Fiktionalität von Zeitgeschichte – Die Oliver Stone Trilogie im Kontext des Vietnamkriegsfilms
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sandro Antonio Palazzolo
- Abgabedatum: August 2010
- Umfang: 113 Seiten
- Dateigröße: 769,5 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität Siegen Deutschland
- Bibliografie: ca. 50
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1133-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Palazzolo, Sandro Antonio August 2010: Fiktionalität von Zeitgeschichte – Die Oliver Stone Trilogie im Kontext des Vietnamkriegsfilms, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Vietnamkrieg, Zeitgeschichte, Fiktionalität, Oliver Stone, Kriegsfilm
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Diplomarbeit von Sandro Antonio Palazzolo
Einleitung:
Kein Krieg hat die amerikanische Nation so nachhaltig beeinflusst wie der Vietnamkrieg. Der Einfluss dieses Krieges und die Auseinandersetzung mit diesem zeigen sich unter anderem im amerikanischen Film. Mit dem Beginn des Krieges und vor allem mit dem Kriegsende tauchte eine Fülle von Filmen auf, die sich dem Konflikt in Vietnam widmeten. Es stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise alle diese Filme das reale Ereignis des Vietnamkrieges fiktionalisiert haben. Die Annahme, dass die fiktionale Darstellung des Vietnamkrieges im Film mögliche Deutungsmuster, Verarbeitungsprozesse, politische und gesellschaftliche Aussagen sowie persönliche Erfahrungen über den Krieg offenbaren könnten, steht in dieser Arbeit im Mittelpunkt.
Das primäre Interesse dieser Arbeit gilt der fiktionalen Verarbeitung des Vietnamkrieges im Film. Den Fokus dieser Arbeit bilden 13 ausgewählte Filme, in dessen Mittelpunkt die Vietnamfilmtrilogie von Oliver Stone steht. Der Filmregisseur Oliver Stone, der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt, brach 1965 sein Studium an der Yale Universität ab, um nach Vietnam zu gehen. Stone bezeichnete sich selbst als Patriot und glaubte an das John Wayne Bild Amerikas. Erst nach seinem Vietnameinsatz verschwand diese Einstellung zum Krieg. Er kehrte desillusioniert und drogenabhängig aus Vietnam zurück und landete schließlich in einem Gefängnis in Mexiko. Stone begann an Filmskripten zu arbeiten und besuchte die New Yorker Filmhochschule. Während dieser Zeit entstanden einige Kurzfilme sowie das Skript ‚Break’, welches später als Vorlage für den erfolgreichen Film Platoon (1986) dienen sollte. Nach seinem Abschluss drehte er seinen ersten eigenen Film, der jedoch unter seinen Erwartungen blieb. Stone arbeitete zunächst als Drehbuchautor. Zu dieser Zeit entstanden u.a. die Drehbücher für Midnight Express (1978), Conan der Barbar (1982) oder auch Scarface (1983). Im Jahre 1986 gelang es ihm schließlich mit den Filmen Salvador (1986) und Platoon (1986) als Regisseur erfolgreich zu werden. Besonders zu Platoon (1986) hatte Stone einen besonderen Bezug, da er hier seinen persönlichen Frust und seine persönlichen Erfahrungen aus Vietnam darlegen konnte. Stone meinte hierzu: ‘I felt that the truth of this war had not been shown.’ Nach Platoon (1986) folgten die Filme Wall Street (1987), Talk Radio (1988) und schließlich sein zweiter Film zum Vietnamkrieg Born On The Fourth Of July (1989). Hier verarbeitete Stone basierend auf der Biographie von Ron Kovic die Gleichgültigkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber den Heimkehrern aus Vietnam, die ihm auch selbst widerfahren war. Den Abschluss zum Thema Vietnam bildete der Film Heaven & Earth (1993), der wiederum Bezug auf eine Biographie nimmt. In diesem Film bezieht sich Stone auf die Lebensgeschichte der Vietnamesin Le Ly Hayslip. Stone äußert sich zu der Entstehung der Trilogie wie folgt:
‘First I survived the war. That’s a minor miracle. And then I was able to write about it and film it. So that seemed as if it completed the action. But what happened is, it only deepened my interest. There was no plan for a trilogy. But they complement each other. Platoon was about the war in the jungle. Then Born went back to America. Then Heaven & Earth went one step further, back to Vietnam, then to America, then again to Vietnam’.
Nachdem er Platoon (1986) verfilmt hatte, begann er sich tiefer gehend mit dem Thema Vietnam aus filmischer Perspektive zu beschäftigen. Obwohl Stone keine Trilogie beabsichtigte, bemerkte er, dass die beiden Filme Born On The Fourth Of July (1989) und Heaven & Earth (1993) seine eigenen Erfahrungen sowie das Thema Vietnam tiefergehend verarbeiteten. Oliver Stone nimmt so mit seiner Trilogie im Kontext des Vietnamkriegsfilms eine besondere Stellung ein, weil er versucht in seinen Filmen biographisch und möglichst realitätsnah zu arbeiten. Eine Gegenüberstellung der 10 Filme mit der Trilogie kann die Fiktionalität von Zeitgeschichte und ihre Funktion im Verarbeitungsprozess eines Krieges im Film exemplarisch beleuchten.
Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich zunächst mit einem geschichtlichen Abriss des realen Vietnamkrieges. Dieser Abriss dient als Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem fiktionalisierten Zeitgeschehen im Film. Des Weiteren wird der Versuch gestartet eine möglichst präzise Definition des Begriffes der ‚Fiktionalität’ zu erarbeiten. Schließlich wird in diesem ersten Teil der Arbeit der Begriff des ‚Vietnamkriegsfilms’ definiert bzw. kategorisiert, um mögliche Besonderheiten und Spezifika dieses eigenen Genres herauszustellen. Anhand dessen können bei einer Gegenüberstellung der Stone Trilogie mit den übrigen Filmen mögliche Zuordnungen stattfinden.
Der zweite Teil dieser Arbeit analysiert die folgenden 10 Filme motivisch. In diesem Teil sollen die Themen bzw. Motive von Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978), Apocalypse Now (1979), Rambo-First Blood Part II (1985), Full Metal Jacket (1987), Hamburger Hill (1987), Casualties Of War (1989), Flight Of The Intruder (1991), Tigerland (2000) und We Were Soldiers (2002) herausgefiltert und dargelegt werden, die schließlich den Kontext für die Betrachtung der Stone Trilogie bilden. Für ein besseres Erfassen der Arbeit ist es empfehlenswert, aber nicht zwingend erforderlich, sich die hier ausgewählten Filme im Voraus angesehen zu haben. Es muss angeführt werden, dass die jeweiligen Motive, die sich aus der Untersuchung ergeben nur kurz angerissen und nicht explizit diskutiert werden können. Zu bedenken gilt, dass die Auswahl der Filme bereits ein breites Spektrum an Material bietet und es daher unmöglich ist, im Rahmen dieser Arbeit jedes einzelne Motiv ausführlich zu diskutieren. Sinn und Zweck dieser Vorgehensweise ist eine möglichst große Variationsbreite an Motiven und Themenbereichen zum Vorschein zu bringen.
Im Zentrum des dritten Teils dieser Arbeit der hier ausgewählten Vietnamkriegsfilme steht die Vietnamtrilogie Platoon (1986), Born On The Fourth Of July (1989) und Heaven & Earth (1993) von Oliver Stone. Diese Trilogie Stones soll ebenfalls in einer motivischen Untersuchung diesen 10 genannten Filmen gegenübergestellt werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| Teil I | ||
| 2. | Hintergrund des Vietnamkriegs – Ein geschichtlicher Abriss | 5 |
| 3. | Der Begriff ‚Fiktion’ und die Fiktionalität von Zeitgeschichte | 12 |
| 4. | Was ist ein Vietnamkriegsfilm? - Versuch einer Definition des Vietnamkriegsfilms | 17 |
| Teil II | ||
| 5. | Motivische Untersuchung ausgewählter Beispiele des Vietnamkriegsfilms im historischen Kontext von 1978-2002 | 24 |
| 5.1. | Vietnamkriegsfilme Ende der 70er Jahre (1978-1979) | 24 |
| 5.2. | Vietnamkriegsfilme Mitte der 80er Jahre bis Ende der 80er Jahre (1985-1989) | 45 |
| 5.3. | Vietnamkriegsfilme Anfang der 90er Jahre (1991) | 59 |
| 5.4. | Vietnamkriegsfilme Anfang des 21. Jahrhunderts (2000-2002) | 63 |
| Teil III | ||
| 6. | Die Stone Trilogie im Kontext der Vietnamkriegsfilme | 68 |
| 7. | Fazit | 98 |
| Literaturverzeichnis | 103 | |
| Internetquellen | 107 | |
| Filmographie | 108 |
Textprobe:
Kapitel 5.1, Vietnamkriegsfilme Ende der 70er Jahre (1978-1979):
Aus dem Zeitraum der Vietnamkriegsjahre können keine nennenswerten Filme über den Konflikt genannt werden. Die Gründe hierfür waren zunächst das hohe Risiko einen Film zu produzieren, da zum einen die Gesellschaft dem Krieg uneinig gegenüber stand und zum anderen kritische Filme als kommerziell unattraktiv eingestuft wurden. Die meisten Kriegsfilme entstanden in Kooperation mit dem Department of Defense, das kritische Filme bzgl. des Vietnamkonflikts ablehnte und nicht unterstützte. Einen weiteren möglichen Grund nennt Christensen: ‘Besides, the news of the war satisfied the curiosity of most people and made fictional treatments look silly.’ Die amerikanische Bevölkerung war übersättigt von den täglichen Nachrichten über den Krieg im Fernsehen und hatte keinen zusätzlichen Bedarf an einer fiktionalen Auseinandersetzung in Form eines Films. Die Aussage Christensens hebt zudem die Schwierigkeit hervor, dass ein komplexes und kontrovers diskutiertes Thema, wie das des Vietnamkriegs, erst einmal erfasst werden muss, um es anschließend in angemessener Weise fiktional darstellen zu können.
Zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden erste Versuche sich dem Thema ‚Vietnam’ filmisch zu nähern. Diesen ersten Annäherungsversuchen gelang es jedoch nicht, das Unheil, welches die Veteranen in Vietnam ereilt hatte, gebührend darzustellen. Es entstanden Filme, in denen die Veteranen zu Hause fortführten, was sie in Vietnam begonnen hatten. Sie mordeten, sie vergewaltigten und beanspruchten die Antwort auf die Frage nach der Moral für sich. Die Rache galt zunächst noch der gleichgültigen Gesellschaft und Politik. Sukzessiv richtete sich jedoch die Wut gegen die Kriminellen im Land. Bürger beschreibt indes eine spätere Verschiebung des Gewaltpotenzials folgendermaßen:
‘Doch dann richtet sich das Gewaltpotential der Vietnamveteranen im Spielfilm immer öfter gegen die vermeintlich ‘Richtigen’. Drogendealer, Rockerbanden, Zuhälter, Mörder, Kinderschänder, Mafiosi, korrupte Mitglieder des Establishments und andere Bösewichter werden durch die ehemaligen Dschungelkämpfer ausfindig gemacht und beseitigt. Auch Zuhause kann man mit rechtsstaatlichen Mitteln allein nicht Ruhe und Ordnung herstellen. Selbstjustiz nach Westernart unter Anwendung gesetzwidriger Methoden ist obligat’.
Ein erster Wandel vollstreckte sich also vom heimtückischen Mörder hin zu einem selbsternannten Vollstrecker der Justiz. Dennoch reflektierte auch dieses Bild nicht die wirkliche Problematik der Veteranen. Erst Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts näherten sich u.a. Produktionen, wie Coming Home (1978), dem Trauma der Veteranen im Film an. In diesen Filmen standen zumeist psychisch und physisch gebrochene Figuren im Zentrum der Handlung. Es ging um Probleme der Wiedereingliederung in die Gesellschaft sowie die gleichzeitige Ablehnung in der Heimat. Im Fokus dieses Kapitels stehen die Filme Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978) und Apocalypse Now (1979). The Deer Hunter und Apocalypse Now boten laut Weigel-Klinck (1996) eine neuartige Herangehensweise an die filmische Darstellung des Vietnamkonflikts für das noch damals relativ neue Genre des Vietnamkriegsfilms. Es wurden laut Weigel-Klinck (1996) weniger realistische Darstellungen geboten und vielmehr nach eindrücklichen Metaphern gesucht, um den Schrecken des Krieges zu demonstrieren. Hölzl und Peipp sehen mit diesen drei Filmen einen besonderen Einschnitt in der Verarbeitung des Traumas Vietnam:
‘Gab es mit John Waynes The Green Berets eine Phase von Filmen, die sich vor allem durch ihren propagandistischen Hurra-Patriotismus auszeichneten, so wurde zehn Jahre später mit Filmen wie Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978) oder Apocalypse Now (1979) um den Verlust des ‚Frontier’-Mythos und der amerikanischen Unschuld getrauert’.
Hölzl und Peipp (1991) beschreiben, wie die amerikanische Unschuld betrauert wird. Der Vietnamkrieg führte dazu, dass man sich von dem Mythos der ‚Frontier’ trennen musste. Das couragierte, zivile, innovative und omnipotente Selbstverständnis Amerikas ist durch den Vietnamkrieg brüchig geworden und erforderte eine neue Sichtweise durch den Film. Die drei Vietnamkriegsfilme Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978) und Apocalypse Now (1979) bieten eine mögliche Verarbeitung eben durch das Betrauern des verlorenen ‚Frontier’-Mythos.
Coming Home (1978), ein Film von Hal Ashby, war einer der ersten großen erfolgreichen Filme über den Vietnamkrieg. Coming Home (1978) zeigte, dass der Krieg nicht nur in Vietnam stattfand, sondern auch seine Spuren durch die Antikriegsbewegung und die Schwierigkeit der Wiedereingliederung der Veteranen in den USA hinterließ. Interessant ist die Besetzung der Hauptrolle mit Jane Fonda, die sich schon während des Krieges als Kriegsgegnerin bekannte und hierdurch für Aufsehen in der amerikanischen Öffentlichkeit sorgte. Jane Fonda selbst sah den Vietnamkrieg als eine bedeutende Wende in ihrem Leben. So spiegelt die Wandlung der Figur Sally Hyde (Jane Fonda) gleichzeitig auch ihre eigene Wandlung. Reinecke (1993) bezeichnet Coming Home (1978) als Versuch, die Relation von Gesellschaft und Krieg differenziert zu beschreiben. Als Bob Hyde nach Vietnam geht, meldet sich seine Frau Sally freiwillig als Pflegerin in einem Veteranenhospital. Dort lernt Sally den querschnittsgelähmten Luke Martin (Jon Voight) kennen. Nach anfänglicher Kälte entwickelt sich zunehmend eine Liebesbeziehung zwischen den beiden. Nachdem Bob aus Vietnam zurückkehrt, teilt ihm das FBI mit, dass seine Frau mit einem Kriegsgegner verkehrt. Luke hatte sich nach einem Selbstmord seines Freundes Billy aus Protest an ein Tor einer Militärkaserne gekettet und somit das Interesse des FBIs auf sich gezogen. Bob, dem man die psychischen Auswirkungen des Krieges deutlich anmerkt, bedroht seine Frau Sally mit einem Gewehr, nachdem er diese Nachricht erhalten hatte. Luke, der in letzter Minute eintrifft, kann ihn von dem Vorhaben abbringen. Luke, der sich als Kriegsgegner bekennt, warnt in einer Rede vor Schülerinnen und Schülern vor dem Militär und dem Krieg. Bob, der die seelischen Qualen des Krieges nicht mehr ertragen kann, begeht Selbstmord im Meer.
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