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Freiheit und Gerechtigkeit

Amartya Sens Fähigkeitenansatz

Freiheit und Gerechtigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Oworicho Richy Ugwu
  • Abgabedatum: April 2011
  • Umfang: 44 Seiten
  • Dateigröße: 456,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 84
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1849-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Ugwu, Oworicho Richy April 2011: Freiheit und Gerechtigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gerechtigkeit, Freiheit, Amartya Sen, John Rawls, Friedrich von Hayek

Bachelorarbeit von Oworicho Richy Ugwu

Einleitung:

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Capability-Approach (zu Deutsch: Capability-Ansatz, Befähigungsansatz, Fähigkeitenansatz oder teilweise auch Verwirklichungschancenansatz) von Amartya Sen beträchtliche Aufmerksamkeit aus den Bereichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Philosophie und Ethik erhalten. Es handelt sich um einen ergebnisorientierten Ansatz, welcher Gerechtigkeit daran bemisst, ob ein Staat in der Lage ist eine Reihe von substantiellen Fähigkeiten in einer angemessenen Weise zu gewährleisten. Dieser Ansatz wird von einigen Autoren gar als ein möglicher Weg zur Neudefinition der Wirtschaftswissenschaften angesehen, ausgehend von einer Disziplin, welche sich lediglich auf Präferenzen und komparative Kostenvorteile konzentriert, hin zu einer Disziplin, welche sich mit den Bedürfnissen von Individuen beschäftigt, die in ein konkretes soziales und wirtschaftliches Umfeld eingebettet sind.

Es sei bereits hier darauf hingewiesen, dass sich Sens Fähigkeitenansatz bzw. seine Theorie der Gerechtigkeit, in einer Vielzahl von Werken entwickelt hat (beginnend mit der 1979 gehaltenen Tanner Lecture ‘Equality of What’), jedoch niemals gebündelt als einheitliche Fassung formuliert wurde. Eines kann diese Arbeit deshalb explizit nicht leisten: Die Position Sens in ihrer geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Es wird sich daher im Wesentlichen auf sein 2009 erschienenes Werk ‘The Idea of Justice’ beschränkt und zur Vervollständigung, Verdeutlichung und Klärung werden vereinzelt weitere Werke Sens herangezogen. Dessen ungeachtet stellt der Fähigkeitenansatz heute eine relevante und grundlegende Alternative zu den klassischen ökonomischen Theorien in den Bereichen der Entwicklungsökonomie, Wohlfahrtsökonomik, Wirtschaftspolitik und Armutsforschung dar. Er kann zudem insbesondere als Rahmenwerk für die Bewertung und Analyse von wirtschaftspolitischen Maßnahmen herangezogen werden.

Mit dieser Arbeit wird die Absicht verfolgt, den Fähigkeitenansatz in seiner Breite darzustellen und zu bewerten. Es wird dazu mit einer ausführlichen Darstellung des zentralen Begriffs der Gerechtigkeit begonnen. Diese beinhaltet zunächst die grundlegende Frage nachdem, was Gerechtigkeit ist. Des Weiteren wird der Begriff der Gerechtigkeit theoretisch erfasst und von dem der sozialen Gerechtigkeit abgegrenzt. Daraufhin werden im Abschnitt 2.2. die einzelnen Dimensionen des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles dargestellt. Es wird sich dabei auf dessen Unterscheidung beschränkt, da Sen durch diese grundlegenden begrifflichen Unterscheidungen sehr stark beeinflusst wurde.

Nach dieser theoretischen Einführung in das Thema folgt die Darstellung von Sens Gerechtigkeitskonzeption. Dazu kommt es vorab zu einer kurzen Vorstellung der Person Amartya Kumar Sen im Abschnitt 3.1. Daran anschließend macht es der starke Bezug Sens auf die Positionen John Rawls' erforderlich die Rawlssche Theorie der Gerechtigkeit darzulegen. Die Kritik Sens wird ebenfalls in entsprechender Breite dargestellt, da diese bereits den Ausgangspunkt seiner eigenen Gerechtigkeitstheorie darstellt. An dieser Stelle wurde ein hinreichendes theoretisches Grundgerüst erarbeitet, welches es schließlich erlaubt im Abschnitt 3.3. den Fähigkeitenansatz von Sen zu erläutern. Hierzu wird zunächst der eigentliche Ansatz aufgearbeitet, wonach eine Betrachtung des Freiheitsbegriffs folgt, welchem im Fähigkeitenansatz eine zentrale Stellung zukommt. Dafür wird sowohl eine Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit, als auch eine Unterscheidung zwischen konstitutiver und instrumenteller Freiheit vorgenommen.

Im Abschnitt 3.4. wird der Versuch unternommen, den Fähigkeitenansatz wissenschafts-theoretisch und methodologisch einzuordnen. Anschließend wird die Frage der praktischen Umsetzung des Ansatzes erörtert. Dabei wird sich auf die Operationalisierung im Kontext des Human Development Index beschränkt. Es folgt eine kurze Darstellung der Weiterentwicklung des Fähigkeitenansatzes von Martha Nussbaum, welche den wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema maßgeblich mitbestimmt hat.

An diesem Punkt wurden die verschiedenen Aspekte des Fähigkeitenansatzes hinreichend dargestellt, wodurch nun zu der Kritik an Sens Konzept übergegangen werden kann. Hierfür wird die grundsätzliche Kritik Friedrich August von Hayeks an der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit begonnen, woran sich die Kritik von Thomas Pogge an der Rolle der Institutionen im Fähigkeitenansatz anschließt. Diese Arbeit endet mit Schlussbemerkungen und einer abschließenden kritischen Würdigung der Arbeit von Amartya Sen im 5. Abschnitt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Der Gerechtigkeitsbegriff 3
2.1 Was ist Gerechtigkeit? 3
2.2 Begriffsklärung – Maßgebliche Unterscheidungen 5
3. Amartya Sens Gerechtigkeitskonzeption 7
3.1 Zur Person – Amartya Kumar Sen 7
3.2 Kritik an John Rawls und dem transzendentalen Institutionalismus 8
3.2.1 Theorie von John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness 8
3.2.2 Kritikpunkte von Amartya Sen 10
3.3 Fähigkeitenansatz von Amartya Sen 14
3.3.1 Gerechtigkeit durch Befähigung 14
3.3.2 Gerechtigkeit als Freiheit? 17
3.3.2.1 Negative und positive Freiheit 17
3.3.2.2 Konstitutive und instrumentelle Freiheit 19
3.4 Wissenschaftstheoretische und methodologische Einordnung 21
3.5 Operationalisierung des Fähigkeitenansatzes 22
3.6 Weiterentwicklung von Nussbaum 24
4. Kritik am Fähigkeitenansatz 27
4.1 Von Hayeks Kritik an der sozialen Gerechtigkeit 27
4.2 Pogges Kritik an empfängerbezogenen Gerechtigkeitstheorien 29
5. Kritische Würdigung 30
6. Anhang: Formalisierung des Fähigkeitenansatzes 31
7. Literaturverzeichnis 32

Textprobe:

Kapitl 3.2.1, Theorie von John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness:

John Rawls (1921-2002) bearbeitete in seinem 1971 erschienen Werk ‘A Theory of Justice’ (dt.: ‘Eine Theorie der Gerechtigkeit’) die kontraktualistische Vertrags- und Staatstheorie neu, wobei es ihm gelang eine Verbindung zwischen der Rational Choice Theorie und einem normativen Ansatz herzustellen. Zudem wurde erstmals eine systematische Alternative, zu der bis dahin vorherrschenden Denkrichtung des Utilitarismus geliefert. Die auf ihn nachfolgenden Gerechtigkeitstheorien beziehen sich zumindest teilweise auf die Rawlssche Gerechtigkeitskonzeption (Gerechtigkeit als Fairness) und seine Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus.

Rawls Hauptziel war es ‘einen vernünftigen Gerechtigkeitsbegriff für die Grundstruktur der Gesellschaft’ zu finden. Er geht davon aus, dass sich Gesellschaften basierend auf einer sozialen Kooperation zum gegenseitigen Vorteil gründen. In der Rawlsschen Konzeption soll den Individuen ihre eigene zukünftige Position in der Gesellschaft hinter einem Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance) verborgen bleiben, wodurch sie in einen Zustand versetzt werden, in dem sie moralische Entscheidungen ausschließlich aus Beweggründen der Vernunft treffen (original position). Dies ermögliche es jene Gesellschaftsgrundsätze zu finden, welche allgemeine Gültigkeit erlangen sollen:

‘The idea of the original position is to set up a fair procedure so that any principles agreed to will be just’.

Rawls konstruiert einen solchen Zustand, da er davon überzeugt ist, dass Gerechtigkeits-grundsätze dann am ehesten gerechtfertigt sind, wenn diese durch ‘freie und vernünftige Menschen, in ihrem eigenen Interesse, in einer anfänglichen Situation der Gleichheit’ beschlossen werden. Die Entscheidung für die Gerechtigkeitsgrundsätze, welchen er eine zentrale Rolle in der Gesellschaftsordnung zuschreibt, sollen nach dem risikovermeidendem Maximin-Prinzip (Maximierung des minimalen Nutzens) getroffen werden. Demnach soll diejenige Alternative gewählt werden, deren schlechtestes Ergebnis besser ist (bei schlecht möglicher Ausstattung in Bezug auf soziale Klasse, Fähigkeiten usw.) als jedes andere. Es wird demnach immer von dem schlechtesten Ausgang (dem Minimum) ausgegangen und versucht dieses jeweils zu maximieren. So entsteht nach Rawls eine vernünftige Entscheidung zur Verteilung aller gesellschaftlichen Grundgüter.

Rawls leitet aus diesem Gedankenexperiment zwei Gerechtigkeitsgrundsätze ab. Während der erste Grundsatz eine absolut gleiche Verteilung von Freiheiten und Rechten fordert (Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten sollen dabei Anspruch auf ähnliche Chancen haben (fair equality of opportunity)), verlangt der zweite sozioökonomische Gerechtigkeit zu schaffen. Er sieht vor gesellschaftliche und ökonomische Ungleichheiten dann, und nur dann, als gerecht zu charakterisieren und zu akzeptieren, wenn damit die Chancen der am schlechtesten gestellten Gesellschaftsmitglieder (least advantaged) verbessert werden (Differenzenprinzip).

‘Inequalities are to be arranged so that they are […] to the greatest benefit to the least-advantaged members of society’.

Rawls geht dabei von einer dynamischen Ökonomie aus, in der es, durch die Ungleichverteilung materieller Güter, zu einem Anstieg der Gesamtgütermenge kommen kann. Dieses Anwachsen des Reichtums dient den least advantaged insofern, dass diese wiederum mehr Güter zur Verfügung haben, als in einem Fall, in dem Ungleichverteilung ausgeschlossen worden wäre. Es kommt Rawls insbesondere darauf an, dass die Individuen mit gleichen Grundgütern ausgestattet werden, welche es ermöglichen die ungleichen sozialen Startbedingungen auszugleichen und zu korrigieren.

Arbeit zitieren:
Ugwu, Oworicho Richy April 2011: Freiheit und Gerechtigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gerechtigkeit, Freiheit, Amartya Sen, John Rawls, Friedrich von Hayek

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