Formen visueller Autorenschaft: Überhöhte Gewaltexzesse bei den Wachowski Brothers
Anhand der Filme "Bound" und "The Matrix"
- Art: Studienarbeit
- Autor: Friedrich Böhm
- Abgabedatum: Februar 2003
- Umfang: 54 Seiten
- Dateigröße: 13,6 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für Fernsehen und Film Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6675-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6675-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6675-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Böhm, Friedrich Februar 2003: Formen visueller Autorenschaft: Überhöhte Gewaltexzesse bei den Wachowski Brothers, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kamerastil, Filmwissenschaft, Zeitlupe, Sex & Crime, Closeup
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Studienarbeit von Friedrich Böhm
Zusammenfassung:
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die visuelle Gestaltung der beiden bisher veröffentlichten Kinoregiearbeiten der Brüder Larry Wachowski und Andy Wachowski: „Bound“ (USA 1996) und „The Matrix“ (USA 1999). Im Rahmen des Aufbaukurses Filmwissenschaft (Hochschule für Fernsehen und Film München, Abt. I – Kommunikations- und Medienwissenschaften) entstand diese Unter-suchung zu spezifischen Formen visueller Autorenschaft.
Den Kern der Arbeit bildet die Analyse der Besonderheiten in Bezug auf die visuelle Autorenschaft des Films „Bound“ und die Behandlung der Frage, inwiefern „The Matrix“ eine Fortentwicklung der kinematographischen Umsetzung von „Bound“ ist.
Das Hauptaugenmerk liegt auf der visuellen Umsetzung gewaltbestimmter Szenen, ihrer Funktion als dramaturgische Höhepunkte sowie ihrer Bedeutung für den jeweiligen Schauwert beider Filme. Schauwert bedeutet bei den Wachowski Brothers unter anderem, dass sich das Narrative den Fähigkeiten der Kamera unterwirft, überall im Geschehen sein zu können, jedwede Bewegung ausführen zu können und in jedem beliebigen Moment die Zeit verlangsamen oder sogar zum Stillstand bringen zu können. Überbordende Choreografien, extreme Zeitdehnung und eine technisch komplexe Form der hochdynamischen Kamera werden im Detail analysiert.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 01 |
| 2. | THEORIE & FRAGESTELLUNG | 02 |
| 3. | DAS THRILLER DEBUT „BOUND“ (1996) | 03 |
| 3.1 | Sex & Crime Forever | 03 |
| 3.2 | Analyse gewaltbestimmter Szenen | 04 |
| 3.2.1 | Die Foltersequenz | 04 |
| 3.2.2 | Der Tod von Gino & Johnnie Marzzone | 10 |
| 3.2.3 | Caesars Tod | 14 |
| 3.3 | Visuelle Besonderheiten bei [...] Gewaltexzessen | 15 |
| 4. | DER SCIENCE-FICTION HIT „THE MATRIX“ (1999) | 17 |
| 4.1 | „What is the Matrix?” | 17 |
| 4.2 | Wo sind die Stilmittel aus „Bound“? | 18 |
| 4.2.1 | Ein Ballett der Zerstörung (Superzeitlupe) | 18 |
| 4.2.2 | Die Penetranz des Closeups (freeze in time VFX) | 19 |
| 4.2.3 | Menschen sind Bretter | 21 |
| 4.2.4 | Direkte Referenz | 21 |
| 4.2.5 | Die Matrix ist grün, die Realität ist blau | 23 |
| 4.2.6 | Telefone statt Drainagen | 23 |
| 4.3 | Visuelle Verwandschaft „Bound“/“The Matrix“ | 24 |
| 5. | ERGEBNISSE | 25 |
| 6. | ANHANG | 28 |
| 6.1 | Storyboard „Bound“ – Foltersequenz (Erster Teil) | 29 |
| 6.2 | Storyboard „Bound“ – Foltersequenz (Zweiter Teil) | 32 |
| 6.3 | Storyboard „Bound“ – Der Tod von Gino Marzzone [.] | 35 |
| 6.4 | Storyboard „Bound“ – Caesars Tod | 47 |
| 6.5 | Übersicht angesprochener Szenen aus „The Matrix” | 51 |
| 7. | LITERATUR- & QUELLENVERZEICHNIS | 52 |
Zeit wird zum einen durch Zeitlupen (nur in den Extremcloseups), aber auch durch einen überhöht langen Schnittwechsel zwischen Gino und Caesar gedehnt (6.3). Den dramatischen Moment so langsam ablaufen zu lassen, ihn auf der Zeitachse derart zu dehnen, dass man als Zuschauer jedes Detail erkennen kann, sich an der Dramatik weiden kann und in den perversen und daher attraktiven Genuss der Gewalt kommt, ist ein klares Bestreben der Wachowski Brothers. Dem ordnet sich auch der Gebrauch von Closeups unter. Man hat als Zuschauer den subjektiven Eindruck, dass man das Dramatische viel genauer erfährt, wenn man durch eine Makrolinse schaut. Dieser Ansatz äußert sich aber auch in Momenten exzessiver Zeitdehnung. Höchste Ausprägung findet dieses Stilmittel in der Einstellung, in der Caesars Kugel in Gino eintritt, auf der anderen Seite seines Körpers wieder austritt, und der Pate von Chicago rückwärts zu Boden fällt. Die Wachowski Brothers benutzen hier eine statische Kamera, die in ihrem Blickwinkel, einem stark aufsichtigen Superweitwinkel, einem Topshot wieder sehr nahe kommt (6.3.36a-d). Während des Falls bleibt Ginos Körper starr wie ein Brett, als läge er bereits auf einer unsichtbaren Bahre, die mit einem quietschenden Scharnier am Boden befestigt ist. Unglaubliche 7,5 Sekunden dauert es von dem Moment an, wo Gino beginnt, schnurstracks nach hinten umzufallen, bis zu dem Moment, in dem er tatsächlich auf der Erde auftrifft (Superzeitlupe). Dies ist wahrlich der Fall eines großen Mannes, nicht ganz frei von absurder Komik. Die Falleinstellung wird zusätzlich visuell überspitzt, indem Hitchcocks viel kopierter Vertigo-Effekt, gleichzeitig Zoom und Fahrt gegenläufig einzusetzen, sodass der Vordergrund den gleichen virtuellen Abstand zur Kamera hat, sich hingegen der Hintergrund auf gespenstische Weise in seiner Tiefenposition verlagert, angewendet wird. Hier wurde der Effekt gegenteilig eingesetzt. Der Mahagonifußboden von Caesars Wohnung bildet den Hintergrund, der immer in der gleichen Tiefenebene bleibt. Aber der Körper von Gino (Vordergrund) mag einfach nicht den Boden berühren, obwohl er sich scheinbar konstant darauf zu bewegt. Immer weiter und weiter fällt der Körper. Dies liegt an der optischen Täuschung des Vertigo-Effektes, der in diesem Falle den Vordergrund (Gino) langsam in die vorderen Tiefenebenen des [...]
Caesar ist unter Druck und handelt blitzschnell (= Dramatik). Geistesgegenwärtig schafft er zwei auf einen Streich: Roy und Johnnie.12 Ich möchte anmerken, dass die Bewegungen von Roy, der vor seinem Tod aus einer Art Hinterhalt (Stehlampe, Sofa) hervorzustürzen scheint (6.3.39a/b), eine sehr geschmeidige Choreografie ist, die wunderbar mit der ebenfalls geschmeidigen und konstant schnellen Drehung von Caesars Arm harmoniert. Fast wirkt es so, als stünde Roy auf einem Skateboard, als er hervorschnellt. Er schwebt mehr, als dass er sich zu Fuß bewegt. Wieder wird sehr intensiv vom Closeup Gebrauch gemacht. Beinahe penetrant wirkt die Großaufnahme von Roys Brust, die in Superzeitlupe das Eindringen von Caesars Kugel in die von einem weißen Hemd bekleidete Brust von Roy dokumentiert (6.3.40). Diese Einstellung wäre narrativ gesehen unnötig, verstärkt aber den Schauwert der Szene, indem der Zuschauer das Blut und den aus der Wunde hervortretenden Rauch detailliert sehen kann. Das Einschussloch ist durch einen starken Farbkontrast zum weißen Untergrund (Roys Hemd) hervorragend sichtbar. In der Szene, in der Gino Caesar dazu überreden möchte, ihm die Waffe zu geben, werden alle restlichen Figuren im Raum ausgeblendet. Die Closeups verdichten schrittweise auf Caesars Revolver mit Ginos Hand (6.3.32), Ginos Gesicht (6.3.33), in extremer Weise auf Caesars Augenpartie (6.3.34a/b) und schließlich gipfelnd in einem Makro auf den Spannhebel des Revolvers im Moment des Abdrückens (Superzeitlupe, 6.3.35). Dieser stetigen Verdichtung verdankt die Szene ihren Spannungsbogen, ohne dass die Schnittfrequenz erhöht werden muss. Dem Zuschauer wird hierdurch suggeriert, dass die Erschießung von Gino etwas ungemein Bedeutendes und Schwerwiegendes ist, das auf jeden Fall Konsequenzen haben wird. Schließlich ist Gino der Pate von Chicago. Die [...]
drückt Caesar mit apathischem Blick noch mehrmals in Richtung Johnnie ab, aber es sind keine Kugeln mehr in dem Revolver. Violet kommt aus ihrer Deckung hinter der Bar hervor. Eines der hier angewandten Stilmittel ist das schnelle Umkreisen einer stehenden Person per Steadicam, wobei das Objektiv der Kamera stets auf den Kreismittelpunkt, nämlich das statische Bildelement der Person (hier: Hinterkopf oder gestreckter Arm mit Revolver) gerichtet ist. In dramatischen Augenblicken, in denen die Spielhandlung auf ein Schlüsselereignis verdichtet zu sein scheint, suggeriert diese Technik eben jene Dramatik. Wie aus dem Nichts gerät Bewegung in die Auflösung. Während die im Mittelpunkt der Kreisfahrt stehende Person sich im Bildausschnitt nicht verrückt, zieht der Hintergrund, die Tiefenebene des Bildes, wie eine fahrbare Kulisse horizontal vorbei. Die Anlehnung an die Kadrage des klassischen overshoulder shot11 verdeutlicht, dass der statische Teil (die Person) derjenige ist, dessen erzählerische Subjektive wir gerade einnehmen, und für den die dargestellte Situation den genannten dramatischen Charakter hat. Dieses Stilmittel kommt in der Sequenz zweimal vor. Erstens: Als Johnnie langsam den Koffer öffnet (6.3.3a-c). In diesem spannungsgeladenen Moment umfliegt die Steadicam den Hinterkopf von Gino Marzzone und suggeriert folgende Information: Es ist Ginos Geld, das gleich nicht da sein wird, wenn der Koffer geöffnet wird. Gino, der Anführer allen kriminellen Treibens, wird fürchterlich böse werden (= Dramatik). Zweitens: Als Caesar Roy erschießt, bleibt sein Arm mit dem gerichteten Revolver der statische Bildteil, während die Steadicam synchron zum horizontalen Schwenken des Arms nach links, aus dem Blickfeld Caesars selbst, die Kreisfahrt begeht (6.3.43a/b). War es bei Bsp. 1 allenfalls ein 20° Kreissegment, handelt es sich bei Bsp. 2 um ein Segment von exakt 90°. Die Einstellung 6.3.43 beginnt mit dem Visier auf Roy und endet mit dem Visier auf Johnnie, der im rechten Winkel zu Roy auf dem Sessel sitzt. Wieder handelt es sich um einen höchst dramatischen Moment, der diesmal aus der subjektiven Warte von Caesar erzählt wird. Die Einstellung suggeriert uns: [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832466756
Arbeit zitieren:
Böhm, Friedrich Februar 2003: Formen visueller Autorenschaft: Überhöhte Gewaltexzesse bei den Wachowski Brothers, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kamerastil, Filmwissenschaft, Zeitlupe, Sex & Crime, Closeup



