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Die Figur des Märtyrers in den Dramen des Andreas Gryphius

Die Figur des Märtyrers in den Dramen des Andreas Gryphius
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Kirsten Hollensteiner
  • Abgabedatum: Dezember 1999
  • Umfang: 115 Seiten
  • Dateigröße: 619,4 KB
  • Note: 2,3
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8404-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8404-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8404-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hollensteiner, Kirsten Dezember 1999: Die Figur des Märtyrers in den Dramen des Andreas Gryphius, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Barockliteratur, Angstmoment, Drama, Säkularisation, Jesuit

Magisterarbeit von Kirsten Hollensteiner

Einleitung:

Auf den folgenden Seiten soll erst ein allgemeines Bild des Märtyrers projektiert und dargestellt werden, um in einem zweiten Schritt diese allgemeingültigen Aussagen auf Gryphius` spezifische Märtyrerfiguren anzuwenden oder zu kontrastieren. Die vier untersuchten Dramen Leo Armenius, Catharina von Georgien, Carolus Stuardus und Aemilius Paulus Papinianus weisen jeweils eine Gemeinsamkeit auf: der Dramenheld ist zugleich Titelfigur und stirbt als Märtyrer – wie im einzelnen zu zeigen sein wird.

Dementsprechend gliedert sich diese Arbeit in drei Teile: einen allgemeinen Part zum Märtyrer, der Darstellung der Märtyrerfigur in Gryphius` vier Dramen (unter Berücksichtigung der Forschungsliteratur) und einer Ausarbeitung des Gryphschen Märtyrerbegriffs. Die einzelnen Tragödien sollen jeweils unter dem Aspekt des Märtyrertodes analysiert werden, um schließlich den für Gryphius eigenen Märtyrerbegriff zu konstruieren. In dieser Schlussbetrachtung soll verdeutlicht werden, inwiefern Gryphius einen von der Tradition unabhängigen Märtyrerbegriff entwickelt bzw. er sich an dem historischen Terminus orientiert.

Als Märtyrer wird eine Person bezeichnet, die sich für eine Idee bzw. ihre Überzeugung einsetzt, dafür Nachteile und Verfolgungen in Kauf und sogar den Tod auf sich nimmt. Charakteristisch für jeden Märtyrer ist seine „Standhaftigkeit, sein übermenschlicher Mut, ihre Seele bleibt von den Qualen des Leibes unangefochten, und sie gehen zur Folter, die zum unabdingbaren Bestandteil des Märtyrertodes wurde, wie zu einem Fest“. Der Begriff Märtyrer entstammt dem griechischen Wort Martyros, das mit Zeuge übersetzt werden kann. Mit dem Begriff des Zeugen wurden um das Jahr 100 vor allem Christen verbunden, die nach der Lehre Christi lebten. Im zweiten Jahrhundert nach Christi unterlag der Begriff Martyros dann einem Bedeutungswandel; er wurde präzisiert und die Konnotation bezog sich nun vor allem darauf, dass ein Märtyrer für seinen Glauben sterben musste.

In der Epoche des Barock entstanden zahlreiche Märtyrerstücke. Mit dieser Art von Dichtung sollten Menschen bekehrt werden, sie sollten sich wieder auf ihre christlichen Werte berufen und sich zu ihrem Glauben bekennen.

Gerade in Andreas Gryphius` Märtyrerdichtung wird der Tod des Dramenhelden nicht als negatives Moment des Lebens dargestellt. Es erscheint vielmehr so, als würde der Märtyrer in den Dramen als Sieger über den Tod hervorgehen. Der Held weiß, dass nach seinem Tode das ewige Leben beginnt. „Ja freylich! ja! Wir gehn zu Gott ins Leben ein. [...] Ade mit disem Kuß bis in die Ewigkeit.“ Der Tod führt somit nur den physischen Verfall des Menschen herbei, die Seele des Märtyrers tritt ins ewige Leben ein. Der Märtyrer triumphiert über den Tod, der folglich besiegt und überwunden wird.

Im Mittelalter stand folgende Warnung und Belehrung an den Wänden der Kirchen: „Bedenkt, dass Ihr alle sterben müsst.“ Gleichzeitig stand an versteckter Stelle jedoch auch die Verkündigung des ewigen Lebens – des Triumphes über den Tod. „Der ‚Christus triumphans’ wird im Mittelalter für den Gläubigen zum Sieger über den Tod.“ Der Glaube an Jesus Christus wird somit zu diesem Zeitpunkt gestärkt. Auch in den Barockdramen Andreas Gryphius` spielt der Glaube eine große Rolle. Denn erst durch den Glauben erscheinen moralische Werte wie Constantia, Frugalität und Aufrichtigkeit für den Märtyrer als die ,wahren’ und einzig richtigen Tugenden. Diese können als sogenannte ,ewige Werte’ bezeichnet werden. Denn diese ,guten Werte’ besiegen den Tod bzw. bestehen auch nach dem Tode weiter.

Dem gegenüber stehen die rein weltlichen Dinge wie z.B. Reichtum, Macht und Ansehen. Diese irdischen Güter spielen in der metaphysischen Welt keine Rolle mehr, denn sie überwinden den Tod nicht, sondern scheiden mit dem Tod vom Menschen. Genau das hat der Märtyrer erkannt. Deshalb werden für diese Person irdische Dinge im Vergleich zu Güte und Nächstenliebe nichtig. Der Märtyrer weiß, dass er durch seine Tugenden das ewige Leben erlangt und ihn nach seinem Tode Glückseligkeit erwartet. Mors ultima - der Todestag - ist deshalb für den Märtyrer nicht der letzte Tag seines Lebens, vielmehr beginnt für ihn danach erst das ewige Leben. Mors ultima kann für den Märtyrer somit auch als ultima spes bezeichnet werden.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 5
1. Allgemeines zum Begriff des Märtyrers 5
1.1 Der Märtyrer in der Barockliteratur 10
1.2 Gryphius` Leben und der Einfluss auf seine Märtyrerdramen 11
1.3 Das Jesuitendrama und der Einfluss auf Andreas Gryphius` Märtyrertragödien 12
2. Die Figur des Märtyrers in den Dramen des Andreas Gryphius 16
2.1 Die Figur des Märtyrers im Drama Leo Armenius 16
2.1.1 Der bisherige Forschungsstand 16
2.1.2 Leos Widersacher Michael Balbus 20
2.1.3 Die Rolle Theodosias in Bezug auf Leos Märtyrerende 21
2.1.4 Leo als Märtyrer 22
2.2 Die Figur des Märtyrers im Drama Catharina von Georgien 24
2.2.1 Der bisherige Forschungsstand 24
2.2.2 Die Angstmomente der Catharina von Georgien 40
2.2.3 Die Zeit- Ewigkeitsbehandlung im Hinblick auf Catharinas Märtyrerende 44
2.2.4 Catharina als Märtyrerin 45
2.3 Die Figur des Märtyrers im Drama Carolus Stuardus 48
2.3.1 Der bisherige Forschungsstand 48
2.3.2 Die Kronenbehandlung in Bezug auf Carolus` Märtyrerende 63
2.3.3 Der Nexus zwischen Christus und Carolus 66
2.3.4 Die Angstmomente des Carolus Stuardus 69
2.3.5 Der Aufbau des Dramas in Bezug auf Verschwörungs- und Rettungsaktionen 71
2.3.5.1 Der legitime Königsmord 74
2.3.5.2 Der illegitime Königsmord 75
2.3.5.3 Die Konsequenzen des Königsmordes 77
2.3.6 Carolus als Märtyrer 79
2.4 Die Figur des Märtyrers im Drama Aemilius Paulus Papinianus 81
2.4.1 Der bisherige Forschungsstand 81
2.4.2 Die Relevanz der Säkularisation in Bezug auf Papinians Märtyrerende 97
2.4.3 Die Prüfung Papinians oder der Rat zum verkehrten Stehen 100
2.4.4 Papinians irdischer Fall als Erhöhung 102
2.4.5 Papinian als Märtyrer 105
3. Der Märtyrerbegriff nach Andreas Gryphius 107
Literaturverzeichnis 111

Automatisiert erstellter Textauszug:

Carolus heraus,234 so daß die Bilder des unschuldig sterbenden Carolus und des gerechtfertigten Königsmörders Hewlet in Kontrast zueinander treten bzw. aufgebaut werden. Ein Widerspruch scheint zu entstehen. Gryphius selbst läßt die Frage, ob der Königsmord gerecht ist oder aber Carolus unschuldig stirbt, am Ende nicht offen. Er verschafft dem Leser durch den Auftritt der Religion in Szene IV,6 Klarheit. Die Religion stellt die Frage, warum Mord immer durch sie beschönt wird bzw. alle Mörder ihre Taten immer in ihrem Namen entschuldigen und als gerechtfertigt ansehen. „Wie lange soll ich noch der Schalckheit Deckel seyn? Wie lange läst durch mich der Pövel sich verführen? Vnd geht was Boßheit schleust in meinem Namen ein?“235 Dadurch wird deutlich, daß der Königsmord gerade keine gerechtfertigte Handlung ist, sondern ein Verbrechen darstellt. Die Religion schickt die Verbrecher weg und sagt, daß ein unschuldig Sterbender nicht von seinem rechten Wege abkommt und die Religion in Gott findet. „Geht! geht! und schmückt euch aus mit meines Mantels stücken! Ein reines Hertz läst sich durch dise nicht erquicken! Es sucht und findet mich in GOtt der Wahrheit ist.“236 Die letzten Worte der Religion „offenbaren dem Zeitgenossen, wo in diesem Trauerspiel Trug und Wahrheit zu finden sind, jene Wahrheit, die nun im letzten Akt des Dramas allein den Sieg behält und Carolus-Christus unter dem dreigestuften Sinnbild der Krone zum Triumphplatz der Hinrichtung führt.“237 Das Carolus-Drama, das sich nach Schöne an der Christuspassion orientiert, behandelt bzw. spielt jedoch nicht ausschließlich im metaphysischen Bereich. Schöne sieht vielmehr, daß die Anpassung des zeitgeschichtlichen Stoffes an die Formen des Passionsmodells [...] das Ewige im Vergänglichen selber aufleuchten läßt, [...] [und] in der Krone des Fürsten schon die der Märtyrer und die des ewigen Lebens beschlossen liegt.“238 Das bedeutet, in dem Bild der irdischen Welt als etwas Nichtiges, Schlechtes spiegelt sich schon das ewige Leben wider. Gryphius verwendet somit die vergängliche Welt, um das Ewige noch deutlicher hervorzuheben. Erst durch die Darstellung des irdischen Lebens als etwas Vergängliches erscheint die Figur des Carolus als „eine vom Menschlichen gereinigte, hochgesteigerte Figur von seltsam fremder, archaischer Strenge und Starrheit.“239 [...]

Schöne spielt hierbei auf die Bibelstelle Matthäus 27,15 an. Pilatus` Frau verlangt von ihrem Mann, sich nicht mit Jesus einzulassen. „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“230 Schöne versucht anhand der aufgeführten Textstellen zu beweisen, wie sehr sich Gryphius an der Lebens- und Leidensgeschichte des Gottessohnes orientiert bzw. daß Carolus eindeutig als Märtyrer endet. Selbst die Zeitpunkte der Exekution von Jesu und Carolus erscheinen nach Schöne identisch. Gryphius` Trauerspiel „beginnet umb Mitternacht und endet sich umb die dritte Stunde nach Mittag“231, wie schon in den Anfangserläuterungen des Dramas zu lesen ist. Schöne erklärt, Christus wäre „um die dritte Stunde nach Mittag nämlich (daß heißt: vmb die neunde stund) [...] am Kreuz gestorben.“232 Das Drama selbst verweist – wie Schöne veranschaulicht – auf eine weitere Bibelstelle des Alten Testaments. Es handelt sich dabei um den Inhalt von Samuel, 1,15. Samuel ist dabei Medium zwischen Gott und Saul. Gott läßt Saul überbringen, daß er das Volk der Amalekiter besiegen soll und niemanden verschonen darf. Saul verschont jedoch Agag, den König der Amalekiter. Samuel führt schließlich den Gottesbefehl aus und tötet König Agag. Im Gryphschen Drama nimmt Hugo Peter auf den Bibeltext Bezug. „Du wirst den langen Zanck durch Gottes Richt-Axt schlichten / Du wirst der Samuel auff unsern Agag seyn. Du rettest Christus Kirch` und schützest die Gemein. Du sel`ge Faust!“233 Hewlet nimmt dabei die Rolle von Samuel ein, da er später den König tötet. Carolus steht für den durch Samuel ermordeten König Agag. Saul läßt sich in der Figur des Feldherrn Fairfax wiederfinden, denn wie der biblische Saul versucht auch Fairfax, den König zu verschonen bzw. vor dem Tod zu bewahren, wie aus Szene I,2 hervorgeht. Hewlets Königsmord erscheint erst durch den Verweis auf die Bibelstelle als gerechtfertigt, denn dort befiehlt Gott ausdrücklich, die Amalekiter zu töten. Schöne empfindet es als bemerkenswert, daß Gryphius durch den Bibelbezug auf das Alte Testament sogar eine Rechtfertigung für die Hinrichtung König Carolus` findet. Die Gegner des Carolus werden somit in gewisser Weise als unschuldig bzw. nur als Ausführer des Gotteswillens angesehen. Gleichzeitig entsteht jedoch beim Rezipienten des Dramas das Bild des unschuldig sterbenden Märtyrers Carolus. Nach Schöne arbeitet Gryphius somit jeweils durch den Bezug auf die Bibel ein Gegenbild zu [...]

Tode plagt.“224 An einem weiteren Zitat macht Schöne deutlich, daß nicht nur Carolus selbst und die Hauptakteure des Dramas eine Verbindung zur Christusgestalt herstellen, sondern auch mit Hilfe eines Erzählers der Carolus-Christus-Stoff behandelt wird. So erklärt in Szene V,1 der erste Graf in der Rolle des Erzählers, daß Bischof Juxton auf die Bitte des Königs das Kirchenbuch aufschlägt und exakt die Stelle findet, in der es um die Hinrichtung Christi geht. „Als Juxton zu dem Werck das Kirchenbuch auffschlug / [...] fand sich daß gleich auff heut die Haubt-Geschicht gesetzt / die / wie der Fürsten Fürst durch eigen Volck verletzt vor seinem Richter stund / wie er von Geissel Streichen / vnd scharffen Dornen wund must an dem Creutz erbleichen der Christen Volck erzehlt / die uns Matthaeus schrib.“225 Als diese Textstelle Carolus` vorgelegt wurde, so erzählt der Graf weiter, war dieser freudig erregt. „Er schöpffte wahre Lust / daß JEsus durch sein Leiden sich fast den Tag mit ihm gewürdigt abzuscheiden. Sein Geist / in dem er sich auffs neu mit Gott verband / schin mehr erquickt zu seyn.“226 Eine weitere Aufarbeitung des Christus-Stoffes stellt nach Schöne die Szene dar, in der Poleh auftritt. Schöne findet hierbei Poleh in der Rolle des Judas wieder. „,Poleh’ ist in der Tat ein Pseudonym – jenes Verräthers nämlich, den sein Gewissen, nach der Erkenntnis, daß er vnschuldig Blut verrhaten hatte, dazu trieb, sich selbst zu richten: ,Poleh’ ist das Pseudonym des Judas, und die Erweiterung des Trauerspiels um diese Szene gilt ohne Zweifel auch und insonderheit einer vollständigeren Ausprägung des Passionsmodells.“227 Angepaßt an die Christusgeschichte ist auch der Versuch der Rettungsaktion der Gemahlin des Fairfax. So wie schon zu Lebzeiten Jesu ein Befreiungsversuch geplant war, den Jesus allerdings (mit Berufung auf Erfüllung der Schrift) ablehnt, genauso ist Carolus strikt gegen seine Befreiung.228 Der Gemahlin des Fairfax wird in diesem Drama auch eine biblische Rolle aus dem neuen Testament übertragen. Sie nimmt laut Schöne die Stellung von Pilatus` Frau ein. „Aus der Gleichung der Hauptfiguren ergibt sich folgerichtig die Funktion der Gemahlin des Fairfax, die den Feldherren bittet, nichts zu schaffen zu haben mit dem König und seine Freisetzung zu erwirken: sie tritt in die Rolle der Frau des Pilatus.“229 [...]

Arbeit zitieren:
Hollensteiner, Kirsten Dezember 1999: Die Figur des Märtyrers in den Dramen des Andreas Gryphius, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Barockliteratur, Angstmoment, Drama, Säkularisation, Jesuit

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