Fernsehen in der Familie - Vom sinnvollen Umgang mit einem Massenmedium
- Art: Fachstudie
- Autor: Ralf-Peter Nungäßer
- Abgabedatum: Juni 1999
- Umfang: 189 Seiten
- Dateigröße: 914,5 KB
- Institution / Hochschule: Diplomica Verlag GmbH Deutschland
- Bibliografie: ca. 313
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1138-1
- ISBN (CD) :978-3-8366-1138-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Nungäßer, Ralf-Peter Juni 1999: Fernsehen in der Familie - Vom sinnvollen Umgang mit einem Massenmedium, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Fernsehen, Medienwirkung, Massenmedium, Familie, Erwachsenenbildung
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Fachstudie von Ralf-Peter Nungäßer
Einleitung:
Das Interesse am Thema „Fernsehen in der Familien“ entsprang meiner Tätigkeit als Sozialpädagoge in kommunalen Kindertagesstätten in den Jahren 1994 bis 1999. In diesen Sozialisationsstätten begegnete mir während meiner Erziehungsarbeit mit Kindern und innerhalb der Beratungsgespräche mit Eltern das Thema Fernsehen als Alltagsgegenstand recht häufig: Kinder redeten über ihre Lieblingssendungen und planten ihren Alltag nach Sendezeiten. Sie sprachen darüber, daß sie Figuren und Bilder ihrer Lieblings-Fernsehhelden besitzen würden und diese im Spiel imitieren. Eltern klagten über Konflikte mit ihren Kindern weil ihre Sprößlinge andere Sendungen schauen wollten als sie selbst und zu Zeiten, in denen Sendungen für Kinder nicht mehr geeignet sind. Eltern befürchteten die schlimmsten Auswirkungen auf ihre Kinder durch das, ihrer Meinung nach, hohe Gewaltpotential innerhalb der Fernsehsendungen. Selbst Erzieher und Erzieherinnen innerhalb der Kinderbetreuungseinrichtungen stehen dem Medium Fernsehen signifikant skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Durch diese praktische Berührung mit dieser Thematik gelang ich zu der Erkenntnis, daß das Fernsehen mittlerweile integraler Bestandteil der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen sowie der gesamten Familie ist. Kinder erlangen einen Teil ihrer Erfahrungen aus Fernsehmedien und beziehen sie in ihre Alltagswelt mit ein. Eltern sind damit meist überfordert. Sie reagieren verständnislos und erhoffen sich von Pädagogen eine Anti-Fernseh-Erziehung. Allerdings sind sich Eltern hierbei oft nicht bewußt, daß sie durch ihre eigene alltägliche Fernsehnutzung Vorbildfunktion für ihre Kinder übernehmen, an denen sich Kinder hinsichtlich der Entwicklung eigener Handlungsmuster orientieren. Auch die Literatur beschäftigt sich vornehmlich mit negativen Fernsehwirkungen auf Kinder: Sie rückt dabei das Medium Fernsehen einseitig in den Vordergrund bei der Suche nach Gründen für kindliche „Fehlentwicklungen“ und blendet hierbei die Familie in ihren äußeren und inneren Sozialisations- und Interaktionszusammenhängen, auch in Bezug zur Fernsehnutzung, aus.
Hier sind Pädagogen und Sozialpädagogen - gemäß ihrer Berufsethik - aufgefordert, ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag gegenüber Kindern sowie dem Beratungsauftrag gegenüber Eltern gerecht zu werden und integrierend zu intervenieren: Das heißt einerseits, daß Pädagogen in ihren jeweiligen Einrichtungen Kindern einen konstruktiven und mündigen Umgang mit dem Medium Fernsehen anzuerziehen haben und andererseits, daß Pädagogen den Eltern mit ihren Familien-Medien-Problematiken ein vorurteilsfreies und kritisches Medienbewußtsein schärfen müssen bei gleichzeitiger Vermittlung konstruktiver Auseinandersetzungs- und Problemlösungsmechanismen bezüglich der Medien- bzw. Fernsehnutzung. Das pädagogische Personal in der Kinder- und Jugendarbeit sowie in der Erwachsenenbildung muß sich hierbei mit der Thematik „Fernsehen in der Familie“ vertraut machen, um Kindern, Eltern und professionell tätigen Pädagogen bildend und beratend zur Seite stehen zu können. Doch leider wurde in den letzten zwei Jahrzehnten die gesamte Fernsehentwicklung von Pädagogen nur am Rande zur Kenntnis genommen, so daß sie nur spärliche Handlungsmethoden im Umgang mit der Fernsehproblematik aufzuweisen haben. Diese Verweigerungshaltung von Pädagogen aus der Praxis kann die gesamte Zunft in den Verruf der Realitätsfremdheit und Anachronismus bringen. Erst in jüngster Zeit beginnt die Pädagogik das Feld der Medienlandschaft und ihre Wirkungen auf die Menschen in Sozialzusammenhängen für sich zu entdecken und sich somit auf praktischer und theoretischer erziehungswissenschaftlicher Ebene auseinanderzusetzen (z.B. Hochschulen, Fachhochschulen, Fachschulen für Sozialpädagogik, zur Ausbildung von Erzieherinnen, und Erziehern, Fortbildungsseminare etc.). So gibt es bis heute innerhalb der gesamten wissenschaftlichen Forschung und Literatur keine allgemeine Einführung zum Thema Medienwirkungsforschung oder Mediensozialisation im Familienkontext, so daß verantwortlich Handelnde diffuse, nicht-einheitliche Handlungskompetenzen zur Thematik entwickeln. Die Bewerkstelligung einer Einführung wäre hier ein interessantes Forschungs- und Betätigungsfeld für die Wissenschaftler und hilfreich für die Professionellen in den Praxisfeldern.
Über die Art der Einflüsse der elektronischen Programm-Medien und deren Auswirkungen auf den Rezipienten insbesondere über die des Fernsehens wird seit drei Jahrzehnten in der (Fach-)Öffentlichkeit kontrovers diskutiert: Die Fraktion der Kultur-Pessimisten (Apokalyptiker) vertritt hierbei die Ansicht, daß die Verbreitung des elektronischen Mediums Fernsehen den kulturell-gesellschaftlichen Untergang bedeute; Kultur-Positivisten (Integrierte) hingegen versprechen sich hiervon unter anderem den globalen Fortschritt.
Innerhalb dieser häufig irrational, emotional und ideologisch geführten Medienwirkungsdiskussion suchen Eltern, Lehrer, Erzieher und Pädagogen oft unsicher nach Orientierung. Maßstäben und Normen für den rechten Umgang mit den neuen Medien. Dementsprechend leitet sich hieraus die Zielsetzung des Readers ab: Es soll die Frage nach den Funktionen und Wirkungen von Medien, hier insbesondere nach denen des Mediums Fernsehen, aus dem Blickwinkel der Lebenswelt des Rezipienten, konkret aus dem Lebens Zusammenhang der Familie, durchleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 4 | |
| Einführung | 6 | |
| Seminarverlauf | 10 | |
| 1. | Kapitel | 13 |
| 1.1 | Die Familie und ihre Strukturen | 13 |
| 1.2 | Das Fernsehen und seine Funktionen | 18 |
| 1.3 | Fernsehwirkungen auf die Familie | 23 |
| 2. | Kapitel | 27 |
| 2.1 | Kulturgeschichtlicher Abriß des Mediums Fernsehen | 27 |
| 2.2 | Historische Entwicklung des Fernsehens im soziokulturellen Kontext der vorbundesrepublikanischen Gesellschaften | 28 |
| 2.3 | Soziokultureller Strukturwandel der bundesrepublikanischen Gesellschaft durch die Medienevolution | 31 |
| 3. | Kapitel | 36 |
| 3.1 | Soziale und individuelle Sozialisationsvoraussetzungen | 36 |
| 3.2 | Milieuzugehörigkeit und Interaktionsprozesse | 36 |
| 3.3 | Entwicklungspsychologische Ansätze der Kindheit und Adoleszenz | 41 |
| 4. | Kapitel | 51 |
| 4.1 | Mediensozialisation im Familienkontext | 51 |
| 4.2 | Sozialisationsrelevante Wirkungstheorien | 54 |
| 4.2.1 | Gängige Öffentlichkeitswirksame Fernsehwirkungsthesen | 54 |
| 4.2.2 | Ansätze wissenschaftlicher Medienwirkungsmodelle | 57 |
| 4.2.3 | Emotionale, kognitive und medizinische Wirkungstheorien | 61 |
| 4.2.4 | Familienzentrierte und kommunikationstheoretische Ansätze | 67 |
| 4.3 | Familiäre Wirkungsvoraussetzungen | 70 |
| 4.3.1 | Elterliche Fernsehnutzungsroutinen | 71 |
| 4.3.2 | Fernsehnutzungsroutinen Kinder und Jugendlicher | 79 |
| 4.4 | Soziale Funktionen des Fernsehens und deren Wirkungen im Familiensystem | 90 |
| 4.4.1 | Rollenbildung und -differenzierung | 95 |
| 4.4.2 | Integrations- und Isolationsaspekte | 102 |
| 5. | Kapitel | 109 |
| 5.1 | Die Bedeutung der familialen Fernsehsozialisation für pädagogische Handlungskonzepte zur Sozialisationshilfe | 109 |
| 5.2 | Curriculum Fernseherziehung und medienbezogene Elternarbeit als familienzentrierte Medienpädagogik | 113 |
| 5.2.1 | Konzepte der Schulen | 117 |
| 5.2.2 | Konzepte der Kinder- und Jugendbetreuungseinrichtrungen | 124 |
| 5.3 | Entwicklung von Fragestellungen zur Ausarbeitung empirischer und handlungsrelevanter Untersuchungen und Erkundungen | 130 |
| 6. | Kapitel | 140 |
| Zusammenfassung | 140 | |
| Literaturverzeichnis | 144 | |
| Glossar/Index | 162 |
Textprobe:
Kapitel 4.4, Soziale Funktionen des Fernsehens und deren Wirkungen im Familiensystem:
Ausgangsfragen: Welche sozialen Funktionen werden dem Fernsehen zugeschrieben? Wie wirken sich diese Funktionen auf das Familiensystem aus? Welche Rolle übernimmt das Fernsehen bei der Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen? Welche Funktionen werden dem Fernsehen durch die Eltern zugeschrieben?
„'Funktion' ist ebenso wie 'Wirkung' einer der Grundbegriffe der Kommunikationsforschung, die die Beziehung zwischen der Gesamtgesellschaft und den Medien sowie zwischen den Medien und dem Medienpublikum kennzeichnen sollen“. Hierbei versucht die Funktionsanalyse von Lasswell diese Beziehungen empirisch mit der vordergründigen Frage zu erfassen, welchen Beitrag das Mediensystem zum Funktionieren des Gesamtsystems leistet. Allerdings umfaßt, nach Rühl, der Begriff Medienfunktion den komplexen Wirkungszusammenhang der Medienkommunikation nur sehr ungenau und es müssen dabei folgende Unterscheidungen berücksichtigt werden:
1. Die normativen Vorgaben der Gesellschaft; 2. Die Intention der Journalisten und Sendeanstalten; 3. Die Folgen für gesellschaftliche Teilsysteme; 4. Die Bedeutungszuweisung der Rezipienten.
Medienfunktionen sind somit abhängig vom jeweiligen Bezugssystem und anstelle von Gesellschaft kann auch die Variable Familie und ihre Teilsysteme eingesetzt werden. Rühl spricht in diesem Zusammenhang davon, daß bestimmte Medienangebote funktional, also die Funktionsfähigkeit eines Systems fördern können; sie können dysfunktional sein, also das System in seinem Bestand behindern; oder nicht-funktional, d.h. für den Systemzustand ohne Bedeutung sein.
In diesem Unterkapitel sollen speziell die sozialen Funktionen des Fernsehens dargestellt werden, die immer auch „antisoziale als auch prosoziale Wirkungen“ auf die Familienmitglieder und die Familie als Ganzes, insbesondere aber Integrations- bzw. Isolationswirkungen auf und Rollendifferenzierungen innerhalb des Familiensystems hervorrufen. Hierzu dienen als Grundlage die aus den Grundannahmen gewonnenen Sozialisations-, Struktur-, Interaktions- und Kommunikationserkenntnisse der Familie als System sowie die oben beschriebenen Fernsehnutzungsvoraussetzungen und -Nutzungsroutinen der einzelnen Familiensubsysteme Eltern und Kinder bzw. Jugendliche. Der Schnittpunkt beider Funktionssysteme, Fernsehen und Familie, liegt in der „Übermittlungsfunktion“, d.h. in der Übermittlung sozialisationsrelevanter Informationen, die allerdings nicht immer für beide Funktionssysteme den selben Stellenwert einnehmen müssen. Dabei ergibt sich, daß die dem Medium Fernsehen traditionell zugeschriebenen Funktionen mit den Hauptfunktionen der Familie (vgl. Abb.3 im Anhang) korrelieren oder kollidieren können. Hierunter ist zu verstehen, daß bestimmte angebotene Sozialisationsleistungen und Sozialisationsbeiträge des Fernsehens (= mediale Sozialisationsfunktionen) besonders dann - entsprechend des 'Nutzenansatzes' - in Anspruch genommen werden, wenn es das Bedürfnis oder die Situation eines Familienmitgliedes oder eines Subsystems zur Bewältigung bestimmter individueller oder familiärer Anforderungen, Aufgaben und Probleme erfordert.
Allerdings gehen Barthelmes und Kollegen hierbei im Allgemeinen davon aus, daß Funktionen auch als Bedürfnisse beschrieben werden können, die der Rezipient in seiner täglichen Interaktion mit seiner Umwelt zu befriedigen sucht. So lassen sich diese Bedürfnisse in kognitive, emotionale und soziale Bedürfnisse einteilen, die dann bestimmten Medieninhalten zugeordnet werden. Insofern können - ausgehend vom 'Familiensystem-Ansatz' - für (z.B. dysfunktionale) systemische Strukturen problematische Fernsehinhalte - nach der 'Theorie der Selektiven Wahrnehmung' - entweder vermieden werden, oder aber - entsprechend der 'Rahmenanalyse' - mittels Fernsehen bestehende systemische Strukturen in einem interaktiven bzw. kommunikativen Prozeß - gemäß 'Thematisierungsansatz' - thematisiert, oder - gemäß der 'Verstärker-Hypothese' verstärkt oder - umgekehrt - zur Disposition gestellt werden (wobei diese Prozesse sowohl bewußt als auch unbewußt verlaufen können). Es wird dabei eindeutig erkennbar, daß die einzelnen wissenschaftlichen Theorien, Ansätze und Hypothesen nicht isoliert voneinander betrachtet werden können, sondern innerhalb eines sozialen Systems unmittelbar miteinander verknüpft sind. Weiterhin wird ersichtlich, daß die Familie entsprechend ihrer sozialen Situation dem Fernsehen für sich adäquate soziale Funktionen zuweist, die über die konventionellen Funktionszuweisungen des Fernsehens hinausgehen.
Nach diesem Verständnis werden in der Literatur Medien, und demnach auch Fernsehen, als Mittel zur Alltags- bzw. Lebensbewältigung beschrieben. Da jedes Familienmitglied entsprechend seines Entwicklungsstandes, seiner Stellung und Funktion innerhalb des Familiensystems, seiner Berufs-, Milieu- und Alltagssituation unterschiedliche Bewältigungsmuster für sich in Anspruch nimmt, sollen Fernseh-Funktionszuweisungen zunächst aus unterschiedlicher individueller Rezipientenperspektive schlagwortartig zusammengetragen werden (ohne soziale Funktionen): So lassen sich für Kinder im Vorschulalter typische Medienfunktionen zuordnen, die auch für das Medium Fernsehen Gültigkeit haben können und je nach den Erziehungsvorstellungen der Eltern und Milieuzugehörigkeit unterschiedliche Bedeutung für das Kind einnehmen:
1. Lernfunktion: Kinder verwenden Medien, um Wissen zu erlangen, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen und um für sich neue Welten zu erschließen. 2. Handlungsfunktion: Kinder bekommen Impulse aus Medien, um ihre handlungsleitenden Themen in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu bearbeiten. 3. Sinnes-Funktion: Diese Funktion wird vor allem von Kindern aus städtischen Lebensumwelten mit geringen Spielmöglichkeiten im Wohnumfeld in Anspruch genommen. D.h. gerade weil bei audio-visuellen Medien die sinnlichen Reize sehr hoch sind, wird verstärkt auf das Fernsehen als Sinneserfahrung zurückgegriffen. 4. Autonomiefunktion: Durch die Mediennutzung verändern Kinder ihre Auseinandersetzung mit Erwachsenen, vor altem im Umgang mit den Medien selbst, wodurch Selbständigkeit ausgedrückt werden soll. 5. Angstbewätigungsfunktion: Kinder nutzen Fernsehen bzw. Fernsehhelden (Pumukl u.a.), um mit seinen im Alltag erlebten Ängsten besser fertig zu werden und projiziert seine Ängste auf die Fernsehfigur. 6. Soziale Funktionen: siehe unten.
Nach einer Infratest-Untersuchung lassen sich die Motive des Fernsehkonsums von Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren in folgende Funktionskategorien einteilen:
1. Unterhaltende oder emotionale Funktionen: Fernsehen dient der Spannung, dem Nervenkitzel und Spaß, der Entspannung, dem Zeitvertreib, dem Vertreiben von Langeweile, zur Anregung von Phantasie und Tagträumen. Für Luger kann diese unterhaltende Funktion für Jugendliche auch Problemfluchttendenzen aufweisen, wenn Medien z.B. als Flucht vor Schularbeiten oder sonstigen Pflichten benutzt werden.
2. Informative und kognitive Funktionen: Fernsehen dient dem Aneignen von aktuellen und allgemeinen Informationen zur Wissenserweiterung, es gibt praktische Informationen für den Alltag, es stimuliert die Phantasie, es dient zur Orientierung in der Wirklichkeit und es setzt Normen.
3. Erholungs- bzw. Rückzugsfunktionen: Das Fernsehen dient dem Rückzug aus dem Alltag, man kann seine Umgebung und seine Sorgen vergessen und sich in eine Traumwelt bzw. Ersatzwelt begeben.
4. Kinder- und Jugendkulturfunktion: Kinder und Jugendliche eigenen sich aus dem Fernsehen und dem Medienverbund kinder- und jugendkulturspezifische Identifikations- und Handlungsmuster an (z.B. Fernsehhelden als Idol zur Lebensführung. Markenartikel als Ausdrucksweise eines bestimmten Lebensstils und Zugehörigkeit zu einer Subgruppe etc.).
5. Soziale Funktionen: siehe unten.
Weiterhin werden dem Fernsehen im Rahmen der Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen, Funktionen der Identitäts- und Entwicklungsförderung zugeschrieben. Selbstbeschäftigungsfunktionen finden sich beispielsweise bezüglich Einzel- oder Heimkindern und lassen sich gewiss auch Kindern in dysfunktionalen Familienstrukturen und mit mangelnden Spielmöglichkeiten zuschreiben. Ferner muß bei ausländischen Kindern und Jugendlichen berücksichtigt werden, daß das Fernsehen sicherlich Kulturaneignungsfunktionen für sie übernehmen kann, was jedoch in der Literatur bislang nicht explizit untersucht wurde.
Die elterliche Funktionszuweisung des Fernsehens hängt immer auch mit den eigenen Einstellungskonzepten gegenüber Fernsehen zusammen und lassen sich anhand der o.g. milieutypischen Fernsehnutzungsroutinen wie folgt beschreiben: Da in 'sozio-orientierten' Familien mehr fern gesehen wird als in 'konzept-orientierten' Familien, reichen die Funktionszuweisungen hier überwiegend von der Strukturierungsfunktion von Zeit- und Alltagsorganisation über die Unterhaltungsfunktionen, Konsum- und Lebensstilfunktionen bis hin zu vordergründigen sozialen Funktionen (siehe unten). 'Konzept-orientierte' Familien hingegen weisen dem Fernsehen vor allem Vermittlungsfunktionen hinsichtlich gesellschaftlicher Normen und Werte zu sowie Wissenserweiterungsfunktionen. Weiterhin dient das Fernsehen als Anlaß für die symbolische Verarbeitung realer Ereignisse und zum Kennenlernen der Bandbreite von Kommunikationsmöglichkeiten. Über milieutypische Funktionszuweisungen hinaus dient das Fernsehen für Eltern und für die Familie als Ganzes zur Selbst- und Statusdefinition, d.h. daß z.B. sogenannte 'Fernsehvermeider' in ihrer Fernseh-Ablehnung ein bestimmtes Selbstbild gegenüber den Fernsehnutzern präsentieren und z.B. informationssüchtige Fernsehnutzer ihr aus dem Fernsehen erworbenes Wissen gerne demonstrieren. Fernseh-Funktionszuweisungen zur Alltagsbewältigung unter sozio-kulturellen Voraussetzungen erschwerter Lebensbedingungen werden auf den Ebenen der Arbeitslosigkeit, alleinerziehender Elternteile, älterer Menschen sowie der sozialen und bildungsmäßigen Chancenungleichheit beschrieben, die insgesamt vor allem dem Bereich sozialer Funktionen zuzuschreiben sind.
Auf die sozialen Funktionen, die das Fernsehen für die Familie übernimmt sowie auf ihre sozialen Wirkungen im Familiensystem, wurde in der amerikanischen Medienforschung seit etwa Mitte der siebziger Jahre hingewiesen. Studien renommierter Forscher kamen hinsichtlich der sozialen Fernseh-Funktionszuweisung in der Familie zu zwei Haupt-Funktionskategorien mit mehreren Unterkategorien, die für die Familienmitglieder in ihrem Interaktionszusammenhang unterschiedliche Gewichtung haben und die Funktionszuweisungsgrenzen je nach Situation fließend sein können:
1. Strukturale Funktionen: (a) Umgebungs-Funktionen: Der Fernseher tauft und der Rezipient fühlt sich nicht allein, aber unterhalten und unter Gesellschaft, unabhängig davon ob dem Inhalt und der Handlung der Sendung gefolgt wird oder nicht. (b) Regulative Funktionen: Der Fernseher dient zur Zeit- und Handlungsplanung im Alltag sowie zur Strukturierung von Bewältigungs-, Gesprächs-, Interaktionsmuster, Fernsehritualen, -routinen und -regeln. Fernsehen dient auch der Strukturierung von Erholung und Rückzug.
2. Relationale Funktionen: (a) Kommunikations-Funktionen (auch: Gesprächsfördernde Funktionen): Die Sendungen stellen Inhalte bereit, die gemeinsames Wissen berühren und somit Anregungen zur Unterhaltung über die Themen geben, gegenseitiges Verständnis anregen (z.B. zwischen Generationen) und reduziert Ängste. (b) Bindungs-Meidungs-Funktionen (auch: Kontaktbereitschaftsfunktionen bzw. Kontaktvermeidungsfunktionen): Das Fernsehen ermöglicht Familiengemeinsamkeiten und ein familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl; es ermöglicht aber auch die Vermeidung von Konflikten und reduziert die gegenseitige Konfliktbereitschaft. Ferner kann das Fernsehen auch als Ersatz für soziale Treffpunkte und Kontakte sowie als Partnerersatz für fehlende, gestörte oder vermiedene Kontakte fungieren. (c) Funktionen sozialen Lernens: Das Fernsehen bietet Verhaltens- und Problemlösungsmodelle an, es vermittelt Werte und erweitert soziales Wissen. (d) Kompetenz- und Machtfunktionen: Das Fernsehen bietet Rollenmuster und Rollen- bzw. Kompetenzverstärkung, es fördert intellektuelle Bestätigung, es stützt die Autorität der Eltern und deren Kontrolle, es liefert Argumentations-, Erziehungshilfe und übernimmt somit auch Erziehungsfunktion und dient als Belohnungs- oder Bestrafungsmittel und es liefert Informationen und fördert Bildung.
Bei dieser Fülle von Funktionsaspekten wird deutlich, daß diesen Funktionszuweisungen jeweils antisoziale oder prosoziale Wirkungen innewohnen. Im Folgenden sollen diese Funktionszuweisungen in den nächsten Kapitelabschnitten auf ihre Integrations- bzw. Isolationswirkungen sowie auf ihre Rollenbildung und -differenzierung innerhalb des Familiensystems dargestellt werden.
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Nungäßer, Ralf-Peter Juni 1999: Fernsehen in der Familie - Vom sinnvollen Umgang mit einem Massenmedium, Hamburg: Diplomica Verlag
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