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Der Film als kritische Stimme im kubanischen Sozialismus

Eine Analyse ausgewählter Spielfilme von Tomás Gutiérrez Alea

Der Film als kritische Stimme im kubanischen Sozialismus
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Marie-Helene Borowski
  • Abgabedatum: Februar 2005
  • Umfang: 90 Seiten
  • Dateigröße: 452,5 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8829-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8829-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8829-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Borowski, Marie-Helene Februar 2005: Der Film als kritische Stimme im kubanischen Sozialismus, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kuba, Kino, Kritik, Zensur, ICAIC

Diplomarbeit von Marie-Helene Borowski

Einleitung:

"El guión del socialismo es excelente, pero la puesta en escena deja mucho que desear, y por lo tanto debe ser objeto de crítica. Es la mejor manera de contribuir a su mejoramiento." (Tomás Gutiérrez Alea 1993).

Das Drehbuch des Sozialismus sei exzellent, doch seine Inszenierung lasse zu wünschen übrig – kritisierte der Regisseur Tomás Gutiérrez Alea kurz vor seinem Tod das kommunistische Regime Fidel Castros. Diese Worte verwundern umso mehr, als es sich bei Alea um den wohl berühmtesten Filmemacher Kubas handelte, der Zeit seines Lebens auf Kosten dieses Regimes gelebt und gearbeitet hatte. Drei Jahre vor seinem Tod, im Jahr 1993, wagte er, diese Kritik offen zu äußern. Doch hatte er sie in den Jahrzehnten zuvor bereits gedacht? Hatte er, der sich selbst als »Revolutionär« bezeichnete, bereits in seinen frühen Filmen Gesellschaftskritik anklingen lassen? Und zwar deshalb, weil er sie für das beste Mittel hielt, als Filmemacher zur »Verbesserung des Systems beizutragen«?

Zunächst einmal ist dazu festzustellen, dass fast alle seiner Filme die staatliche Zensur unbeschadet passierten. Ist es dem kubanischen Regisseur vielleicht gelungen, seine Kritik am bestehenden System so zu tarnen, dass die Zensoren sie nicht bemerkten (oder sie im Einzelfall nicht bemerken wollten)? Können also Aleas Filme als einige der wenigen kritischen Stimmen im kubanischen Sozialismus bezeichnet werden? Biss Alea die Hand, die ihn fütterte? Diesem Problemkomplex widmet sich die vorliegende Arbeit. Um diese Fragestellungen auch in historischer Perspektive zu beleuchten, wurden für diese Arbeit sechs Spielfilme Aleas aus den vergangenen vier Jahrzehnten ausgewählt. Sie sollen eingehend analysiert werden.

Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei drei konkrete Fragestellungen: Wie wurden Aleas Filme von offizieller Seite interpretiert? Gibt es einen zweiten, hintergründigen und systemkritischen Interpretationsansatz und wie stellt sich dieser dar? Mit welchen Mitteln und Techniken gelingt es dem Regisseur, seine hintergründige Kritik zu verschleiern?

Bevor die Problemstellung bearbeitet wird, wird in Kapitel B und C zunächst das nötige Hintergrundwissen vermittelt. Kapitel B gibt einen Überblick über das Leben und das Werk des Regisseurs. Einen Einblick in Kubas Kinolandschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts liefert Kapitel C. So gibt es beispielsweise Aufschluss über den Stellenwert, den die Kubaner ihrem Kino heute beimessen, und umreißt die Entwicklung der Spielfilmproduktion und der Zuschauerentwicklung. Darüber hinaus befasst es sich mit der Zensur, die in Kuba allgegenwärtig ist und bis heute das Filmschaffen beeinflusst. Unter dem Oberbegriff der Zensur gilt es, auf folgende Fragen eine Antwort zu geben: Was ist der Unterschied zwischen Eigenzensur und staatlicher Zensur? Wo liegen die Spielräume und Grenzen der Kritik? Und welche Rolle spielt dabei das kubanische Filminstitut (ICAIC)?

Kapitel D stellt den Hauptteil der Arbeit dar und analysiert sechs Filme Aleas. Durch die Auswahl von mindestens einem Film pro Jahrzehnt wird gewährleistet, dass die wichtigsten Thematiken der jeweiligen Dekade mit der Analyse abgedeckt werden. So ergibt sich auch die Gliederung des Kapitels in vier Unterkapitel, die jeweils ein Jahrzehnt behandeln. Jedes der vier Unterkapitel wird dabei eingeleitet von einem kurzen historischen Überblick sowie von einem Abschnitt zur Einführung in die wichtigsten filmgeschichtlichen Ereignisse des Jahrzehnts. Darauf folgen jeweils ein bis zwei Filmanalysen, die sich nach den drei oben aufgeworfenen zentralen Fragestellungen der Arbeit gliedern in: einen Unterpunkt zur offiziellen Interpretation, einen Unterpunkt zur hintergründigen Kritik sowie einen Unterpunkt, der sich mit den Mitteln der Verschleierung dieser Kritik beschäftigt.

Das Schlusskapitel E fasst schließlich die wichtigsten Thesen und Ergebnisse der vorhergehenden Kapitel zusammen und zeigt aktuelle Tendenzen im kubanischen Filmschaffen der Gegenwart auf.

Was die Literaturlage betrifft, so traten bei den Recherchen zu dieser Arbeit einige Probleme auf. Zum einen ist im europäischen Fachhandel nur eine sehr begrenzte Auswahl von kubanischen Filmtiteln erhältlich, obwohl Aleas Werk bis über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden ist. Das einzige deutsche Institut, das über eine fast komplette Videosammlung von Aleas Spielfilmen verfügt, ist das LAI, das Lateinamerikainstitut in Berlin; dort sind jedoch alle Filme vom Verleih ausgeschlossen. Auch die Recherche von Printmedien erwies sich im europäischen Raum als eher unfruchtbar, denn es mangelte an einschlägiger Literatur.

Als Grundlagenliteratur erwies sich jedoch Bert Hoffmanns Buch Kuba als äußerst hilfreich, in dem besonders die Kapitel »Gespannte Verhältnisse: Künstler und Staat« und »Film« einen prägnanten Überblick über das Filmschaffen in Kuba geben. Eine weitere nicht-kubanische Quelle, die reichlich Faktenwissen zu Kuba liefert, ist der Sammelband Kuba heute, aus dem besonders Peter B. Schumanns Beitrag »Der kubanische Film im Kontext der Kulturpolitik« und Martin Franzbachs »Chronologie zur Geschichte Kubas« als wichtige Quellen dienten.

Schnell stellte sich heraus, dass ein Forschungsaufenthalt auf Kuba zur Materialrecherche und -dokumentation unabdingbar war. Doch selbst vor Ort gestalteten sich die Nachforschungen nicht einfach. Die meiste kubanische Literatur lieferte eher schwammige und vor allem einseitige (»pro-revolutionäre«) Informationen. Eine ganze Sammlung von in- und ausländischen Artikeln zu sämtlichen kubanischen Filmen befindet sich in der Cinemateca de Cuba, die zum kubanischen Filminstitut ICAIC (Insituto de Arte e Industria Cinematográficos) gehört. Da einige Quellen aus der Cinemateca de Cuba zum größten Teil als lose Blätter oder ausgeschnittene Zeitungsartikel vorlagen, fehlten bei manchen von ihnen die Seitenzahlen oder das Tagesdatum und in wenigen Fällen sogar der Name des Autors oder der Titel. Der Mehrzahl der dort archivierten Informationen darf keine allzu große Bedeutung beigemessen werden, weil davon auszugehen ist, dass sämtliches dort befindliches Material zensiert wurde. Würde man beispielsweise den Aussagen Aleas in einigen Interviews Glauben schenken, so bliebe nicht der geringste Zweifel daran, dass Alea ein obrigkeitstreuer Bürger und eindeutiger Befürworter des Revolutionären Regimes war. Trotzdem stellte der in Kuba erschienene Sammelband Alea – una retrospectiva crítica des Kubaners Ambrosio Fornet eine wichtige Quelle dar.

Die wertvollsten Informationen zur Untermauerung der in dieser Arbeit aufgestellten These stammen aus sechs qualitativen Interviews mit Kubanern, die zum Teil aus dem Filmbereich stammten. Trotz der Gefahr einer Denunzierung wagten sie es, sich zum Thema Zensur und (getarnter) Kritik im Film zu äußern. Für den Fall, dass eine befragte Person anonym bleiben wollte, werden in der Fußnote und im Quellenverzeichnis lediglich der Anfangsbuchstabe des Vornamens, der Beruf und der Wohnort dieser Person vermerkt.

Inhaltsverzeichnis:

A. Einleitung 1
B. Tomás Gutiérrez Alea - Leben und Werk 4
C. Kubas Kinolandschaft - ein Überblick 8
C.1 Menschenschlangen, alte 'Schinken' und Kinos auf Rädern 8
C.2 Kinoleinwand vs. Videorekorder 9
C.3 Die Zensur 11
C.3.1 Staatliche Zensur und autocensura 11
C.3.1.1 Die autocensura als Trauma politischer Repression 11
C.3.1.2 Die staatliche Zensur im Film 13
C.3.2 Spielräume und Grenzen der Kritik 15
C.3.3 Das ICAIC - „Insel der Seligen“? 17
D. Aleas Kritik mit doppeltem Boden - Filmanalysen aus vier Jahrzehnten 18
D.1 Die 60er Jahre: Revolutionärer Aufbruch und Neues Kino 18
D.1.1 Historischer Hintergrund: Vom Triumph der Rebellen zur Wirtschaftskrise 18
D.1.2 Zur Filmgeschichte: Ideologische Säuberungen trüben Glanz des „Goldenen Jahrzehnts“ 19
D.1.3 Filmanalyse I: Memorias del subdesarrollo (1968) 21
D.1.3.1 Offizielle Interpretation: Die kubanische burguesía als Anachronismus 21
D.1.3.2 Hintergründige Kritik: Die Revolution frisst ihre Kinder 24
D.1.3.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Der in sich widersprüchliche Antiheld 29
D.2 Die 70er Jahre: Historisches Kino im decenio gris 31
D.2.1 Historischer Hintergrund: Scheitern der Gran Zafra und Massenflucht 31
D.2.2 Zur Filmgeschichte: Der Staat diktiert die Themen 31
D.2.3 Filmanalyse II: La última cena (1976) 32
D.2.3.1 Offizielle Interpretation: Von Sklaven und Zuckerbaronen 32
D.2.3.2 Hintergründige Kritik: Castro als Sklaventreiber? 34
D.2.3.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Die historische Parabel 38
D.2.4 Filmanalyse III: Los sobrevivientes (1978) 40
D.2.4.1 Offizielle Interpretation: Vornehm geht der Adel zugrunde 40
D.2.4.2 Hintergründige Kritik: Castros Staat auf dem Weg in die Selbstisolation 41
D.2.4.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Der Humor als Maske 47
D.3 Die 80er Jahre: Drängen auf Reformen 48
D.3.1 Historischer Hintergrund: Der Fall der Mauer - ein Dolchstoß für Kuba 48
D.3.2 Zur Filmgeschichte: Rückkehr zu gegenwartsbezogenen Themen 49
D.3.3 Filmanalyse IV: Hasta cierto punto (1983) 50
D.3.3.1 Offizielle Interpretation: Fortschrittliche Proletarier und rückständige Intellektuelle 50
D.3.3.2 Hintergründige Kritik: Der Konflikt als Chance 51
D.3.3.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Verwirrender plot als Ablenkungsmanöver 53
D.4 Die 90er Jahre: Filme gegen die Trägheit der Revolution 54
D.4.1 Historischer Hintergrund: Der Período Especial als „Notzustand in Friedenszeiten“ 54
D.4.2 Zur Filmgeschichte: Tendenz zu explizit kritischeren Filmen 56
D.4.3 Filmanalyse V: Fresa y chocolate (1993) 57
D.4.3.1 Offizielle Interpretation: Thematisierung des Tabus Homosexualität 57
D.4.3.2 Hintergründige Kritik: Warnung vor nationalem Identitätsverlust 59
D.4.3.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Ein plakatives Thema als Aufhänger 61
D.4.4 Filmanalyse VI: Guantanamera (1995) 62
D.4.4.1 Offizielle Interpretation: Ein heiterer road movie á la cubana 62
D.4.4.2 Hintergründige Kritik: Retrospektive mit Galgenhumor 63
D.4.4.3 Mittel zur Verschleierung der Kritik: Die apolitische Komödie 66
E. Fazit und Ausblick 67
E.1 Die Systemkritik unter dem Deckmantel der Konvention 67
E.2 Der Trend der Gegenwart: producciones alternativas 70
F. Anhang 72
F.1 Abkürzungsverzeichnis 72
F.2 Filme mit Auszeichnungen 72
F.3 Tabellen 76
F.4 Abbildungen 77
G. Quellenverzeichnis 79
G.1 Kubanische Quellen 79
G.2 Nicht-kubanische Quellen 82

Automatisiert erstellter Textauszug:

Wie der Graf in La última cena trifft Castro auf keine rechtlichen Schranken, die ihn daran hindern, Dissidenten exekutieren zu lassen, um die Ordnung des Systems aufrecht zu erhalten. Kein Wunder, denn der Máximo Líder ist schließlich derjenige, der die Gesetze macht. Er ist die unanfechtbare Eminenz und hat in Kuba auf allen Ebenen das alleinige Entscheidungsrecht.119 Wie einige der Sklaven so lassen sich auch viele Kubaner durch die pathetischen Reden ihres Führers beschwichtigen, weil sie seinen Worten Glauben schenken. Der kubanische Staatspräsident wird – von vielen seines Volkes noch bis in die Gegenwart – wie ein Heiliger verehrt und gilt als unantastbar: »Cuando habla el padre, tienen que callarse los niños«, sagte eine 69jährige Kubanerin, als Castro am »Runden Tisch« im Fernsehen spricht und die übrigen dort Anwesenden kein Wort sagen.120 Noch im Jahr 1995 brachte der bekannte kubanische Schauspieler Jorge Perugorría diesen Sachverhalt so zum Ausdruck: »El está ahí, por encima de todo. Es un gran desconocido al que todavía muchos no ponen en cuestión.«121 [...]

Die Doppelmoral in Bezug auf den Wert des menschlichen Lebens In La última cena ist es der Graf, der die Verantwortung abgibt, sobald es unbequem wird: Zwar sichert er seinen Sklaven zu, dass sie am Karfreitag nicht arbeiten müssten, steht aber im entscheidenden Moment nicht für sein Versprechen ein und wälzt die Verantwortung auf den zuvor noch von ihm beschimpften Aufseher ab. Den Kaplan, der vor einer möglichen Rebellion der Sklaven warnt und sich über den Aufseher beschwert, der die christliche Tradition missachte, schickt der Conde fort. Anstatt die Unzufriedenheit der Sklaven zu verstehen, empört sich der Graf über deren »Ungehorsam«. Nun spielt er noch einmal »Gott«, doch von seiner am Vorabend zur Schau gestellten Barmherzigkeit ist keine Spur mehr: Er bestraft die »Undankbaren« in seinem persönlichen blutigen Kreuzzug. Dabei kommt seine Scheinmoral in zwei Szenen ganz besonders deutlich zum Ausdruck: In der einen erhebt er den von den Sklaven ermordeten Aufseher, den er noch am Abend zuvor als »Arschloch« und »Sünder« beschimpft hatte, offiziell zum Märtyrer, zu dessen Gedenken er nun den au einer Kappelle plant. Die andere Szene zeigt die wahre Ignoranz und den Faschismus des Grafen, als er bei der Andacht für die Ermordeten die toten Sklaven sieht, die neben den Leichen der Weißen in der Kapelle aufgebahrt sind: »Was haben die hier zu suchen?«118 schreit er aufgebracht und besteht darauf, dass die sterblichen Überreste der Schwarzen hinausgeschafft würden. Wenn man bedenkt, dass im kubanischen Sozialismus das Menschenleben als das wertvollste Gut bezeichnet wird, auf der anderen Seite unter der Herrschaft Fidel Castros aber bis heute noch die Todesstrafe in Kraft ist, wird der moralische Widerspruch auch im System der Gegenwart gültig. [...]

Ideale der Revolution (Gleichheit, Gerechtigkeit, etc.) werden zwar bei jeder Gelegenheit wiederholt, eine Umsetzung in die Praxis findet offensichtlich jedoch nicht statt. Im Oktober 1962 erklärte Castro seinen Bürgern, wie ein »heldenhaftes« Volk zu leben habe: »Tenemos que saber vivir en la época que nos ha tocado vivir y con la dignidad con que debemos vivir.«117 Dieser Ausspruch ließ zu jenem Zeitpunkt Anfang der 1960er Jahre, in einem Klima des Aufbruchs und des Enthusiasmus unter den meisten Kubanern noch Raum für positive Auslegungen. Doch schon bald, nur ein Jahrzehnt später, wurde deutlich, dass es eher ums Stillhalten in einem repressiven Staatsystem ging als darum, als Einzelner auch in einer schwierigen Zeit mit Würde zu (über)leben. [...]

Arbeit zitieren:
Borowski, Marie-Helene Februar 2005: Der Film als kritische Stimme im kubanischen Sozialismus, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kuba, Kino, Kritik, Zensur, ICAIC

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