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Einführung in Michel Foucaults Methodologie

Archäologie - Genealogie - Kritik

Einführung in Michel Foucaults Methodologie
Über dieses Buch
  • Art: Fachstudie
  • Autor: Tanja Prokić
  • Abgabedatum: März 2006
  • Umfang: 97 Seiten
  • Dateigröße: 867,0 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 32
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1964-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Prokić, Tanja März 2006: Einführung in Michel Foucaults Methodologie, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Diskursanalyse, Geschichte, Denksysteme, Foucault

Fachstudie von Tanja Prokić

Einleitung:

Bereits seit über vierzig Jahren ist Foucaults Denken nun mit dem Diskurs verwoben. Sein Denken hat den Diskurs auf die eine oder andere Weise brüchig gemacht, transformiert und wiederum neue Forschungsansätze bzw. Normen geschaffen. Foucault bzw. sein Denken heute zu gebrauchen, stellt uns vor eine schwierige und nicht einfach zu lösende Aufgabe. Wie einem Denker gerecht werden, der seine Arbeit bzw. seine Methoden in keinerlei Forschungsparadigma münden lassen will? Wie an ein Denken anknüpfen, dass sich festen Begrifflichkeiten und Instrumenten permanent zu entziehen sucht? Wie also Foucault gebrauchen, ohne hinter ihn und sein Denken zurückzufallen, ohne schließlich auf den durch die Zeit geglätteten Wogen des Diskurses erneut in einen tiefen Schlummer zu fallen und sich auf einem Denken auszuruhen, dass in der Lage war, so weit nach Vorne zu greifen?

Die Antwort liegt bereits in der Fragestellung: Indem wir von ihm Gebrauch machen. Und das wiederum, indem wir seine Lektion verstehen, ernst nehmen und diese aufgreifen. Diskursanalytisch zu denken kann also unmöglich bedeuten, eins zu eins mit foucaultschen Begrifflichkeiten zu operieren. Es kann im Gegenteil nur bedeuten, dem Diskurs nicht auf den Leim zu gehen, denn gerade das würde bedeuten, seine Begrifflichkeiten einer diskursiven Gefälligkeit zu überlassen. Es würde bedeuten, Foucaults Denken dem Diskurs anheim zu geben und diesem somit einer Kraft und einer Möglichkeit zu berauben. Es muss im Gegenteil bedeuten, den Diskurs im Auge zu behalten. Sowohl sich selbst und das eigene Denken nach diskursiven Mechanismen zu befragen; die Geschichte unseres Denkens mitzuverfolgen, individuell und kulturell gleichermaßen.

Das bescheidene Ziel dieser Arbeit liegt darin, zunächst die Geschichte eines Denkens zu skizzieren, das einen Weg beschritten hat, der exemplarisch dafür steht, was es heißt, sich mit dem Diskurs einzulassen. Die augenscheinliche Spannung, die Foucaults eigenes Denken prägt, führt paradigmatisch vor Augen, was es heißt, dem Diskurs nicht in die Falle zu tappen. Was es heißt, Lektionen zu erteilen und erteilt zu bekommen. Was es heißt, ein Denken in Bewegung zu halten. Somit könnte man das übergeordnete Ziel dieser Arbeit schlicht als die Suche nach Foucaults Lektion bezeichnen.

An Hand der drei großen methodischen Stationen – Archäologie, Genealogie und Kritik – in Foucaults ‚Werk’ lässt sich eine Entwicklung ablesen, die geradezu autoperformativ vor Augen führt, wie Foucault heute zu benutzen ist. Die Lektion Foucaults, das ist nicht seine Lehre, seine Theorie, seine Methoden, sondern – so lautet die mutige und bescheidene These dieser Arbeit – das ist der Weg, die Geschichte (s)eines Denkens.

Die folgende Arbeit richtet sich vor allem an jene Foucault-Leser, die bisher nur einzelne Texte gelesen haben und angesichts Foucaults variierender Begrifflichkeiten, angesichts der Uneindeutigkeit seiner Aussagen und vor allem angesichts der Frage, was nun die richtige Art zu denken oder zu handeln sei, in einer Art Orientierungslosigkeit verharren.

Für jene Leser, die bereits einen groben Überblick über die Haupttexte Foucaults haben, kann der Reiz darin bestehen, den enzyklopädischen Charakter dieser Arbeit zu nutzen. Denn sie verzichtet weitgehend auf die Thematisierung der foucaultschen Rezeption und lässt vielmehr Foucault als Kommentator seiner eigenen Arbeit auftreten, indem sie seine zahlreichen Interviews und Stellungnahmen einbezieht und mit den entsprechenden Texten in Beziehung setzt.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 3
I. Archäologie 10
1. Die Anthropologie Kants 10
2. Die Ordnung der Dinge - das Denken des Anderen 14
2.1 Die Episteme der Moderne 18
2.1.1 Die Analytik der Endlichkeit 19
2.1.2 Der Tod des Menschen 23
3. Die Archäologie des Wissens 25
3.1 Elementarlehre 28
3.1.1 Das historische Apriori und das Archiv 30
3.1.2 Die diskursive Formation - Diskurskonzeption 33
3.1.3 Die Aussage und das Aussagenfeld 37
3.1.3.1 Aussage und Aussagefunktion 38
3.1.3.2 Referential der Aussage 40
3.1.3.3 Das Subjekt der Aussage 41
3.1.3.4 Aussage und assoziiertes Feld 42
3.1.3.5 Die Aussage und die Materialität 44
3.2 Methodenlehre 47
3.2.1 Die Regelmäßigkeit der Aussagen 48
3.2.2 Die Analyse der Widersprüche 49
3.2.3 Komparative Analyse 50
3.2.4 Die Transformationen 51
3.3 Archäologie und Politik 52
4. Die Geschichte der Denksysteme 54
II. Genealogie 56
1. Die Ordnung des Diskurses 58
2. Der Nietzsche der Genealogie 62
3. Wie man von Nietzsche Gebrauch macht 64
4. Macht und Subjekt 67
5. Das Dispositiv 72
III. Kritik 75
1. Kritische Geschichte der Denksysteme 75
2. Kritik und Aufklärung 76
2. Ethos und Freiheit 81
3. Rhetorik - Zum Verhältnis von Fiktion und Wahrheit 83
4. Keine Prophetie, keine Lösungen 86
Schluss 89
Abkürzungen 93

Textprobe:

Kapitel 3.1.3. Die Aussage und das Aussagenfeld:

Mit der Archäologie des Wissens nimmt Foucault an der Begrifflichkeit der Episteme und den diskursiven Formationen, wie er sie in der Ordnung der Dinge einführte, eine nachträgliche Verschiebung vor, und zwar durch die Einführung des Begriffs der Aussage. Indem er die konventionellen Einheiten der klassischen Geschichtsschreibung aufgibt und an ihre Stelle den Diskurs als den Untersuchungsgegenstand setzt, vervielfacht und vergrößert sich die zu untersuchende ‚Einheit’. Sein Problem gilt der Entstehung von bestimmten Typen von Diskursen, der Bestimmung der Regeln, die innerhalb dieser Diskurse herrschen und die festlegen, wann eine Aussage zu einem Diskurs gehört und wann nicht. Die Aussage, weder kleinster Teil noch „Atom des Diskurses“, zentriert sich in einem komplexen Bedingungsgefüge. Foucault entwickelt nun eine Methode, die es ihm erlaubt, sich – ohne die inneren Bedingungen, die das Verständnis von Sprechakten lenken, berücksichtigen zu müssen – rein auf das zu konzentrieren, was ‚wirklich’ gesagt oder geschrieben wurde und wie dies in die Diskursformation eingepasst ist. Die Aussage ist die Spur, die der Diskurs zurücklässt, sie wird jedoch nicht als ein geheimes Zeichen entziffert, sondern so akzeptiert, wie sie ist: zu einer diskursiven Formation zugehörig. Sie ist eine Spur und damit gibt sie Aufschluss über die Gesetzmäßigkeiten bzw. die Formationsregeln, denen sie entstammt. Die Gesetzmäßigkeit der Diskurspraxis verkörpert sich sozusagen in den zugehörigen Aussagen. Diskursive Formation und Aussage stehen in einem ko-konstitutiven Verhältnis. Die Korrelation von Aussage und diskursiver Formation ist also auf der theoretischen Ebene „ein wechselseitig definitorisches, die Begegnung und gleichzeitige Grenzziehung zweier Räume: des zentralen Raumes, in dem die Aussage erschienen ist, und eines sie umgebenden Raumes, der die Möglichkeitsbedingung der Verkettung von Aussagen bzw. ein Gesetz der Koexistenz installiert.“ Das heißt die Aussage trägt in sich das Gesetz ihrer Entstehung und gleichzeitig repräsentiert sie dieses Gesetz durch ihr Auftreten.

Aussage und Aussagefunktion:

Zur Verwirrung seiner Leser gebraucht Foucault die Begriffe Aussage und Aussagefunktion, als wären sie identisch. Es lässt sich jedoch eine kleine Differenz markieren, die zum Verständnis der verschiedenen Beobachtungslagen ein und desselben Phänomens beiträgt. Die Differenz legt den Fokus auf die Synchronizität der Aussage als etwas Positivierendes (zu einer bestimmten diskursiven Formation zugehörige Aussagefunktion) und als etwas Positives (Aussage als eingeschriebenes Gesetz in einer Zeichenkette). Die Aussage ist zunächst einmal selbst bedingt, darin unterscheidet sie sich noch nicht von z.B. einem Satz. Sie ist aber auch Funktion, indem sie Bedingung für etwas ist und zwar die so genannte Existenzfunktion für Zeichen. Die diesen Zeichen eigene Existenzmodalität ist dann wiederum die Aussage (insofern ist sie selbst bedingt). Diese seltsame Charakterisierung der Aussage führt zu der paradoxen Einsicht, die Aussage sei weder sichtbar noch verborgen. Mit diesen Eigenschaften hebt sie sich also deutlich von dem ab, was die Logik eine Proposition nennt, oder die Grammatik einen Satz. Sie ist ebenfalls keine Einheit, wie ein materieller Gegenstand es sein könnte, der seine Grenzen und seine Unabhängigkeit besitzt. Sie ist in ihrer besonderen Seinsweise unerlässlich dafür, dass man sagen kann, ob ein Satz oder eine Proposition vorliegt.

Die Frage nach der Aussage ist nicht identisch mit der Frage nach der grammatikalischen Korrektheit eines Satzes oder der Frage nach der Verifikation bzw. Falsifikation einer logischen Proposition. Die Aussage lässt sich nur auf einer anderen Ebene ausmachen. Derselbe Satz kann mehrere Aussagen haben, d.h. er wurde durch verschiedene Bedingungen hervorgebracht. Wenn im Folgenden hauptsächlich von Sätzen die Rede ist, dann immer mit dem Vorbehalt, dass eine Aussage auch etwas anderes als ein Satz sein kann. Es lassen sich Aussagen ausmachen, denen keine sprachliche Struktur zu Grunde liegt, wie ein Schaubild, eine Tabelle oder eine willkürliche Reihe von Zeichen, der keine Bedeutung beigemessen werden kann. Foucault suspendiert Sinn und Bedeutung, denn es „handelt sich nicht darum, den Diskurs zu neutralisieren, aus ihm das Zeichen von etwas anderem zumachen, seine Mächtigkeit zu durchqueren, um auf das zu stoßen, was schweigend diesseits von ihm bleibt; es handelt sich im Gegenteil darum, ihn in seiner Konsistenz zu erhalten, ihn in der ihm eigenen Komplexität hervortreten zu lassen.“ Foucault selbst führt das Beispiel einer klassifikatorischen Tabelle botanischer Arten auf: „[D]aß man für die Aussage keine strukturellen Einheitskriterien gefunden hat. Das liegt daran, daß sie in sich selbst keine Einheit ist, sondern eine Funktion, die ein Gebiet von Strukturen und möglichen Einheiten durchkreuzt und sie mit konkreten Inhalten in der Zeit und im Raum erscheinen lässt“.

Die Aussage, weit davon entfernt selbst eine Einheit zu sein, ermöglicht es jedoch den Einheiten als solche an der Oberfläche des Diskurses aufzutauchen, wo sie sich materialisiert und beschreibbar wird. Man kann also sagen, die Aussage ist nichts, bevor sie nicht als Funktion auf eine Kette von Zeichen eingewirkt hat. Während der Satz frei sein kann, isoliert von einem Kontext, ist die Aussage gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie in einer Regelmäßigkeit steht, über die sie nicht frei verfügen kann, sondern deren Gesetz sie ist. Sie ist immer in ein Formationssystem eingebunden. Und zwar auf vierfache Weise (ausführlich unter 3.1.3. ), entsprechend den vier diskursiven Formationen (siehe 3.1.2.). Die Aussagefunktion muss auf eine Kette von Zeichen in vier verschiedenen Dimensionen einwirken, damit eine Kette von Zeichen als eine Aussage charakterisiert werden kann; sie muss vier Gesetze des Formationssystems, zu dem sie gehört, ausprägen. Erst wenn die Aussagefunktion ihre Aufgabe als Existenzbedingung erfüllt hat, ist die Aussage inkorporiert, d.h. eingeschrieben in den Diskurs; und erst jetzt ist sie beschreibbar. Aussagefunktion und Aussage unterscheiden sich nur insofern, als sie von zwei Ebenen dasselbe Phänomen beschreiben. Während die Aussagefunktion die Rolle einer Form übernimmt, ist die Aussage eher als die materielle Ausführung der Formvorgabe zu sehen. Eine Aussagefunktion ohne Aussage existiert nicht; sie ist nicht positiviert! Ebensowenig existiert die Aussage ohne eine Kette von Zeichen, deren Existenzbedingung sie ist. Dass ein Satz also mehr als ein Satz ist, ist seiner spezifischen Existenzmodalität, die er durch die Aussagefunktion erhält, zu verdanken. Während die Aussagefunktion das Gesetz der diskursiven Formation ist, das auf eine Kette von Zeichen einwirkt, ist die Aussage das ausgeführte Resultat. Weder für das Gesetz, da es sich stets in Beziehungen zu der diskursiven Formation, der es angehört, modifiziert, noch für das Resultat, indem es ständig diesen Beziehungen unterworfen ist, lässt sich eine feste Identität ausmachen.

„Das gesamte Aussagenfeld ist zugleich regelmäßig und im Alarmzustand: es ist ohne Schlaf. Die kleinste Aussage – die differenzierteste oder die banalste – benutzt das ganze Spiel der Regeln, nach denen ihr Gegenstand, ihre Modalität, die Begriffe, die sie gebraucht, und die Strategie, deren Bestandteil sie ist, gebildet werden“.

Deshalb drängt sich die Aussagenebene als (neutrale) Beschreibungsebene förmlich auf. In ihr ist die Gesetzlichkeit des Diskurses dokumentiert und somit dokumentierbar.

Arbeit zitieren:
Prokić, Tanja März 2006: Einführung in Michel Foucaults Methodologie, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Diskursanalyse, Geschichte, Denksysteme, Foucault

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