Faszination filmischer Gewalt
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Jana Ebermann
- Abgabedatum: August 2007
- Umfang: 150 Seiten
- Dateigröße: 2,1 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 41
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1257-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Ebermann, Jana August 2007: Faszination filmischer Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gewalt, Medientheorien, Erlebnisgesellschaft, Zivilisationsprozess, Giddens
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Diplomarbeit von Jana Ebermann
Problemstellung:
Wenn man Personen befragt, was sie zu filmische Gewalt sagen bzw. warum sie sich Gewaltdarstellungen in Film und Fernsehen anschauen, erhält man meist keine konkreten Antworten. So groß wie das Interesse am Thema ist, auch wenn die Möglichkeit der Beeinflussung durch die Medien nicht verleugnet werden kann, so gering ist die Klarheit über die Gründe für diese Faszination. Diese Auseinandersetzung mit der Thematik „Faszination filmischer Gewalt“ soll dementsprechend klären, aus welchen Gründen heraus sich Personen Gewaltdarstellungen in Filmen ansehen, was im Allgemeinen den Reiz solcher Darstellungen ausmacht, ob es milieuspezifische Unterschiede gibt und ob bzw. welche Einflussfaktoren bezüglich unterschiedlichen Rezeptionsverhaltens es geben könnte. Um diese Fragen beantworten zu können, werden theoretische Ausarbeitungen, sowie milieuspezifische Untersuchungen einer 2006 durchgeführten quantitativen Befragung herangezogen. Die Medienwirkungsfrage wird allerdings innerhalb der gesamten Abhandlung unberücksichtigt bleiben.
Gang der Untersuchung:
Die Thematik ‚Gewalt als Medienprozess’ wird von verschiedenen Seiten beleuchtet. In unterschiedlichen Quellen wurden mehrere wichtige Komponenten benannt: Das Verhältnis des Rezipienten zum TV, Kommunikationsstrukturen, psychische Prozesse, physische Prozesse, soziale oder situative Prozesse und nicht zuletzt historische Abläufe - um nur einige Wichtige genannt zu haben. In der Quintessenz bedeutet dies, dass das Individuum in seiner Faszination an der medial übermittelten Gewalt nicht isoliert betrachtet werden kann. Es würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen all jene Elemente zum Bestandteil der Untersuchung zu machen. Daher wird hier im Einzelnen auf historische, psychosoziale und soziale (milieuspezifische) Komponenten eingegangen.
Den Kern der Untersuchung des historischen Segments bildet die Theorie von Norbert Elias zum Zivilisationsprozess. Er zeigte, dass historische Prozesse eine wichtige Rolle bei aktuellen sozialen Gefügen spielen. Ebenfalls wurde auf die Thematik der Entstehung von Gewaltmonopolen und der Internalisierung gesellschaftlicher Normen bezüglich der Auslebung physischer Gewaltakte eingegangen.
Ein wichtiger weiterer Untersuchungsschritt war die Betrachtung des Individuums in seinem psychischen und sozialen Kontext, da eine Erläuterung des Verhaltens zu medialer Gewalt nur durch die Vermutung eines Einflusses historischer Prozesse nicht erbracht werden kann.
Die psychische oder auch psychosoziale Komponente wird durch Faktoren wie das Urvertrauen, dem daraus resultierenden „protective cocoon“ und dem Sicherheitsgefüge, aber auch durch kognitive Komponenten, wie Vorwissen, Erwartungen, Erfahrungen und den Persönlichkeitsdispositionen bestimmt. Nach dem Vorbild Giddens wird von zwei grundlegenden Situationen ausgegangen. Die erste Konstellation erklärt die Ursachen und Folgen einer möglichen Unsicherheit und Ängstlichkeit bezüglich der Rezeption gewalthaltiger Darstellungen. Die zweite Position erläutert verschiedene Zuwendungsgründe zu Gewaltpräsentationen von Personen ohne diese grundlegende Unsicherheit. Die Ausarbeitungen hierzu bilden nach den Betrachtungen des historischen Kontexts den zweiten Teil der Untersuchungen.
Der soziale Kontext wird bestimmt durch Internalisierung der gesellschaftlichen Normen und eine Anpassung an die Milieustruktur. Welche Milieus sich im Einzelnen zeigen und welche konkreten - auf die Filmrezeption gewalthaltiger Darstellungen bezogenen - Vorlieben sich bilden, wird anhand der Daten aus der quantitativen Onlinebefragung von 2006 erläutert. In der vergleichenden Analyse der Daten aus jener Onlinebefragung und einer milieuspezifischen Untersuchung der Erlebnisgesellschaft von Gerhard Schulze werden Zusammenhänge zu einzelnen psychosozialen Theorien hergestellt.
Die hier vorgenommenen Kategorisierungen sollen eine Orientierung und grobe Einordnung ermöglichen. Überschneidungen beziehungsweise Wiederholungen werden nicht ganz zu vermeiden sein, und im Sinne einer Übersichtlichkeit und besseren Verständlichkeit akzeptiert.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Inhaltsverzeichnis | III |
| 2. | Abbildungsverzeichnis | VI |
| 3. | Einleitung | 1 |
| 3.1 | Untersuchungsvorhaben | 1 |
| 3.2 | Struktur | 1 |
| 3.3 | Methodik | 4 |
| 3.4 | Gütekriterien der empirischen Arbeiten | 5 |
| 4. | Definitionen | 7 |
| 4.1 | Faszination | 7 |
| 4.2 | Film | 7 |
| 4.3 | Gewalt | 8 |
| 5. | Personaler Kontext | 12 |
| 5.1 | Historische Komponente | 12 |
| 5.1.1 | Allgemeine Erläuterung | 13 |
| 5.1.2 | Wandel der Gewalt | 16 |
| 5.1.3 | Fazit bezüglich der rudimentären Gewaltdisposition | 18 |
| 5.2 | Psychosoziale Komponente | 20 |
| 5.2.1 | Allgemeines zu Giddens Konzept der Selbstidentität | 20 |
| 5.2.1.1 | Konzepte der Ängstlichkeit und Folgen der Rezeption | 23 |
| 5.3 | Soziale Komponente | 47 |
| 5.3.1 | Erlebnisgesellschaft nach Schulze | 47 |
| 5.3.2 | Grundlegende Einteilung des sozialen Raums in der Erlebnisgesellschaft | 48 |
| 5.3.3 | Charakteristiken verschiedener Stiltypen der Erlebnisgesellschaft | 53 |
| 5.3.4 | Auswertung der Daten der Umfrage | 57 |
| 6. | Gesamtfazit und Zusammenfassung | 104 |
| 7. | Anhang | 106 |
| 7.1 | Tabellenband | 106 |
| 7.1.1 | Abbildung 7-I: Vergleichende Betrachtung von Frauen u. Männern | 106 |
| 7.1.2 | Abbildungen 7-II: Diagramme zu allgemeinen vertikalen und horizontalen Tendenzen | 112 |
| 7.1.2.1 | Allein vertikale Trends (Bildungstrends) | 112 |
| 7.1.2.2 | Allein horizontale Trends (Alterstrends) | 113 |
| 7.1.2.3 | Gemeinsame Trends (vertikal und horizontal (Bildung und Alter)) | 114 |
| 7.1.3 | Abbildung 7-III: Streudiagramm Präferenzen und Alter | 116 |
| 7.1.4 | Abbildung 7-IV: Regressionsplot Niveaumilieu: Bewertung übertrieben actionreicher Darstellung und Präferenz für übertriebene Darstellungen | 117 |
| 7.1.5 | Abbildungen 7-V: milieuspezifische Kreuztabellen | 118 |
| 7.2 | Begriffsdefinitionen | 129 |
| 8. | Quellenangaben | 139 |
Textprobe:
Kapitel 5.1.1 Gesellschaften sind nach Norbert Elias Figurationen („Beziehungsgeflechte“) beziehungsweise Funktionszusammenhänge interdependenter Individuen mit mehr oder weniger stabilen Machtbalancen.
Elias Grundlage zur Annahme des Zivilisationsprozesses ist eine steigende Zahl interdependent verbundener Menschen innerhalb eines Raumes. Daraus resultiert ein Druck zur Organisation, zur steigenden Funktionalisierung und Spezialisierung. Die Abhängigkeiten zwischen Funktionsteilungen großer Menschenräume werden stärker (soziale Abhängigkeiten steigen). „Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, über die sich dieses Geflecht erstreckt, und die sich mit dieser Verflechtung, sei es funktionell, sei es institutionell, zu einer Einheit zusammenschließen, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige gesellschaftlich im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag, und desto stärker wird jeder Einzelne auch von klein auf dazu gedrängt, die Wirkung seiner Handlungen oder die Wirkung der Handlungen von Anderen über eine ganze Reihe von Kettengliedern hinweg zu bedenken“. Zusammengefasst bedeutet diese Aussage, dass die zunehmenden interdependenten Bindungen der Menschen zu einem größeren Druck zur Zurückhaltung der Affekte führen. „Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren“. Es entstehen genaue Triebregelungen mit relativ geordnetem Triebverzicht. Als Reglementierungen des Verhaltens Einzelner in Abhängigkeit der funktionellen Interdependenzen entstehen gesellschaftliche Normen, welche einen gewissen Sicherheitsstandard schaffen. Der steigende Konkurrenzdruck unter den verschieden gesellschaftlich positionierten Menschen führt zu einer wachsenden gegenseitigen differenzierten Beobachtung.
Ängste - beispielsweise vor sozialer Degradierung - bilden hierbei die Verbindungswege zur Übertragung der Normen der Gesellschaft auf individuelle psychische Funktionen. Sie sind das psychische Gegenstück der Zwänge, die Menschen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Abhängigkeiten aufeinander ausüben. Die Stärke, Art und Struktur der Ängste ist allerdings abhängig von der Geschichte, den aktuellen Interdependenzen zwischen den Menschen und der Struktur der Gesellschaft.
Generell ist der Wandel der Affekte ein Prozess der Rationalisierung bzw. psychogenetischer Veränderungen. Die Psychogenese ist die Modifikation des psychischen Habitus. Elias zählt die Psychologisierung, die Körperdisziplin und die Affektregelung zu dieser Entwicklung. Die Rationalisierung korrespondiert mit dem Wandel der Triebstrukturen. Es ist der Übergang von „weniger rationalen zu rationaleren Denk- und Verhaltensweisen.“ „Erst wenn sich im Laufe der Menschheitsgeschichte oder im Laufe eines individuellen Zivilisationsprozesses die Ich- oder Überichsteuerung auf der einen Seite, die Triebsteuerung auf der anderen Seite stärker und stärker voneinander differenzieren, erst mit der Herausbildung von weniger triebdurchlässigen Bewußtseinsfunktionen erhalten die Triebautomatismen mehr und mehr jenen Charakter, den man ihnen heute gewöhnlich als eine geschichtslose, eine rein ‚naturale’ Eigentümlichkeit zuschreibt, den Charakter des ‚Unbewußten’. Und im Zuge der gleichen Transformation wandelt sich das Bewusstsein selbst in der Richtung einer zunehmenden ‚Rationalisierung’: Erst mit dieser stärkeren und stabileren Differenzierung des Seelenhaushalts nehmen die unmittelbar nach außen gerichteten, psychischen Funktionen den Charakter eines relativ trieb- und affektfreien, eines rationaler funktionierenden Bewusstseins an.“.
Die Langfristigkeit des historischen Wandels der Affektregulierung basiert, wie bereits angesprochen wurde, unter Anderem auf der sich ändernden Erziehung der Kinder. Die Internalisierung und Bildung des Über-Ichs in der Kindheit erfolgt aufgrund einer Angst vor Liebesentzug oder Bestrafung. Gesellschaftliche Zwänge werden so allmählich zu Selbstzwängen. „Die Erwachsenen erzeugen teils automatisch, teils ganz bewusst durch ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten entsprechende Verhaltensweisen und Gewohnheiten bei den Kindern; der Einzelne wird bereits von der frühesten Jugend an auf jene beständige Zurückhaltung und Langsicht abgestimmt, die er für die Erwachsenenfunktionen braucht; diese Zurückhaltung, diese Regelung seines Verhaltens und seines Triebhaushalts wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standards, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine ‚Vernunft’, ein differenziertes und stabileres ‚Über-Ich’ herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt.“.
Der letzte Punkt innerhalb der allgemeinen Erläuterungen Elias Zivilisationsansatzes ist, dass es im Rahmen der erreichten Verhaltensstandards auch zu Lockerungen der Normen kommen kann. Die heutige Zeit ist dafür ein gutes Beispiel. „Auch in den Wehen anderer Aufstiegsschübe wurde der zuvor herrschende Verhaltensstandard der Oberschichten am Ende mehr oder weniger aufgelockert. Der Festigung eines neuen Standards voraus ging eine Zeit der Erschütterung. Verhaltensweisen übertrugen sich nicht nur von oben nach unten, sondern, entsprechend der Verlagerung der sozialen Gewichte, auch von unten nach oben. […] Die Umgangs- und Geselligkeitsformen wurden lockerer und vergröberten sich zum Teil. […] Bis schließlich mit dem Verschwinden dieser Spannungsbalance, im Hin und Her von Auflockerung und Straffung […] Elemente des Verhaltensschemas beider Schichten von neuem zu einem festeren Verhaltenscode zusammenschmolzen. Die Auftriebswellen, in deren Mitte wir leben, sind von allen früheren ihrer Struktur nach verschieden, so gewiß sie diese früheren Bewegungen weiterführen und auf ihnen aufbauen. Aber bestimmten strukturähnlichen Erscheinungen, wie dort, begegnet man auch in unserer eigenen Zeit. Auch hier findet man eine gewisse Lockerung des herkömmlichen Verhaltensschemas, einen Auftrieb bestimmter Verhaltensweisen von unten, eine stärkere Durchdringung von Verhaltensweisen verschiedener Schichten; man sieht eine Straffung weiterer Verhaltenssphären und eine gewisse Vergröberung in anderen.“.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836612579
Arbeit zitieren:
Ebermann, Jana August 2007: Faszination filmischer Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gewalt, Medientheorien, Erlebnisgesellschaft, Zivilisationsprozess, Giddens




