Exorzismus
Zur Entwicklung eines missionspolitischen Arguments in den frühchristlichen Schriften bis zu Tertullians Apologeticum (197)
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Tilo Lothar Rölleke
- Abgabedatum: Oktober 2004
- Umfang: 101 Seiten
- Dateigröße: 988,2 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8689-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8689-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8689-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Rölleke, Tilo Lothar Oktober 2004: Exorzismus, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Dämon, Dämonenaustreibung, Jesus, Beschwörung, Apologeten
In den Warenkorb
74,00 €
Magisterarbeit von Tilo Lothar Rölleke
Einleitung:
Der Titel der hier vorgelegten Magisterschrift lautet: „Exorzismus. Zur Entwicklung eines missionspolitischen Arguments in den frühchristlichen Schriften bis Tertullian.“ Warum der Exorzismus im zeitlichen Rahmen der ersten zwei Jahrhunderte nach der Zeitenwende in erster Linie als missionspolitisches Argument aufgefasst wird, wie das im Untertitel problematisiert ist, soll im Laufe der Arbeit verdeutlicht werden.
Auslösend für diese Themenstellung war ein Satz aus dem Artikel Exorzismus in der Theologischen Realenzyklopädie von Otto Böcher. Dort heißt es: „Der Exorzismus ist einer der Hauptgründe für den Erfolg der urchristlichen und altkirchlichen Mission.“ Im ersten Band von Adolf von Harnacks „Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten“ wird dem Exorzismus ebenfalls eine große Bedeutung eingeräumt. Er schrieb diesbezüglich: „Als Dämonenbeschwörer sind die Christen in die große Welt eingetreten, und die Beschwörung war ein sehr wichtiges Mittel der Mission und Propaganda.“ Bisher ist den Wundertaten als maßgeblicher Begleiterscheinung frühchristlicher Mission, wie sie Harnack und Böcher verstehen, eher geringe Aufmerksamkeit geschenkt worden. In der neueren Forschungsliteratur bemängelte Bernd Kollmann dies: „Auch in neueren Standarduntersuchungen zur Geschichte der urchristlichen Mission kommen Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen als Charakteristikum der missionarischen Werbung de facto so gut wie nicht zur Sprache.“ Da es die christlichen Schriften der ersten zwei Jahrhunderte sind, die untersucht werden sollen und die Aussage Harnacks einen propagandistischen Zusammenhang herstellt, wird der Exorzismus vorerst als missionspolitisches Argument gewertet und aus dieser Sicht betrachtet werden. Beginnend mit den synoptischen Schriften erscheinen die Dämonenaustreibungen regelmäßig in den christlichen Quellen dieser Zeit. Bei den Apologeten Iustin und Tertullian sowie im Werk des Häresiologen Irenäus von Lyon finden sich zahlreiche Belegstellen, die, wenngleich sie keine konkreten Hinweise auf eine exorzistische Praxis geben, so doch die Wichtigkeit dieses Arguments in der Auseinandersetzung mit der Umwelt aufzeigen können.
So wird dem Quellenbefund des 2. Jahrhunderts entsprechend der Exorzismus als Bestandteil eines Diskurses gewertet, eines Versuches der christlichen Autoren, ihre Religion zu verschriftlichen und mit diesen Schriften zu überzeugen. Diskurs meint dabei im Sinne Foucaults in erster Linie seine materielle Wirklichkeit als geschriebenes Wort. Diese Betrachtung des Exorzismus und des Diskurses um dieses Phänomens, wie es sich in diesen Quellen dargestellt finden lässt, wird von der Frage geleitet, ob der Exorzismus und wenn ja, wie, im christlichen Diskursbeitrag funktionalisiert wurde und welche Argumentationsmuster hauptsächlich im Vordergrund standen. Eine in den Grundzügen wiederkehrende Art und Weise der apologetischen Darstellung soll nachgewiesen werden.
Damit im Zusammenhang steht die Frage nach dem apologetischen und missionspolitischen Ertrag, den die christliche Argumentation mit der Dämonenaustreibung eingebracht haben könnte. Wie erfolgreich ist der Exorzismus für die Ausbreitung des Christentums in den Anfängen dieser Religion gewesen? Welche Rolle spielte er in der Abgrenzung zu den Religionen der Umwelt? Welche Voraussetzungen waren nötig und wie wurden sie geschaffen oder genutzt, um mit der Dämonenaustreibung missionspolitisch werben zu können? Bevor abschließend auf diese Fragen geantwortet werden kann, sollen zuerst zentrale Begriffe, die mit dem Exorzismus einhergehen, in gebotener Kürze geklärt werden. Dabei stehen besonders die Vorstellungen von Dämonen, Heilung und Besessenheit im Vordergrund.
Daraus resultierte eine Praxis, das exorzistische Ritual, welches in heidnischer und christlicher Ausführung entsprechend unterschiedlicher Vorannahmen verschiedene Ausprägung aufwies. Der Wortgebrauch der vornehmlich in griechischer Sprache verfassten Schriften wird dabei in der Form berücksichtigt, dass zentrale Wendungen und Begriffe, die mit dem Exorzismus in Verbindung stehen, genannt werden, um auf eine phänomenologische Ähnlichkeit der Äußerungen hinzuweisen, obwohl der Bedeutungsgehalt variiert. Für die Begriffe, die vorgestellt werden, um die Bestandteile des Diskurses einzuführen, sind in erster Linie die Quellen des 1. und 2. nachchristlichen Jahrhunderts heran gezogen.
Die heterogene Herkunft und die unterschiedliche Akzentuierung der Begriffe Besessenheit oder Dämonen kann dabei nur angedeutet sein und könnte für eine weiterführende Forschungsaufgabe teilweise erheblich erweitert werden. Für den Zusammenhang von Exorzismus und Heilung könnte eine genauere Betrachtung des in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende weit verbreiteten Asklepios-Kultes fruchtbar sein, um die Differenzen in der Auffassung von Heilung zu Exorzismus in heidnischer und christlicher Sicht besser kontrastieren zu können. In diese Richtung weisende Ausführungen finden sich im 2. Kapitel.
Als Voraussetzung einer apologetischen Argumentation ist also zu fragen, wo sich außerhalb christlicher Äußerung Nachweise für den Exorzismus erbringen lassen. Die dieser Kontextualisierung vorrangig dienenden Quellen sind die „Jüdischen Altertümer“ (Ioudaik; jarcaiologvia, Antiquitates) des Flavius Josephus, der „Lügenfreund“ (Filoyeudvh“, Philopseudes) des Lukian von Samosata sowie im Ausblick ein Teil des sogenannten „Großen Pariser Zauberpapyrus“ (PGM IV).
Mit der Betrachtung der exorzierenden Umwelt soll ferner geklärt werden, in welcher Verbreitung Dämonenaustreibungen nach der Zeitenwende praktiziert wurden und in welchem Ansehen sie standen. Nicht verhandelt werden dabei die jüdischen pseudepigraphischen Schriften, die alttestamentlichen Apokryphen und die sicherlich hochinteressante rabbinische Literatur, die Mischna und die Talmudim. In einer weiterführenden umfangreicheren Untersuchung könnten mit Hilfe dieser Quellen die jüdischen Elemente in der christlichen Argumentation genauer herausgearbeitet werden.
An die Illustration der exorzistischen Praxis mit Hilfe der Schriften aus dem religiös jüdisch und heidnisch geprägten Umfeld schließt sich die Darstellung dieses Motivs, wie es sich in den christlichen Werken darbietet, an.
Zuerst stehen hier die synoptischen Schriften, in denen Jesus und die Apostel als Dämonenaustreiber tätig erscheinen. Dabei soll untersucht werden, welche Unterschiede die neutestamentlichen Schilderungen zu den heidnischen oder jüdischen Darstellungen der Exorzismen aufweisen, wie also die Dämonenaustreibungen Jesu geschildert und in welchen Zusammenhang sie gestellt sind. Die Frage wird an dieser Stelle sein, ob und woran sich eine beginnende Umwertung des dämonenaustreibenden Wirkens nachweisen lässt. Zu den Schilderungen der Exorzismen Jesu im Neuen Testament, welche im Beisein von Publikum stattfanden, finden sich die unterschiedlichen Reaktionen der Zeugen. Dass Jesus nach den Synoptikern nicht ausschließlich wohlwollend aufgenommen worden ist und sich die Kritik der Umwelt auch speziell auf seine dämonenaustreibende Praxis bezog, bildet den Abschluss des Kapitels zu den synoptischen Schriften.
Über den christlichen Missionsauftrag, in dem auch der Exorzismus verankert ist, führt die Betrachtung dieses Motivs zu den Apologeten und Häresiologen des 2. Jahrhunderts. Die hier getroffene Auswahl der Schriften bezieht sich auf Iustinus Martyr, dessen Schüler Tatian, Athenagoras von Athen, Irenäus von Lyon und endlich Tertullian, als dem ersten Verteidiger des Christentums, der in lateinischer Sprache schrieb und dessen 197 abgefasstes Apologeticum als Höhepunkt der altchristlichen Apologetik bezeichnet wurde. Diese Auswahl orientiert sich an einer Einteilung, die bei Georg Denzler und Carl Andresen zu finden ist und berücksichtigt die Werke der durch Christenpogrome ausgelösten Apologetik und die der anfolgenden literarischen Verteidigungsschriften. Eine dritte apologetische Entwicklungsphase, die mit dem Schaffen der alexandrinischen Schule angesetzt wird, kann dem Umfang der Arbeit geschuldet nicht Teil der Betrachtung sein.
Eine besondere Interpretation des Exorzismus und der mit ihm verbundenen Vorstellungen scheint es den christlichen Autoren ermöglicht zu haben, mit der Dämonenaustreibung zu argumentieren und sie zum Bestandteil christlicher Apologetik zu stilisieren. Die damit verbundenen Schritte, die dieses diskursive Vorgehen verdeutlichen, sollen an den ausgewählten Schriften herausgearbeitet werden.
Herausragend erscheinen dabei zwei Motive, denen die Kapitel, die sich mit den apologetischen Schriften beschäftigen, gewidmet sind. Ein erstes, deutendes Argument, welches im christlichen Diskursbeitrag variantenreich hervortritt, ist die konsequente Gleichsetzung der heidnischen Götter mit Dämonen, die eine Neubewertung des Begriffes Exorzismus nach sich zog. Eine damit vollzogene Abgrenzung konnte einen wichtigen Beitrag zur Konsolidierung der christlichen Lehre nach innen und zur Abgrenzung nach außen leisten, wie aufgezeigt werden soll.
Als zweites sahen sich die frühen Christen mit der eigenen exorzistischen Praxis immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden Zauberei betreiben. Entgegen dieser Behauptung lässt sich in den apologetischen Schriften aufzeigen, mit welchen Argumenten die Autoren versuchten, die eigenen Dämonenaustreibungen von denen der Umwelt abzugrenzen und besonders zu halten. In einer christlich-theologischen Interpretation wurde der Exorzismus, so eine zu verifizierende Vorannahme dieser Arbeit, zum Mittel der Überzeugung, zu einem Argument mit Beweiskraft, der für die Universalität der christlichen Botschaft genutzt werden konnte. Die sich in Grundzügen wiederholenden Argumentationsschritte transportierten dabei nicht nur die Vorstellungen, die den Exorzismus betrafen, sondern darüber hinaus die Grundlagen des christlichen Weltbildes.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung - Hinführung zum Thema | 1 |
| 2. | Exorzismus | 5 |
| 2.1 | Einige diskursive Bestandteile in der Verschriftlichung des Exorzismus – Praeliminaria | 5 |
| 2.2 | Die Dämonen | 7 |
| 2.3 | Exorzismus und Heilung | 10 |
| 2.4 | Das Ritual | 12 |
| 3. | Der Exorzismus in der außerchristlichen Tradition des 2. Jahrhunderts | 15 |
| 3.1 | In der heidnischen Umgebung | 15 |
| 3.2 | In der jüdischen Umgebung | 21 |
| 3.3 | Das Ansehen des Exorzismus in der antiken Gesellschaft | 27 |
| 4. | Die Exorzismen Jesu - vom magischen Ritual zum Beweis göttlicher Sendung | 30 |
| 4.1 | Das exorzistische Wirken Jesu | 30 |
| 4.2 | Die Kritik an den Exorzismen Jesu | 36 |
| 5. | Der Exorzismus in den frühchristlichen Quellen des 2. Jahrhunderts | 40 |
| 5.1 | Die Sukzession exorzistischer Fähigkeiten in der christlichen Tradition - eine Überleitung | 40 |
| 5.2 | Die Identifizierung der Dämonen in den apologetischen Schriften | 43 |
| 5.2.1 | Iustinus Martyr | 43 |
| 5.2.2 | Tatian | 50 |
| 5.2.3 | Athenagoras von Athen | 53 |
| 5.2.4 | Tertullian | 56 |
| 5.3 | Die Abgrenzung der eigenen Exorzismen von magischer Praxis - Die Fortführung der Umwertung | 61 |
| 5.3.1 | Iustinus Martyr | 62 |
| 5.3.2 | Tatian | 64 |
| 5.3.3 | Irenäus von Lyon | 66 |
| 5.3.4 | Tertullian | 69 |
| 5.4 | Der apologetische und missionspolitische Ertrag eines totalitären Diskurses - Die Universalität christlicher Sendung | 72 |
| 6. | Ausblick | 76 |
| 7. | conclusio | 81 |
| 8. | Abkürzungen | 89 |
| 9. | Quellen- und Literaturverzeichnis | 90 |
| 9.1 | Quellen | 90 |
| 9.2 | Monographien und Aufsätze | 92 |
45 Eine ähnliche Ausführung findet sich auch in der zweiten Apologie, wenn es heißt: „[...] die bösen Dämonen aber tun es [feindselig gegen die Christen sein], weil sie uns hassen und derartige Richter und Diener finden, gerade als wenn die Obrigkeiten von ihnen besessen wären [Jw" oj'un jvarconta" daimoni'wnta"].“215 Wenn Iustin in der Verfolgung durch die Autoritäten des römischen Staates Dämonen wirken sieht, ist der nächste Schritt dieser Argumentation vorbereit, die Beschreibung der Dämonen. In der Fortführung bestimmte Iustin dann die in den Christenverfolgungen wirkenden Dämonen genauer. So schreibt er: „Von Alters her hatten böse Dämonen, die Gestalten angenommen hatten, Weiber entehrt, Knaben geschändet und dem Menschen Schreckensbilder vorgezeigt, so daß die, welche die Vorgänge nicht mit Einsicht unterschieden, verwirrt wurden; von der Furcht berückt und verkennend, daß es böse Dämonen waren, nannten sie jene Götter und legten den einzelnen den Namen bei, den ein jeder der Dämonen sich selbst gab.“216 Anfänglich sieht der Apologet somit Dämonen stehen, die sich als Götter ausgegeben haben und welche die Menschen veranlassten, ihnen genehme Namen beizugeben. Da die Christenverfolger Vertreter der heidnischen Religion gewesen sind, ist eine Gleichsetzung eben dieser Götterwelt mit Dämonen schon an dieser Stelle für die Sicht Iustins sinnvoll anzunehmen. Damit sinken dem Apologeten die heidnischen Götter in den Status von Dämonen ab, die in dieser Sicht unipolar negativ konnotiert sind. Aussagekräftiger noch beschreibt eine Passage aus der zweiten Apologie die Herkunft der Dämonen, mit vielen Überschneidungen zur ersten Verteidigungsschrift. Demnach fasst Iustin, entsprechend jüdisch-christlicher Kosmogonie, Gott als Schöpfer der Engel auf. Einige von diesen übertraten allerdings die göttliche Anordnung und ließen sich mit den Frauen der Menschen ein. Mit diesen zeugten sie das Dämonengeschlecht. Die Charakteristika der gefallenen Engel und der Dämonen weisen deutlich auf die heidnischen Götter hin, wenn es heißt: „Außerdem machten sie sich fortan das Menschengeschlecht dienstbar, teils durch Zauberzeichen [magik'wn graf'wn], teils aus Furcht und durch Strafen, die sie verhängten, teils durch Anleitungen zu Opfern, Räucherwerk und Trankspenden, deren sie bedürftig geworden waren [...]“. Sie erscheinen als unterjocht von ihren Begierden und verbreiten Mord, Krieg, Ehebruch und jede Art von Schandtaten unter den Menschen. Klar weist Iustin darauf hin, wen er in der Position dieser Unholde sieht: „Daher haben Dichter und Sagenerzähler, weil sie nicht wußten, daß die Engel und ihre Kinder, die Dämonen jenes über Männer, Weiber, Städte und [...]
44 bei den Peripatetikern, den Pythagoreern und in der platonischen Akademie, bevor er in Ephesos bei einem Strandspaziergang von einen Greis auf das Christentum gebracht wurde, in dem er schließlich die allein verlässliche und nutzbringende Philosophie sah.209 Fortan zog er als Christ im Philosophenmantel umher. Eusebius bezeugt acht Schriften von ihm210; erhalten sind lediglich drei davon, zwei Apologien und der „Dialog mit dem Juden Tryphon“. Die beiden Verteidigungsschriften sind kurz nach 150 in Rom entstanden und an Kaiser Antoninus Pius (138-161) gerichtet. Dabei scheint die zweite Apologie ein Nachtrag zu ersten zu sein.211 Für diese zweite Schrift gilt als Anlass der Abfassung die Hinrichtung dreier Christen durch den römischen Stadtpräfekten Quintus Lollius Urbicus. Lediglich auf ihr Bekenntnis hin, Christen zu sein, verurteilte der Präfekt diese.212 Den „Dialog mit dem Juden Tryphon“ verlegte Iustin zurück in die Zeit des Barkochbakrieges (132-135). Der Text muss aber nach den Apologien entstanden sein (155160), da diese dort Erwähnung finden.213 In der Betrachtung der Schriften des Märtyrers stehen diese in ihrer überlieferten Gesamtheit für das Denken Iustins, so dass, fokussiert auf den Zusammenhang zwischen heidnischen Göttern und Dämonen verschiedene Argumente aus den unterschiedlichen Schriften angeführt werden. Die Christenverfolgungen, die ihn zum Abfassen der Apologien motivierten, stehen nach Iustin in ursächlichem Zusammenhang mit dämonischem Wirken. Dementsprechend bringt er seine Sicht zu den Anklagen, die den Christen gegenüber vorgebracht wurden, zum Ausdruck: „Inbezug auf uns, die wir geloben, kein Unrecht zu begehen und solche gottesleugnerischen Ansichten nicht zu hegen, stellt ihr keine genauen Untersuchungen an, sondern straft uns in unvernünftiger Leidenschaft und vom Stachel böser Dämonen getrieben ohne Überlegung und unbekümmert.“214 Die Bezeichnung Christ darf nach Iustin nicht allein als Schuldbeweis im rechtlichen Sinne dienen; ein Motiv, welches in Tertullians Apologeticum seine Vollendung erfahren wird. In dem Umstand, dass die Christen trotzdem ohne genauere Untersuchungen verfolgt werden, sieht er dämonisches Wirken. Anders ausgedrückt erscheinen die Christenverfolger dem Iustin als von Dämonen zumindest Beeinflusste, wenn nicht gar Besessene. [...]
Für den christlichen Diskurs um den Exorzismus ist von hervorragender Bedeutung zu untersuchen, wer die Dämonen waren, welche die Christen austrieben oder besser, wie sie klassifiziert wurden. Der untrennbare Zusammenhang zwischen Exorzismus und Dämonen ist schon erörtert worden, so dass es an dieser Stelle nicht verwundert, wenn mit der Identifizierung der Dämonen in den frühchristlichen Schriften als Basis für die Argumentation mit dem Exorzismus begonnen werden muss. So schrieb bereits Paulus an die Gemeinde von Korinth in der Frage, ob der Christ an heidnischen Opfern teilnehmen und Opferfleisch zu sich nehmen darf, dass es nicht möglich sei, aus dem Kelch der Dämonen und gleichzeitig aus dem des Herrn zu trinken. Die heidnischen Opfer sind nicht zu Ehren Gottes dargebracht, sondern der Dämonen. Die Einnahme von Opferfleisch käme so einer Tischgemeinschaft mit den Dämonen gleich und würde Gott herausfordern.207 Die damit vorgenommen Umwertung des Dämonischen, welches demnach alle Gottesvorstellungen umfasst, die nicht der christlichen entsprechen, und damit mittelbar der exorzistischen Praxis wurde in den anfolgenden Schriften frühchristlicher Autoren durchgehalten. Mit dieser Art ausschließlicher Argumentation, die originär von christlicher Seite in diesen Diskurs eingebracht wurde, wird eine scharf trennende Grenze zwischen der eigenen Rechtgläubigkeit und dem „Irrglauben“ der Umgebung errichtet. Als eines der hervorstechendsten apologetischen und häresiologischen Argumente und Voraussetzung für den Exorzismus im christlichen Sinne ist die Gleichsetzung der paganen Götter mit Dämonen zu sehen, wie hier das Beispiel aus dem 1. Korintherbrief gezeigt und an weiteren Beispielen zu exemplifizieren ist. Damit steht keine Reinigung des eigenen Gottesbegriffes im Vordergrund, wie in der griechischen Tradition der mittleren Akademie des Xenokrates, sondern in alttestamentlicher Tradition die herabsetzende Polemik gegen fremde Götter. [...]
In den Warenkorb
74,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832486891
Arbeit zitieren:
Rölleke, Tilo Lothar Oktober 2004: Exorzismus, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Dämon, Dämonenaustreibung, Jesus, Beschwörung, Apologeten



