMIKEN DES SENEGAL 27
4.2 DIE GESICHTER HINTER DEN PROZESSEN 30
5. FAZIT UND EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT 36
6. LITERATURVERZEICHNIS 39
7. ANHANG 47
7.1 TABELLEN UND ABBILDUNGEN 4

Textprobe:

Kapitel 3.1, Was motiviert zum Transfer?

‘Geld ist ein großer Schatz, der nur wächst, indem man ihn weggibt.’ (wird Sir Francis Bacon zugeschrieben, englischer Philosoph und Staatsmann, 1561-1626).

So oder so ähnlich könnte ein Großteil der Auswanderer denken, wenn sie bestimmte Teile ihres Einkommens an ihre im Herkunftsland zurückgebliebene Verwandtschaft, Freunde oder Bekannte schicken. Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Migrant Gelder in seine Heimat transferiert und das obige Zitat zählt zu einem von ihnen. Die drei am häufigsten genannten Antriebskräfte sind Altruismus, Eigeninteresse sowie ein impliziertes Abkommen zwischen dem Migranten und den Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten. Bei altruistischen Motivationsgründen steht die Sorge um zurückgebliebene Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte im Vordergrund. Dieser Anreiz spielt vor allem dann eine Rolle, wenn Heimatländer in Naturkatastrophen oder Kriegen verwickelt sind. In Somalia wurden bereits diesbezüglich empirische Studien durchgeführt, die beweisen, dass Rücktransfers einen kontrazyklischen Charakter besitzen und gerade in Krisenzeiten deutlichen Zuwachs verzeichnen. Altruismus ist jedoch keine ausreichende Begründung und wird deswegen durch den Punkt Eigeninteresse ergänzt. In diesem Zusammenhang stehen die eigene Kapitalakkumulation sowie die Beaufsichtigung der heimischen Besitztümer im Vordergrund des Interesses. Die Rücküberweisungen werden mit der Erwartung getätigt, dass Freunde oder Familie als Gegenleistung das zurückgelassene Eigentum bewachen und es pflegen. Dieses Konzept spielt vor allem bei den Migranten eine Rolle, die Rückkehrabsichten hegen. Durch zusätzliche Investitionen in Immobilien oder Land, sichern sie sich zudem nicht nur einen Platz in der Gesellschaft, sondern sichern auch automatisch einen besseren Sozialstatus im Falle einer Rückkehr. Die Migranten der Volksgruppe der Soninké beispielsweise, die in weiten Gebieten Westafrikas (Mauretanien, Elfenbeinküste, Mali, und in Burkina Faso) leben und das Ufer des Senegalflusses im Süden von Mauretanien besetzen, überweisen regelmäßig Gelder an einen Mittelsmann, der für sie anschließend Häuser und Land in großen Gebieten aufkauft. Nouakchott ist einer dieser Orte, in dessen Immobilienmärkte die Soninké-Migranten dermaßen investiert haben, so dass ein Großteil dieser Ortschaft mittlerweile in ihrem Besitz steht. Der dritte Punkt, welcher die implizierten Familienverträge in dem Mittelpunkt stellt, wird in der Forschung als ‘co-insurance model’ oder als ‘loan agreement model’ bezeichnet und wechselt je nach eingenommener Perspektive des Migranten und seiner Angehörigen die Bezeichnung. Als Versicherung werden die Rücküberweisungen in diesem Zusammenhang angesehen, da die finanzielle Zuwendung des Migranten nicht nur als Unterstützung wahrgenommen wird, sondern auch als eine Art Risikostreuung des Haushaltseinkommens. Auf der anderen Seite werden die Rücküberweisungen als Kreditrückzahlungen aufgefasst (loan agreement model), da dem Migranten die Verpflichtung obliegt, das von seinem Verwandten geliehene Geld in Raten zurückzuzahlen. Für den Senegal sind zudem die religiös motivierten Überweisungen von herausragender Bedeutung, welche vor allem durch so genannte Mourid-Bruderschaften getätigt werden. Die Überweisungen innerhalb dieser Sufi-Bruderschaften, die als adiya (Geschenke) bezeichnet werden, sind ‘Bestandteil des spirituellen Verhältnisses zwischen [den] geistlichen Führern und ihren Anhängern.’ Sie dienen der Versorgung des geistlichen Führers (Marabouts genannt), der mit diesen Geldern nicht nur seine Familie, sondern auch die Bruderschaft vor Ort versorgen kann. Derartige Überweisungen an Vereine oder in die Stadt Touba, das Zentrum der Mouriden im Senegal, spielen in unserem Länderbeispiel eine wichtige Rolle, da diese Gruppe eine der sicheren Einkommensquellen für das Land darstellt. Jean-Luc Demonsant führt in seiner Studie über die Volksgruppe der Haalpularen, die am Ufer des Senegalflusses leben, zusätzlich an, dass die Migranten dieser Ethnie die Gelder in der Überzeugung und Hoffnung überweisen, Danksagungen und Gebete von Seiten der Familie zu erhalten. Unter den Muslimen wird diese Art von Danksagung Baraka genannt, was mit Gottes Segen übersetzt werden kann. Das Interesse an dieser Art von Danksagung variiert je nach Religiosität. Da jedoch die Haalpularen zu den Volksgruppen zählen, die für die Verbreitung des Islam in Westafrika verantwortlich sind, spielt dieses so genannte Baraka-Motiv eine sehr wichtige Rolle.

Derartige Antriebskräfte werden jedoch der Komplexität im Hinblick auf die Motivlage der Migranten nicht gerecht, da sie in der Realität nicht separat betrachtet werden können. Neben der Überlappung der oben genannten Motive, spielen auch andere Aspekte wie die Aufenthaltsdauer und der Aufenthaltsstatus des Migranten oder aber die Bindungen zur Heimat und Familie wichtige Rollen während der Entscheidungsfindung. Diese Aspekte sind zudem ein sehr wichtiger Bestandteil bezüglich der Höhe der überwiesenen Gelder. Lucas geht davon aus, dass Migranten, die lediglich vorübergehend auswandern, die meisten Gelder transferieren. Die Rücküberweisungen derjenigen, die jedoch dauerhaft emigrieren, nehmen sukzessive ab, da sie meistens ihre Angehörigen mitnehmen oder nachholen und den Kontakt zur Herkunftsregion minimal halten. Dieser Punkt spiegelt auch folgende Annahme wider: Je niedriger die emotionale Verbindung und die Identifikationsmöglichkeit mit dem Heimatland, desto niedriger fallen die Summen der überwiesenen Gelder aus. Ein weiterer Sachverhalt, dem nachzugehen ist, ist die Korrelation zwischen Bildung und Migrantentransfers. Eine These lautet: ‘Presumably, skilled migrants earn relatively more and therefore are ceteris paribus, likely to remit more.’ Ein klares Rücküberweisungsmuster nach diesem Schema ist allerdings nicht in allen Studien aufzufinden. Zum einen besteht die Möglichkeit, dass vor allem Hochqualifizierte auf Grund der kostspieligen Ausbildung dazu verpflichtet sind, ihren Verwandten in der Herkunftsregion die hohen Summen ihrer Ausbildungskosten zurückzuzahlen. Auf der anderen Seite jedoch sind es vor allem die besser Qualifizierten, die dauerhaft auswandern und ihre Familienmitglieder mitnehmen. Dies würde wiederum mit dem Aspekt übereinstimmen, dass die dauerhaften Migranten nach einiger Zeit den Bezug zu ihrem Herkunftsland verlieren und somit weniger überweisen. Auf Grund der unterschiedlichen Ergebnisse der vielfältigen Studien kann diesbezüglich keine eindeutige Aussage getroffen werden. Einen Aspekt, den vor allem Lucas deutlich hervorhebt, ist der Unterschied bezüglich der Motivationslage von beispielsweise Kriegsflüchtlingen und der freiwillig migrierende Menschen. Hier betont er, dass bei den Ersteren die Motivation, Rücküberweisungen zu tätigen, am höchsten ist, diese jedoch gezwungenermaßen ohne Mittel und vor allem meist ohne Aufenthaltsstatus davon abgehalten werden, ihrem Wunsch nachzugehen. Migranten werden jedoch nicht nur aus diesem Grund daran gehindert, Gelder in ihre Herkunftsregionen zu schicken, sondern auch durch die hohen Transferkosten, denen sie gegenüberstehen. Auf die Möglichkeiten des Transfers und die Kosten wird der folgende Abschnitt näher eingehen.

Arbeit zitieren:
Dagli, Hülya September 2008: Friede, Freude, Migration?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Migration, Senegal, Rücküberweisung, Transnationalismus, Tranfer

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