Die Fontane-Rezeption in Günter Grass' Roman "Ein weites Feld"
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Monika Stadler-Huber
- Abgabedatum: Februar 2000
- Umfang: 138 Seiten
- Dateigröße: 756,8 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7110-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7110-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7110-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Stadler-Huber, Monika Februar 2000: Die Fontane-Rezeption in Günter Grass' Roman "Ein weites Feld", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Intertextualität, DDR, Gegenwartsliteratur, Wendeliteratur, Wiedervereinigung
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Staatsexamensarbeit von Monika Stadler-Huber
Zusammenfassung:
Mit der Hinwendung zum Romantext, als der angemessenen Grundlage für die Beurteilung des Buches, kommt automatisch die Frage nach der Fontane-Rezeption als dominantes Element des Romans auf. Alle textnahen Untersuchungen des Romans haben – im Gegensatz zu den meisten Literaturkritiken der Tagespresse – den intertextuellen Bezug auf Fontane als Kunstgriff und Funktionsträger für Grass´ Roman begriffen und bieten Interpretationsansätze an, die von der Fontane-Rezeption als Spezifik des Textes ausgehen.
Die vorliegende Zulassungsarbeit verfolgt gleichfalls das Ziel, der Fontane Rezeption in „Ein weites Feld“ auf den Grund zugehen. Dies wird in zwei Schritten erreicht. Zunächst wird hinterfragt, wie die Fontane-Rezeption des Romans beschaffen ist, d.h. was die Rezeptionsgrundlage genau ausmacht und auf welche Weise auf Fontanes Texte Bezug genommen wird. Dazu bedient sich die Arbeit der Zugangsmethoden aus der Intertextualitätstheorie, insbesondere von Manfred Pfister und Ulrich Broich.
Da sich Form und Funktion der Fontane Rezeption nicht trennen lassen, zeichnet sich im zweiten Schritt anhand dieser Analyse bereits ein Interpretationshorizont ab, der unter die Leitfrage gestellt wird, wohin die intertextuellen Bezüge zu Fontane in dem Roman von Günter Grass führen. Welche Intentionen verfolgt Grass damit? Wofür wird die Fontane-Rezeption im Roman funktionalisiert? Unter Einbeziehung poetologischer Aussagen und Stellungnahmen von Grass wird erkennbar, dass sich „Ein weites Feld“ in den Kontext von Grass´ Gesamtwerk einfügt.
Insgesamt möchte die Arbeit zeigen, dass die Fontane-Rezeption in „Ein weites Feld“ formal und inhaltlich für den Roman ein maßgebliches Gestaltungskriterium ist, eine Schlüsselfunktion für das Verständnis des Romans einnimmt und wesentlich zu seiner literarischen Qualität beiträgt.
Aus der Beurteilung der vorliegenden Zulassungsarbeit durch Prof. Dr. Wolfgang Frühwald, Institut für deutsche Philologie an der LMU München:
„Die vorliegende Zulassungsarbeit behandelt einen schwierigen und durch die politische Auseinandersetzung in Verruf gebrachten Text. Der Untersuchung werden gut ausgebaute Methoden der Intertextualität zu Grunde gelegt, um diesen weitgespannten Text zu erschließen, insbesondere die methodischen Ansätze von Pfister und Broich. Es wird gezeigt, wie Grass alle funktionellen Aspekte der Intertextualität nutzt, um einen Zeitroman zu schreiben, in dem die deutsche Geschichte von 1819 bis zur Wiedervereinigung 1990 kritisch aus der Zitatperspektive von Theodor Fontane beleuchtet wird. Von Nebensächlichkeiten ausgehend wird bei Grass die ganze Fülle der Alltagsgeschichte jeweils unter dem Aspekt des vergegenwärtigenden Erinnerns verdeutlicht. Da der Roman von Grass das weite Feld der Fontane-Rezeption in allen intertextuellen Möglichkeiten durchläuft, ist dies nicht nur ein kunstvoller, sondern auch ein zum Widerspruch herausfordernder Roman. Dabei sind die politischen Äußerungen von Grass stets direkter und auch gröber als die Darstellungen im Roman, wo differenziert, aus der Figurenperspektive erzählt wird. Der Erkenntniswert von Fiktionen für die Wirklichkeit wird erprobt und dem Urteilsvermögen des Lesers anheimgegeben. Wie Grass ein großes Textvorbild Fontane zugleich literarisch mythisiert und persönlich entmystifiziert, wird in der vorliegenden Zulassungsarbeit in guter Sprache und in logischer Konsequenz entfaltet. Nie verliert sich die Arbeit ins Detail, sie hält am Thema des zeitgeschichtlichen Romans deutlich fest und belegt ausgezeichnete Kenntnisse sowohl im Werk Fontanes wie auch im Werk von Grass, einen souveränen Überblick über die Grass-Literatur sowie eine methodisch bewusste und sprachlich untadelige Darstellung.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 1.1 | Die Fontane-Rezeption von Ein weites Feld im Spiegel der Literaturkritik - Entwicklung der Fragestellung | 4 |
| 1.2 | Zur Forschung | 9 |
| 2. | Rezeption und Intertextualität - Die Realisierung der Fontane-Rezeption im Romantext von Ein weites Feld | 11 |
| 2.1 | Intertextualität - Abriß über einen literaturwissenschaftlichen Diskurs | 12 |
| 2.2 | Die intertextuelle Intensität der Fontane-Rezeption in Ein weites Feld | 16 |
| 2.2.1 | Die Referentialität der Fontane-Rezeption | 16 |
| 2.2.2 | Die Dialogizität der Fontane-Rezeption | 21 |
| 2.2.3 | Die Kommunikativität der Fontane-Rezeption | 23 |
| 2.2.4 | Die Autoreflexivität der Fontane-Rezeption | 24 |
| 2.2.5 | Die Strukturalität der Fontane-Rezeption | 26 |
| 2.2.6 | Zur Selektivität und die Zusammenfassung zur intertextuellen Intensität der Fontane-Rezeption | 29 |
| 2.3 | Die Pluralität der Fontane-Rezeption | 31 |
| 2.3.1 | Fontys imaginierte Fontane-Perspektive | 31 |
| 2.3.2 | Die polyperspektivische Anlage der Fontane-Rezeption | 36 |
| 2.3.3 | Zusammenfassung zur Pluralität der Fontane-Rezeption | 45 |
| 2.4 | Die formale Integration der Fontane-Rezeption im Romantext | 46 |
| 2.5 | Intertextualität im Nebentext – Die Fontane-Rezeption im Titel des Romans | 56 |
| 2.6 | Zusammenfassung des 2. Kapitels | 64 |
| 3. | Funktionen und Intentionen der Fontane-Rezeption für Grass´ Roman Ein weites Feld | 66 |
| 3.1 | Unsterblichkeit - Die Fontane-Rezeption als Literatur belebendes Konzept? | 66 |
| 3.1.1 | Nuancen der Unsterblichkeit | 66 |
| 3.1.2 | Fonty und Fontane, „der Unsterbliche“ | 67 |
| 3.1.3 | Die Problematik des Literatur belebenden Konzepts: Literatur und ihre Wirkung | 70 |
| 3.1.4 | Erinnerung als fester Bestandteil von Unsterblichkeit | 74 |
| 3.2 | „Schreiben gegen die verstreichende Zeit“ – Geschichte und Politik, Zeitpanorama und Gesellschaftskritik | 76 |
| 3.2.1 | Die Gegenwart der Geschichte | 76 |
| 3.2.2 | Exkurs: Das Geschichtsbild bei Grass | 81 |
| 3.2.3 | Das Geschichtsbild in Ein weites Feld und die Fontane-Rezeption: die Sisyphosarbeit mahnender Geschichtserinnerung und die Idee der Kulturnation | 84 |
| 3.2.4 | Grass´ Kritik an der Wiedervereinigung und die Fontane-Rezeption in ein weites Feld | 90 |
| 3.2.5 | Die Fontane-Rezeption zwischen politischer Lesart und literarischer Leistung des Romans | 98 |
| 3.3 | Die Fontane-Rezeption im Kontext von Grass´ Schreiben über Schuld und über die Rolle der DDR-Intellektuellen | 103 |
| 3.3.1 | Die Fontane-Rezeption als Mittel der Thematisierung von Menschlichkeit und Schuld in bezug auf die Wiedervereinigung | 103 |
| 3.3.2 | Die Fontane-Rezeption in Ein weites Feld und der deutsch-deutsche Literaturstreit um die Beurteilung der DDR-Autoren | 107 |
| 3.4 | Zusammenfassung des 3. Kapitels | 119 |
| 4. | Schlußbemerkung und Ausblick auf weiterführende Fragestellungen zur Fontane-Rezeption in Ein weites Feld | 122 |
| 5. | Bibliographie | I |
| 5.1 | Primärtexte | I |
| 5.1.1 | Günter Grass | I |
| 5.1.2 | Theodor Fontane | II |
| 5.1.3 | sonstige Primärtexte | III |
| 5.2 | Literatur zu Ein weites Feld | III |
| 5.3 | Literatur zu Günter Grass | V |
| 5.4 | Literatur zu Theodor Fontane | IX |
| 5.5 | Literatur zur Intertextualität | X |
| 5.6 | Sonstige Literatur | XII |
2.2.5 Die Strukturalität der Fontane-Rezeption Die Strukturalität bezieht sich auf die „syntagmatische Integration“84 des Prätextes. Von schwacher Strukturalität wird bei beiläufigem und punktuellem Anzitieren des Prätextes ausgegangen. Am intensivsten ist die Strukturalität intertextueller Bezüge, wenn der Prätext dem Text als strukturelle Folie dient, d.h. wenn das Zitieren des Prätextes zu Mustern ausgeweitet ist, die große Teile des Textes oder den Gesamttext integrieren. Wie das folgende Textbeispiel zeigt, wird zwar in Ein weites Feld mitunter auf Prätexte nur beiläufig angespielt, wodurch aber um so stärker die Rolle des Gesamtwerks Fontanes für den Roman in den Vordergrund tritt: „Zwar hatte er [Fonty] nie ein Massenpublikum anziehen können, doch einer treuen und im Verlauf der Jahre nachwachsenden Zuhörergemeinde durfte Fonty sicher sein. Überall versammelten sich Heimat- und Naturfreunde, die für seine aufs Witzigste verkürzend »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« ein offenes Ohr hatten; genügend Geduldige fanden sich, denen selbst vielstrophige Balladen nicht zu lang waren; allerorts gab es auf Pointen erpichte Liebhaber der vieltausend hingeplauderten Plauderbriefe; und immer ginge es um das Werk des Unsterblichen. Mal waren dessen Romane – ob »Frau Jenny Treibel« oder »Unwiederbringlich« - Thema, bei anderen Vortragsreisen herrschten Frauen vor, die, mal zum klagenden, mal [...]
ungebeten“ lange Balladen rezipiert (EwF S. 35) oder wiederum aufmunternd und trostreich durch passende Zitate (beispielsweise zitiert Fonty für das Archiv Fontanes Ballade John Maynard als Trost anläßlich des Mauerbaus 1961, EwF S. 35). Fonty, über den das Archiv sogar eine Unterabteilung anlegt (EwF S. 771), ist Voraussetzung und Anlaß des Schreibens der Archivmitarbeiter. Schreibend erläutert und begründet das Archiv die Bedingungen, unter denen Theo Wuttke ihm als Fonty zum Gegenstand wird. In Fontys Fontane-Rezeption und seiner Bedeutung für das Archiv liegt somit die grundsätzliche Motivation des Erzählens in Ein weites Feld. Die hohe Autoreflexivität ist daher für die Erzählhaltung in Grass´ Roman von zentraler Bedeutung83. Es bleiben noch zwei weitere qualitative Kriterien, anhand derer nach Pfister die Intensität der Intertextualität betrachtet werden kann: die Strukturalität und die Selektivität. [...]
Romanpersonal in Ein weites Feld reflektiert mehr oder minder stark über seine jeweiligen Verstrickungen in historische oder literarische Fontane-Vorlagen81. Anhand der Erzählinstanz wird die Autoreflexivität hier exemplarisch beleuchtet. Die Erzählinstanz in Ein weites Feld ist ein Erzählerkollektiv, das sich aus einer ungewissen Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fontane-Archivs in Potsdam zusammensetzt und von der ersten Textseite an als „Wir vom Archiv“ (EwF S. 9) in Erscheinung tritt. Das Archiv, von Berufs wegen „neugierig“ (EwF S. 181) und immer bemüht, „schmerzende Lücke[n]“ (EwF S. 101) in bezug auf Fontane zu schließen, ist dabei auf Theo Wuttke fixiert, der als Fonty „glaubhaft ein bedeutendes Nachleben“ (EwF S. 9-10, auch S. 48) seines Vorbilds Fontane übt. Fonty wird durch sein „zitatsichere[s] abperlen“ (EwF S. 10) der Originaltexte dem Archiv zum „Modell und fortlebendes Abbild“ (EwF S. 50). Diese Modellhaftigkeit Fontys für das Archiv wird von der Erzählinstanz als Voraussetzung des eigenen Schreibens im Roman erkannt. Des weiteren reflektiert das Erzählerkollektiv über die verschiedenen Leistungen, die Fontys Fontane-Rezeption für das Archiv erfüllt. Fontys bis ins Äußere gelebte Fontane-Rezeption ist für das Archiv sinnstiftend82 (EwF S. 780), da es das „tote“ Papier (EwF S. 780), mit dem die „Fußnotensklaven“ (EwF S. 12, 665) des Archivs täglich umgehen, „tintenfeucht“ (EwF S. 94) „wiederbeleb[t]“ (EwF S. 53). Fontys Belebung der Fontane-Texte wird vom Archiv als „Staub aufwirbelnder Atem“ (EwF S. 764) bezeichnet. Das Archiv ist von Fontys Nachleben überzeugt und fasziniert von seiner „verblüffend genaue[n] Zitierkunst“ (EwF S. 203). Aus dem professionellen Streben, Lücken im Archiv zu schließen, aus der Sinn stiftenden Textbelebung durch Fonty und aus der daraus hervorgehenden Faszination des Abbilds wird Fonty zum Fontane-Surrogat für das Archiv, das „ersatzweise Fontys wortwörtliches Fortleben“ (EwF S. 85) überprüft. Als überzeugendes FontaneFortleben, als Fontane-Ersatz und Modell bietet Fonty dem Archiv etwas, woran es trotz vereinzelter, halbherziger Distanzierungsversuche (EwF S. 49, 85) „glauben“ (EwF S. 48) kann und will. Fonty verkürzt dem Archiv „trübe Nachmittage“ (S. 10), wird wegen seines „Durchhecheln[s] ganzer Tischgesellschaften“ (EwF S. 122) belächelt, ohne aber lächerlich zu sein (EwF S. 200), ist mitunter auch lästig, indem er „häufiger [...]
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