Ereignis und Überlieferung: Modelle und Möglichkeiten einer Ethnologie der Katastrophe
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Amos Mantzel
- Abgabedatum: September 2002
- Umfang: 125 Seiten
- Dateigröße: 1,8 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7870-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7870-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7870-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Mantzel, Amos September 2002: Ereignis und Überlieferung: Modelle und Möglichkeiten einer Ethnologie der Katastrophe, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Katastrophenforschung, sozialer Wandel, Kulturanthropologie, Symboltheorie, Trauma
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Magisterarbeit von Amos Mantzel
Einleitung:
In der angefertigten Arbeit ging es um das unvorhergesehene, plötzliche und unangekündigte Eintreffen eines völlig unbekannten Faktors auf eine Kultur als ein kohärentes, als Symbolgefüge verstandenes Sinnsystem und die damit verbundenen Auswirkungen. Dieser Faktor als das Neue, Un-heimliche stellt durch seine Unvorhergesehenheit und Unberechenbarkeit den „common sense“ einer Kultur ( Geertz 1983,1999) fundamental in Frage und zwingt ihn schließlich dazu, sich komplett zu reorganisieren. Um eine so tiefgreifende und weitreichende Wirkung zu zeitigen, muss dieser Faktor, wenn er ein Ereignis in Gestalt einer Katastrophe darstellen soll, die kennzeichnenden Merkmale der Rigidität, Rapidität und Radikalität ( Clausen, 1994) aufweisen.
Von diesen Prämissen ausgehend, erfolgte zunächst eine Bestandsaufnahme mehrerer Versuche , die Wirkung katastrophaler Ereignisse zu analysieren: Dies war die Aufgabe des ersten Abschnitts. Hier stand zuerst Roy Wagners Werk: „Symbols That Stand for Themselves“, in der substantielle Wandlungen persistenter symbolischer Formen thematisiert werden, im Mittelpunkt. Der Moment externer Auslösungsfaktoren wird hier zunächst nicht näher bestimmt. Ein Phasenmodell der Katastrophenverarbeitung aus sozialpsychologischer Perspektive schlägt Lars Clausen vor. Sein Katastrophenmodell FAKKEL wurde anschließend diskutiert. Eine Abrundung von einer distanziert abstrakten Warte aus gesehen erfolgte dann in der Konsultation theoretischer Literatur unterschiedlicher Provenienz, aus der sich drei Grundlinien herausschälten: Der symbolistisch-interpretative Ansatz (Cassirer, Langer, Ricœur), der ethnomethodologische Ansatz (Schütz, Garfinkel) und der mentalitätsgeschichtlich-kognitionspsychologische Ansatz (Assmann, Jacobson). Die Gegenüberstellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der jeweiligen Ansätze bildeten den Abschluss dieses Abschnitts. Zum Schluss der Arbeit wurde die theoretische Diskussion noch einmal aufgegriffen und vertieft, wobei sie auch auf ontologische Spekulationen Wert legte.
Im Abschnitt, der auf die Präsentation der Modelle folgte, wurde ethnographisches und historiographisches Material nebeneinander gelegt, um einen konkreten Eindruck von psychologischen Abläufen während des Eintreffens von Katastrophen zu bekommen. Zunächst war geplant, eine Darstellung des Prozesses der Notschlachtung von Rentieren bei den Saami in Nordskandinavien als Reaktion auf den atomaren GAU in Tshernobyl zu liefern. Die Quellenlage war diesbezüglich aber sehr dünn, was für die ernsthafte Bearbeitung die Konsequenz der Durchführung einer Feldforschung gehabt hätte. Dies war vor Allem aus finanziellen Gründen nicht möglich. Deshalb hatte ich mich entschieden, die Wirkung des Pinatubo-Ausbruchs auf den Philippinen auf die Kultur der Aeta zu untersuchen. Diese wurde dann mit der Wirkung der Pest in Europa verglichen. Der Ausbruch des Pinatubo und die Pest im Europa des späten Mittelalters waren vollkommen anderer Natur; gemeinsam ist ihnen jedoch ihr Katastrophencharakter und der „Krasse soziale Wandel“, den sie auslösten. Durch die Erörterung solcher stark in ihrem Wesen voneinander abweichender Beispiele wurde die Elastizität der eingangs besprochenen Katastrophenablaufmodelle recht detailliert überprüft. Aus Fragen, die bei der Anwendung der Modelle auf die hier besprochenen Beispiele auftauchten, wurde dann ersichtlich, wo die Stärken und Schwächen der besprochenen Modelle liegen.
Die letzten Kapitel waren auch Sammelstellen für Hinweise, die aus den verschiedensten Disziplinen und Forschungsansätzen gewonnen wurden. Insbesondere hatten hier auch Aspekte der Ritualtheorie sowie - wie oben schon angedeutet - der Philosophie des Ereignisses ihren ergänzenden Platz. Dies hatte nicht den Sinn, versprengte Bröckchen des Vergessenen zu retten, sondern es sollte vielmehr nach einer erweiterten und vertieften Überprüfung der bislang diskutierten theoretischen Modelle Ausschau gehalten werden. Als dann eine erste brüchige Folie einer neu aufbereiteten Ereignisdeutung gewonnen wurde, so wurde diese - in vielleicht etwas gewagter Form - im letzten Abschnitt auf eine aktuelle Fragestellung projiziert:
Kann das Unberechenbare überhaupt erklärt werden ? Haben wir im „Zeitalter der Dekonstruktion“ nicht schon längst erkannt, dass es überhaupt keine brauchbaren Modelle mehr gibt ? Oder sind nicht die Grundlagen unserer Wahrnehmung schon so dahingehend verändert, dass wir überhaupt keine Ereignisse mehr wahrnehmen, sondern nur noch „Stimulationen“ (Virilio 1994)?
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 2 |
| 2. | VERSCHIEDENE MODELLE VON EREIGNISABLÄUFEN | 7 |
| 2.1 | DIE TRANSFORMATION DER BEDEUTUNGEN - ROY WAGNERS SYMBOLS THAT STAND FOR THEMSELVES | 8 |
| 2.2 | DIE SOZIALPSYCHOLOGISCHE VERARBEITUNG DER KATASTROPHE - LARS CLAUSENS KRASSER SOZIALER WANDEL | 22 |
| 2.3 | KNOTENPUNKTE UND DIVERGENZEN DER VORGESTELLTEN ANSÄTZE | 32 |
| 3. | MUSTER DER KATASTROPHENBEWÄLTIGUNG | 41 |
| 3.1 | DER AUSBRUCH DES VULKANS PINATUBO UND SEINE BEWÄLTIGUNG BEI DEN AETA AUF LUZÓN (PHILIPPINEN) | 44 |
| 3.2 | DIE PEST IN EUROPA | 51 |
| 3.3 | KONTAGION UND MIASMA – EINIGES ZUM DEFINITIONS- UND WIRKUNGSBEREICH DES KATASTROPHENBEGRIFFS | 63 |
| 4. | ANWENDUNG DER MODELLE AUF DIE GENANNTEN BEISPIELE | 74 |
| 4.1 | MÖGLICHKEITEN EINER SYNTHESE DER VORGESTELLTEN ANSÄTZE | 75 |
| 4.1.1 | Der „Kieler Würfel“ und der „figure-ground reversal“ | 76 |
| 4.1.2 | Die Pest und der „medieval-modern reversal“ | 78 |
| 4.1.3 | Der „Kieler Würfel“ und die Katastrophenbewältigung der Aeta | 84 |
| 4.1.4 | Ein „figure-ground reversal“ bei den Aeta? | 85 |
| 4.1.5 | Der „Kieler Würfel“ und die Pest | 86 |
| 4.2 | INTERKULTURELLE DIVERGENZEN UND GEMEINSAMKEITEN IM ERLEBEN DER KATASTROPHE | 89 |
| 5. | SYNTHETISCHE ABSTRAKTION DER MODELLE UND BEISPIELE | 95 |
| 6. | AUSBLICK UND ABSCHLIEßENDE FRAGEN | 104 |
| 7. | LITERATUR | 108 |
| 8. | ANHANG | 116 |
| 8.1 | ABLAUFMODELLE VON KATASTROPHEN | 116 |
| 8.1.1 | Der figure-ground reversal von Roy Wagner | 116 |
| 8.1.2 | Das FAKKEL-Modell von Lars Clausen | 119 |
| 8.2 | KARTEN | 121 |
| 8.2.1 | Die Umsiedlung der Aeta in das Tiefland der Provinz Zambales auf Luzón | 121 |
| 8.2.2 | Die Verbreitung der Pest in Europa | 122 |
gesehen. Wenn hier das Stichwort „Regulierung“ fällt, so erinnert dies wieder an den schon genannten Versuch, brauchbares Wissen zu kanonisieren und - auf die Kranken und Aussätzigen bezogen, diese mit ihren Symptomen als „Fälle“ zu begreifen und sie konkret räumlich durch Internierung zu verwalten. An dieser Stelle drängt sich der Verdacht auf, daß diese in der Notlage der Pest entstandenen Mechanismen zur Regelung von pandemischen Seuchen für eine ganze Kultur systembildend waren; nämlich insofern, daß sie einen zentralistischen, oder, wie Foucault sagen würde – panoptischen Überwachungsapparat in der Medizin ausbildeten, der sich in Institutionen wie dem Krankenhaus und dem Sanatorium zeigt. Doch die gesellschaftlichen Änderungen, die durch die Seuche provoziert wurden, waren nicht nur institutioneller Art; denn durch einfache Beschlüsse konnte kein tiefgreifender sozialer Wandel in Gang gesetzt werden. Transformationsprozesse, wie sie in der frame metaphor bei Wagner transparent werden, hat es schon während des Hochmittelalters gegeben. Die Erschütterung des Weltbildes der Massen war aber letztlich für den Umbruch in der europäischen Kultur entscheidend. Welche Änderungen sind in dieser Hinsicht besonders hervorzuheben? – Einige besonders fundamentale Muster des Wandels der symbolischen Orientierungen lassen sich hier herauskristallisieren: 1. Es läßt sich eine Tendenz zur Aufspaltung der Gesellschaft feststellen, was sich im symbolischen wie im räumlichen Auseinanderrücken manifestiert. Nicht nur das Aussondern des oder der Fremden, sondern auch das Absondern vom Anderen ist, verstanden als aus dem Mißtrauen resultierender Begleiteffekt, ein in der Folge der Pest typisches Verhaltensmuster. Aus Gründen der Kontaktscheu vorgeschobene Hygiene und das Streben nach dem eigenen Bereich ist nach Ansicht vieler Autoren auch mit der in der Zeit der rigidesten Pestwellen aufkommenden, auf die Seele des Einzelnen abgerichteten Mission des Protestantismus verbunden.42 [...]
Erklärung bedurfte, sagte man sich, daß nur diejenigen, die um die richtige Behandlung des Pestsyndroms wissen, dieses nicht nur bekämpfen, sondern auch erzeugen konnten. Diese Angst vor dem Wissen der kulturell Anderen war dann der erste Ansatz für die Tendenz, in ihnen auch die Verursacher des Unglücks zu sehen und eine daraus entsponnene Verschwörungstheorie entstehen zu lassen. Oftmals wurde auch vermutet, die „Aussätzigen“ seien eine Vorhut der Juden, die in ihren geheimen Plänen eine Vernichtung der Christenheit und des Abendlandes ausheckten. Ihr Auftrag sei es, die Menschen bewußt anzustecken und Gift zuzubereiten (Ginzburg 1997: 47; s.auch: Zinn 1989: 249253; Graus 1988: 155). Aufgrund dieses Verdachts wurden sogar Internierungslager errichtet (Ginzburg 1997: 49). Eine andere Variante ging davon aus, islamische Emire hätten als Hintermänner im Rahmen des Glaubenskampfes der Kreuzzüge und der conquista mit Hilfe der anderen Minderheiten in Europa die Infektion verbreitet (Ginzburg 1997: 51). Hier verbarg sich noch die Erfahrung der von den ebenfalls islamischen Tataren ausgeführten Belagerung der Festung in Caffa, der genuesischen Kolonie am Schwarzen Meer, die mit infizierten Leichen auf die Burg schossen. Die Neigung, das unter der Bedrohung schnell dahinfließende Leben noch einmal richtig auszukosten, also die Mentalität des „Totentanzes“, wurde mit den als ausschweifend bezeichneten Ritualen der Hexen in Verbindung gebracht, diese dann wiederum mit dem Feiertag der Juden, dem Sabbath. So entstand der Mythos vom „Hexensabbath“, der sich dann als Ikon für das Chaos und alles Liederliche, von der Norm abweichende und für die Ausschweifung etablierte. Ginzburg erklärt die Konfiguration dieser Projektionen als eine Vermischung all dessen, was als fremd und bedrohlich gelten konnte, eine „auf den Sabbath zusteuernde Interaktion zwischen inquisitorischen Stereotypen und volkstümlicher Kultur“ (ebd. 1997: 97), den er dann vielleicht etwas umständlich in die Vorstellung eines „häretischen Synkretismus als Opfer einer Pervertierung des Schulderleidens“ münden sieht. Diese verhängnisvollen Konnotationen wirkten sich zwar weitgehend unbewußt aus, können aber als Regelmechanismus zur Bewältigung einer Bedrohung durch das Unbekannte, von außen kommende an sich gesehen werden. Dieser Ansatz wird auf der Basis der von Ginzburg herangezogenen Quellen auch von Chrisciani und Pereira verfolgt, die in ihrer Argumentation den hier beschriebenen Prozeß in der symbolischen Kontradiktion von Dunkelheit und Helligkeit in der Alchemie genau so betrachten.41 Als „Regulierung des Bösen“ wird eben genau der Vorgang der Identifizierung der unvorgesehenen Situation mit dem Anderen und dem Fremden genauso wie die auf diese Elemente projizierte Angst [...]
blieben davon nicht verschont. Diese versuchten jedoch, ihrer Überzeugung auch in öffentlichen Kampagnen ein Profil zu geben. Um einen Schuldigen zu präsentieren und „das Übel“ an der Wurzel zu packen, wurden massenweise Hexenverfolgungen initiiert. Diese Beispiele waren ein Muster für viele spätere Reaktionsformen bei der Antwort auf kollektive Bedrohungen und machten in diesem Sinne Schule, oder, wie Boehringer es ausdrückt: „Die Folterkammern der Hexenverfolgungen waren im Wortsinne Laboratorien der Moderne, in denen theologische und juristische Dogmen auf blutige Weise überprüft wurden.“ (Boehringer 1991/92: 45). Im Gefühl der Endzeit sollte im wahrsten Sinne des Wortes „auf Teufel komm ´raus“ die letzte Schlacht geschlagen werden. Die spätere Erarbeitung eines allgemeinen medizinischen Standards hingegen und seine flächendeckende, administrativ geordnete Umsetzung sind mit einem Rückgang der Hexentribunale verbunden, weniger, weil sich die Gemüter in Korrelation zu einer voranschreitenden Rationalisierung des allgemeinen Gesundheitsapparates abkühlten, sondern eher, weil die medizinischen und administrativen Autoritäten den ganzen Diskurs im pathologischen Sinne szientifizierten. Dies zeigte sich einerseits darin, daß durch Aufbau eines Netzes von Leprosorien (Heilanstalten) die Seuche mit ihren Auswirkungen überblickt werden sollte. Hierbei war es Programm, das vorhandene medizinische Wissen gebündelt zur Anwendung zu bringen. Andererseits war diese Tendenz mit einem Plan verbunden, der darauf abzielte, das zu diesem Zeitpunkt vorhandene Wissen über die Desinfektion von Wohnräumen, öffentlichen Plätzen etc. und die damit einhergehenden Möglichkeiten zur Begrenzung des Wirkungskreises des Virus von dem Kontext zu trennen, in dem es sich vor der pandemischen Ausbreitung der Pest befand. Kurz – man wollte den technischen Aspekt der reinen Kausalvorgänge bei der Vorbeugung und Heilung der Infektionskrankheit aus dem rituellen, magisch psychologisierenden Zusammenhang herausschneiden. Die Trennung dieses Zusammenhanges war also auch ein Resultat der kulturellen Reaktionen auf die Pest insgesamt. Wie war nun aber dieser Zusammenhang genauer beschaffen? – Nach dem italienischen Historiker C. Ginzburg, der sich genauer mit dem befaßt hat, was unter dem Etikett der Hexerei aufgetaucht ist, war die Medizin der Juden und Muslime im europäischen Mittelalter eine weitaus komplexere Lehre als die der Christen, bei denen nur Gebete halfen. Dies war bekannt, und in vielen zweifelhaften Einzelfällen wurde die Hilfe der „Ungläubigen“ auch gesucht. Da es für die ungeheure Katastrophe der Pandemie einer 55 [...]
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Arbeit zitieren:
Mantzel, Amos September 2002: Ereignis und Überlieferung: Modelle und Möglichkeiten einer Ethnologie der Katastrophe, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Katastrophenforschung, sozialer Wandel, Kulturanthropologie, Symboltheorie, Trauma



