Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter besonderer Berücksichtigung bestehender Nutzungskonflikte und Gefährdungen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anke Biehl
- Abgabedatum: Januar 2008
- Umfang: 139 Seiten
- Dateigröße: 3,0 MB
- Note: 2,3
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 170
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1394-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Biehl, Anke Januar 2008: Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter besonderer Berücksichtigung bestehender Nutzungskonflikte und Gefährdungen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nationalpark, Wattenmeer, Konflikt, Konfliktanalyse, Schleswig-Holstein
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Diplomarbeit von Anke Biehl
Einleitung:
Küsten sind als ‘Schlachtfelder von Interessenkonflikten, [als] Kernräume menschlicher Umweltsünden und Schmutzränder des ökologischen Machtkampfs zwischen Mensch und Natur’ besonderem Stress ausgesetzt. Die mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Ausweisung des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres als Nationalpark (NP) sollte vor allem dem Schutz des Ökosystems vor menschlicher Übernutzung dienen, wird indes immer noch als ‘Entwicklungs-Nationalpark’ eingestuft, in denen anhaltende Nutzungskonflikte herrschen. In jüngerer Zeit erfährt der schleswig-holsteinische Nationalpark zunehmend das Interesse in Forschungsfeldern wie dem (Öko-)Tourismus, Marketing, Imageforschung und Regionalentwicklung, was sich als Hinweis auf die gesellschaftspolitische Ausweitung der traditionellen Aufgaben des Nationalparks verstehen lässt. Auffällig sind die Umbrüche in vielen Konfliktfeldern des Nationalpark Wattenmeeres in jüngerer Zeit: Der Tourismus an der Wattenmeerküste war zuletzt von Rückgängen der Gästezahlen geprägt und orientiert sich neu. Küstenschutzmaßnahmen stehen unter dem Druck der Anpassung an den Klimawandel und schwieriger werdender Finanzierung. Miesmuschelzucht und Garnelenfischerei stehen im Spannungsfeld zwischen sozioökonomischer und ökologischer Tragfähigkeitsgrenzen. Ölkatastrophen im Watt bleiben im Rahmen wachsender Schiffstransporte realistische Szenarien. Offshore-Windparks konkurrieren mit traditionellen Nutzungen um Raum. Eingeschleppte neue Arten breiten sich aus, während einheimische Arten Bestandsrückgänge aufweisen. Das Management der anhaltenden Nutzungen und Belastungen des Wattenmeeres als eines der ‘empfindlichsten und wertvollsten natürlichen Habitate’ Europas ist unter diesen zusätzlichen Ansprüchen und fortschreitenden Veränderungen weiterhin herausfordernd und erfordert eine grundlegende Klärung der Möglichkeiten, Zielsetzungen und Perspektiven des Nationalparkkonzeptes als Instrument zur ‘nachhaltigen Entwicklung’. Gefragt wird im Folgenden nach den Anforderungen an ein modernes Schutzgebietmanagement im Nationalpark. Welche Chancen und Hemmnisse bildet das Nationalparkkonzept für die nachhaltige Nutzung der Küste? Wie lässt sich das Leitbild des Prozessschutzes (‘Natur Natur sein lassen’) im Rahmen der verschiedenen Nutzungsansprüche und unter dem Szenario des Klimawandels umsetzen? Welche Entwicklungsperspektiven bieten sich dem Nationalpark zwischen sich wandelnden Gefährdungen und Konfliktfeldern und einer unsicheren finanziellen Lage des Naturschutzes?
Die vorliegende Arbeit bedient sich sowohl natur- als auch sozialwissenschaftlicher Sichtweisen der Geographie, um methodisch anhand einer kritischen Literatur- und Quellenanalyse und unter Berücksichtigung der Positionen und Konzepte der wichtigsten Akteure möglichst umfassende Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer herauszuarbeiten. Nachdem Kapitel 2 einen notwendigen Überblick über Ökosystem, Funktionen und Schutzkonzeptionen des untersuchten Nationalparks enthält, erfolgt in Kapitel 3 eine Analyse der Konflikte in der Nationalparkregion, ergänzt in Kapitel 4 durch eine Untersuchung der Gefährdungen des Nationalparks, auf die sich zuletzt in Kapitel 5 daraus resultierende Entwicklungsperspektiven für nachhaltiges Nationalparkmanagement anschließen.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Vorwort/Danksagung | iii |
| II. | Inhaltsverzeichnis | iv |
| III. | Abkürzungsverzeichnis | vi |
| IV. | Abbildungsverzeichnis | vii |
| V. | Tabellenverzeichnis | viii |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Nationalpark – naturräumliche und sozioökonomische Merkmale | 3 |
| 2.1 | Lage und Eingrenzung des Untersuchungsraums | 3 |
| 2.2 | Landschaftsgenese und -entwicklung | 5 |
| 2.3 | Das Ökosystem Wattenmeer | 9 |
| 2.3.1 | Abiotische Ökosystemkomponenten | 10 |
| 2.3.2 | Biotische Ökosystemkomponenten | 12 |
| 2.4 | Funktionen des Wattenmeers | 16 |
| 2.4.1 | Ökologische Funktionen | 17 |
| 2.4.2 | Ökonomische und soziokulturelle Funktionen | 17 |
| 2.5 | Ökologischer Wert des Wattenmeeres | 19 |
| 2.6 | Schutzmaßnahmen | 20 |
| 2.7 | Schutzkonzept des Nationalparks | 22 |
| 3. | Nutzungskonflikte im Nationalpark – eine Konfliktanalyse | 26 |
| 3.1 | Grundlagen: Konfliktverständnis, Konfliktparteien im Nationalpark | 26 |
| 3.2 | Konfliktursachen im NP-Konzept: Prozessschutz als Motor für Konflikte? | 28 |
| 3.3 | Divergierende Wahrnehmungen von Nationalpark, Küste und Wattenmeer | 30 |
| 3.4 | Konflikte zwischen Küstenschutz und Nationalpark | 34 |
| 3.4.1 | Ökologische Auswirkungen von Küstenschutzmaßnahmen | 36 |
| 3.4.2 | Ökonomische Auswirkungen | 37 |
| 3.4.3 | Konfliktfacetten: divergierende Bewertung der Küste | 38 |
| 3.4.4 | Kompromisse im Vorlandmanagementkonzept | 39 |
| 3.5 | Konflikte im NP durch verschiedene Nutzergruppen | 40 |
| 3.5.1 | Konflikte durch Tourismus | 40 |
| 3.5.2 | Konfliktfelder Muschelzucht, Fischerei, Deichschäferei, Landwirtschaft | 48 |
| 3.5.3 | Konflikte durch Energiegewinnung | 55 |
| 3.5.3.1 | Konfliktfeld Windenergie | 55 |
| 3.5.3.2 | Konfliktfeld Ölgewinnung | 58 |
| 3.6 | Konfliktentwicklung im Nationalpark | 59 |
| 4. | Gefährdungen des Wattenmeers | 63 |
| 4.1 | Nähr- und Schadstoffeinträge und Verschmutzung | 63 |
| 4.2 | Szenario Ölkatastrophe | 64 |
| 4.3 | Eingeschleppte Arten | 66 |
| 4.4 | Szenario Klimawandel und beschleunigter Meeresspiegelanstieg | 67 |
| 5. | Entwicklungsperspektiven | 74 |
| 5.1 | Überblicksmodell Konflikte im NP | 74 |
| 5.2 | Entwicklungsperspektiven für die Konflikte im Nationalpark | 75 |
| 5.2.1 | Divergierende Wahrnehmung des Wattenmeerraumes – als Hemmnis der Konfliktbearbeitung? | 75 |
| 5.2.2 | Entwicklungsperspektiven für das Nationalparkkonzept | 77 |
| 5.2.3 | Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Küstenschutz | 81 |
| 5.2.4 | Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Tourismus | 85 |
| 5.2.5 | Entwicklungsperspektiven für die Konfliktfelder Muschelzucht, Fischerei, Deichschäferei, Landwirtschaft | 93 |
| 5.2.6 | Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Energiegewinnung | 97 |
| 5.3 | Entwicklungsperspektiven für die Gefährdungslage des Nationalparks | 98 |
| 5.3.1 | Entwicklungsperspektiven für die Gefährdung durch Schadstoffeinträge | 98 |
| 5.3.2 | Entwicklungsperspektiven für die Gefährdung durch Ölunfälle | 100 |
| 5.3.3 | Entwicklungsperspektive für die Gefährdung durch Neobiota | 101 |
| 5.3.4 | Entwicklungsperspektiven des Nationalparks unter dem Szenario von Klimawandel und beschleunigtem Meeresspiegelanstieg | 102 |
| 6. | Diskussion/Ausblick | 107 |
| 6.1 | Entwicklungsperspektiven für die Konfliktbearbeitung im NP | 107 |
| 6.2 | IKM als geeignetes Planungswerkzeug? – State-of-the-Art | 108 |
| 6.3 | Zusammenfassung und Fazit: Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark im Spannungsfeld von Konflikten, Gefährdungen und dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung | 112 |
| VI. | Literatur- und Quellenangaben | |
| VII. | Anhang | |
| A) | Küste im Stress - die vielfältigen Nutzungen und Schutzgebiete der Nordsee | |
| B) | Ergebnisse einer Umfrage unter NP-Betreuern zum Thema Konflikte im NP | |
| C) | Ehrenwörtliche Erklärung |
Textprobe:
Kapitel 3.3, Divergierende Wahrnehmungen von Nationalpark, Küste und Wattenmeer:
Starke Sturmfluten im Juni 2007 haben dazu geführt, dass im Vorland der nordfriesischen Küste große Zahlen von Jungvögeln ertrunken sind. Der Bürgermeister von Friedrichskoog sagte in Reaktion darauf: ‘Der Nationalpark bringt uns nichts, nur Tod und Arbeit’. Er führte die hohe Zahl der ertrunkenen Vögel darauf zurück, dass die Beweidung der Salzwiesen im Nationalpark eingestellt wurde, die Tiere sich daher im ‘Gestrüpp’ nicht orientieren und deichaufwärts flüchten konnten. Die NPV reagierte: ‘Hohe Wasserstände mit Landunter gehören zur Natur unseres Lebensraumes’; außerdem hätten sich die Vogelbestände seit der Gründung des NPs 1985 erheblich erhöht.
Nicht nur anhand dieses exemplarischen Falls, auch in der Debatte um Vogelschutzgebietsausweisungen auf der Halbinsel Eiderstedt wird deutlich, dass der Nationalpark mit seinem Wildnis-Schutzkonzept von ‘Betroffenen’ immer wieder als ‘Schuldiger’ für bestimmte Ereignisse und Entwicklungen wahrgenommen wird. Bis heute bestehen in Nationalparken Konflikte zwischen verschiedenen Leitbildern im Umgang mit der Natur. Auch im NP Wattenmeer ist der Prozessschutz schwierig zu vermitteln. Dies hängt mit normativen und tradierten Vorstellungen von Wildnis zusammen – Wildnis gilt traditionell als negativ und Abwesenheit von Kultur (siehe Punkt 3.2). Die Einstellung zu frei ablaufenden Naturprozessen ist dagegen in allen deutschen Nationalparkverwaltungen übergreifend positiv; der Natur soll mehr Platz gegeben werden: ‘Wir Menschen versuchen seit Jahrtausenden, die Natur in ein Korsett zu zwingen’. Auf diskursivem Weg wird damit von den NPV versucht, eine Sicht auf die Natur und ihre Abläufe zu vermitteln, die sich von tradierten Vorstellungen unterscheidet. Nicht zuletzt deswegen wird in der Akzeptanzforschung das Verständnis für den Nationalparkgedanken als ‘Generationenfrage’ verstanden. ‘In ihren Anfängen wurde die Forstwirtschaft auch abgelehnt. Heute ist sie normal’.
Die akteursspezifisch unterschiedlichen Wahrnehmungen der Küste und des Mensch-Natur-Verhältnis führen zu Befürchtungen, Ängsten, Verständnisschwierigkeiten, Nutzungseinschränkungen, unterschwelligen Vorbehalten und Missverständnissen und sind damit wichtige Konfliktmotoren im Nationalpark.
Naturvorstellungen sind soziale Konstrukte, die im Diskurs zwischen Wissenschaft und Medien, durch Erfahrungen, Normen, Werte und andere kulturellen Einflüsse entstehen. Grundlage der Konflikte im Wattenmeer sind damit gesellschaftliche Diskurse: was ist das Wattenmeer, was Küste, was der Wert von Natur? Der Diskurs ist dabei nutzenorientiert und basiert auf emotionalen und wertenden Wahrnehmungen. Im Kern steht die Frage, welche Nutzung des Wattenmeeres angestrebt wird: eine Nichtnutzung, nachhaltige (restriktive) Nutzung, liberale Nutzung? Der Nationalpark lässt sich in diesem Sinne verstehen als gesellschaftspolitische Antwort auf die Frage, welche Nutzung des Wattenmeeres gewünscht ist.
Im Projekt ‘Küstenbilder, Bilder der Küste: Darstellung der soziokulturellen Realität von Küste’ der Universität Hamburg wurden verschiedene Vorstellungen und Konstruktionen von Küste untersucht; mit dem Ergebnis, dass vor allem zwei verschiedene Konzeptionen dominieren – eine wissenschaftliche und eine alltäglich-gesellschaftliche. Somit ist die Forschung im Wattenmeer nicht neutral, sondern kann selbst Teil konfliktschaffender Situationen sein, da bestimmte Akteure und Argumente durch Wissenschaftler gestärkt werden, worauf andere Konfliktparteien ablehnend reagieren. Die Forscher lassen sich damit als Konfliktgruppe klassifizieren (vgl. Punkt 3.1). Die Dominanz der Wissenschaft im Nationalpark wurde von vielen Konfliktparteien häufig als einschüchternd und ablehnend wahrgenommen, während sich die Wissenschaftler als neutral einschätzen. In der naturwissenschaftlichen Forschung im Rahmen von Küsten- und Meeresforschung nimmt der Nationalpark als Schutzkonzept eine Nebenrolle ein, bedeutend ist hier v.a. der Aspekt des NP-Gesetzes, der die Erforschung und das Monitoring möglichst unbeeinflusster Naturprozesse zum Ziel hat. Hier stehen Modellierungen einzelner Systemkomponenten des Wattenmeeres im Vordergrund; Gefährdungen des Wattenmeeres und damit des Nationalparks werden dabei auch erforscht, was die Wahrnehmung und Bewertung verschiedener Nutzungen beeinflusst. Die Wattküste wird aus dieser Perspektive allgemein als dynamisch-komplexer, empfindlicher Naturraum wahrgenommen, dessen starke natürliche Variabilität Vorhersagen und Verständnis des Systems erschwert. Eine Annäherung an den Raum erfolgt methodisch durch Rekonstruktionen und Szenarien. Die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung räumt dem Nationalpark eine eigenständige, Raum prägende Realität neben anderen Küstenkonstruktionen ein und untersucht seine Funktionen für Tourismus und Raumentwicklung. Hier wurden Nationalparke anfangs primär als Konflikträume wahrgenommen – Konflikte zwischen Tourismus und Naturschutz waren die offenkundigsten Divergenzen zwischen Ökonomie und Ökologie. Mit der Weiterentwicklung und Etablierung des Nationalparkkonzeptes entwickelte sich die Akzeptanzforschung heraus, die sich mit der Frage befasste, wie ein Nationalpark in der Region wahrgenommen und von einheimischer Bevölkerung sowie Besuchern mit seinen Einschränkungen umgegangen wird. Jüngste Aspekte der Nationalparkforschung beziehen sich auf die Potentiale der Schutzgebiete für ländliche Entwicklung, Ökotourismus, Wirtschaft und Marketing, wobei dem NP eine positive Rolle zugeschrieben wird.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Küste erfordert es, dass Konflikte nur befriedigend verstanden werden können, wenn die divergierenden Perspektiven beachtet werden. Besonders betrifft dies den Bereich der Wechselwirkungen zwischen natürlichem Ökosystem und anthropogenen Einwirkungen sowie deren Rückkopplungen. Die Handlungen der Akteure lassen sich nicht allein durch eine naturwissenschaftliche Herangehensweise erklären. Beispielsweise fällt unter die Erforschung des zu schützenden Ökosystems Wattenmeer auch der Einfluss des Tourismus auf das Ökosystem. Welche Einstellungen die Touristen dem Wattenmeer gegenüber haben, ist bedeutsam für ihr Verhalten. Diese Einstellungen müssen mitberücksichtigt werden. Zwar deuten viele Forscher auf die wachsende Relevanz transdiziplinärer Sichtweisen bezüglich Mensch-Umwelt-Beziehungen und deren Konfliktanalysen hin doch ist der Ansatz, verknüpfte Perspektiven zu nutzen, aufgrund schwieriger Umsetzung noch recht unangetastet. Auch das IKM als integrierende Sichtweise der Küste ist noch jung und stark naturwissenschaftslastig.
Innerwissenschaftliche Wahrnehmungen von NP und Küste divergieren daher bereits je nach Disziplin, stehen dabei allerdings wiederum konträr den alltäglichen Vorstellungen gegenüber. Primär wird ‘Küste’ als Trennlinie zwischen Land und Wasser verstanden, als Land in Nähe von Wasser und Meer unter Einfluss des Landes, wobei diese Grenze je nach Akteursgruppe und Nutzung unterschiedlich gezogen werden kann. Küstenvorstellungen von Küstenbewohnern unterscheiden sich dabei von politischen, ökonomischen oder ökologischen Konzepten zum Teil sehr. Gerade im Nationalpark ist es wichtig, die individuell gemachten ‘Erfahrungen, Werte[] und Wahrnehmungen’ der verschiedenen potentiellen Konfliktparteien Ernst zu nehmen, um Stimmungsschwankungen zugunsten oder gegen den Nationalpark rechtzeitig wahrzunehmen und Eskalationen vorzubeugen. Küste kann z.B. wahrgenommen werden:
Als nützlicher Raum (für Erholung, Fischerei, Naturentfaltung).
Als vom Menschen gefährdete Natur (Legitimation des Nationalparks).
Als natürlicher, erholsamer Ort (von Menschen wenig kontaminiert).
Als durch den Menschen gestalteter Ort.
Als Raum der Naturgefahren.
Als Konfliktraum zwischen lokalen Interessen und Naturschutz.
Als Heimat und Traditionsraum.
Als innovativer Raum.
Küste ist damit ein komplexer Erfahrungsraum. Die Bedrohungen und Ängste, die durch ein Nationalparkkonzept ausgelöst werden, begründen sich nicht allein durch die Einschränkung der wirtschaftlichen Nutzbarkeit des Raumes. Vielmehr ist das Konzept ‘Natur Natur sein’ zu lassen in einem Raum, dessen Bewohner die Bedrohung durch das Meer in Form von Deichen täglich vor sich sieht, ein provokatives Gegenkonzept gegenüber technischem Schutz und der Regulierung der Küste sowie der damit verbundenen deutlichen Trennung zwischen Meer und Land. Hinweise auf historische katastrophale Sturmfluten und Meeresdurchbrüche lassen sich im gesamten Raum wahrnehmen. In Museen, Kirchen und an Häfen wird daran erinnert, dabei werden Natur und Wildnis als bedrohlich dargestellt und empfunden.
Küste, Meer und Strand erfahren zudem erst seit dem 17. Jahrhundert positive Zuschreibungen und wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge von ‘Meereslust’ und ‘Sommerfrische’ Ziel von Erholungssuchenden), so dass tradierte Naturbilder der Küste noch dominant sein können. Im Verhältnis von Natur- und Kulturwahrnehmung ist zudem wichtig, dass das Erscheinungsbild der Küste vielfach durch den Deichbau und anderen menschliche Nutzungen und Bauwerke dominiert wird, so dass natürliche Idealvorstellungen der Küste realen Eindrücken wie Teerdeichen, Hotelbebauung und Windrädern gegenüberstehen. Die Nationalparkverwaltung nutzt ebenfalls bestimmte Bilder des Wattenmeeres, um durch ästhetische Eindrücke die Bedeutsamkeit des Lebensraumes darzustellen. Dabei wird der Begriff ‘Nationalparknatur’ benutzt, was auf eine eigenständige Wahrnehmung des Raumes verweist.
Die verschiedenen Vorstellungen und Wahrnehmungen des Wattenmeeres führen nicht zuletzt zu divergierenden Bewertungen des Raumes und bilden damit die Grundlage für Wertekonflikte, wie die folgenden Analysen aufzeigen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842813946
Arbeit zitieren:
Biehl, Anke Januar 2008: Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter besonderer Berücksichtigung bestehender Nutzungskonflikte und Gefährdungen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nationalpark, Wattenmeer, Konflikt, Konfliktanalyse, Schleswig-Holstein



