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Erzählen in der Talkshow

Eine empirische Untersuchung

Erzählen in der Talkshow
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ulrike Dorfmüller
  • Abgabedatum: Dezember 1997
  • Umfang: 139 Seiten
  • Dateigröße: 3,9 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1118-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1118-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1118-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dorfmüller, Ulrike Dezember 1997: Erzählen in der Talkshow, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Empirische Linguistik, Talkshow, Diskursanalyse, Erzählen, Konversationsanalyse

Magisterarbeit von Ulrike Dorfmüller

Zusammenfassung:

Die Arbeit analysiert aus linguistischer Perspektive, welche besondere Qualität Erzählungen in Talkshows haben. Dabei sind zwei Fragen von besonderem Interesse:

a) Wie unterscheiden sich Talkshow-Erzählungen von Erzählungen im Alltag?

b) Worin unterscheiden sich die Erzählungen in den beiden - exemplarisch herausgegriffenen - Talkshows, "Fliege" und "Boulevard Bio"?

Erzählen als Grundmuster menschlicher Kommunikation ist - im Gegensatz etwa zum Bericht - besonders dazu geeignet, Einstellungen, Emotionen und Bewertungen der SprecherInnen zu transportieren. Die Untersuchung analysiert, wie die Sendeform Talkshow dieses Diskurs-muster für die Zwecke des Massenmediums einsetzt. Welchen Beitrag leisten Erzählungen, daß aus dem Talk eine Show wird?

Als Materialgrundlage dienen vier Gespräche aus der Sendung "Boulevard Bio" und weitere fünf Gespräche aus der Talkshow "Fliege". Die Gespräche wurden transkribiert und sind der Untersuchung in einem zweiten Band beigefügt. In die Arbeit selbst sind jedoch viele Transkriptausschnitte aufgenommen, um die einzelnen Beobachtungen konkret zu belegen und die Argumentation direkt nachvollziehbar zu machen.

Im Laufe der Beschäftigung mit dem transkribierten Material stellte sich heraus, daß sich die Erzählungen sowohl in vielfältiger Weise von Alltagserzählungen (d.h. von Erzählungen in nicht institutionellen Zusammenhängen) als auch untereinander unterscheiden. Einige Beispiele:

- Typisch für die Talkshow ist "segmentiertes Erzählen": Die Erzählungen werden immer wieder vom Moderator zwecks Klärung oder Verlangsamung unterbrochen. Hier wird die Ausrichtung der Talkshows an den unterstellten Bedürfnissen des Publikums besonders deutlich.

- Häufig werden die relevantesten Stellen der Erzählungen (Pointen oder skandalöse Höhepunkte) von Gast und Moderator in kooperierendem Erzählen gemeinsam heraus-gearbeitet, um den Effekt auf die ZuschauerInnen (den "Unterhaltungswert") zu steigern.

- In der "Personality-Talkshow" "Boulevard Bio" ist die Hauptfunktion der Erzählungen, die ZuschauerInnen durch Pointen und Anekdoten zu amüsieren; Konflikte können auftreten, wenn ein Gast z.B. politische Inhalte transportieren will; die "Betroffenen-Talkshow" "Fliege" will v.a. spektakuläre Geschichten erzählen, an ihnen aber gleichzeitig Informationen und Ratschläge für die ZuschauerInnen festmachen (Doppelfunktion); dies führt immer wieder zu Konflikten mit dem Erzählbedürfnis der Gäste.

- Desweiteren werden auch einige Strategien der Talkgäste herausgearbeitet, etwa um sich gegen eine versuchte Opferstilisierung zu wehren, oder um die ihnen wichtigen Inhalte durchzusetzen.

Inhaltsverzeichnis:

0. Vorbemerkungen 1
1. Die konversationelle Alltagserzählung 2
1.1 Forschungsüberblick 2
1.2 Gegenstandsbestimmung und Abgrenzung 3
1.3 Kognitive Grundlagen der Produktion von Erzählungen 5
1.3.1 Vom "Geschehen" zur "Erzählung" 5
1.3.2 "Reportability" und "Planbruch" 6
1.4 Strukturelemente des Erzählens 7
1.4.1 Die Erzähleinleitung 7
1.4.2 Die Orientierung 9
1.4.3 Der Erzählkern 11
1.4.3.1 Die Darstellung der Ereigniskette 11
1.4.3.2 Bewertungen (Evaluationen) 11
1.4.3.3 Zugzwänge 12
1.4.3.4 Sprachliche Mittel der Inszenierung 13
1.4.3.5 Zuhöreraktivitäten im Erzählprozeß 14
1.4.4 Der Abschluß von Erzählungen 16
1.5 Funktionen von Alltagserzählungen 17
1.5.1 Formbasierte Funktionen 18
1.5.2 Inhaltsbasierte Funktionen 19
2. Die Talkshow als institutioneller Handlungsrahmen 21
2.1 Allgemeine Charakteristika der Talkshow 21
2.1.1 Die Talkshow als Gegenstand linguistischer Forschung 22
2.1.2 Die Talkshow als parasoziale Interaktion 22
2.2 Talkshow-Typen 23
2.3 Die Inszenierung von Talkshows 25
2.3.1 Das räumliche Arrangement 25
2.3.2 Die Vorbereitetheit von Talkshows 26
2.3.3 Die optische Vermittlung von Talkshows 27
2.4 Der Öffentlichkeitscharakter von Talkshow-Gesprächen 29
2.4.1 Die Mehrfachgerichtetheit von Talkshow-Gesprächen 29
2.5 Die RezipientInnen von Talkshows 30
2.5.1 Die FernsehzuschauerInnen 30
2.5.2 Das Studiopublikum 31
2.6 Institutionelle Rollen in der Talkshow 32
2.6.1 Die Rolle der Talk-Gäste 32
2.6.2 Die Rolle der ModeratorInnen 32
3. Materialgrundlage und methodische Vorüberlegungen 35
3.1 Materialgrundlage 35
3.1.1 Die Talkshow "Fliege" 35
3.1.2 Die Talkshow "Boulevard Bio" 36
3.1.3 Transkriptionskonventionen 38
3.2 Methodische Vorüberlegungen 39
4. Analyse - Erzählen in der Talkshow 41
4.1 Erzähleinleitungen 42
4.1.1 Erzähleinleitungen durch den Moderator (fremdinitiierte Erzählungen) 42
4.1.1.1 Voraberzählungen durch den Moderator 43
4.1.1.2 Direkte offene Fragen (Erzählaufforderungen) 46
4.1.1.3 Tendenziöse Fragen 48
4.1.1.4 Stichwortfragen 51
4.1.1.5 Biographische Hinführung zur Frage 52
4.1.1.6 Typisierende Hinführung zur Frage 55
4.1.2 Erzähleinleitungen durch die Gäste (eigeninitiierte Erzählungen) 56
4.2 Segmentiertes Erzählen 58
4.2.1 Zwischenfragen 59
4.2.2 Parallelen 65
4.2.3 Klärende Einschübe 66
4.2.4 Retardierende Zusammenfassungen 67
4.2.5 Expertengespräche 69
4.2.5.1 Reetablierungen durch den Moderator 72
4.3 Kooperierendes Erzählen 75
4.3.1 Kooperation bei der Herausarbeitung von Evaluationen 76
4.3.2 Kooperation bei der Herausarbeitung von Höhepunkten 80
4.3.2.1 Pointen-Höhepunkte 80
4.3.2.2 Skandalon-Höhepunkte 84
4.3.3 Pannen 86
4.4 Relevanzpunkte 90
4.4.1 Erzählen und Informieren 92
4.4.2 Thematische Relevanzsetzungen 95
4.4.3 Opferstilisierung und positive Selbstdarstellung 98
4.5 Erzählausleitungen 102
4.5.1 Bewertungsübernahme durch den Moderator 103
4.5.2 Anschlußhandlungen 106
4.5.2.1 Nachbearbeitungen 106
4.5.2.2 Umfokussierungen 107
4.5.3 Schlußevaluation 110
5. Zusammenfassung und Schlußbemerkung 113
6. Literaturverzeichnis 119

Automatisiert erstellter Textauszug:

Neben den Elizitierungsfragen sind die Hinführungen zur Frage von großer Bedeutung für Erzähleinleitung. Bei „Boulevard Bio“ als einer Sendung, deren Interesse v.a. auf der Darstellung der Person der Gäste und ihrer Biographie liegt, sind diese Hinführungen meist biographischer Art. Die biographische Hinführung ist ein Charakteristikum der Erzähleinleitung in der PersonalityTalkshow. Sie dient der thematische Gewichtung von Relevantem und weniger Relevantem: Der Moderator faßt biographische Stationen des Gastes zusammen (dies könnte man als „Kondensierung“ bezeichnen) und schließt daran eine Frage an. Meist vollzieht sich damit ein thematischer Fokuswechsel. Die Detaillierungen sollen dann vom Gast kommen.208 Dergestalt entsteht zwar die etwas paradoxe Situation, daß dem Gast seine eigene Biographie erzählt wird; dies wird jedoch akzeptiert, da es zu den Spielregeln der Talkshow gehört. AdressatInnen der vom Moderator referierten Biographie-Elemente sind eben nicht die direkten GesprächsteilnehmerInnen, sondern die FernsehzuschauerInnen - es handelt sich auch hier wieder um Pro-Handlungen des Moderators. Die biographische Hinführung - der „Anlauf“ der Frage - kann nun unterschiedlich stark steuernd sein. In einigen Fällen werden in den biographischen Hinführungen nur Stationen oder Ereignisse im Leben des Gastes aufgezählt.209 Häufig beteiligen sich die Gäste an diesen „Monologen“ des Moderators durch bestätigende Höreraktivitäten oder durch kurze Einschübe (etwa von Details oder Bewertungen). Dadurch bekommen die Passagen einen lebhafteren Charakter. [...]

Im obigen Beispiel wird die Elizitierungsfrage zunächst vom lauten Lachen eines anderen Gastes (Fl. 119) und von einer anschließenden Nebensequenz zwischen Gast 1 und Gast 2 unterbrochen. Nach Abschluß der Nebensequenz wiederholt Biolek seine Stichwortfrage im selben Wortlaut (Fl. 129). Da der Gast die Frage anscheinend nicht gleich versteht (er ist Engländer und von daher könnte es sich auch um ein Sprachproblem handeln), wiederholt der Moderator die Frage ein viertes Mal (Fl. 129/130). Die verständnissignalisierende Reaktion des Gastes („oh ja, ja=ja“) deutet darauf hin, daß er nun verstanden hat, worauf Biolek hinaus will.207 Er realisiert im folgenden eine lange, amüsante Erzählung (B.Bio, FO 11- 14, 130-173). [...]

Bei „Boulevard Bio“ werden die Erzählungen aus dem Gespräch heraus entwickelt, so daß der Eindruck einer spontanen privaten Unterhaltung entsteht. Bei der Vielfalt an behandelten und möglichen Themen, die die Personality-Talkshow bietet, versucht der Moderator jedoch, die Gasterzählungen durch seine Elizitierungen in eine bestimmte Richtung zu lenken, um den zeitlichen und thematischen Sendeplan einhalten zu können. Dergestalt werden die für die Sendung relevanten Themen fokussiert und Nicht-Relevantes weggelassen oder gekürzt. Biolek greift wenig in den Erzählprozeß ein, dafür versucht er aber, in der Elizitierung Einfluß auf die Erzählungen zu nehmen, z.B. durch „tendenziöse Fragen“. Als „tendenziöse Fragen“201 sind solche Fragen beschrieben worden, die - zusätzlich zu dem steuernden Charakter, den Fragen per se haben - in ihrem Wortlaut schon eine präferierte Antwort indizieren. In der „Boulevard Bio“-Sendung finden sich „tendenziöse Fragen“ als Mittel zur Erzählelizitierung, die z.B. schon eine mögliche Antwort in ihrem Wortlaut enthalten. Diese Fragen [...]

Arbeit zitieren:
Dorfmüller, Ulrike Dezember 1997: Erzählen in der Talkshow, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Empirische Linguistik, Talkshow, Diskursanalyse, Erzählen, Konversationsanalyse

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