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Erinnerungsinduzierte Vergessensphänomene

Erinnerungsinduzierte Vergessensphänomene
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Tanja Mammen

Einleitung:

Die Erinnerungsleistung ist eine allgemein anerkannte humane Eigenschaft, die für die Menschen zur Bewältigung ihres Alltags eine unbedingte Notwendigkeit ist. Aus diesem Grunde ist es für die täglichen Abläufe sehr wichtig und bedeutsam, sich an bestimmte bereits erworbene Vorgänge und Dinge zu erinnern, wie z.B. an den Ablauf beim Autofahren, oder an die eigenen Lebensereignisse, wie die Erinnerung an Eltern, Freunde oder die Arbeitsstelle. Welch große Bedeutung der Erinnerungsleistung zukommt, zeigt sich, wenn diese verloren geht. So fällt es beispielsweise Patienten, die unter einem amnestischen Syndrom leiden, deshalb schwer ihren Alltag zu gestalten, da bei ihnen sowohl die Erinnerung an zurückliegende Ereignisse, wie auch der Erwerb neuer Informationen erheblich gestört ist.

Der Erinnerungsprozess an spezielle Objekte, Erfahrungen und Begebenheiten aus der Vergangenheit kann als eine aktive und gezielte Suche nach diesen Informationen verstanden werden. Die Informationen befinden sich im Langzeitgedächtnis einer Person, wo sie für eine Nutzung erst aktiviert werden müssen. Auf der anderen Seite werden einige Lerninhalte über die Zeit vergessen. Für dieses entfallengewissen sind jedoch nicht nur retro- bzw. proaktive Hemmungen oder Interferenzvorgänge allein verantwortlich zu machen. Der Erinnerungsprozess an sich scheint einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Vergessen zu haben. Vermutlich ist auch die Gedächtnisleistung mit negativen Kosten verbunden, und so geht die Erinnerung an bestimmte Inhalte auf Kosten derer, die assoziativ mit den wiedererinnerten verbunden sind. In einer Studie von Anderson, Bjork und Bjork konnte gezeigt werden, dass das Wiedererinnern bestimmter Inhalte einer vorangegangenen Lernsequenz ein Vergessen anderer Items der gleichen Kategorie zur Folge hatte. Dieses Phänomen umschrieben sie als Retrieval induziertes Vergessen. Dass aktives Erinnern auch Vergessensprozesse anstößt, ist eine neuer, interessanter Gedanke, der mit einer Replikation der o.g. Studie in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen werden soll.

Der Schwerpunkt der traditionellen Gedächtnisforschung lag lange Zeit auf der expliziten und absichtlichen Erinnerung an frühere Ereignisse. Später vermehrte sich das Interesse an unbewussten Lern- und Erinnerungsbedingungen und wurde intensiver und für viele Bereiche erforscht. Aufgrund des derzeitigen Standes der Gedächtnis- und Kognitionsforschung ist es angebracht, zwischen verschiedenen Formen der Erinnerung zu unterscheiden. Das bewusste Zurückerinnern an vorherige Ereignisse und das Reproduzieren von Lerninhalten wird als explizite Erinnerungsleistung bezeichnet. Dieser gezielte Suchprozess nach gespeicherten Informationen lässt sich von einer impliziten Behaltensleistung abgrenzen, die sich in dem Nutzen zuvor registrierter Informationen, die beiläufig und indirekt erfolgen, äußert. Ohne dass sich der Mensch darüber bewusst ist, dass seine persönlichen Erfahrungen bei späteren Bearbeitungen von Aufgaben mit einfließen, profitiert er bei einer aktuellen Problemlösung von diesen ähnlichen Lernerfahrungen oder Informationen aus der Vergangenheit. Der Nutzen macht sich in einer rascheren oder erleichterten Lösungsfindung deutlich. Bereits gelesene Texte lassen sich bei einem zweiten Durcharbeiten schneller lesen und verstehen, auch wenn die erste Bearbeitung nicht mehr erinnert wird. Das von Anderson, Bjork und Bjork eingeführte Konzept des Retrieval induzierten Vergessens wurde bislang nur für den expliziten Gedächtnisabruf überprüft. Gelänge ein Nachweis des Phänomens mit impliziten Gedächtnistests, so wären Rückschlüsse auf die Mechanismen zu ziehen, die zum Effekt des aktiven Vergessens führen. Diese Mechanismen wären dann nicht nur für einem expliziten Abruf spezifisch, sondern für beide Erinnerungsarten funktional wirksam.

Das erste Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Replikation der Studie von Anderson, Bjork und Bjork, um den Prozess des aktiven Vergessens nachzuweisen. Eine weitere Zielstellung stellt sich in einer Erweiterung der o.g. Studie um den Aspekt der impliziten Gedächtnistestung dar, um die Allgemeingültigkeit des aktiven Vergessens aufzuzeigen. Von besonderem Interesse ist, welche Auswirkungen eine implizite Erinnerungsbedingung auf die nachfolgende explizite Testung hat, bzw. wie die implizite Testung durch eine vorausgegangene explizite Erinnerungsaufgabe beeinflusst wird.

Nachfolgend werden zunächst theoretische Grundlagen des impliziten und des expliziten Gedächtnisses vorgestellt und voneinander abgegrenzt, sowie die unterschiedlichen Testverfahren, die dafür bereitstehen. Weiterhin werden einige Forschungsbefunde aus Studien zum impliziten Gedächtnis dargestellt und ein geschichtlicher Überblick gegeben. Anschließend folgt die Darstellung von Dissoziationen zwischen impliziter und expliziter Gedächtnisleistung. Das zweite Kapitel schließt mit einer Erörterung der verschiedenen Interpretationsansätze und Theorien zu den beiden Erinnerungsformen. Auf das Phänomen des Retrieval induzierten Vergessens und einiger theoretischer Ansätze hierzu, wird im Kapitel 3 eingegangen. Eine Vorstellung der eigenen Untersuchung erfolgt im Kapitel 4.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 2
2. IMPLIZITES UND EXPLIZITES GEDÄCHTNIS 4
2.1 Allgemeiner Überblick 4
2.2 Geschichtlicher Hintergrund 8
2.3 Dissoziationen zwischen impliziten und expliziten Gedächtnisleistungen 10
2.3.1 Empirische Befunde der impliziten Forschung 10
2.3.2 Implizite und explizite Gedächtnisleistungen bei Amnestikern 10
2.3.3 Implizite Gedächtnisleistungen bei gesunden Personen 11
2.4 Theorien und Modelle des impliziten Gedächtnisses 17
2.4.1 Aktivationstheorien 18
2.4.2 Multiple Gedächtnissysteme 21
2.4.3 Prozeßtheoretische Annahmen 25
3. ERINNERUNGSINDUZIERTES VERGESSEN 30
4. HERLEITUNG UND ZIELSETZUNG DER EIGENEN UNTERSUCHUNG 39
5. METHODE 45
5.1 Versuchspersonen 45
5.2 Versuchsplan 45
5.3 Material 46
5.4 Durchführung 50
6. ERGEBNISDARSTELLUNG 52
6.1 Zwischentestergebnisse 53
6.2 Ergebnisse impliziter Tests 54
6.3 Abschlußtestergebnisse 55
7. DISKUSSION 66
8. ZUSAMMENFASSUNG 73
Anhang 75

Automatisiert erstellter Textauszug:

Nachfolgend soll eine Studie zum erinnerungsinduzierten Vergessen (Retrieval induced forgetting= RIF) von Anderson, Bjork und Bjork (1994), deren Resultate und theoretischem Hintergrund hieraus ausführlicher vorgestellt werden. Die vorliegende Arbeit hat wie anfangs erwähnt zum Ziel, die o.g. Studie zu replizieren. Weiterhin wird das Interesse um den Aspekt einer impliziten Gedächtnistestung erweitert, da es sich bei den angewandten Prüfverfahren der Autoren zum Nachweis des RIF ausschließlich um direkte Tests expliziter Art handelte und eine implizite Testung bisher nicht berücksichtigt wurde. Von besonderer Bedeutung ist der Vergleich der Ergebnismuster bei unterschiedlichen Instruktionskombinationen und ihre förderlichen und, oder hemmenden Auswirkungen auf die Erinnerungsleistung. Die Fähigkeit der menschlichen Erinnerung gilt als sehr “positiv” und erleichtert Menschen die Bewältigung ihrer alltäglichen Aufgaben und Abläufe. Es scheint überraschend, dass der Erinnerungsprozess an sich auch negative Konsequenzen für Behaltensvorgänge nach sich ziehen kann. Der negative Einfluss von Erinnerungsprozessen auf die Behaltensleistung konnte in vielen Studien belegt werden. Forschungsarbeiten zu Interferenzmodellen, bei denen bestimmte Informationen sich gegenseitig bei einem Abruf behindern oder miteinander um Erinnerungszugang konkurrieren, haben eine lange Tradition in der Gedächtnispsychologie. Die Erinnerung an spezielle Informationen scheinen zu Gunsten anderer relevanterer unterdrückt zu werden, da sie sonst den Erinnerungsvorgang an diese behindern könnten. Informationen, welche mit den wiedererinnerten Items in Verbindung stehen scheinen besonders betroffen zu sein. Besonders die serielle Position eines Items bei einem Gedächtnistest, kann sich auf die Wiedergabewahrscheinlichkeit erheblich auswirken (Arbuckle, 1966; Roediger & Schmidt, 1980; Tulving & Arbuckle, 1963, 1966; Dong, 1972; Roediger, 1973). Dass diese Erinnerungsstörungen auch innerhalb einer Gruppe zu finden sind, konnte schon 1971 von Brown gezeigt werden. Er fand heraus, dass die Störungen sich besonders auf ungeübte Exemplare einer Gruppe ausübten. Anderson, Bjork und Bjork (1994) machten mit ihrer Studie darauf aufmerksam, dass [...]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die in der Gedächtnisforschung verwendete Terminologie zum Teil uneinheitlich und mehrdeutig ist, was auch kritisch angemerkt wurde. So wurden die beiden Begriffe implizit und explizit von verschiedenen Autoren in unterschiedlicherweise verwendet, indem Gedächtnistests, Bewusstseinszustände (Graf und Schacter, 1985), Behaltensleistungen, Erinnerungsabläufe oder Gedächtnisphänomene damit bezeichnet oder gleichgesetzt wurden. Zur Deutung der Vorgänge die sich für implizite und explizite Behaltensmaße ergeben und den vielen offenen Fragen in diesem Bereich, reicht keiner der vorgestellten theoretischen Ansätze zur vollständigen Erklärung aus. Einzelne empirische Befunde lassen sich in bestimmte Theorien einordnen, während andere Ergebnisse der Gedächtnisforschung nur schwer mit einer einzigen theoretischen Sichtweise zu deuten sind. Allerdings müssen sich die verschiedenen Erklärungsansätze nicht gegenseitig ausschließen, sondern könnten aufeinander bezogen sein oder parallel unterschiedlich wirksam werden (Schacter, 1992). Besonders deutlich wird dies bei den Dissoziationen zwischen den Auswirkungen impliziter und expliziter Testung. Die Aufklärung und Interpretation der unterschiedlichen Einflüsse auf die beiden Behaltensmaße ist für mehr Verständnis der Gedächtnisphänomene von besonderer Bedeutung. [...]

mantische Informationen beschränkt bleiben, da es sonst unmöglich sein sollte, datengetrieben etwas zu erkennen. Er macht deshalb den Vorschlag der Unterscheidung zwischen Prozeßtypen daten- bzw. konzeptgetrieben und den Informationstypen sensorischer, motorisch und konzeptueller Art. Die meisten expliziten Tests reflektieren konzeptuelle Elaborationen und sehr viele implizite Prüfverfahren sind sensitiv in Beziehung auf datengetriebene Abläufe, obwohl dies nicht für alle expliziten und impliziten Testarten gelten muß. Es sind Überschneidungen bei einigen Tests zu finden, so dass es möglich ist, explizite datengetriebene und implizite konzeptgetriebene Aufgaben zu entwickeln. Roediger, Weldon und Challis (1989) bezeichnen daten- und konzeptgetriebene Abläufe nicht als Dichotomie, in die sämtliche Gedächtnisaufgaben untergebracht werden können, sondern betrachten sie als die beiden Endpunkte eines Kontinuums, in welches die verschiedenen Testarten eingeordnet werden können. Da die Art des Prozesses, entweder daten- oder konzeptgetrieben für die Dissoziationen verantwortlich ist, können Dissoziationen innerhalb impliziter und expliziter Aufgaben auftreten. Mit Prozeßtheorien lassen sich die empirisch gefundenen Dissoziationen zwischen expliziten und impliziten Gedächtnistests bei nicht klinischen Stichproben erklären. Ein wichtiger Schritt für die Zukunft wäre, anstelle einer Interpretation der Dissoziationen, die Charakteristiken der Aufgaben und die Relationen, die diesen Prozeduren unterliegen, zu beleuchten. Dissoziationen zwischen den beiden Arten von Gedächtnistests, die bei Amnestikern gezeigt werden konnten, sind wenig stimmig mit der Prozesstheorie. Wenn Amnestiker allerdings bei datengetriebenen expliziten Tests Behaltensleistung zeigten, so stünde dies im Einklang mit den Vorstellungen der Prozesstheorie. Eine mögliche Interpretation nach Roediger, Weldon und Challis (1989) wäre, dass perzeptuelle Strukturen bei Amnestikern intakt sind, aber ihre Gehirnverletzung die Nutzung elaborativer Prozesse verhindert. Einige Autoren (Roediger, Weldon & Challis, 1989) schlagen eine Theorie vor, die die Existenz mehrere Systeme im Gehirn mit den Annahmen von Prozessen verbindet. Ihrer Meinung nach können mehrere Systeme existieren, da das menschliche Gehirn [...]

Arbeit zitieren:
Mammen, Tanja November 1996: Erinnerungsinduzierte Vergessensphänomene, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
implizites Gedächtnis, explizites Gedächtnis, unbewusste Gedächtnisleistungen, Erinnerungsleistung, Gedächtnissysteme

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