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Exhibition - Untersuchung des Selbst

Von der Veränderung im Alltäglichen

Exhibition - Untersuchung des Selbst
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Marcus Pfab
  • Abgabedatum: Juli 1999
  • Umfang: 75 Seiten
  • Dateigröße: 5,8 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald Deutschland
  • Bibliografie: ca. 39
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0701-8
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0701-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pfab, Marcus Juli 1999: Exhibition - Untersuchung des Selbst, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Selbstbildnis, Medienkunst, Selbstportrait, Neue Medien, Ausstellung

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Magisterarbeit von Marcus Pfab

Einleitung:

„Ich biete eine Innenschau, eine Reise in die Vergangenheit, eine Entdeckung des Ichs ... Ich will nicht schockieren, ich will genau sein. ... Magst du dich selbst, oder magst du dich nicht?“ Im Rahmen meiner Magisterarbeit habe ich eine Ausstellung konzipiert und realisiert, die sich über das Mittel Selbstporträt, vielseitig und multimedial interpretiert, definieren läßt.

Das äußere Thema der Exposition, hier exhibition, ist das Ausstellen von Bildern. Ich zeige Abbildungen meines Gesichtes, der Bildausschnitt beschränkt sich weitgehend auf Augen, Nase und Mund ohne schmückende Elemente oder mich in irgend einer Art und Weise kennzeichnende Attribute. Durch den Frontalblick direkt in die Kamera sind alle Fotos einerseits komplett distanzlos und subjektiv, zum anderen werde ich versuchen, durch Nachbearbeitung am Computer, die multimediale Präsentation sowie die Mittel der Reihung und des Rasters den Versuch unternehmen, Distanz zu mir, meinem Ich und der mich umgebenden Umwelt aufzubauen. Realität und Medienrealität sollen zu einer eigenen Dimension im Ausstellungsraum verschmelzen. Es geht hierbei unter anderem um die Konfrontation meiner selbst mit mir persönlich, sowie um die Gegenüberstellung von mir und meiner Umwelt. Wie reagiere ich auf so eine Masse von mir; wie reagieren die Menschen um mich herum auf solch einen gehäuft auftretenden Marcus?

Die Konfrontation mit der Umwelt geschieht durch Anstecker, ein Erinnerungsspiel, Postkarten, eine Webside, eine Videoinstallation, Computerausdrucke und Fotografien.

Die äußere Präsentation ist also durch eine Ausstellung mit Selbstporträts ohne größere ersichtliche Unterschiede gekennzeichnet. Jedoch gerade die kleinen Abweichungen zwischen den einzelnen Porträts machen die zweite, innere Ebene dieser Arbeit aus. Zeigen sie doch das Individuum hinter den Kunstwerken mit seinen verschiedenen alltäglichen Identitäten, ausgelöst durch Erlebnisse und Gefühle, die der Betrachter grundsätzlich nicht nachvollziehen kann, da er sie nicht kennt. Diese Unwissenheit soll auch in letzter Konsequenz erhalten bleiben, ermöglicht sie doch eine freie Gedankenarbeit des Betrachters. Die Bilder sollen zunächst visuell gelesen werden, nicht inhaltlich. Somit verzichte ich auf ein, für temporäre Projekte dieser Art durchaus typisches und gern genutztes, Tagebuch. Oft habe ich den Eindruck, daß es als Seitenfüller dient und des Angesagtseins wegen verwendet wird.

Mein scheinbar gleiches Aussehen offenbart jedoch mehrere neue, eigene, im Alltag verwurzelte, Identitäten. Die Porträts ergründen verschiedene Erscheinungsweisen meiner eigenen Person / Persönlichkeit, die auf den ersten Blick doch so uniform erscheinen. Die Bilder dokumentieren auf der einen Seite automatisch und unterbewußt, das heißt nicht gestellt oder beabsichtigt, meine Situation in meiner mich umgebenden rationalen Außenwelt und irrationalen Innenwelt. Gleichzeitig können in die sich verändernde Mimik die Wechselfälle des Lebens hineininterpretiert werden. Das klingt hochgestochen, aber ich werde versuchen, durch einen konkreten Diskurs, der Selbst- und Fremdbeobachtung einschließt, das mir innewohnende Leben zu entdecken, eine - nicht die - Geschichte der knapp vier dokumentierten Monate zu lesen.

Die Beständigkeit meines Daseins auf der einen Seite wird einer kaum merklichen und doch vorhandenen und wichtigen Veränderung auf der anderen Seite gegenübergestellt.

Welche Rolle spielt also der Faktor Zeit in dieser Präsentation? Wie ist er einzubeziehen?

Die Ausstellung wird von Ambivalenzen in mir und beim Betrachter regiert. Diese gilt es, im Prozeß der Beobachtung vor, während und nach der Ausstellung zu fixieren und auszuwerten. Das ist, neben der konkreten verbalen und visuellen Vorstellung der Ausstellungsstücke, der Inhalt meiner Magisterarbeit. Ich nenne diese exhibition eine systematische Dekonstruktion meines Selbst. Systematisch erscheint sie mir aufgrund der Regelmäßigkeit der Fotos und der dadurch erreichten Kontinuität und Dichte. Als dekonstruktivistisch bezeichne ich die Aufsplittung meines Selbst in viele Einzelelemente.

Ich zeige dem Betrachter etwas sehr Intimes. So lasse ich sowohl die Kamera als auch den Betrachter näher als fünfzig Zentimeter an mich heran, was einem Durchbrechen des Intimabstandes gleich kommt, in welchen jeder ansonsten nur die ihm liebsten Menschen vordringen läßt.

Da das Phänomen des Selbstporträts und der damit unweigerlich verbundenen Selbstinszenierung in Vergangenheit und Gegenwart ein äußerst diffiziles und vielschichtiges Thema ist, kann der Leser keine abschließenden Antworten diesbezüglich erwarten. Im optimalen Fall ergeben sich Anregungen zum eigenen Nachdenken. Trotzdem oder gerade deshalb will ich im Verlauf der Arbeit unter anderem auf das Selbstbildnis im kunsthistorischen Kontext am Beispiel einiger ausgewählter Künstler eingehen.

Aus der Art der Grundlagenarbeit, die mit den regelmäßig aufgenommenen Bildern zu kennzeichnen ist, und den daran anschließenden Erklärungsversuchen und ästhetischen Experimenten ergibt sich folglich eine teils empirische, als auch gleichermaßen hermeneutische Herangehensweise an mein Projekt.

Die nachstehenden Fragen werden im Verlauf meiner Ausführungen zu untersuchen sein:

Wie wirkt welches der von mir genutzten Medien? Welche Vorteile oder Nachteile hat jedes einzelne? Was erreiche ich mit einer Rasterung / Reihung? Warum scheint es so einfach zu sein, Menschen für Medien, nicht für Motive, zu interessieren? Benötigt meine Präsentation eine Philosophie zur Existenzberechtigung oder gibt es automatisch eine solche? Wie manifestieren sich Nähe und Distanz? Kann es ethische Probleme für den Exhibitionisten und den Voyeur geben? Wie gehe ich mit Wahrnehmungsvermögen der Betrachter um?

Wie spannend ist also eine Veränderung im Alltäglichen wirklich.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
2. Das Projekt 9
2.1 Entstehungsgeschichte und Grundlagenforschung 9
2.2 Selbstporträt und Selbstinszenierung im kunsthistorischen Kontext 13
2.3 Künstlerische Mittel 19
2.4 Selbstbetrachtung 23
2.5 Exhibition und Voyeurismus 26
2.6 Über meinen Narzißmus 28
2.7 Ich Selbst 31
3. Die Exhibition 34
3.1 Das Raum - Zeit - Konzept 34
3.1.1 Der Raum 34
3.1.2 Die Zeit 36
3.2 Die mediale Präsentation 39
3.2.1 Die Fotoreihe 39
3.2.2 Die Videoinstallation 41
3.2.3 Das Erinnerungsspiel 43
3.2.4 Die Anstecker 44
3.2.5 Die Internet-Seite 45
3.2.6 Die Computerbearbeiteten Porträts 45
3.2.7 Die Chimären 47
3.2.8 Die Postkarten 51
4. Gedankenspiel um weitere Vertiefungen 53
5. Resümee 55
6. Bildteil 61
7. Literaturverzeichnis 68

Textprobe:

Kapitel 2.3, Künstlerische Mittel:

Auf den folgenden Seiten setze ich mich mit den rein formal ästhetischen Reizen meiner Porträtserie auseinander. Warum sind die Porträtfotos farbig und nicht Schwarz-Weiß? Warum wählte ich gerade diesen Ausschnitt und keinen anderen? Wozu dient die Reihung? Was bezwecke ich mit einer medialen Aufbereitung? Diese und ähnliche Fragen, die sich mir vor und während der Realisierung des Projekts aufdrängten, werde ich im folgenden beantworten.

Auf der Suche nach einer Kategorisierung gelangte ich zu den Fachtermini der Porträt- und Selbstporträt-Malerei. An diese angelehnt schuf ich also 129 Kopfbilder en face, von vorn. Diese Augenblicke der Wahrheit sind deshalb so wahrhaftig und konkret, weil es sich um Fotografien handelt. Lange Zeit galt das Foto als das Mittel der Dokumentation. Die für ein solches Medium wichtigen Merkmale von Konkretheit und Genauigkeit wurden ihm sogar zum Nachteil ausgelegt.

Der noch bis vor kurzem schwelende Diskurs, ob Fotografie denn überhaupt der Gattung der Kunst einzugliedern sei, widerspiegelt diese Tendenz. Heute hat das auf Fotopapier entwickelte Foto schon fast wieder etwas von einem Unikat, denn das Bild auf dem Monitor oder Bildschirm hat das Foto in Sachen Reproduzierbarkeit, Geschwindigkeit und Flexibilität schon überholt.

Diese Überlegungen brachten mich zu der Erkenntnis, daß ich mittels Spiegelreflexkamera, Stativ und Selbstauslöser in der Lage sein würde, winzige Momente meines Lebens relativ korrekt festzuhalten und abzubilden. Ich betone hierbei das Wort relativ, denn ich baute mir kein Gerüst oder Raster, so daß ich mich, anders als bei den Aufnahmen von Ken Ohara, auf nichts konzentrieren mußte, außer vor dem Objektiv zu sitzen und den Auslöser zu betätigen. Diese Freiheit gewährende Maßnahme sollte sich positiv auf die in diesem Sinne spontan entstandenen Porträts auswirken, die ich gewillt war zu erreichen. Daß ich das Gesicht als Experimentierfeld nutzen wollte, war von Anbeginn klar, ist es doch der Körperteil mit den ausgeprägtesten und damit sichtbarsten Reflexionsmöglichkeiten des Inneren, der besten Widerspiegelung eines Selbst.

Die Werke des bereits erwähnten Ken Ohara beeindruckten mich durch die unglaubliche Nähe, die beim Betrachten seiner vielen hundert Porträts, geschossen im New York der 60er Jahre an einer Straßenecke, auftrat. Wie war ihm das gelungen, und was noch wichtiger war, könnte auch mir eine solch stärke Intimität mir selbst gegenüber gelingen? Ohara legte ein konkretes Raster fest, in welchem sich seine Modelle kommentar- und attributlos fotografieren ließen. Auf allen Bildern sieht man exakt denselben Ausschnitt verschiedenster Gesichter, bestehend aus Augen mit Augenbrauen, Nase und Mund.

Alle Bilder sind gleich groß und mit sehr lichtempfindlichen Schwarz-Weiß Filmen fotografiert worden. Der direkte Blick in die Kamera erhöht das Gefühl von Intimität, das ich den lebensgroßen Menschenausschnitten gegenüber empfinde. Ganz in der Tradition Oharas konzentrierte auch ich mich auf die effektlose Darstellung der drei Sinnesorgane als den Übermittlern der Mimik. Im Unterschied zu Ohara wollte ich jedoch schonungslos alles meinem Gesicht im jeweiligen Moment innewohnende bloßlegen und auf jegliche Mittel der Verfremdung verzichten. Wobei ein so beschränkter Ausschnitt schon verfremdend wirken kann. Ich fotografierte in Farbe, mit Blitz und Nahlinse. Damit nahm ich mir jede Möglichkeit, mich hinter irgend etwas zu verstecken. Der Blitz wiederum entriß mich für den Betrachter meiner alltäglichen Umgebung, indem er fast den gesamten Hintergrund im Dunkeln ließ, eher versteckte als sichtbar machte. Damit wurde der Ort der Fotos dearrangiert und war frei für mögliche Assoziationen des Betrachters.

Daß ich beschloß, mich täglich zweimal zu porträtieren; vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen, hatte ganz pragmatische Gründe. Dies sind die zwei Zeitpunkte in meinem Alltag, in denen ich am geringsten in der Lage bin, Kontrolle über mich zu erlangen. Meine Emotionen werden in der Mimik unverfälscht widergespiegelt. Das Ziel war absolute Spontaneität, Direktheit, Offenheit.

In der Folge warf sich die Frage nach einer Verstärkung der Wirkung der Fotos an sich und in ihrer Anzahl auf. Ich entschied mich für eine dichtgereihte Präsentation verschiedener puristischer medialer Raster. Damit müßte der Spagat zwischen dem tradierten Motiv des Selbstporträts und der modernen Medienkunst in einem Rhythmus aus Dichte und Sparsamkeit gelingen. Es durfte keine Abnutzung durch Wiederholung entstehen, sondern es sollte möglichst sollte die Intensität der Einzelbilder erhöht werden. Der Betrachter sollte gezwungen werden, sich die Zeit zu nehmen, die er sich womöglich bei einem Einzelbild nicht gegönnt hätte. Zwar bleibt man bei einer Reihung mit Sicherheit nicht sehr lange vor einem Bild stehen, jedoch funktioniert unwillkürlich das Phänomen der Wiederholung. Der Grad der Einprägsamkeit wird dadurch erhöht und die elementarsten Eigenschaften meines Gesichtes bleiben unterbewußt erhalten.

Es ergab sich jedoch eine weitere überraschende Wirkung durch die Wiederholung, die dem Gesagten konträr gegenübersteht: Während man bei einer konzentrierten Betrachtung der einzelnen Bilder zu dem Ergebnis kommt, daß diese sich eminent in Ausdruck und Ausschnitt unterscheiden, so wurde diese Unterscheidungsmöglichkeit mittels Ausschnittwahl und Reihung aufgehoben und vernichtet.

Die Betrachter interessierten sich, das konnte ich beobachten, nicht mehr in dem Maße für das Motiv, da die Bilder sich stark ähnelten, sondern es trat die ästhetische Wirkung von Raster und Medium in den Vordergrund.

Die glatten, kalt wirkenden Oberflächen der Medien Foto, Anstecker und Erinnerungsspiel schufen eine von mir durchaus erwünschte Distanz zu meinem eigenen Ich, so daß der Umgang mit den Selbstporträts deutlich leichter fiel, da ich sie im Moment der Bearbeitung nur als Objekte sehen konnte. Nicht ich war es, mit dem ich dort arbeitete, sondern die eben genannten Medien. Einen weiteren Vorteil sah ich in den Rastern, die in langer Tradition der Geschichte der ersten Bewegungsfotos oder natürlich Andy Warhols Porträtserien, der industriellen Massenware im Allgemeinen, stehen: Dicht aneinander gehängt, gelegt oder gesteckt berühren sich die Selbstporträts fast, kommentieren sich und widersprechen einander.

In der Videoinstallation soll mit dem Gefühl des Unheimlichen gespielt werden. Sie demonstriert erneut den Faktor Zeit und die Relativität von Veränderung. In dieser Installation kommt das Mittel der Monotonie zur Geltung. Unterbrochen wird diese nur durch winzigen Bewegungen. Von solchen subtilen Eingriffen leben auch die Computer-Prints. Mit kleinen Veränderungen wurden Metamorphosen von Ausdruck und vermitteltem Gefühl erreicht, Neukombinationen und Überlappungen prägen das Bild, wobei das Ausgangsmaterial, die Fotos, nicht komplett verfremdet worden sind; sie mögen nur Befremden hervorrufen. Je nach persönlichem Blickwinkel sollen letztlich die Bilder ein vielschichtiges, weil mehrdimensionales und multimediales, sehr präzise inszeniertes Spiel mit den Facetten der täglichen Persönlichkeit im Lauf der Zeit zeigen. Ein wenig wird preisgegeben, ein wenig angedeutet, aber keine Deutung zwingend vorgeschrieben.

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