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Ethik in der Sozialarbeit

Exkurs zu weltanschaulichen Fragen

Ethik in der Sozialarbeit
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Hella Keller

Einleitung:

Philosophische Aspekte meiner Zugangsweise:

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Sozialarbeit, sich selbst in Frage zu stellen, zumal dann, wenn sie theoretisch werden will. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Philosophie, sich selbst in Frage zu stellen, zumal dann, wenn sie praktisch werden will. Denn das Infragestellen des eigenen Tuns stärkt die Fähigkeit, immanente Abkapselungstendenzen aufzuspüren und jenem Trend zum Rückzug aufs eingebildete Eigene, aufs eindimensional Vertraute zu widerstehen, der ebenso verführerisch wie verheerend sein kann. Wir brauchen philosophisches Denken, um eingesperrte Lebensprozesse wieder in Gang zu bringen, das fehlende, das unterschlagene, das wegpraktizierte oder wegrationalisierte Andere einzufordern.

Genau dies ist das Ziel dieser Arbeit.

Alarmstufe ROT! Alle Mann auf die Posten ! Abwehrsysteme aktivieren ! Adrenalinausschüttung - Man nähert sich einem suspekten Artikel. Die Gefährdung, um die es dabei geht, hängt mit den eigenen Annahmewelten zusammen. Werden diese durch Ideen, Beschreibungen der Welt, der Wertsysteme des Autors usw. gefährdet, in Frage gestellt ? Oder handelt es sich um jemanden, der die eigenen Annahmesysteme nur ausschmückt, ergänzt und mit anderen Facetten bereichert, bestätigt und betoniert?

Zweiteres soll diese Arbeit gerade nicht ! Sie soll vielmehr einladen zu einer kritischen Selbstreflexion der eigenen philosophischen und weltanschaulichen Voraussetzungen.

Einleitende Gedanken zum Thema Wissenschaft:

Will Sozialarbeit Wissenschaft sein, so bestätigt Engelke meine eigene Überzeugung:

‘Zur Selbstreflexion der Wissenschaft gehört die kritische Reflexion der eigenen philosophischen und weltanschaulichen Voraussetzungen, die den Geltungsbereich der wissenschaftlichen Aussagen deutlich machen’.

WISSEN: Das deutsche Wort ‘Wissen’ gehört sprachgeschichtlich zu der indogermanischen Sprachwurzel ‘ueid’ und bedeutet ‘erblicken, sehen’.

Aus ‘Ich habe gesehen’ wird ‘ich habe erkannt’ und später ‘ich weiß’. Ein Neugieriger hat etwas erblickt, reflektiert und dadurch etwas erkannt. Wissen hängt sprachlich also eng mit ‘sehen’ und ‘erkennen’ zusammen.

Das Wort ‘wizzenschaft’ taucht erst ab dem 16./17. Jahrhundert im deutschen Sprachraum auf. Es wird für den lateinischen Begriff ‘scientia’ im Sinne von geordnetes, in sich zusammenhängendes Gebiet von Erkenntnissen’ gebraucht. Sehen, erkennen und das erkannte Wissen ordnen kennzeichnen sprachgeschichtlich ganz allgemein ‘Wissenschaft’.

Erkennen, wie Adorno es meint, den Geist hinter den Erscheinungen zustudieren, die Zusammenhänge zu erfassen suchen, zu erläutern, was von den Weisen aller Welt als ‘das Wesen der Dinge’ erkannt worden ist, scheint den modernen Wissenschaften abhanden gekommen zu sein.

‘Statt feste Standpunkte zum Leben auf der Welt zu erfassen und auszulegen, beschränken sich auch die Geistes- und Human - Wissenschaften nur noch ausschließlich darauf, intellektuelle Entwürfe (Theorien) über das Leben und die Welt zu machen, und diese Entwürfe an der Welt sinnlich (Empirie = durch messen, wiegen und zählen) zu überprüfen’.

Alles Wissen, das über dieses von jedermann Erfahrbare hinausgeht - wird als ‘metaphysisch’ ausgeschlossen. Trotzdem oder gerade deshalb ist es mir ein Anliegen, zu zeigen, daß das Ausschließen der Metaphysik alle Ethik auf tönerne Füße stellt.

Heute hat die Wissenschaftstheorie oder auch Erkenntnistheorie die Aufgabe der Philosophie übernommen. Die Wissenschaftstheorie erforscht das Entstehen von Wissen, seine Bedingungen und Voraussetzungen, seine Ziele und Zusammenhänge, seine Querverbindungen und Grenzen.

‘Das Studium einer jeden Wissenschaft enthältzwangsläufig auch immer eine Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Grundpositionen, Fragen und Antworten, da wissenschaftliches Erkennen und Denken sich selbst bis in die Gründe und Anfänge zu reflektieren hat’.

Als Mitglieder einer Gesellschaft nehmen die Forscherinnen an dem gesellschaftlichen Macht- und Interessenspiel ihrer Epoche teil. So wird wissenschaftliche Forschung auch zum Ausdruck der in einer Gesellschaft geltenden Werte und Ziele. Kennzeichnend ist nicht nur das, was erforscht wird, sondern gerade das, was nicht erforscht wird.

Das wissenschaftliche Grundgesetz: Wissenschaft kann immer nur soweit (nach außen) voranschreiten, wie sie (nach innen) an Boden und Voraussetzung schafft und klärt.

Im Unterschied zur Alltagserkenntnisgewinnung wird beim wissenschaftlichen Erkennen bewußt und systematisch nach Antworten auf eine zugespitzte Frage gesucht.

Genau dies will diese Arbeit . Die zugespitzte Frage lautet: Welches sind die traditionellen weltanschaulichen und wertetheoretischen Grund-positionen, welches sind die derzeitigen Trends; inwiefern stehen diese im Widerspruch zueinander und tragen zum Unbehagen in und mit der Sozialarbeit bei ?

Meine Arbeit versucht sich auf drei Forschungsebenen:

a) Erforschen des sinnlich Erfahrbaren : Was ist los?

Es herrscht ein undefiniertes, unausgesprochenes Grundlagenverständnis innerhalb der Ausbildung und in der Praxis der Sozialarbeit.

b) Entwickeln intellektueller Entwürfe: Wie ist das zu erklären ?

Ich werde die verschiedenen Ausgangspositionen in ihren Grundzügen darstellen, untersuchen und in der Folge versuchen, den innewohnenden Widerspruch aufzuzeigen.

c) Überprüfen, wie bestimmte Vorannahmen in der Praxis wirken: ‘Evaluationsforschung’.

Fallstudie:

Diese Arbeit will auch eine Begründung für die Unverzichtbarkeit einer Klärung der weltanschaulichen und wertetheoretischen Grundpositionen innerhalb der Ausbildung für Sozialarbeit liefern:

An der ASAV gab es während meiner Studienzeit keinen Unterricht zu Weltanschauungsfragen oder Ethik.

Fragen, wie den folgenden, wurde eher sorgfältig ausgewichen.

- was ist der Ursprung, Wesen und Sinn der Welt ?

- was ist der Ursprung, Wesen, Sinn und Zieldes menschlichen Lebens ?

- warum und wozu soll der Mensch ethisch handeln ?

Wiederum bestätigt Engelke meine Überzeugung:

Aus der Beantwortung solcher weltanschaulicher Grundfragen, die bei jedem Vollzug von Wissenschaft - explizit oder implizit - gegeben werden müssen, ergibt sich der Rahmen für jede weitere Wissenschaftsdisziplin.

Mit diesen Vorentscheidungen sind zugleich immer auch alle folgenden Entscheidungen eng verbunden. Es fehlen mir also wesentlich Lehrinhalte, besonders aber die kritische Reflexion und Diskussion der weltanschaulichen Voraussetzungen für Sozialarbeit. Mein Unbehagen scheint nicht nur subjektiv, daher möchte ich es mit Zitaten von Hermann Baum und Ernst Engelke bekräftigen:

Baum: ‘Wenn Sozialarbeit und Sozialpädagogik sich als professionelles Helfen für einzelne oder auch für Gruppen verstehen will und wenn festgestellt werden darf, daß dieses Helfen fraglos ethisches Gewicht hat, so muß gefolgert werden, daß Sozialarbeit und Sozialpädagogik von ihrem professionellen Selbstverständnis her um ethisches Wissen bemüht sein müssen und dieser Wissenserwerb bereits fundamentale berufsethische Pflicht ist’.

Engelke: ‘Soziale Probleme und Konflikte resultieren nicht zuletzt aus widersprüchlichen Wert- und Lebensauffassungen.’ ‘Daher kann die soziale Arbeit als Wissenschaft nicht darauf verzichten, sich explizit mit der Wertfrage zu befassen. Eine Analyse der Theorien zur Sozialen Arbeit zeigt, daß alle AutorInnen sich ‘irgendwie’ mit der Wertfrage befassen, die wertetheoretische Position bleibt weithin ungeklärt’.

Inhaltsverzeichnis:

VORWORT: Zu meiner Person 4
Motivation und erkenntnisleitende Interessen 5
TEIL I EINLEITUNG 7
TEIL II GRUNDLEGENDEDEFINITIONEN 13
II.1 GRUNDPRÄMISSEN der ETHIK 13
II.1.1 Warum braucht der Mensch Ethik ? 14
II.1.2 Die zentralen Fragen der Ethik 16
II.1.3 Formen von Ethik 16
II.1.4 Ethische Grundhaltungen 18
II.1.4.1 Christliche Ethik 18
II.1.4.2 Humanistische Ethik 19
II.1.4.3 Nihilismus 20
II.1.4.4 Auf utopische Welten gerichtete Gruppe 21
II.2 WELTANSCHAUUNGEN 22
II.2.1 Allgemeine Begriffserklärung 22
II.2.2 Materialismus 23
II.2.3 Historischer Materialismus 25
II.2.4 Rationalismus 27
II.2.5 Emergentischer Systemismus 29
II.2.6 Aufklärung 32
II.2.7 Biblisch-christliche Weltanschauung 34
II.3 WERTETHEORETISCHEPOSITIONEN
II.3.1 Warum ist die Frage nach den Werten so zentral ? 37
II.3.2 Verschiedene Positionen 37
II.3.3 Erfahrungen in Ausbildung und Praxis 38
TEIL III SOZIALARBEIT 41
III.1 WAS IST SOZIALARBEIT ? 41
III.2 GESCHICHTE der SOZIALARBEIT - Die historischen Wurzeln der Professionalisierungsgeschichte 46
III.3 Feld 1: PARADIESVORSTELLUNGEN und UTOPIEN 60
III.3.1 Utopien unter Ausschluß der Metaphysik 61
III.3.1.1 Die Idee des Naturzustandes 61
III.3.1.2 Die Schlaraffenland Version 63
III.3.1.3 Die feministische Perspektive 64
III.3.1.4 Die rationalistische Version 65
III.3.2 Paradies - die biblische Vorstellung 66
TEIL IV HANDLUNGSTHEORETISCHEÜBERLEGUNGEN
IV.1 Die Prozessual-systemische Denkfigur als Menschenbild 72
IV.2 Das biblisch-systemische Menschenbild 84
IV.2.1 Weisheitliches Menschenbild in Bezug auf Diagnostik 85
IV.3 ‘Code of Ethics’ 88
IV.4 Moralische Entwicklungsstufen 93
IV.4.1 Gesellschaftliche Funktion von SA 95
IV.4.2 Fragen aus der Praxis 97
TEIL V PRAXIS der Sozialarbeit 97
V.1 Fallstudie 98
V.2 Wertetheoretische Widersprüche in der Ausbildung 100
V.2.1 Theorien: Die Verantwortung der Wissenschaftler 107
V.2.2 Theorien in der Praxis: Modell- und Kulturveränderung 112
V.2.3 Ethik in der Praxis 114
V.2.4 Wertetheoretische Widersprüche im Unterricht 116
V.3.1 Wertetheoretische Widersprüche in der Praxis am Beispiel Familie : Sexualethik 117
V.3.2 Das Unbehagen mit den Sozialarbeitern 121
TEIL VI ZUSAMMENFASSENDEGEDANKEN 126
VI.1 Schlußwort: Die Verantwortung der Wissenschaftler 130
LITERATURVERZEICHNIS 131
ANHANG 139

Textprobe:

Kapitel 4.4, Soziale Probleme der Kriterien in bezug auf die Ausstattung, den Austausch und die Macht:

Ausgangspunkt dieser Probleminhalte ist die Fähigkeit der Menschen, sich die momentane Situation oder die momentane Welt in einer idealeren Form oder in einem besseren Zustand vorzustellen. Mit Hilfe von Symbolen (Leitwerten, Gesetzen usw.) können daher sowohl die individuellen, internalisierten Werte, als auch kollektiven, formellen Werte Soll-Zustände beschreiben, die dann zum Kriterium werden und entscheiden sollen, welche Ausstattungen, Austauschverhältnisse und machtmäßigen Verknüpfung eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit und für sich als gerecht, richtig und angemessen erachtet.

Zum Sozialen Problem wird danach eine willkürliche Anwendung von gegebenen Kriterien (d.h. sie werden von Machthabenden nach ihren Interessen selektiv angewendet), wenn gegebene Kriterien nicht realisiert oder angestrebt werden, oder wenn Kriterien für ein (neues) gesellschaftliches Phänomen fehlen.

ERKENNTNIS 17:

Die Prozessual - systemische Denkfigur als rein didaktisches Modell ließe sich m. E. auch im christlichen Denken als Arbeitsstruktur verwenden, wenn der WELTANSCHAULICHE und ETHISCHE HINTERGRUND hinreichend geklärt ist, und die geistige Dimension integriert würde.

Obwohl zu dieser Handlungstheorie noch viel erklärt werden könnte, verzichte ich auf weitere Ausführungen. Jeder Student hat sich während der 6 Semester Ausbildung fast ausschließlich mit dem Erlernen dieses methodischen Vorgehens abmühen müssen und ich setze deshalb voraus, daß jeder Leser bestens informiert ist. Ansonsten empfehle ich die schon mehrfach zitierten Papier von S. Staub - Bernasconi. Um auch eine andere Dimension von Frau Staub-Bernasconi aufzuzeigen, füge ich im Anhang ihr Papier ‘Der sozialarbeiterische Ansatz zur Nächstenliebe’ bei.

Das biblisch-systemische Menschenbild:

Auch hier möchte ich dem materialistischen Menschenbild das biblisch-christliche gegenüberstellen um aufzuzeigen, wie verschieden die Wahrnehmungsweise und Diagnostik sein kann.

Wer bist du, ADAM ?

1. Der Mensch ist Erdwesen: ‘adama’ (hebr. Ackererde), Adam = Wesen aus Erde ‘Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker.’ (1.Mose 2,7) Der Mensch ist aus Erde und kehrt zu ihr zurück (1. Mose 3,19),d.h. der Mensch ist ein endliches Wesen. Erdwesen Mensch: verwandt mit dem Lehm, dem Grün und dem Fluß, dem Felsen und Regen, der Luft, dem Licht und dem Schatten.

2. Der Mensch als Lebewesen:

‘Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde und blies ihm ein den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch eine lebendige Seele’ 1.Mose 2,7.

In der abendländischen Kirchengeschichte hat man diese Stelle oft mißverstanden, nämlich im griechischen Sinne: Da ist einmal ein Körper, also Materie; und dann kommt etwas anderes, nämlich der Geist, das göttliche Prinzip, oder der Urfunke von oben. Aber das steht hier nicht: eine lebendige Seele (hebr.’näphäsch hajah’) wurde auch für die Tiere benutzt. (vgl. 1.Mose 1,20, 24, 30; 2,19) Im Menschen gibt es also Schichten, die dem Tier ganz verwandt sind. Auch der Mensch ist ein von Trieben und Hormonen gesteuertes Wesen. Es hungert und dürstet ihn genauso wie diese. Ob Pflanzen oder Tiere, Gewässer oder Luft, sie alle stehen Gott gegenüber in der großen Solidarität der Kreatur.

3. Der Mensch als weltgestaltendes Wesen:

Der Mensch soll die Welt, die ihn umgibt, formen und prägen.

1.Mose 1,28: Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie ‹euch› untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen.

‘Machet euch die Erde untertan!’ Dieser Auftrag hängt wiederum zusammen mit der entscheidenden Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf. Diese Grenze begründet zum einen die Solidarität der Geschöpfe, zum anderen bedeutet sie, daß Gott seiner Schöpfung gegenübersteht. Erst dieser Auftrag ist Boden für Kultur und der Mensch ist beauftragt, weltgestaltendes, weltveränderndes, weltbewahrendes Wesen zu sein.

4. Der Mensch als denkendes Wesen:

und hierin beginnt die Unterscheidung zum Tier:

Das Recht ‘Namen zu geben’ bedeutet das Recht des Herrschers.

1.Mose 2,19: Und Gott, der HERR, bildete aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels, und er brachte sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde; und genau so wie der Mensch sie, die lebenden Wesen, nennen würde, ‹so› sollte ihr Name sein.

Wenn die Mutter dem Kind erklärt: Sieh, das war der Blitz; paß auf, gleich kommt der Donner!’ ist die ‘namen-lose Angst’ gebannt, denn die Mutter hat einen Namen dafür.

Verstehen - geistig einordnen - begreifen - Begriffe bilden - in Worte fassen - sie zueinander in Beziehung zu setzen - in logische Ordnungsstrukturen fassen. Der Mensch hat also die Fähigkeit und den Auftrag, Eindrücke geistig zu ordnen, ‘sie zur Sprache’ zu bringen.

5. Der Mensch als soziales Wesen:

Der Mensch ist immer auf Mitmenschen hin angelegt:

1.Mose 2,18: Und Gott, der HERR, sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei[a]; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht[A][b]. A) o. als sein Gegenüber; w. wie seine Entsprechung a) Pred 4,9.

Warum das nicht gut ist, wird im Alten Testament sehr plastisch gesagt:

z.B. in Prediger 4,9 –11:

9 Zwei sind besser daran als ein einzelner[a], weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben. a) 1.Mo 2,18; Mk 6,7 10 Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. Wehe aber dem einzelnen, der fällt, ohne daß ein zweiter da ist, ihn aufzurichten!

11 Auch wenn zwei ‹beieinander› liegen, so wird ihnen warm[a]. Dem einzelnen aber, wie soll ihm warm werden? a) 1Kö 1,1.2 Die Entsprechung und das Miteinander von Mann und Frau auch in der Sexualität ist von Gott geschaffen und gewollt.

6. Der Mensch als Wesen vor Gott:

Das Entscheidende: Gott will Gemeinschaft mit dem Menschen. Indem Gott den Menschen anredet, wird der Mensch im Grunde erst zum Mensch. So versteht Martin Buber: ‘das ICH wird am DU’. Ich werde herausgerufen aus allen anderen geschaffenen Dingen, ich bin nicht ein Staubkorn, ein Eichhörnchen oder ein Es, sondern ich stehe vor Gott und habe einen Namen.

Gott sucht den Menschen als sein personhaftes Gegenüber, als Partner. Hier definiert sich die Identität des Menschen. Der Gott, der die Welt durch sein Wort ins Leben rief, ist auf das Wesen aus, das ihm Ant-Wort gibt.

1.Mose 2,16: Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen, 17: aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon ißt, mußt du sterben.

Hier geschieht etwas ganz Entscheidendes: Gott, der Schöpfer der Welt, spricht mit dem Geschöpf Mensch. Und was Sagt ER: Er gibt ihm seinen Bereich ‘von allen Bäumen darfst du essen’ und seine Grenzen: ‘..von einem Baum iß nicht!’ Der Mensch kann, aber es wird ihm nicht gut tun ! (Lerne, der Versuchung zu widerstehen).

Das ist die entscheidende ‘Grenzsituation’ in der der Mensch steht, solange er lebt.

Einen Krokus oder einen Maulwurf oder Planeten frägt Gott nicht, den Menschen aber frägt er: Willst du ja dazu sagen, in dem Rahmen zu leben, den ich, dein Schöpfer für dich geschaffen habe ?

Hier geht es um die Menschwerdung des Menschen. Hier wird er in die Freiheit gerufen, wird vor die Entscheidung gestellt: Bist du für mich oder gegen mich ? Diese Frage steht immer im Raum, solange es Menschen gibt.

7. Der Mensch als Ebenbild Gottes:

1.Mose 1,27: Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

Nach seinem Bilde: sein Bild ist in das Herz des Menschen eingegraben.

Gott stellt mich, den Menschen, als sein Abbild der Welt gegenüber, damit sie seine Art und seinen Stil erkennen kann; und als sein Repräsentant gibt er mir die Verantwortung für die von ihm geschaffene Welt. Hier wird die Identität des Menschen definiert. Das ist der Stoff, aus dem die ‘Menschenwürde’ lebt. Jeder Mensch, sei er noch so ‘unnormal’ oder ‘ungeboren’ oder alt oder krank hat die Würde, daß Gott seine Welt nicht ohne ihn wollte und ihn für eine neue Welt vorgesehen hat.

Weisheitliches Menschenbild in Bezug auf Diagnostik:

Der Mensch lebt aus dem ‘Gottesodem’; (hebr. ‘näphäsch hajah’) = ‘Gottesodem’ macht sein ganzes Lebendigsein aus. Die Bibel sagt: der Mensch IST ganzheitlich Seele; In diesem Sinne hat sie nie anders wie ganzheitlich und systemisch gedacht.

Die göttliche Weisheit strukturiert die Schöpfung und wohnt ihr inne.

Bei der Frage nach der Beziehung von empirischen qualitativen und quantitativen Methodenschritten stellt die Weisheitstradition innerhalb der Schöpfungstheologie einen gangbaren Weg dar, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse als weisheitliche Phänomene in die Aufgabe der Sozialarbeit zu integrieren. Vor dem Hintergrund psychotherapeutischer Darstellungsformen lassen sich folgende Grundstrukturen beschreiben:

Anthropologische Aspekte:

Der Mensch wird als Geschöpf, als Gesegneter, als durch Gott vernunftbegabtes Wesen gesehen.

Pathologische Aspekte:

Der Mensch erkennt die Schöpfungsordnung, die ihm den Gang des Lebens auch in seinen einzelnen Schritten weist, nicht. Die Bibel nennt dies Torheit. Wer ohne Weisheit oder gar in törichter Rebellion gegen Gottes Lebenshilfen in den Geboten und der Schöpfung ‘anlebt’, muß sich nicht wundern, wenn das Leben mühsam und beschwerlich ist. (vgl. Pred.12,12-14).

Therapeutische Aspekte:

Ziel des weisheitlichen Denkens, Fragens und Helfens ist es, dem Menschen dabei zu helfen, sich selbst und sein Verhalten in die weisheitlichen Ordnungen einzufügen, damit das Leben günstiger gelingen kann. Die Weisheit appelliert - an den Verstand und die Vernunft.

- an Einsicht und Gehorsam (vgl. Spr. 8,5,9,10; 24,3;) gleichzeitig gilt jedoch der von Gott.

losgelöste Verstand als problematisch: (Spr. 3,4; 28,26).

- an die Eigenverantwortung des Menschen (vgl. Spr. 1,8ff). Dieser hat es selbst in der Hand, ob er ‚lernen’ und sich unter die gebotenen Lebensregeln stellen will.

- Erziehung ist die weisheitliche Methode schlechthin (vgl. Spr. 1,8ff, Hebr. 12,4ff).

Merkmale weisheitlichen Denkens:

Dem weisheitlichen Denken liegt die Erkenntnis zugrunde, daß den in der Schöpfung phänomenologisch wahrnehmbaren Strukturen, Regeln und Gesetzmäßigkeiten sowohl im naturwissenschaftlichen wie auch im sozialen Bereich eine Grundordnung innewohnt, die sich der Weisheit Gottes verdankt, bzw. die Weisheit selber darstellt.

Arbeit zitieren:
Keller, Hella März 2000: Ethik in der Sozialarbeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Grundprämissen der Ethik, Geschichte der Sozialarbeit, Paradiesvorstellungen und Utopien, Handlungstheoretische Überlegungen, Praxis der Sozialarbeit

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