Fremdsprachenerwerb im höheren Alter
Eine empirische Studie über Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse beim Lernen einer Fremdsprache ab dem 50. Lebensjahr
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Marko Thiele
- Abgabedatum: Oktober 2009
- Umfang: 97 Seiten
- Dateigröße: 918,4 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) Deutschland
- Bibliografie: ca. 15
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4289-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Thiele, Marko Oktober 2009: Fremdsprachenerwerb im höheren Alter, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Zweitspracherwerb, Anglizismus, Erstsprache, Gehirn, Lebensalter
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Bachelorarbeit von Marko Thiele
Einleitung:
Monolingualismus, Bilingualismus, Multilingualismus – heute ist der Wandel weg von der Einsprachigkeit hin zu einer multilingualen Gesellschaft stärker denn je. Angesichts der wachsenden Internationalisierung und wachsender Anforderungen durch die Europäische Union nimmt das Lernen einer Fremdsprache einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft ein. In den meisten Ländern der Welt herrscht Mehrsprachigkeit, daher sollte diese als Normalzustand betrachtet werden. In Deutschland hingegen hat sich die Mehrsprachigkeit noch nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in Skandinavien, wo selbst das Fernsehprogramm größtenteils in englischer Sprache gesendet wird. Obwohl Deutschland ein Einwanderungsland ist und dadurch die Vielfalt der Sprachen zunimmt, gibt es viele Kulturen, die in ihrem eigenen ‘Staat’ leben und somit nicht zur Mehrsprachigkeit beitragen.
Deutsche Kinder erfahren Mehrsprachigkeit hauptsächlich im Schulunterricht. Was geschieht jedoch mit den Erwachsenen, die sich als Geisel dieses Wandels sehen und zu Schulzeiten keine Möglichkeit hatten, Fremdsprachen zu lernen? Welche Möglichkeiten bieten sich denjenigen, die ihre damals erworbenen Fremdsprachenkenntnisse auffrischen möchten? Aufgrund der Arbeitsmarktsituation, in der Sprachkenntnisse als berufliche Zusatzqualifikation erforderlich sind, der zunehmenden Globalisierung und Internationalisierung, der wachsenden Verwendung von Anglizismen in den Medien und des Anstiegs an internationaler Kommunikation wenden sie sich an Volkshochschulen, private Sprachschulen oder analoge Institutionen, in denen Fremdsprachen angeboten werden, bzw. eignen sich Fremdsprachen durch Selbststudium an. Lag der Anteil an Fremdsprachen 1970 noch bei 28 Prozent in den Volkshochschulen, so sind es seit 2007 mehr als 41 Prozent deutschlandweit. Um den Bedarf an Fremdsprachenkursen zu decken, wurde die Anzahl der durchgeführten Sprachkurse und Unterrichtsstunden seit den 70er Jahren stetig erhöht. Waren es 1962 nur etwa 15.000 Sprachkurse mit über 300.000 Belegungen, sind es nunmehr seit 2007 mehr als 175.000 Sprachkurse mit über 6 Millionen Unterrichtsstunden und 1,8 Millionen Belegungen deutschlandweit. Dieser Trend zeigt, dass die Fremdsprachen der quantitativ wichtigste Bereich der Volkshochschulen sind und der Bedarf an Sprachkursen stetig wächst. Die Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Neugriechisch haben jedoch Anteile verloren, wohingegen Spanisch Anteile gewonnen hat. Dennoch liegt Englisch mit einem Anteil von 34,4 Prozent an erste Stelle. Spanisch ist durch die Zunahme an Anteilen mit 13,6 Prozent auf den zweiten Platz gestiegen. Die Zunahme und Veränderung von Anteilen an Fremdsprachen lässt sich anhand der unten stehenden Abbildung verdeutlichen.
Aufgrund des wachsenden Trends in der Fremdsprachendidaktik widmet sich diese Arbeit dem Thema: Fremdsprachenerwerb im höheren Alter - eine empirische Studie über Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse beim Lernen einer Fremdsprache ab dem 50. Lebensjahr.
Gang der Untersuchung:
Die Arbeit gliedert sich in vier thematische Abschnitte mit insgesamt elf Kapiteln. Der erste Abschnitt (Kapitel 4 bis 6) befasst sich mit der Theorie der Voraussetzungen und verschiedenen Erwerbsprozesse beim Lernen einer Fremdsprache. Der zweite Abschnitt (Kapitel 7) beschreibt die psychischen Einflussfaktoren auf den Fremdsprachenerwerb. Der dritte Abschnitt (Kapitel 8 bis 9) befasst sich mit unterschiedlichen Theorien bei der Aneignung einer Fremdsprache. Nach der theoretischen Analyse erfolgt im vierten Abschnitt (Kapitel 10) die empirische Erhebung zu den Erfahrungen von Senioren mit Fremdsprachenkursen an der Volkshochschule Magdeburg und außerhalb der Volkshochschule. Schließlich endet die Bachelorarbeit mit dem Resümee (Kapitel 11).
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort und Danksagung | IV | |
| Abkürzungsverzeichnis | VI | |
| Abbildungsverzeichnis | VII | |
| Tabellenverzeichnis | VIII | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Ziel- und Aufgabenstellung der Arbeit | 4 |
| 3. | Begriffsdefinitionen | 5 |
| 4. | Sprachlernvoraussetzungen | 6 |
| 4.1 | Biologische Voraussetzungen | 6 |
| 4.1.1 | Erstsprache | 6 |
| 4.1.2 | Fremdsprache | 9 |
| 4.2 | Lebensalter | 10 |
| 4.3 | Sprachliche Unterschiede | 13 |
| 5. | Kognitive Prozesse | 15 |
| 5.1 | Wahrnehmung | 15 |
| 5.1.1 | Informationsspeicherung | 16 |
| 5.1.2 | Sprachverstehen | 18 |
| 5.1.3 | Sprachproduktion | 19 |
| 5.2 | Sprachverarbeitung | 21 |
| 6. | Sprachlernstrategien | 25 |
| 7. | Sozialpsychologische Faktoren | 27 |
| 7.1 | Affektive Faktoren | 27 |
| 7.2 | Motivation | 29 |
| 8. | Erwerbstheorien | 33 |
| 8.1 | Erstsprache | 33 |
| 8.2 | Fremdsprache | 34 |
| 9. | Lerntheorien | 36 |
| 10. | Empirische Erhebung | 38 |
| 10.1 | Einleitung | 38 |
| 10.2 | Beschreibung der Untersuchung | 39 |
| 10.3 | Merkmale der Stichprobe der einzelnen Designs | 40 |
| 10.4 | Empirische Ergebnisse der Untersuchung | 41 |
| 10.4.1 | Demografische Daten | 41 |
| 10.4.2 | Gründe und Ziele beim Spracherwerb | 45 |
| 10.4.3 | Einfluss von Vorkenntnissen und Lerngewohnheiten | 49 |
| 10.4.4 | Überforderung und Unterforderung durch Textaufgaben | 51 |
| 10.4.5 | Lehrmaterialien und Lernmöglichkeiten | 53 |
| 10.4.6 | Festigung von Kenntnissen und Zielerreichung | 59 |
| 10.4.7 | Zeitaufwand | 64 |
| 11. | Resümee | 68 |
| Anhang | IX | |
| Anhang 1: Fragebogentyp D1 Englisch | X | |
| Anhang 2: Fragebogentyp D1 Französisch | XIII | |
| Anhang 3: Fragebogentyp D1 Spanisch | XVI | |
| Anhang 4: Fragebogentyp D2 Englisch allgemein | XIX | |
| Anhang 5: Fragebogentyp D3 Englisch Einstiegskurs | XXII | |
| Literaturverzeichnis | XXV | |
| Quellenverzeichnis | XXVI |
Textprobe:
Kapitel 4.2, Lebensalter:
Wie schon bereits zuvor erwähnt, ist das Nervensystem des Menschen so beschaffen, dass es mehrere Sprachen erlernen kann. Den Menschen zeichnet somit die Befähigung zum mehrsprachigen Lernen aus. Obwohl viele Menschen annehmen, dass sie im höheren Alter Fremdsprachen nur noch schwer oder kaum noch erwerben können, belehrt uns der Trend in der FS-Forschung eines Besseren. Der Psychologe Lenneberg hat eine Hypothese aufgestellt, nach der es eine kritische Periode (‘critical period’) zwischen dem zweiten und elften oder zwölften Lebensjahr gibt, in der nur ein erfolgreicher und vollständiger Erwerb einer FS möglich ist. Die Plastizität des Gehirns, die die Fähigkeit des menschlichen Gehirns darstellt, sich ständig an veränderte Bedingungen anzupassen, nimmt mit zunehmendem Alter ab. Nach dieser Zeit können nicht mehr ausreichend neuronale Verknüpfungen bzw. Integrationen in bestehende Strukturen für erfolgreichen und vollständigen FS-Erwerb stattfinden, wenn die Lateralisation der Sprachfunktionen in der LH abgeschlossen ist. Durch zahlreiche Forschungen auf diesem Gebiet konnte Lennebergs Hypothese jedoch widerlegt werden, da herausgefunden wurde, dass Fremdsprachen auch noch im höheren Alter erfolgreich erworben werden können. Lediglich die korrekte Intonation einer Sprache lässt sich nach dieser sogenannten kritischen Periode oder auch sensiblen Phase nicht mehr problemlos aneignen.
Es ist richtig, dass das Erlernen einer FS mit zunehmendem Alter schwieriger wird, da das Umfeld im Gegensatz zum Kindesalter komplexer wird und somit mehr Engagement erfordert. Dies geschieht besonders dann, wenn der Erwerb nur unter formellen Bedingungen erfolgt. Durch gute Strukturierung und Wiederholungen im FS-Unterricht lässt sich die Aneignung der FS jedoch sehr erleichtern. Im Gegensatz zur Intonation sind Erwachsene durchaus auch im höheren Alter noch in der Lage, eine FS akzentfrei zu erwerben, wenn sie entsprechend motiviert sind und angemessenen FS-Unterricht erhalten.
Kinder sowie Erwachsene verfügen im Allgemeinen über die gleichen Fähigkeiten beim FS-Erwerb, jedoch werden diese aufgrund des Lebensalters und der sozialpsychologischen Faktoren unterschiedlich angewendet. Der Erwerb von Lauten vollzieht sich bei Kindern leichter, jedoch haben sie Probleme mit morphologischen und syntaktischen Aspekten einer Sprache. Erwachsene hingegen können die Morphologie und Syntax einer FS leichter erlernen, da sie sich auf kognitive Prozesse aus ihrer Erfahrung mit der L1 oder eventuell anderen Fremdsprachen berufen können. Wie bereits zuvor erwähnt, erfolgt die Aneignung von phonetischen und intonatorischen Aspekten jedoch schwieriger. Jeder Mensch erwirbt seine L1 im Kindesalter im Allgemeinen ‘auf spielerische Weise’ und wendet sie anhand von festen Strukturen im Laufe des Lebens unbewusst an. So ist die Aussprache der L1 bei Erwachsenen weitaus mehr eingeschliffen als bei Kindern. Erwachsene werden daher durch eine vorübergehende Selbstentfremdung sehr verunsichert, wenn sie eine neue FS artikulieren müssen, weswegen sie oftmals mit deutlich hörbarem Akzent sprechen. Erst durch die Aneignung einer neuen Sprache werden Lernern die Strukturen und Elemente der eigenen Sprache bewusst. Dies ist auch der Sinn und Zweck des FS-Erwerbs. Nur durch die Bewusstmachung der Strukturen und Elemente einer Sprache entwickeln FS-Lerner metakognitive und metasprachliche Fähigkeiten, die für den erfolgreichen Erwerb einer FS erforderlich sind. Lerner sind durch metakognitive und metasprachliche Fähigkeiten in der Lage, sprachliche Aspekte einer FS intensiver wahrzunehmen und bewusster zu verarbeiten. Dies äußert sich in der Zunahme der Konzentration und Steigerung der Speicherfähigkeit des Gehirns, wodurch wiederum grammatische Regeln und Elemente einer FS schneller erworben werden als bei Kindern. Automatisierte Prozesse, wie z. B. die Artikulation und Intonation, die nur schwer beeinflussbar sind, werden jedoch vernachlässigt und somit nicht richtig erlernt. Es zeigt sich auch, dass Aussprachekorrekturen durch Lehrer bei Artikulationsproblemen von Lernern das Gefühl der Selbstentfremdung bei Erwachsenen verstärkt, wenn die Aussprache der FS nicht ausreichend bewusst gemacht wurde. Dies spiegelt sich zumeist in Ängsten und Abwehrhaltung seitens der Erwachsenen wider. Die Aufgabe der Lehrer besteht nun insbesondere darin, diese Ängste durch indirekte Lernübungen zu vermeiden. Dies kann zum Beispiel durch Zungenbrecher, Gedichte oder auch Theaterszenen geschehen. Zudem sollten die Fehler bewusst gemacht werden, da diese einen normalen zum FS-Unterricht gehörenden Reifungsprozess darstellen.
Die Zeit spielt beim Sprachenlernen ebenso eine wichtige Rolle. Kinder haben in der Regel viel Zeit und Energie beim L1-Erwerb. Dies trifft jedoch häufig nicht auf erwachsene FS-Lerner zu, da diese oftmals noch im Berufsleben stehen. Daher hängt der Erfolg des FS-Erwerbs linear von ihrer Zeit und dem Sprachkontakt ab. Je mehr Zeit und Sprachkontakt sie haben, desto mehr Erfolg können sie verzeichnen. Natürlich beeinflussen auch der kognitive Entwicklungsstand und sozialpsychologische Voraussetzungen den FS-Erwerb, auf die allerdings an späterer Stelle noch genauer eingegangen wird. Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass ältere Lerner viele kognitive Voraussetzungen für einen erfolgreichen und schnellen FS-Erwerb erfüllen, jedoch nach einiger Zeit von Kindern, besonders im Bereich der Artikulation und Intonation, überholt werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836642897
Arbeit zitieren:
Thiele, Marko Oktober 2009: Fremdsprachenerwerb im höheren Alter, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Zweitspracherwerb, Anglizismus, Erstsprache, Gehirn, Lebensalter



