Euphorie, Engagement und Enttäuschung oder Der Kurze Sommer der Anarchie
Über die Nachwirkung der Wendeerfahrung in den Biographien junger Ostdeutscher
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Michael Kummer
- Abgabedatum: Februar 2004
- Umfang: 88 Seiten
- Dateigröße: 354,5 KB
- Note: 2,3
- Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
- Bibliografie: ca. 120
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3887-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kummer, Michael Februar 2004: Euphorie, Engagement und Enttäuschung oder Der Kurze Sommer der Anarchie, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: 1989, Wende, Oral History, Nachwendebiographien, Jugendliche
28,00 €
PDF-eBook Download: 28,00 €
Magisterarbeit von Michael Kummer
Einleitung:
Die vorliegende Arbeit zur Erlangung des Magistergrades wird nicht nur ein wissenschaftlicher, sondern, wiewohl ungewöhnlich, auch ein unmittelbar meine Selbsteinschätzung betreffender Erkenntnisprozess. Dass sich beides dabei nicht gegenseitig ausschließt, will ich versuchen. Die Hintergründe werden im Folgenden ersichtlich.
Die dem Prozess anhaftende Charakteristik eines Verlaufs wird von mir insoweit berücksichtigt, dass ich beim Verfassen dieser einleitenden Zeilen auch tatsächlich am Beginn der Analyse stehe. Das Schreiben der Arbeit wird also die nach Außen gerichtete Begleitung der in mir entstehenden und vorhandenen Gedanken sein, um mich einerseits zu vergewissern oder zu berichtigen und andererseits dem Leser das Nachvollziehen meiner Perspektive auf das Geschehene und zu Erwartende zu ermöglichen. Im Verlauf der Arbeit kann ich damit rechnen, dass noch zu formulierende Vermutungen und Hypothesen sich als gar nicht oder nur als abgeschwächt haltbar erweisen, andere dagegen sehr wohl.
In vielen seit 1990 entstandenen Jugendstudien wurden abweichende gesellschaftliche wie politische Einstellungen ostdeutscher Befragter gegenüber ihren westdeutschen Altersgenossen beobachtet. Die Begründung, die hierfür meist angeführt wurde, war die für die Ostdeutschen grundlegend verschiedene Erfahrung eines Lebens in der Diktatur. Zu Beginn der 90er Jahre ging man noch davon aus, dass dieses Phänomen sich im Laufe der nächsten Jahre verflüchtigen würde, doch in nicht wenigen Positionen trat das Gegenteil ein und die Meinungsverschiedenheiten differenzierten sich im Laufe der Zeit weiter aus. Wenig oder gar kein analytisches Interesse fanden dagegen die Nachwirkungen der Erlebnisse während der Umbruchphase 1989/90 auf die gesellschaftspolitischen Positionen der Befragten und damit auf die Grundlage ihres Handelns im öffentlichen Raum. Dieser Frage nachzugehen wird Aufgabe dieser Magisterarbeit.
Fundament und damit Ausgangspunkt meiner Vorüberlegungen und der sich daran anschließenden Fragestellungen sind meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke in der DDR während der friedlichen Revolution von 1989 (oder zumindest meine Erinnerungen daran) und deren von mir vermuteter prägender Wirkung. Diese Arbeit wird mich somit in der Suche nach meinen eigenen Prägungen und nach den Ursachen für verschiedene gesellschaftspolitische Einstellungen unterstützen und dennoch hoffe ich, dem Anspruch der Objektivität innerhalb einer historisch-wissenschaftlichen Arbeit gerecht zu werden. Was ich darunter verstehe, führe ich näher im Kapitel Erinnerung und Historie aus. Um den Stimulus meines Forschens nachvollziehen zu können, will ich zunächst meine Erfahrungen während des Umbruchs in der DDR im Jahr 1989 kurz schildern.
Für mich persönlich lassen sich die Tage und Wochen der sogenannten Wende am ehesten als ein Politisierungsprozess bisher nicht wieder erlebten Ausmaßes benennen. In der von mir zum damaligen Zeitpunkt besuchten Schule in Erfurt, ich war 15-jährig, fand herkömmlicher Unterricht aufgrund der sich in diesen Tagen und Wochen ständig ändernden politischen wie gesellschaftlichen Lage nur noch am Rande statt. Anstelle des geplanten Unterrichtsinhalts wurde überwiegend über die neuesten politischen Vorgänge und die rasanten Veränderungen in der DDR geredet und diskutiert und sich gegenseitig informiert. An manchen jener Tage gingen wir dazu sogar in den Nachmittagsstunden aus eigenem Antrieb in die Schule, eine für einen pubertierenden Schüler sehr ungewöhnliche Handlung. Wir engagierten uns freiwillig, etwas, was es in dieser Form und in diesem Ausmaß vor der Wende und bei den meisten auch danach nie wieder gab.
Wir diskutierten mit den Lehrern und waren mit unseren Vorschlägen und unserer Kritik, die auf einmal frei geäußert werden durfte, nicht eben zimperlich. Umso faszinierender war es für uns, wenn sich ein Lehrer offen vor der Klasse zur Notwendigkeit des Wandels und zu den gemachten Fehlern bekannte. Wir sammelten Ideen, entwarfen Konzepte und kreierten Wandzeitungen zu aktuellen politischen Themen, besonders zu den aus Schülersicht notwendigen Veränderungen in der DDR. Wir taten das alles für einen Staat, welchen wir als ‘unsere’ DDR, als ‘unser’ Land ansahen und den wir verbessern und verändern, nicht jedoch abschaffen wollten. Die DDR war für uns plötzlich ein Land, über dessen Zukunft und dessen Ausgestaltung wir nun mitredeten, scheinbar mitentschieden und in dem es vermeintlich keine Barrieren mehr gab, kritisch und konstruktiv tätig zu werden. Wir fühlten uns von allen bisher lähmenden Fesseln befreit. Und trotz fehlender Problematisierung im eigenen Elternhaus und damit fehlender familiärer Unterstützung ging ich mit einigen meiner Klassenkameraden auf den Erfurter Domplatz, um für eine gerechtere, offenere und bessere sozialistische Gesellschaft zu demonstrieren.
Es war eine Zeit des stürmischen Wandels. Ich war in einem bis dahin unbekannten und bis heute nicht wieder erreichten Maß politisch motiviert und euphorisiert. Trotz aller düsteren Nachrichten über die wirtschaftliche Lage des Landes fühlte ich mich leicht, frei und unbeschwert. Viele der Menschen um mich herum blühten in dieser rauschhaften Zeit auf und offenbarten ihr Potential an Engagement, Kreativität undSelbständigkeit. Ich sah Menschen, welche die Veränderung der bestehenden Verhältnisse wollten und die Veränderbarkeit dessen spürten. In diesen Tagen und Wochen fühlten ich und so viele um mich herum die im positiven Sinn mitreißende und inspirierende Kraft der Anarchie.
Dass solcherart emotionale Erfahrungen an mir als einem damals jungen Menschen nicht spurlos vorüber zogen, ist auf den ersten Blick mehr als einleuchtend. Und ich habe natürlich ein tiefes Interesse, den Nachwirkungen und Prägungen der beschriebenen Ereignisse auf die Spur zu kommen. Dies jedoch an mir selbst einzuschätzen, scheint mir im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit hingegen unangebracht, weshalb ich nun den Blick von mir vorerst weglenken möchte. Um die Problematik und die darin enthaltenen Fragestellungen weiter zuzuspitzen, möchte ich einen kurzen einleitenden Blick über die geäußerten Erfahrungen anderer Ostdeutscher meiner Altersgruppe wagen.
Als Vorgeschichte dieser Erinnerungen lässt sich für die zweite Hälfte der 1990er Jahre ein regelrechter Boom an selbstvergewissernden und damit selbstbestätigenden literarischen Äußerungen junger Westdeutscher feststellen. Exemplarisch möchte ich hier Benjamin von Stuckrad-Barre und Florian Illies nennen. Etwas überspitzt resümierte darüber die Frankfurter Allgemeine Zeitung folgendermaßen: ‘Eine disparate Generation vereinzelter Glückssucher ohne große, gemeinsam erlebte geschichtliche Ereignisse fand im Zeichen der Literatur zu sich und zueinander. Die Sehnsucht, Teil einer Jugendbewegung zu sein, wurde wenigstens beim einsamen Lesen zu Hause erfüllt.’ Beeinflusst durch einen Text von Karl Mannheim erscheint es mir zunächst einmal wenig sinnvoll, die Begriffe disparat und Generation in einem Zusammenhang zu benutzen, doch darüber hinaus kann ebenjener Hinweis auf das fehlende Bindeglied des kollektiven historischen Ereignisses ein Schlüssel zum Verständnis der darauf folgenden Entwicklung in der jungen deutschen Literatur sein. Denn nun fanden auch junge Ostdeutsche den Weg und den Mut, ihr Leben in der DDR, ihre Wendeerfahrungen und ihr Neubundesbürgerleben in Selbstbeschreibungen mitzuteilen. Vorrangig sind es Frauen, beispielhaft möchte ich hier Jana Simon, Jana Hensel, Julia Schoch und Abini Zöllner nennen. Fast immer kommt es in diesen überwiegend autobiographischen Werken zu mehr oder weniger direkten Schilderungen der bewegten Wendezeit und ihrer Nachwirkungen auf das Leben der VerfasserInnen oder auf das ihrer literarischen Protagonisten. Es ist das beherrschende und allem Anschein nach auch das einende Thema, womit im Mannheimschen Sinne eine der entscheidenden Vorraussetzungen für einen Generationszusammenhang (bis hin zur Generationseinheit) gegeben ist.
Sehr gegensätzliche Reaktionen zweier Autoren auf dieselbe euphorische Wendeerfahrung, ähnlich der meinigen, finden sich in einer im Jahr 2000 erschienenen Aufsatzsammlung. Während der eine, Frank Rothe, sich durch das Erlebnis eines zusammenbrechenden Gesellschaftssystems dazu verleiten lässt, keiner zukünftigen Ordnung mehr zu trauen und den Rückzug ins Private forciert, meint der andere, Carsten Schneider, daraus einen Antrieb zur demokratischen und pragmatischen Mitwirkung an der Gesellschaft zu verspüren. Für den einen ist es also eine Erfahrung von etwas Verschwindendem, für den anderen von etwas Entstehendem, und dennoch von beiden positiv eingeschätzt und für beide grundlegend prägend. Damit ist der Spannungsbogen möglicher Reaktionen und Verarbeitungen dieser historischen Erfahrung aufgezeichnet.
Im Osten Deutschlands fanden solche literarischen, aber auch die filmischen Schilderungen durchweg eine viel stärkere Rezeption als im Westen. Der vor kurzem im Kino gelaufene Film Good bye, Lenin! stellt diese kurze, aber umso glückseligere Phase zwischen den Systemen auf bewegende Weise dar und findet genau damit nun auch ein großes Publikum in den alten Bundesländern. Während der Erfolg im Osten Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach durch Akte der Selbstbestätigung und Identifikation ihres Erfahrungsvorsprungs die Menschen in Scharen in die Kinos treiben oder die Bücher zur Hand nehmen ließ und lässt, spricht vieles dafür, dass sich im Westen die Sehnsucht nach solch einem historischen Ereignis mit all seiner Prägekraft langsam Bahn bricht. Diese Einschätzung ist im Übrigen ganz und gar unabhängig davon, in welchem Maße dabei Fiktionen seitens der westlichen Bundesbürger über die Wendezeit vorhanden sind, wichtig erscheint mir allein die Existenz des Verlangens.
Aus den bisherigen einleitenden Worten ergeben sich nun die zwei Hauptfragen meiner Magisterarbeit, die ich zunächst allgemein formulieren und danach durch methodische Vorüberlegungen präzisieren möchte. Zum einen frage ich nach den während des Umbruchs von 1989 gemachten Erfahrungen und Erlebnissen und zum anderen danach, wie mit diesem historischen Ereignis im Leben des Einzelnen umgegangen wird, also wie sich dieses auf die späteren Lebensgeschichten und Einstellungen des jeweilig Befragten auswirkt.
Um diese Fragen zu beantworten und die noch zu schildernde These auf ihre Plausibilität zu überprüfen, ziehe ich hauptsächlich von mir geführte narrativ-biographische Interviews als Quellen heran. Die Begründung dafür und die von mir angewandte Methode erläutere ich im Kapitel ‘Grenzen und Möglichkeiten des Interviews’ näher.
Bereits verschriftlichte, zumeist autobiographische Quellen und eine Auswahl derjene Fragestellungen thematisch schneidenden Forschungsliteratur aus den Gebieten der Zeitgeschichte, der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Psychologie ziehe ich ebenfalls heran. Um den Rahmen einer Magisterarbeit nicht zu sprengen, ist es meines Erachtens nach ausreichend und notwendig, fünfzehn qualitative Interviews erstellt zu haben. Durch die Interpretationen dieser strebe ich die Formulierung und die Unterfütterung einer typologischen Hypothese an. Ob ich das erreiche, hängt von den Aussagen der Interviewten ab und ist somit zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.
Zunächst will ich jedoch die Auswahl des befragten Personenkreises näher erläutern.
In den lebensgeschichtlichen Interviews des an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Sommersemester 2002 stattgefundenen Hauptseminars ‘Erfahrungstransfer zwischen Generationen im Systemumbruch’ stellte sich eine Scheidung um das Geburtsjahr 1976/77 recht deutlich heraus. Mit einiger einzigen Ausnahme berichteten alle bis 1977 geborenen Befragten von einer bewusst miterlebten Zeit der 89‘er Umbrüche in der DDR. Dabei reichte das Erleben des Wandels von aktiver Teilnahme bis hin zu abwartender Haltung. Die im Jahr 1977 oder später Geborenen konnten dagegen die Bedeutung dieser Zeit nur retrospektiv benennen. Für sie war die Zuwendung und Interaktion zu und mit der weiteren Umwelt noch nicht eingeleitet. Entwicklungspsychologisch wird betreffs der Sozialisationsinstanzen und -phasen grundlegend angenommen, dass die Zeit zwischen dem Beginn der Pubertät und dem schwer definierbaren Ende des Jugendalters bei den meisten Menschen die entscheidende Phase der Ausprägung eigener Werte und moralischer Einstellungen ist. In dieser Zeit findet die Lösung vom Elternhaus als meinungsbildender Instanz statt und außerfamiliäre Faktoren wie z.B. die Schule, der Betrieb, die peer-group und die allgemeine Öffentlichkeit mit ihren Medien und Institutionen treten bestimmend hervor. In jenem Abschnitt wachsender Unabhängigkeit und Selbstdefinition beginnt der pubertierende Mensch seine Identität als Erwachsener herauszubilden. Aus den eben genannten Gründen habe ich mich für Interviewpartner entschieden, die hauptsächlich in der ersten Hälfte der 1970er Jahre geboren wurden. Auch in der örtlichen Auswahl der Befragten erschien es mir methodisch sinnvoll,Einschränkungen zu treffen. Die Wahrscheinlichkeit der Erfahrung von öffentlichen Protesten größeren Ausmaßes während der Umbruchzeit in der DDR und damit der Möglichkeit der Teilnahme an diesen ist umso größer, je mehr es so etwas wie eine städtische Kultur gab. Daher und weil dies mein Studienort ist, habe ich ausschließlich junge Ostdeutsche, welche die Wendezeit in Jena erlebten, befragt.
Auf der Suche nach der jeweiligen Wendeerfahrung und ihrem vermuteten prägenden Einfluss habe ich Ostdeutsche gegensätzlicher Herkunft zu Wort kommen lassen. Denn erst auftretende Differenzen ermöglichen kontrastierende Aussagen und damit eine Überprüfung meiner Vermutungen. Somit habe ich versucht, jeweils ein Drittel der beabsichtigten Interviews mit Menschen aus ungleichenHerkunftsmilieus durchzuführen. Ausschlaggebend war dabei die Frage nach den Wendeerlebnissen und da diese eng mit den Einstellungen des unmittelbaren familiären Umfelds zum Staat DDR zusammenhängen, erschienen mir folgende Kontrollgruppen sinnvoll:
1. Die Staatsfernen:
Idealtypischerweise konnte ich hier erwarten, dass bei diesen Befragten, welche vor allem aus kirchlichen und kirchennahen Kreisen kamen, eine allgemeine innere Distanz zum Staat DDR und vor allem zu seinen politischen Institutionen bestanden hat. Deshalb konnte ich auch davon ausgehen, dass sich die meisten dieser Menschen in verschiedenster Form während der Umbruchzeit engagierten und auf eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse hinwirkten. Vermutlich war das Ziel dabei die Ordnung der Bundesrepublik, also das westliche Gesellschaftsmodell mit seinem liberalen und doch das Christentum fördernden Staatssystem. Und dieses wurde erreicht. Das Aktivsein während der Wende, in welcher Form auch immer, hatte sich somit gelohnt. Ichkonnte damit vermuten, dass eben auch durch diese historische Grunderfahrung eine positive Einstellung zum heutigen Staat, zu seinen Institutionen und zum eigenen Engagement zu beobachten sein wird.
2. Die Staatsnahen:
Die durch diese Elternhäuser geprägten jungen Menschen werden idealtypisch betrachtet die Veränderungen abgelehnt haben und diesen abwartend, wenn nicht gar ängstlich gegenübergestanden haben. An ein Engagement für Veränderung war weniger zu denken, und wenn, dann eher, um die alten Zustände zu konservieren und weiteren ‘Schaden’ zu begrenzen. Wenn diese Menschen während des Umbruchs also eher passiv, verunsichert und orientierungslos waren, dann kann das bereits beschriebene Hochgefühl von Freiheit und Politeuphorie nicht oder nur stark abgeschwächt empfunden worden sein. Der Verlust bisheriger familiärer Privilegien wird eine positive Einstellung zum bundesrepublikanischen Staat mit seinen Institutionen und zum eigenen Engagement nicht wahrscheinlich machen.
3. Die Mitläufer:
Die weiteren Interviews habe ich mit Menschen durchgeführt, in der sich das elterliche Umfeld durch eine passive oder nicht klar erkennbare Haltung zum Staat DDR von den beiden eben benannten Herkunftsmilieus abhebt. Hier sind ähnliche Erfahrungen wie die meinigen zu erwarten.
Wie jedoch kann diese wissenschaftliche Arbeit objektiven, also unvoreingenommenen und unparteiischen Ansprüchen genügen, wenn ich als der Untersuchende durch meine eigenen Erlebnisse derart vorgeprägt bin? Um das zu konterkarieren, habe ich jene zunächst sehr grobe Herkunftsentgegensetzung aufgestellt. Meine aus meiner Eigenerfahrung gewonnene These soll durch diese Auswahl der Interviewten möglichst herausfordernden Testbedingungen ausgesetzt werden. Mann kann das mit einer Art Schablone vergleichen, denn oft ist es nur durch diese möglich, die Konturen des Darunterliegenden zu erkennen. Dass die soziale Wirklichkeit jedoch wesentlich komplexer ist, steht dabei außer Frage.
Ich glaube, dass dieses induktive Vorgehen, also die Betonung und Beachtung der Eigenerfahrung, eine gesteigerte Sensibilität für den Untersuchungsgegenstand sichern kann. In diesem Sinne kann dieses bewusst gewählte Vorgehen eben nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke dieser Arbeit werden.
Aus all dem bisher Gesagten ist es nun besser möglich, die Fragen dieser Magisterarbeit genauer zu formulieren:
Zum einen begebe ich mich also auf die zeitzeugengestützte Suche nach den Wendeerfahrungen zwischen 1969 und 1977 geborener Ostdeutscher, welche die Zeit des 89er Umbruchs in der Stadt Jena erlebten und welche aus gegensätzlichen Herkunftsmilieus entstammen. Darauf aufbauend versuche ich zum anderen, den Auswirkungen dieser Erfahrungen auf Lebensläufe, Zukunftsplanungen und Verortungen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft interpretatorisch näher zu kommen.
Meine dieser Arbeit zugrundeliegende Hypothese lautet nun: Die Quantität und die Qualität politischer wie gesellschaftlicher Teilhabe wirken sich auf die gesellschaftspolitischen Einstellungen und damit auf die daraus folgenden Handlungen grundlegend aus. Vor allen Dingen dann, wenn jene unmittelbar erlebte Partizipation während der pubertären Phase geschieht. Ich erwarte, dass sich solche Erfahrungen fundamental in den Lebensläufen, Einstellungen und Zukunftsplanungen nachwirkend spiegeln.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Prolegomena | 3 |
| 2. | Erinnerung und Historie | 13 |
| 3. | Methodisches | 20 |
| 4. | Hauptsächliches | 26 |
| 4.1 | Welche Erinnerungen an das Erleben der Wendezeit existieren? | 26 |
| 4.1.1 | Staatsnahe | 26 |
| 4.1.2 | Staatsferne | 33 |
| 4.1.3 | Mitläufer | 43 |
| 4.1.4 | Erste Erkenntnisse | 48 |
| 4.2 | Welche Handlungsmotivationen werden aus dieser Erinnerung an die Wende abgeleitet? | 50 |
| 4.2.1 | Prägungen und Bilanzen bei den Distanzierten und den Unbedarften | 50 |
| 4.2.2 | Prägungen und Bilanzen bei den Engagierten | 51 |
| 4.2.2.1 | Das Polizistenmotiv | 51 |
| 4.2.2.2 | Das Veränderbarkeitsmotiv | 53 |
| 4.2.2.3 | Das Entfremdungsmotiv | 54 |
| 4.3 | Sichtweisen auf Demokratie und Bundesrepublik | 56 |
| 4.3.1 | Die Unbedarften | 56 |
| 4.3.2 | Die Veränderbarkeitsgläubigen | 58 |
| 4.3.3 | Die Entfremdeten | 59 |
| 4.4 | Wie prägte die DDR und was macht den Ostdeutschen aus? | 59 |
| 4.5 | Reales und potentielles gesellschaftliches Engagement | 62 |
| 4.5.1 | Die Distanzierten | 62 |
| 4.5.2 | Die Engagierten | 62 |
| 5. | Vergleichendes | 64 |
| 5.1 | Unbrauchbare Indikatoren | 64 |
| 5.2 | Die Relevanz der primären Sozialisationsinstanz Elternhaus | 64 |
| 5.3 | Eigene und psychologische Bedeutungszuschreibungen | 65 |
| 5.4 | Über die Identifikation zum neuen Staat | 68 |
| 5.5 | Der doppelte Loyalitätskonflikt | 69 |
| 5.6 | Das Wirken in der Gesellschaft | 71 |
| 6. | Standpunkte und Ausblick | 73 |
| 7. | Anhang | 78 |
| 7.1 | Fragespiegel | 78 |
| 7.2 | Interviews | 79 |
| 7.3 | Quellen und Literatur | 80 |
| 7.4 | Internet | 88 |
Textprobe:
Kapitel 4.2.2.3, Das Entfremdungsmotiv:
Das für mich interessanteste, weil vielleicht viele der gegenwärtigen Einstellungen und Handlungsweisen der Biographen erklärende, Motiv ist das der Entfremdung durch eine Verlusterfahrung, zumeist das der Euphorie. Es ist eng verbunden mit dem der Erfahrung von Veränderbarkeit und drückt sich in verschiedenen Bildern aus.
Für Ulrich sind in erster Linie die Demonstrationen hängen geblieben. In seiner Erinnerung war man für mehr Freiheit, nicht gegen etwas. Es sollte Neues geschaffen werden und genau diesen konstruktiven Hintergrund vermisst er in der heutigen Gesellschaft. Uwe und Gunda wurden durch die Wendereignisse zu weiteren aktivem politischen Handeln inspiriert und beide wurden enttäuscht. Uwe hat sich im Jahr 1990 als Schülersprecher hervorgetan und für sich dann doch festgestellt, dass die Wünsche der Schüler nicht durchzusetzen waren, ja, sie gar nicht beachtet wurden.
Bei Gunda ging die Inspiration als auch die Enttäuschung durch die Wendezeit noch tiefer. In den Jahren 1991/92 hielt sie sich viel in Kreisen studentischer Linker auf und genoss das Gefühl wie einst in den Wendetagen, ernst genommen zu werden und ihr Leben selbst gestalten zu können: ‘Erstmal dieses Gefühl ‚Alles ist möglich’, so. Das empfinde ich jetzt nicht mehr so, also ich würde jetzt nicht sagen, dass alles möglich ist, ja, aber in dem Moment weiß ich, dass ich das Gefühl hatte ‚Alles ist möglich’, ‚Alles ist offen’, wo geht es hin, diese Neugier, was passiert jetzt, also das ist schon was und ich denke, auch dieses plötzliche ‚Freiheit haben’ und dieses plötzlich ‚Alles Können’, alles auszuprobieren, dieser Schock der Möglichkeiten, das denke ich ist auch so ein Phänomen.’ Aus heutiger Sicht, zwei Kinder, alleinstehend, arbeits- und mittellos, stellt sie dann ernüchtert fest, dass sie an ihr Leben nach der Wende viel zu euphorisch und idealistisch herangegangen ist. Es fällt ihr schwer sich einzuordnen, sich fremdbestimmen zu lassen, und wenn sie es tut, hat sie oft das Gefühl, sich zu verkaufen. Lieber hält sie an einem Idealismus eines selbstbestimmten Lebens fest, der es ihr oft verbietet, Kompromisse einzugehen. Das ist nachvollziehbar, denn wenn man einmal selbstbestimmt und unabhängig gelebt hat (oder das zumindest so empfunden hat), ist der Versuch, dieses autonome Dasein erneut zu inszenieren, eine der möglichen Reaktionen auf das nach diesem Leben einsetzende Gefühl der Entfremdung. Da das nun nicht mehr im gesamtgesellschaftlichen Rahmen möglich ist, wird man versuchen, auf Mikrokosmen auszuweichen. Möglicherweise kann man es auch als die Suche nach der alten Mächtigkeit bezeichnen.
In diese Richtung verweisen auch die Erzählungen Karls. Ihm ist nach der Wende klar geworden, dass Politik nicht ehrlich ist, ja, nicht sein kann. Er ist im Wortsinne desillusioniert worden. Seine Wendeeuphorie ebbte sehr schnell ab und er zog sich in seinen Mikrokosmos zurück, seine nunmehr gegründete Familie.
Irgendwann in den 90ern ist Berta klar geworden, dass sie durch ihre Beteiligung an den Wendeereignissen, und sei diese aus ihrer Sicht auch noch so unbedeutend gewesen, an etwas Großen und dabei so Friedlichem teilgenommen hat. Die Idee des gewaltlosen Widerstands gegenüber struktureller Gewalt führte sie auf die Spuren Martin Luther Kings und schließlich wendete sie sich dem Buddhismus zu. Nicht sicher bin ich mir, ob hier nicht auch die Suche nach einem Mikrokosmos gefüllt mit Inhalten aus der verlorenen Zeit deutlich wird, doch deutet einiges darauf hin.
Aus diesen Interpretationen heraus drängen sich für die Frage nach der Haltung zur Bundesrepublik Deutschland und zur Demokratie bundesdeutscher Prägung neue Gruppenbildungen auf. Dafür möchte ich die Gruppe der Unbedarften um diejenigen erweitern, die für sich keine Prägungen der Wendezeit feststellen konnten und um diejenigen verkleinern, bei denen der Glaube an die Veränderbarkeit oder Entfremdungstendenzen zu beobachten sind. Zentral sind für mich dabei Äußerungen, die auf Entfremdungen schließen lassen. Ich bin mir darüber bewusst, dass diese Art der Gruppierung grob und unsystematisch erscheinen kann, doch dient sie dem weiteren Verlauf der Analyse und wird am Ende der Arbeit teilweise wieder aufgelöst. Die Gruppe der Veränderbarkeitsgläubigen wird dann die dritte Gruppe sein, die mich in ihren politischen Einstellungen interessiert. Es gibt an dieser Stelle Überschneidungen, doch das Motiv der Entfremdung habe ich als maßgeblich eingeschätzt (und damit die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe).
28,00 €
PDF-eBook Download: 28,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836638876
Arbeit zitieren:
Kummer, Michael Februar 2004: Euphorie, Engagement und Enttäuschung oder Der Kurze Sommer der Anarchie, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
1989, Wende, Oral History, Nachwendebiographien, Jugendliche



