Erfindungen der Wirklichkeit
Kritik der Ausrichtung sozialer Arbeit am Paradigma des Konstruktivismus
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Andreas Keck
- Abgabedatum: April 2002
- Umfang: 82 Seiten
- Dateigröße: 519,7 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Katholische Stiftungsfachhochschule München, Abt. Benediktbeuern Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7650-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7650-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7650-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Keck, Andreas April 2002: Erfindungen der Wirklichkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Systemtheorie, Autopoiese, Systemische Beratung, Familientherapie, Sozialpädagoge
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Diplomarbeit von Andreas Keck
Zusammenfassung:
Die vorliegende Arbeit entstand aus dem Anliegen heraus, sich einem derzeitig starken Trend in der Sozialen Arbeit wissenschaftlich anzunähern, und diesen nach eingehender und objektiver Darstellung kritisch zu hinterfragen. Der Trend, konstruktivistische Anleihen aus Philosophie und Neurobiologie zusehends in der Sozialen Arbeit zu etablieren, wird in Form einer logisch-philosophischen Abhandlung diskutiert.
Die Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte, welche sich steigernd dem Hauptteil der Kritik annähern. Im ersten Abschnitt werden zunächst in einem kurzen Abriss die `Gründungsväter´ des Konstruktivismus dargestellt. Im Anschluss ermöglicht eine Erläuterung der grundlegendsten Standpunkte und Begriffe des neuen `Paradigma´ einen Einblick in dessen Funktions- und Wirkungsweisen. Der zweite große Abschnitt der Arbeit widmet sich der bereits weit vorangeschrittenen Rezeption des Konstruktivismus innerhalb der Sozialen Arbeit. Hierzu werden zunächst die Anwendungsmöglichkeiten des Konstruktivismus analog der klassischen Handlungsbegriffe Sozialer Arbeit diskutiert: Fall, Hilfe, Klient oder Problem als Dimensionen sozialen Handelns sind jeweils in ihrer konstruktivistischen `Kopplung´ dargelegt. Dies geschieht zunächst objektiv, also wertungsfrei.
Auf die praktischen Überlegungen folgen in den nächsten Kapiteln, ebenfalls noch wertungsfrei, die Möglichkeiten des Konstruktivismus auf der Theorieebene. Im dritten und letzten Abschnitt erfolgt die kritische Prüfung des konstruktivistischen Ansatzes in Bezug auf dessen Anwendbarkeit innerhalb der Sozialen Arbeit. Analog zum zweiten Abschnitt konzentriert sich die Kritik zunächst auf praktische Konsequenzen und hierauf auf theoretische Implikationen.
Die Abhandlung gelangt zu dem Ergebnis, dass sowohl praktische, als auch theoretische Konstruktivismusansätze innerhalb der Sozialen Arbeit einen umfassenden Paradigmenwechsel eingeleitet haben. Allerdings weist diese Entwicklung eine nicht unbedenkliche Umorientierung auf ein stark funktionalistisches und pragmatisches Welt- und Menschenbild auf. Das scheinbar ideale neue Leitkonzept für die Soziale Arbeit trägt, vor allem auch im ethischen Bereich, zahlreiche problematische Züge, die in dieser Arbeit eingehend diskutiert werden. Ich habe versucht, die Primärliteratur des neuen Paradigmas in eine einfache, verständliche Sprache zu übersetzen. Um hierbei weitere komplizierte Satzkonstruktionen zu vermeiden, habe ich bewusst auf die geschlechtsspezifische Unterscheidung verzichtet.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 7 |
| 2. | Die Ursprünge des Konstruktivismus | 8 |
| 2.1 | Das Dreigestirn eines neuen Paradigmas | 11 |
| 2.2 | Das Biological Computer Laboratory | 11 |
| 3. | Einführung in das Denken des Konstruktivismus | 13 |
| 3.1 | Grundlegende Standpunkte des Paradigmas | 13 |
| 3.1.1 | Die Vorstellung von Wirklichkeit | 13 |
| 3.1.2 | Möglichkeiten und Bedingungen menschlicher Erkenntnis | 15 |
| 3.1.3 | Philosophiegeschichtliche `Pendants´ zum Konstruktivismus | 17 |
| 3.2 | Grundbegriffe des Konstruktivismus | 17 |
| 3.2.1 | Das Prinzip der undifferenzierten Codierung | 20 |
| 3.2.2 | Pragmatik als Leitmotto | 21 |
| 3.2.3 | Eine neue Dimension - Die Autopoiesis | 25 |
| 3.2.4 | Die Lehre von der Geschlossenheit | 23 |
| 3.2.5 | Selbstbezüglichkeit und Selbstgesetz der Organismen | 24 |
| 4. | Kommunikation und Sprache im Konstruktivismus | 26 |
| 4.1 | Darstellung des klassischen Sprachmodells | 26 |
| 4.2 | Konstruktivistische Modifikationen und Ergänzungen | 27 |
| 5. | Konstruktivismus in den Handlungsbegriffen der Sozialen Arbeit | 29 |
| 5.1 | Der konstruktivistische Fall-Begriff | 30 |
| 5.2 | Der modifizierte Klient-Begriff | 32 |
| 5.3 | Das Verständnis von Hilfe | 34 |
| 5.4 | Verhältnisbestimmung von Problem und Lösung | 36 |
| 5.5 | Pädagogische Interventionen | 38 |
| 6. | Beispiel einer konkreten Anwendung: Die Lösungsorientierte Kurztherapie in der Familienhilfe | 42 |
| 7. | Konstruktivismus und die Theoriebildung Sozialer Arbeit | 45 |
| 7.1 | Die `Problemzonen´ einer Theorie Sozialer Arbeit | 46 |
| 7.2 | Die `Liaison´ von Sozialarbeitswissenschaft und Konstruktivismus | 48 |
| 8. | Kritik des Konstruktivismus als einem Modell der Sozialen Arbeit | 51 |
| 8.1 | Die Grenzen des Konstruktivismus in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit | 52 |
| 8.1.1 | Die Auflösung der Hilfe | 52 |
| 8.1.2 | Die Unmöglichkeit zu erziehen | 55 |
| 8.1.3 | Beweggründe und Selbstverständnis helfenden Handelns | 56 |
| 8.2 | Komplikationen in der Sozialarbeitswissenschaft | 60 |
| 8.2.1 | Der Formalismus und Pragmatismus des neuen Denkens | 60 |
| 8.2.2 | Die maschinell-technokratische Tendenz | 64 |
| 8.2.3 | Selbstbezüglichkeit und philosophische Selbstaufhebung | 65 |
| 8.3 | Ethische Dimensionen | 68 |
| 8.3.1 | Ethik in der Sozialen Arbeit | 68 |
| 8.3.2 | Der Verlust von Werten und Bewertung | 70 |
| 9. | Epilog | 73 |
`verblassen´ zu leeren Forderungen, da sie ohnehin die `biologische Grundausstattung´ des Klienten ausmachen. Der Klient ist ja bereits `rein´ selbstbestimmt (autopoietisch) und seine Wahrnehmung völlig an sich selbst orientiert. Und Emanzipation bleibt ein leerer Begriff, denn wie soll sich der Klient emanzipieren, wenn er ein in sich geschlossenes System darstellt. Er müsste sich von sich selbst emanzipieren und das bleibt ihm, aufgrund der eigenen biologischen Struktur verwehrt. Auf diese Aspekte werde ich jedoch im letzten Abschnitt der Arbeit detaillierter eingehen. Zuletzt möchte ich ein typisches Beispiel einer pädagogischen Interventionsmethode anführen: das Umdeuten. Da es in konstruktivistischen Hilfemodellen vornehmlich darum geht, Problemwahrnehmungen und Wirklichkeitsdeutungen von Hilfesuchenden `in ein anderes Licht zu rücken´, eignet sich die Umdeutung besonders gut, um Hilfesuchenden neue Denk- und Handlungsperspektiven zu eröffnen. Hierbei werden Details und minimale Unterschiede bei der Wahrnehmung eines Problems von der Mikro- in die Makroebene verschoben, womit dem Klienten auf häufig auch absurde Weise bewusst wird, dass es nur seine `Sicht der Dinge´ ist, die ihm als eigentliches Problem im Wege steht – also niemals das Problem selbst. Ein Beispiel einer solchen radikal absurden Intervention ist das Verschreiben von Verhaltensweisen. Hierbei wird der Klient bis zur nächsten Sitzung damit beauftragt, z. B. zu einer bestimmten Uhrzeit, jeden dritten Tag, das Problem-verhalten (z. B. Wutanfälle) absichtlich und bewusst auszuführen. Damit [...]
Vorgehensweisen (Methoden, Interventionen, Strategien) ein und führt zu bestimmten Folgen und Wirkungen.“ 100Auch der konstruktivistisch orientierte Helfer bedient sich eines breiten Spektrums an unterschiedlichen Methoden, wie z. B. der Dekonstruktionen, des zirkulären Fragens oder der Umdeutungen. Allerdings werden die weiteren Komponenten dieser Definition aus der Sicht des Konstruktivismus eher als problematisch eingestuft. So sind die Wirkungen und Folgen einer pädagogischen Intervention niemals prognostizierbar, sondern können entsprechend der Selbstorganisierungsstruktur (Autopoiesis) eines Klienten bei gleichen Ausgangsbedingungen, bei einem anderen Klienten zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen. Oder vice versa können anfangs differierende settings bei unterschiedlichen Kliententypen (z. B. einem auf Alkoholkrankheit zu behandelnden Klienten und einem autoaggressiven Jugendlichen) zu völlig identischen Endergebnissen führen.101 Das Konzept des sogenannten Pädagogischen Optimismus wird im Konstruktivismus stark eingegrenzt.102 Dieses auf sinnvollen Interventionen, mit erwartbaren Wirkungen, basierende Modell, welches in den 80er Jahren gar eine Pädagogisierung der Gesellschaft anstrebte, wird einer, eher an der Chaostheorie, als am `Wenn-Dann/Ursache-Wirkungs-Modell´ ausgerichteten Modell von Pädagogik weichen müssen. Der Systemtheoretiker N. Luhmann bringt dies deutlich zum Ausdruck, wenn er die Kontrolle über die Effekte von Interventionen ad absurdum führt: „Der Sozialisand kann immer auch anders, und das Problem wiederholt sich verschärft, wenn man versucht, diese anderen Möglichkeiten durch Konditionierungen auszuschließen. Jedes Wort kann bezweifelt werden, jede Maßnahme ist in ihrer Intention durchschaubar und erzeugt Möglichkeiten der Opposition. Im Prinzip nimmt der Erzieher sich also etwas Unmögliches vor.“ 103Der Erzieher kann nicht direkt auf das Verhalten einwirken und dadurch auch keine Kontrolle ausüben. Kontroll-Modelle werden nun durch Autonomie-Modelle ersetzt.104 Dies verwundert nicht, wenn man das theoretische Fundament dieser Modelle, die Theorie autopoietischer Systeme, konsultiert. Hier ist neben der Geschlossenheit oder [...]
geben einen deutlichen Hinweis darauf, dass die `Kraft´, man könnte auch sagen, der `Mythos´ der Vokabel Problem, in Frage gestellt wird. Nichtsdestotrotz bedient sich der Helfer aller Implikationen, Suggestionen und Erwartungen, die von jeher mit diesem Begriff verbunden waren und er präsentiert dem Hilfesuchenden das Problem in gänzlich unerwarteten und überraschenden Dimensionen. So schlägt z. B. der Mitbegründer der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, S. d. Shazer, vor, den Begriff `Problem´ in jeglicher Beziehung aus unserem Gebrauchswortschatz zu streichen. Spricht d. Shazer von Problemen, so macht er dies folgendermaßen: Kurzzeittherapie „[...] hat die Entwicklung eines lösungsfokussierten Sprachspiels aus einem problem-beschwerde-fokussierten Sprachspiel zur Folge.“ 98D. Shazer streicht den Begriff schlichtweg aus und setzt an dessen Stelle einen neuen: die Lösung.99 Dieses Vorgehen, das man als Dekonstruktion bezeichnet, fußt auf der Annahme einer konstruierten Weltwirklichkeit, die somit jederzeit auch umkonstruiert werden kann. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832476502
Arbeit zitieren:
Keck, Andreas April 2002: Erfindungen der Wirklichkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Systemtheorie, Autopoiese, Systemische Beratung, Familientherapie, Sozialpädagoge



