Die Entstehung und Rezeption des DEFA-Spielfilms 'Der Verlorene Engel'
Unter Berücksichtigung des Gesamtwerkes von Ralf Kirsten
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Ina-Lyn Reif
- Abgabedatum: Februar 2007
- Umfang: 104 Seiten
- Dateigröße: 457,8 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 52
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1201-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Reif, Ina-Lyn Februar 2007: Die Entstehung und Rezeption des DEFA-Spielfilms 'Der Verlorene Engel', Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ralf Kirsten, DEFA, Ernst Barlach, Filmanalyse, Der verlorene Engel
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Magisterarbeit von Ina-Lyn Reif
Einleitung:
Der Regisseur Ralf Kirsten hinterließ mit seinem Film „Der verlorene Engel“ ein Zeitdokument und ein Kunstwerk. Ihm selbst fiel es schwer den Stellenwert seiner Filme innerhalb der Gesamtproduktion der DEFA zu bestimmen, deshalb sah er es als eine wichtige Aufgabe der Filmwissenschaft an, die Arbeiten eines Regisseurs sowohl linear – als Bestandteil seiner Filmographie – zu untersuchen, als auch den einzelnen Film in Beziehung zu den zeitlich parallel oder kurz vorher entstandenen Werken zu setzen. Kirsten bemängelte insbesondere die fehlende Bereitschaft der Kunstwissenschaft sich über diesen Film in Presse und Fachpublikationen zu äußern. Ebenso bedauerte er die fehlende Initiative und Aktivität der Kritiker und Filmwissenschaftler im Verband der Film- und Fernsehschaffenden eine Debatte darüber zu führen.
Die Filmkritikerin Erika Richter erinnerte 1999, im Jahr nach Ralf Kirstens Tod, an den Film und resümierte, dass der Film kaum Aufsehen erregte und insgesamt eine traurige Geschichte erfuhr. Obwohl Ralf Kirsten ein ästhetisches Angebot unterbreitete, das auf die aktive und gleichberechtigte Mitarbeit des Zuschauers im Rezeptionsprozess baut, blieb dem Film bisher eine größere Publikumsresonanz versagt. Tatsächlich ist der Film nur noch einem interessierten Publikum in Erinnerung. Dennoch steht er immer wieder zur Diskussion.
Diese Studie stellt die These auf, dass der Film „Der verlorene Engel“ auf Grund seiner stilistischen Einmaligkeit ein besonderes Filmkunstwerk darstellt.
Darüber hinaus hat er einen hohen filmgeschichtlichen Stellenwert, da er sich von der Gruppe verbotener DEFA-Spielfilme der Jahrgänge 1965/66 mit der Darstellung einer historischen Künstlerpersönlichkeit abhebt und als einziger jener Filme dennoch in den sozialistischen Ländern zur Aufführung kam.
Dementsprechend wird in Anlehnung an kunstwissenschaftliche Verfahren nach Stil, Technik und der künstlerischen Entwicklung Ralf Kirstens gefragt. Ebenso ergibt sich hieraus die Frage, in welchem Verhältnis die Darstellung im Film zu tatsächlichen Ereignissen seiner Entstehungszeit, zum damals durch die Politik geforderten Idealbild der Realität und zum persönlichen Lebensabschnitt von Ralf Kirsten steht.
Es wird vermutet, dass Ralf Kirsten im Konflikt arbeitete mit der von den Kulturpolitikern erwarteten Widerspiegelung der sozialistischen Realität, ihrem Idealbild zu entsprechen und in den ihm eigenen stilistischen Ambitionen die Wirklichkeit darzustellen. Inwieweit die Aneignung der Thematik des Films entsprechend der subjektiv bedingten Möglichkeiten des Regisseurs und der Rezipienten erfolgte, soll ebenso in dieser Arbeit analysiert werden.
Ralf Kirsten sagte 1991 über die Arbeit am Film „Der verlorene Engel“: „... es war eigentlich sehr pur eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus von der künstlerischen Seite aus .... und ein neuer Beitrag zur Auseinandersetzung mit Barlach.“.
In dieser über zwanzig Jahre zurückblickenden Aussage formulierte Ralf Kirsten seine Motivation für die Beschäftigung mit dem Thema des Films sehr deutlich.
Ausgehend von diesen Zusammenhängen zwischen dem künstlerischen Grundanliegen Kirstens, der Thematik und Entstehungszeit des Films sowie seiner Wirkungsabsicht und dem Wirkungsergebnis werden Überlegungen zum Stellenwert des Films im Kunst- und Gesellschaftsprozess in historischer Sicht vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Fragestellung | 1 |
| 1.2 | Stand der Forschung und Materiallage | 3 |
| 1.3 | Methode der Untersuchung | 9 |
| 2. | Leben und Werk Ralf Kirstens | 11 |
| 2.1 | Jugend- und Studienjahre 1930 bis 1955 | 11 |
| 2.2 | Filmchronologie | 15 |
| 2.2.1 | Arbeitsjahre 1956 bis 1969 | 15 |
| 2.2.2 | Arbeitsjahre 1970 bis 1979 | 20 |
| 2.2.3 | Arbeitsjahre 1980 bis 1989 | 24 |
| 2.2.4 | Lebensjahre 1990 bis 1998 | 26 |
| 2.3 | Lebenshaltung und künstlerisches Selbstverständnis | 27 |
| 2.4 | Positionierung in der DEFA | 29 |
| 2.5 | Ästhetische Konzepte und Gebrauch filmischer Gestaltungselemente | 31 |
| 3. | Untersuchungen zur Werkgeschichte des Films | 36 |
| 3.1 | Entstehungs- und Aufführungsmodalitäten | 36 |
| 3.2 | Inhalt und Form | 39 |
| 3.2.1 | Erzählstruktur | 39 |
| 3.2.2 | Gliederung der Handlungsabschnitte | 40 |
| a) Exposition | 40 | |
| b) Aufbau des Konflikts | 44 | |
| c) Durchführung und Zuspitzung des Konflikts | 46 | |
| d) Wende | 50 | |
| e) Lösung des Konflikts | 53 | |
| 4. | Rezeption und öffentliche Diskussion des Films | 56 |
| 4.1 | Kommunikationsabsicht versus Filminterpretation | 56 |
| 4.2 | Kulturpolitische Diskussion | 62 |
| 4.2.1 | Ernst Barlach in der kulturpolitischen Auseinandersetzung | 62 |
| 4.2.2 | Wechselwirkung zwischen Film, Künstler und Kulturpolitik | 67 |
| 4.3 | Pressekritik und Zuschauerresonanz | 72 |
| 5. | Zusammenfassung | 76 |
| Anhang | 81 |
Textprobe:
Kapitel 4.1, Kommunikationsabsicht versus Filminterpretation:
In der Stellungnahme der Abteilung Filmproduktion, vertreten durch Dr. Jahrow, vom 29.09.1966 wurde Ralf Kirsten mitgeteilt, dass sein Film „Der verlorene Engel“ von der HV Film staatlich nicht abgenommen wird. Aus der Sicht der HV Film des Ministeriums für Kultur war der Film in seiner Funktionalität für den Rezeptionsprozess zu diesem Zeitpunkt nicht geeignet.
Um die Absicht der Filmmacher mit der Deutung der Rezipienten vergleichen zu können wird auf Dokumente zurückgegriffen, welche einerseits Aufschluss über den selbst formulierten Anspruch der Produktionsgruppe geben, andererseits die Stellungnahme der HV Film des Ministeriums für Kultur darlegen. Die Untersuchung stützt sich auf die von der KAG „Heinrich Greif“ am 18.07.1966 abgegebenen Einschätzung des Filmes und der ablehnenden Stellungnahme der HV Film vom 29.09.1966. In der Einschätzung des Filmes von der KAG und in der Begründung für die Nichtabnahme des Filmes der HV Film werden sehr unterschiedliche Ansichten hinsichtlich der ideologischen Aussage als auch der politischen Wirksamkeit des Filmes vertreten.
Die KAG erklärt, dass in den 36 Bildern des Arbeitsdrehbuches Fragen nach dem geschichtlichen Weg und der Verantwortung der Deutschen in neuer Weise aufgeworfen werden. Sie behaupten, die positive Entscheidung des Künstlers zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung werde im Konflikt zwischen Verzweiflung, Selbstaufgabe und Willen zur Selbstbehauptung bearbeitet. Der Film gestalte mit dieser Problematik und diesem Inhalt Fragen von nationaler Bedeutung. Er würde helfen, die Basis der nationalen Tradition vor allem auf dem Gebiet des Filmes zu erweitern. Mit der Zuwendung zur exemplarischen Individualität des Künstlers regte Kirsten einen Versuch zur Erkundung der Dramaturgie des neuen Filmhelden an und zu einer stilistischen Wendung für das antifaschistische Thema.
Allerdings wird der positive Held in der Figur des Barlach` für die HV Film nicht deutlich. Für sie sollte die Figur Vorbild für den Zuschauer sein, jemand, der all das vereint, was für einen sozialistischen Menschen erstrebenswert ist. Filmkünstler hatten nach Auffassung der kulturpolitisch Verantwortlichen die Aufgabe, am Helden „das Objektive, das Allgemeingültige, das Typische“ herauszuarbeiten und mussten in der Lage sein „das Subjektive abzuschütteln“. Das Hauptmerkmal des positiven Helden ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Handeln mit den objektiven geschichtlichen Notwendigkeiten und Erfordernissen übereinstimmt und von hohen subjektiven moralischen bzw. politischen Beweggründen getragen wird.
Die HV Film stellte als Begründung zur Nichtabnahme des Filmes fest, dass: „Bezüge Barlachs zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt ausschließlich auf die innere Problemstellung Barlachs selbst bezogen werden. Hierin reflektieren sich Züge einer philosophischen Deutung im Sinne des Existenzialismus.“ Dies werde noch „betont durch die Vereinzelung der Person Barlachs.“ Zwischen ihm und seiner Umwelt gebe es keine andere als eine individualistisch-geistige Kommunikation, wurde kritisiert. Selbst dort, wo sich die Umwelt Barlach unmittelbar und prägend aufdrängt, zum Beispiel in der Hochzeitsszene, bei dem Geländespiel der Hitlerjungen und anderen Szenen. Es wurde bemängelt, mit dieser Sicht würde der Film nicht einmal der gesellschaftlichen Position gerecht, die Barlach selbst eingenommen hat, sondern blieb hinter ihr zurück.
Die für den Film von Kirsten entwickelte intermediale Technik erweckte bei der HV Film den Eindruck einer gewissen Mystik. Dieser Aspekt lag in der Entwicklung des Filmstoffs begründet. Kirsten konnte in Franz Fühmann einen Gegenwartsautor für sein neues Projekt entdecken. Allerdings waren die Sprachbilder der Epik Fühmanns, insbesondere die Stilistik der Metaphern in schriftsprachlichen Sätzen nicht einfach übertragbar in die visuelle Sprache des Films. Aus diesem Widerspruch entwickelte Kirsten für den Film eine intermediale Technik.
Mit dem inneren Monolog zum Beispiel wurde ein narratives Verfahren eingesetzt, um die Gedanken und Gefühle der Figur Barlach, die den lnnenraum des Bewusstseins nicht verlassen, unvermittelt zu präsentieren. Somit wird auf eine konventionelle syntaktische Abfolge verzichtet, um die individuellen Assoziationsketten der Figur Barlach darzustellen. Allerdings ist dadurch die Möglichkeit einer objektiven Wirklichkeitserkenntnis, wie sie die HV-Film wünschte bzw. erwartete, in Frage gestellt und macht daher ihre Kritik nachvollziehbar. Lange Passagen des Films zeigen stumme Spaziergänge Barlachs, ohne dass sich daraus Handlungsabläufe ergeben und eine dramatische Spannung erzeugt wird. Das für die HV Film wesentliche Kriterium, der handelnden Person fehlt ebenso wie das Prinzip der Volkstümlichkeit. Der gewünschten Publikumswirksamkeit wurde nicht entsprochen und der Film ohne Rücksicht darauf konzipiert und gedreht. Sie konstatierten, der Film habe mit sozialistisch-realistischem Kunstschaffen nichts gemein. Die Aufführung des Filmes würde nach Ansicht der HV Film bei der Bevölkerung auf Befremden stoßen. In der Stellungnahme wird eingeräumt, dass der Film geeignet wäre, „elitäre Gedanken bei einem kleinen ‚auserwählten’ und ‚kunstverständigen’ Publikum zu schaffen.“ Mit der Feststellung gesteht die HV dem Film erstaunlicherweise ein positives künstlerisches Wirkungspotential zu. Was aber nicht im Sinne des kulturpolitischen Auftrages war. Dieses, schon damals erkannte Potential, erklärt unter anderem die späte Besinnung auf den Film im Jahr 1970. Für die Herstellungszeit wird in der Stellungnahme jedoch gleich im Anschluss an dieses Zugeständnis erklärt, dass „die erzieherische Wirkung negativ und zutiefst unsozialistisch“ wäre.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836612012
Arbeit zitieren:
Reif, Ina-Lyn Februar 2007: Die Entstehung und Rezeption des DEFA-Spielfilms 'Der Verlorene Engel', Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Ralf Kirsten, DEFA, Ernst Barlach, Filmanalyse, Der verlorene Engel



