Die Entwicklung des politischen Systems Nordkoreas
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Michel Hobe
- Abgabedatum: Dezember 2006
- Umfang: 97 Seiten
- Dateigröße: 456,3 KB
- Institution / Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland
- Bibliografie: ca. 34
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1430-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hobe, Michel Dezember 2006: Die Entwicklung des politischen Systems Nordkoreas, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nordkorea, Juche, Chuch'e, Kim Il-sung, Totalitarismus
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Magisterarbeit von Michel Hobe
Einleitung:
Das Regime in Nordkorea fällt in der heutigen Zeit besonders durch ein Merkmal auf: Es ist neben Kuba das letzte totalitäre System sozialistischer Prägung. Unwillkürlich fragt man sich, warum sich das Regime in Pjöngjang bis zum heutigen Tag an der Macht halten konnte, zumal große Teile der unterdrückten Bevölkerung unter extrem schlechten Lebensbedingungen ums Überleben kämpfen. Es verwundert, dass die Armut und die anwachsende Unzufriedenheit in der nordkoreanischen Bevölkerung bisher zu keinem politischen Umsturz geführt haben. Diese Tatsache weckt das Interesse dafür, sich eingehender mit dem politischen System Nordkoreas auseinander zu setzen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem politischen System Nordkoreas als einem besonderen politischen Herrschaftssystem. Hans-Joachim Lauth betont, dass der Beschäftigung mit politischen Herrschaftsformen in der Politikwissenschaft ein hoher Stellenwert zukomme. Es liege ihr doch mit dem Topos der Herrschaft eine zentrale Kategorie des Politischen zugrunde.
Die Darstellung eines politischen Systems hat nach Wolfgang Rudzio mehr zu umfassen als nur die staatlichen Institutionen, aber weniger als die Gesamtheit der Gesellschaft. Entscheidend ist, dass die Akteure und Rollenzusammenhänge offen gelegt werden, die den politischen Prozess zur Findung der gesamtgesellschaftlich verbindlichen Entscheidung maßgeblich beeinflussen oder gar legitim herbeiführen. Bezüglich einer präsidentiellen Demokratie würde man fragen, welche politischen Kräfte Einfluss auf wichtige Entscheidungen, wie z.B. die Einführung einer neuen Steuer nehmen. Neben den verfassungsmäßig fest verankerten Instanzen wie Präsident und Parlament haben oftmals auch bestimmte Interessenverbände wie Gewerkschaften und/oder Arbeitnehmerverbände einen Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Die Besonderheit des politischen Systems Nordkoreas liegt nun in dem Umstand begründet, dass es als ein totalitäres System betrachtet wird. In der Vergleichenden Regierungslehre gilt das System als ein „kommunistisches Einparteiensystem“. Da der erste Diktator der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), Kim Il-sung, ab 1945 ein totalitäres Regime errichtete, das stalinistisch geprägt ist, bezeichnet Hans Maretzki das politische System der DVRK demonstrativ auch als „kimistisches System“. Das Herrschaftssystem von Kim Il-sung wird im Folgenden als das politische System der DVRK betrachtet.
Der Hauptteil der Arbeit besteht darin klar aufzuzeigen, wie sich dieses System von seinen Anfängen bis zu seiner heutigen Form entwickelte. Welche prägenden Ereignisse sind im Rückblick bedeutsam für die Entwicklung Nordkoreas hin zu dem totalitären System, als das es heute erscheint? Ist dieses System nach den beiden Totalitarismusforschern Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski ein wahres totalitäres System?
Problemstellung:
Das Kapitel 2 dient dazu, in die Thematik des Totalitarismus einzuführen. In den verschiedenen Abschnitten des Kapitels wird ein Totalitarismusbegriff systematisch entwickelt. Als Grundlage wurde dazu das Modell der beiden einschlägig bekannten Totalitarismusforscher Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski gewählt. Beide gehören zu den meist rezipierten Theoretikern des Totalitarismus.
Zu Beginn des 2. Kapitels werden die wichtigsten Fakten hinsichtlich der Geschichte des Begriffs „Totalitarismus“ ausgebreitet (s. Abschnitt 2.1). Hiernach werden die elementarsten Thesen der beiden erwähnten Totalitarismustheoretiker über die Thematik „Totalitarismus“ systematisch erläutert (s. Abschnitt 2.2). In jeweils eigenen Unterabschnitten werden zentrale Behauptungen über die folgenden Schlüsselaspekte „Ideologie“, „Rolle der Partei“, „Staatsterror und Monopol der Massenkommunikationsmittel“, „Totale Kontrolle über das Militär“ und „Zentrale Lenkung der Wirtschaft“ dargelegt. Die Thesen zu diesen insgesamt sechs Gesichtspunkten bilden nämlich das Totalitarismuskonzept Friedrichs und Brzezinskis.
In Kapitel 3 soll dem Leser besonderes Hintergrundwissen bezüglich der Geschichte und der Kultur (Nord)Koreas vermittelt werden. Zuerst werden besondere geschichtliche Aspekte des Landes aufgegriffen und thematisiert (s. Abschnitt 3.1). Neben wichtigen Passagen der Entstehungsgeschichte Koreas wird ganz besonders auch die Zeit, in der Korea durch Japan besetzt war (Kolonialzeit 1910-1945), angesprochen. Die kollektive Verarbeitung der Erfahrungen der Besatzungszeit prägte die nationale Identität der (Nord)Koreaner nachhaltig und belebte den Patriotismus. Durch ein auf diese Weise gestärktes Nationalgefühl konnte in der DVRK später die stark nationalistische Chuch'e-Philosophie problemloser als Staatsideologie etabliert werden. Die Etablierung dieser Ideologie spielte bei der Entwicklung des politischen Systems eine besondere Rolle. Sie gilt heute als eine wichtige Stütze der Stabilität des gesamten Systems.
Nach dem kurzen Blick auf die Geschichte folgt im direkten Anschluss ein Blick auf die Kultur (Nord)Koreas (s. Abschnitt 3.2). Die Ausführungen in diesem Abschnitt sollen auf die traditionellen Werthaltungen der Nordkoreaner beschränkt bleiben. Es wird in diesem Zusammenhang besonders der aus China stammende Neokonfuzianismus zur Erwähnung kommen. Der Einfluss neokonfuzianischer Werte in der (nord)koreanischen Gesellschaft führte u.a. zu einem ausgeprägten Hierarchiedenken in den Köpfen der Menschen. Davon blieb auch die politische Kultur des Landes nicht unberührt. Bei Rüdiger Frank heißt es, dass das politische Bewusstsein der Nordkoreaner „Untertanen-Elemente“ aufweise. Darunter versteht man eine bedingungslose Ergebenheit gegenüber den staatlichen Institutionen. Das in der DVRK vorherrschende neokonfuzianische Denken förderte die öffentliche Akzeptanz für den kimistischen Führerstaat und für sein System. Für die Darstellung der Entwicklung des politischen Systems soll später auf einige Erkenntnisse dieses Abschnitts zurückgegriffen werden.
Im Kapitel 4 folgt der Hauptteil der Arbeit. Es geht darum, die Entwicklung des politischen Systems der DVRK zu erläutern. Um eine Entwicklung darstellen zu können, muss das System zuvor mit seinen heutigen typischen Erscheinungsmerkmalen inklusive seiner Verfassung und seinem Staatsaufbau vorgestellt werden (s. Abschnitte 4.1.1 und 4.1.2). Nachdem die typischen Erscheinungsmerkmale aufgezeigt wurden, erfolgt die Rekonstruktion der Entwicklung des politischen Systems. Sie ist in zwei Entwicklungsstufen unterteilt. Zum einen wird die Rekonstruktion auf die Gründungszeit der DVRK (1948-1958) bezogen, und zum anderen auf die Zeit (1955-1982) der Etablierung der heutigen Staatsideologie Nordkoreas – die sogenannte Chuch'e-Philosophie. Beide Entwicklungsstufen überschneiden sich zeitlich gesehen um einige Jahre. Hierdurch soll nicht der Eindruck entstehen, die zweite Entwicklungsstufe ginge nicht aus der ersten hervor. Es soll lediglich gezeigt werden, dass es schwierig ist, beide Stufen zeitlich klar voneinander abzugrenzen.
Zur ersten Stufe (1948-1958) In der ersten Stufe der Entwicklung soll der politische Aufstieg Kim Il-ungs thematisiert werden. Diese Stufe umfasst den Zeitraum von dem Jahr 1945 an, als Kim vom sowjetischen Militär mit ins Land gebracht wurde, bis zum Jahr 1958, als sich abzeichnete, dass er die alleinige Kontrolle über das Land gewonnen hatte. Der thematische Schwerpunkt des Abschnitts bildet die Person Kim Il-sungs. Seine extrem rücksichtslosen Methoden der Machtaneignung haben dem politischen System Nordkoreas schon bis zum Jahr 1958 einen deutlichen Stempel aufgedrückt. Gegen Ende der ersten Entwicklungsstufe glich das politische System bereits einer autokratischen Alleinherrschaft. Die Darstellung seiner Entwicklung soll daher zu einem beträchtlichen Teil mit dem Prozess der Machtergreifung Kim Il-sungs verknüpft werden (s. Abschnitt 4.2). Hierbei soll auch deutlich zur Erwähnung kommen, dass Kim sich, um in den Genuss der politischen Unterstützung der sowjetischen Besatzer kommen zu können, verpflichten musste, Elemente stalinistischer Herrschaftsmethoden zu übernehmen. Dieser Umstand hatte für die Realisierung von Kims Visionen eines kommunistischen Nordkoreas (und somit auch für die Entwicklung des politischen Systems) klare Konsequenzen.
Zur Erläuterung des politischen Aufstiegs Kims sollen deskriptive und analytische Elemente miteinander verknüpft werden. Der Abschnitt soll mit einer Zusammenfassung abgeschlossen werden. Hierin wird besprochen, welche Bedeutung der im Abschnitt 4.2 zur Erwähnung kommende Aufstieg Kim Il-sungs für die Entwicklung des politischen Systems der DVRK bis 1958 hatte.
Zur zweiten Stufe (1955-1982) Als zweite Stufe der Entwicklung des politischen Systems soll hier die Phase der Etablierung der Chuch'e-Ideologie als Staatsideologie genauer erläutert werden. Wie bereits erwähnt, wird das heutige politische System Nordkoreas als ein totalitäres System betrachtet. Zur Etablierung einer totalitären Herrschaft spielt bei Friedrich und Brzezinski vor allem die Ideologie eine wichtige Rolle. Das Propagieren und Verbreiten der Staatsideologie gilt als ein typisches Merkmal totalitärer Staaten. Der totalitäre Charakter eines Staates wird besonders daran deutlich, dass die Befolgung der Werte und Normen, welche die Ideologie vorgibt, für alle Bereiche der Gesellschaft beansprucht wird. Bezogen auf Nordkorea lässt sich als Staatsideologie die sogenannte „Chuch'e-Idee“ nennen. Sie gilt als eine nordkoreanische Auslegung des Marxismus/Leninismus. Aus dieser Ideologie lassen sich gesicherte Erkenntnisse über die politischen Grundüberzeugungen und Leitideen der politisch Herrschenden gewinnen. Ferner weist sie deutlich darauf hin, wie die „totale“ Herrschaft im Lande organisiert und ausgeübt wird. Hervorzuheben ist z.B. der stark ausgeprägte monistische Charakter der Herrschaftsstruktur, was bedeutet, dass keine gegenseitige Kontrolle der einzelnen politisch relevanten Gruppen und Institutionen (Gewaltenteilung) zugelassen ist. Auch auf der Ebene des Individuums hat die auf der Grundlage der Chuch'e-Ideologie ausgeübte Herrschaft massive Auswirkungen. Die Menschen werden meist in ein kollektivistisches System gezwängt. Die für den westlichen Betrachter essentiellen Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, freie Entfaltung der Persönlichkeit oder Pressefreiheit werden in Nordkorea gänzlich ignoriert. Um die Entwicklung des politischen Systems in Nordkorea in vollem Umfang erläutern zu können, soll nun besonders ausführlich auf die Zeit der Etablierung der Chuch'e-Philosophie als die zweite Entwicklungsstufe des politischen Systems als Staatsideologie eingegangen werden (s. Abschnitt 4.3). Erst als die Ideologie zu einem Teil der realen Machtgrundlage des Herrschaftssystems geworden war, konnte man das politische System als ein totalitäres betrachten. Bis zum Jahr 1982 entwickelte sich Chuch'e zur Norm und Grundlage der gesamten Gesellschaft.
Der Abschnitt 4.3 beginnt mit einem historischen Rückblick auf die Zeit zwischen 1955 und 1965. Die weltpolitischen Ereignisse dieser Jahre führten zu einer ideologischen Abnabelung Nordkoreas von seinen großen sozialistischen „Brüdern“, der Sowjetunion und der VR China (s. Abschnitt 4.3.1). Die politischen Eliten der DVRK verfolgten von nun an das Ziel, einen eigenen ideologischen Weg zu beschreiten. Das Bedürfnis nach einer speziell nordkoreanischen ideologischen Ausrichtung der Politik eröffnete für Kim Il-sung die Möglichkeit mit Chuch'e, seine eigene Variante des Marxismus/Leninismus vorzustellen und zu etablieren. Nach diesen kurzen geschichtlichen Ausführungen soll auf die Ideologie selbst eingegangen werden (s. Abschnitt 4.3.2). Hier erfolgt die Darstellung der wichtigsten Kernpunkte der Ideologie. Zudem soll geklärt werden, welche konkreten politischen Forderungen sich von ihr ableiten lassen. Im darauf folgenden Abschnitt geht es um die nationalpolitische Bedeutung der Chuch'e-Ideologie in Nordkorea (s. Abschnitt 4.3.3). Es folgen hier Antworten auf die Frage, warum sich das nordkoreanische Volk verhältnismäßig schnell zu der eigenwillig erscheinenden Idee Kim Il-sungs mit ihren zentralen Forderungen nach nationaler Autarkie und Souveränität bekannte. Auf welche Erwartungen oder Sehnsüchte der Nordkoreaner bezieht sich die Ideologie/Philosophie? Diese Frage soll vor dem Hintergrund bestimmter geschichtlicher Zusammenhänge beantwortet werden. Nachdem die nationalpolitische Bedeutung der Ideologie geklärt wurde, soll erläutert werden, welche Konsequenzen das Regieren auf der Grundlage der Chuch'e-Idee für das Volk hat (s. Abschnitt 4.3.4). Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen hier die gesellschaftlichen Auswirkungen des vom Staat forcierten Chuch'e-Glaubens. Dem Leser sollen die Hintergründe für typische Erscheinungsmerkmale wie die starke Militarisierung der Gesellschaft oder das stark ausgeprägte kollektive Denken der Menschen näher verdeutlicht werden. Der gesamte Abschnitt 4.3 endet mit einer Zusammenfassung, in der die wichtigsten Aspekte nochmals kurz wiedergegeben werden. Darüber hinaus soll dargelegt werden, welche totalitären Systemmerkmale das politische System der DVRK während der Zeit der zweiten Entwicklungsstufe konkret herausbildete.
Nachdem in der Zusammenfassung des 4. Kapitels die wichtigsten totalitären Merkmale des politischen Systems aufgezeigt wurden, sollen diese in Kapitel 5 nochmals genauer reflektiert werden. Die Reflektion in den einzelnen Abschnitten des Kapitels wird von der Frage geleitet, ob das politische System Nordkoreas auch im Sinne Carl Joachim Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis als totalitär gelten kann. Das Kapitel dient so gesehen dazu, die in Kapitel 2 über den Totalitarismus aufgestellten Thesen Friedrichs und Brzezinskis auf das politische System Nordkoreas zu beziehen.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungs- und Tabellenverzeichnis | 03 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 03 | |
| 1. | Einleitung | 04 |
| 1.1 | Der Aufbau der Arbeit | 05 |
| 1.2 | Literaturproblem | 10 |
| 2. | Theoretischer Rahmen - Totalitarismus | 12 |
| 2.1 | Zur Geschichte des Begriffs | 12 |
| 2.2 | Der Totalitarismus nach FRIEDRICH und BRZEZINSKI | 12 |
| 2.2.1 | Die Funktion der Ideologie | 15 |
| 2.2.2 | Die Rolle der Partei | 20 |
| 2.2.3 | Der Terror und das Monopol der Massenkommunikationsmittel | 25 |
| 2.2.4 | Die totale Kontrolle über das Militär | 27 |
| 2.2.5 | Die zentrale Lenkung der Wirtschaft | 29 |
| 3. | Besonderheiten der Geschichte und der Kultur Nordkoreas | 31 |
| 3.1 | Besonderheiten in der historischen Entwicklung Nordkoreas | 31 |
| 3.1.1 | Die Entstehung (Nord)Koreas | 32 |
| 3.1.2 | Die Kolonialzeit | 35 |
| Zusammenfassung | 41 | |
| 3.2 | Besonderheiten der Kultur Nordkoreas | 42 |
| 4. | Das politische System Nordkoreas seit 1945 | 45 |
| 4.1 | Das politische System der DVRK | 45 |
| 4.1.1 | Die typischen Merkmale des Systems | 45 |
| 4.1.2 | Verfassung und Staatsaufbau | 48 |
| 4.2 | Erste Entwicklungsstufe (1945-1958):Der politische Aufstieg Kim Il-sungs | 56 |
| 4.2.1 | Die Person Kim Il-sung | 57 |
| 4.2.2 | Kim Il-sungs Weg an die Macht | 59 |
| Zwischenfazit | 68 | |
| 4.3 | Zweite Entwicklungsstufe (1955-1982): Die Etablierung der Chuch'e-Ideologie | 69 |
| 4.3.1 | Auseinandersetzungen zwischen der Sowjetunion und der VR China | 71 |
| 4.3.2 | Die Kernpunkte der Chuch'e -Ideologie | 76 |
| 4.3.3 | Nationalpolitische Bedeutung der Chuch'e-Idee | 78 |
| 4.3.4 | Kollektiver Geist und Militarisierung der Gesellschaft | 79 |
| Zusammenfassung | 82 | |
| 5. | Das kimistische System - Ein Vertreter des Totalitarismusmodells FRIEDRICHS und BRZEZINSKIS | 85 |
| 6. | Literatur | 95 |
Textprobe:
Kapitel 3.1, Besonderheiten in der historischen Entwicklung (Nord)Koreas: Im gesamten Abschnitt 3.1 sollen besondere geschichtliche Aspekte der Zeit vor der Gründung der DVRK im Jahr 1948 abgehandelt werden. Die Ausführungen darüber beginnen damit, Abschnitte der Entstehungsphase Gesamtkoreas zu thematisieren. Hiernach schließt sich ein kurzer Beitrag über die japanische Kolonialzeit (1910-1945) an. Die kollektiven Erkenntnisse aus den Erfahrungen dieser Zeit ließ Kim Il-sung in seine Chuch'e-Philosophie einfließen. Ferner ereigneten sich während der Kolonialzeit wichtige Veränderungen in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft, die (Nord)Korea den Sprung ins Industriezeitalter ermöglichten. Kim Il-sung verwertete einige Erkenntnisse über die japanische Administration für seine eigene Vision eines nordkoreanischen Staates. Den Geschehnissen während der „Kolonialzeit“ lässt sich somit auch eine besondere Bedeutung für die Entwicklung des politischen Systems der DVRK abgewinnen.
Kapitel 3.1.1, Die Entstehung (Nord)Koreas: Der folgende Abschnitt bietet einen kompakten Überblick über die wichtigsten Phasen der Entstehung und Festigung (Nord)Koreas. Bedeutend hierfür sind die drei Königreiche der Silla- , Koryo- und Yi-Dynastie. Der jeweilige kulturelle Wandel und die Erfindungen, die aus dem Wirken dieser Dynastien hervorgingen, haben maßgeblich zur Herausbildung eines von Innen heraus gefestigten Staates (Nord)Korea beigetragen.
Die historischen Wurzeln Koreas lassen sich ungefähr 5000 Jahre zurückverfolgen. Als Urvater der (Nord)Koreaner gilt der Herrscher Tan´gun, der 2333 v. Chr. der Bevölkerung die Zivilisation gebracht haben soll. Der historische Stellenwert dieser mythischen Figur ist in Nordkorea relativ hoch. Kim Il-sung gab in den 90er Jahren Wissenschaftlern persönlich den Auftrag nach den Überresten des Herrschers zu suchen. In der Verehrung Tan´guns zeigt sich eine besondere Wertschätzung der nationalen Souveränität und Identität als Grundlage des staatlichen Selbstverständnisses sowie gleichzeitig auch der Wille zur politischen Führung über ganz Korea. Bis zum ersten Jahrhundert nach Christi ist jedoch nicht viel Genaueres über die Geschichte des Landes bekannt, da bisher nicht genügend zeithistorische Dokumente über diese Zeit gefunden worden sind. Die ältesten Dokumente berichten über die sogenannte Ära der drei Königreiche, den Silla- , Koryo- und Yi-Dynastien. Zunächst aber zum besonderen Verhältnis zwischen (Nord)Korea und China.
(Nord)Korea und China (Nord)Korea war über einen langen historischen Zeitraum auf verschiedenen Ebenen von den Beziehungen zum großen Nachbarn geprägt.
Von China kamen wichtige kulturelle Güter wie der Buddhismus und Neokonfuzianismus nach (Nord)Korea (mehr dazu in Abschnitt 3.2). Bedeutend für (Nord)Koreas Kultur war auch die Übernahme der chinesischen Schrift. Trotz der Einführung eines eigenen Alphabets blieb Chinesisch Amts- und Hochsprache. Die enge Anbindung an China hatte für das koreanische Reich auch eine gewisse Abhängigkeit gegenüber dem Reich der Mitte zur Folge. Die innenpolitischen Gegebenheiten im eigenen Lande waren deutlich an den politischen Einfluss des mächtigen Nachbars geknüpft. So war z.B. jeder neue koreanische König gezwungen vom chinesischen Kaiser eine offizielle Bestätigung einzuholen, um sein Amt rechtskräftig antreten zu können. Diese Art von Unterwerfung wird mit dem Begriff ‚Sadejuui’ bezeichnet und ist in (Nord)Korea negativ konnotiert.
Silla Im Jahre 668 unserer Zeit gelang es dem Königreich Silla erstmals die koreanische Halbinsel durch eine Vielzahl an Kriegen zu vereinigen. Aus diesem Grund gilt die Silla-Epoche als das Zeitalter, in dem die eigentliche Gründung des Staates stattfand. Die ersten Jahre dieser Zeit werden daher auch das „goldene Zeitalter“ genannt.
Koryo Die Silla-Dynastie wurde durch die Koryo-Könige verdrängt. Diese übernahmen von 918 bis 1392 die Macht auf der Halbinsel. Der Name Korea ist von Koryo abgeleitet. Ginge es nach dem Willen Kim Il-sungs, so müsste ein wiedervereinigtes Korea den Namen Koryo tragen. Während der Zeit der Koryo-Könige wuchs der Einfluss der Buddhisten stark an. Die Mönche erlangten immer mehr Macht und der politische Zustand im Lande glich einer Theokratie. Ähnlich dem Schicksal anderer Dynastien wurde das Ende der Koryo-Dynastie durch Sittenverfall und Korruption herbeigeführt. Es wird überliefert, dass vor allen Dingen buddhistische Mönche, welche sich allzu weit von den Lehren ihrer Religion entfernten, in Korruptionsaffären verstrickt waren und damit zum Untergang der Dynastie beitrugen.
Yi Im Jahr 1392 wurde das Koryo Königreich durch die Yi-Dynastie abgelöst. Die Yis regierten bis 1910 als Korea von Japan erobert wurde und als eine japanische Kolonie ins Kaiserreich einverleibt wurde. In den ersten 70 Jahren der neuen Dynastie blühte die Kultur auf der Halbinsel neu auf. Dadurch wurden weitere geistige und künstlerische Entwicklungen angeregt, welche die nationale Einheit weiter festigen konnte. Als eine der größten Errungenschaften, die aus diesen Entwicklungen hervorging gilt, das koreanische „Hangul-Alphapets“. Dieses hat gegenüber der chinesischen Schrift den Vorteil, aus Silben und nicht aus einzelnen Ideogrammen zu bestehen. Damit war sie leichter erlernbar und ließ sich besser für den Buchdruck verwenden. Ein weiterer gesellschaftlicher Wandel entstand aus der Entmachtung des buddhistischen Klerus. Da die Mönche mittlerweile in fast allen Bereichen der Gesellschaft dominierten, mussten sie in entlegene gebirgige Gebiete verbannt werden, um ihre völlige Entmachtung gewährleisten zu können. Wichtig ist nun zu erwähnen, dass mit der Einschränkung des Buddhismus, der aus China stammende Neokonfuzianismus in (Nord)Korea auf einmal stärker gefördert wurde. Unter diesen Bedingungen konnten sich die neokonfuzianischen Lehren gut etablieren. Diese Lehren beeinflussen die Kultur in (Nord)Korea noch heute sehr stark. Das Übernehmen neokonfuzianischer Werte und Normen zeigt, dass die koreanische Halbinsel kulturell gesehen ein enges Verhältnis zum chinesischen Reich pflegte.
Ein weiteres bedeutendes historisches Kapitel dieser Zeit stellen die während der Yi-Dynastie vom japanischen Reich regelmäßig verübten Piratenüberfälle dar. Zu den Höhepunkten japanischer Aggression zählt die Invasion unter Hideyoshi Ende des 16. Jahrhunderts. Diese Besetzung (Nord)Koreas stellt einen kulturellen Wendepunkt in der neokonfuzianisch geprägten Yi-Epoche (Choson-Zeit, 1392-1910) dar. Diese Zeit zeichnete sich durch eine Phase der Stagnation und Selbstabschottung aus. Das vorherrschende Denken der Eliten war konservativ, rückwärtsgewandt, praxisfern und jeder Entwicklung sowie allem Fremden gegenüber skeptisch.
An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass das geschichtliche Bewusstsein der Nordkoreaner von dem dominierenden Motiv bestimmt ist, immer wieder Opfer brutaler Invasionen durch ausländische Mächte oder Spielball in den Auseinandersetzungen zwischen den benachbarten Großmächten (besonders Japan und China) gewesen zu sein. Die Rolle des „Opfers“ in einer aggressiven internationalen Nachbarschaft ist für die Skizzierung des Selbstverständnisses Nordkoreas unerlässlich.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836614306
Arbeit zitieren:
Hobe, Michel Dezember 2006: Die Entwicklung des politischen Systems Nordkoreas, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nordkorea, Juche, Chuch'e, Kim Il-sung, Totalitarismus



