Entlastungshilfen in der ambulanten Pflege Demenzkranker
Eine qualitative Untersuchung in Stadt und Landkreis Coburg
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Frank Gerstner
- Abgabedatum: Juli 2004
- Umfang: 258 Seiten
- Dateigröße: 1,3 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für angewandte Wissenschaften Deutschland
- Originaltitel: Entlastungshilfen in der ambulanten Pflege Demenzkranker in Stadt und Landkreis Coburg und die Wahrnehmung dieser seitens der pflegenden Angehörigen
- Bibliografie: ca. 17
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0940-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Gerstner, Frank Juli 2004: Entlastungshilfen in der ambulanten Pflege Demenzkranker, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Demenz, Ambulante Pflege, Entlastungshilfen, Sozialforschung, Sozialwesen
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Diplomarbeit von Frank Gerstner
Einleitung:
Warum bin ich zu diesem Thema gekommen? Durch meine Arbeit mit Senioren und Seniorinnen in einem offenen Treff der Arbeiterwohlfahrt kam ich unweigerlich mit dem Thema „älter werden“ und Pflege in Berührung. So belastend die Tatsache für die Betroffenen sein kann älter zu werden, vielleicht dement zu werden, sich bewusst zu sein, dass man eines Tages auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird, so belastend ist die spätere Pflege für diejenigen, die sich bereit erklären, diese zu übernehmen. Und die Zahl derjenigen, die von dieser „Belastung“ betroffen sind, wächst ständig.
Demenz gilt als häufigste Alterskrankheit und häufigste Ursache für Pflegebedürftigkeit. Laut dem Werk „Demenzsyndrom und Alzheimer Krankheit: Eine Schätzung des Krankenbestandes und der jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland“ leiden den Berechnungen von H. Bickel zufolge ca. 950.000 Menschen in Deutschland an einer Demenz, wobei zwei Drittel dieser das 80. Lebensjahr bereits vollendet haben. Jedes Jahr erkranken mindestens 140.000, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar bis zu 230.000, ältere Menschen neu an einer Form der Demenz.
Die Bedeutung dieser Zahlen wird unter der Betrachtung der demographischen Entwicklung in Deutschland besonders sichtbar. Dem wachsenden Anteil von älteren Personen steht ein kleiner werdender Teil von jüngeren Personen gegenüber. Und dieser kleiner werdende Teil übernimmt derzeit 80% - 90% der Pflege von Dementen in den eigenen vier Wänden.
Neben der ohnehin schon sehr zeitintensiven Pflege und den aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen wird die Belastung für Körper, Psyche und soziales Umfeld des Pflegenden durch die Symptomatik der Krankheit noch stärker belastet. Welche Symptome im Einzelnen gemein sind, führe ich später an.
Gang der Untersuchung:
In dieser Arbeit möchte ich nun einen fünfer- Schritt machen. Zunächst werde ich die Krankheit „Demenz“ darstellen, da ich mich auf die Gruppe der pflegenden Angehörigen von Dementen konzentriere.
Danach folgt ein Abschnitt, der die Belastungsfaktoren, die auf die Pflegenden zukommen, aufzeigt.
In Schritt drei stelle ich die qualitative Sozialforschung kurz da, mit deren Methoden ich in Schritt vier Experten und in Schritt fünf Angehörige interviewe. Mit Hilfe der Experteninterviews will ich aufzeigen, welche Entlastungsmöglichkeiten es derzeit in Stadt und Landkreis Coburg gibt und wie die Struktur des Sozialraumes im Bereich der Altenhilfe in Zukunft aussehen soll.
In Schritt fünf möchte ich über qualitative Leitfadeninterviews herausfinden, welche Angebote die pflegenden Angehörigen im Raum Coburg kennen, nutzen und sich wünschen würden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Inhaltsverzeichnis | 2 |
| 2. | Einleitung | 4 |
| 3. | Demenz | 6 |
| 3.1 | Medizinische Grundlagen | 6 |
| 3.1.1 | Definition | 6 |
| 3.1.2 | Ursachen und Formen von Demenz | 7 |
| 3.1.3 | Symptomatik | 9 |
| 3.1.4 | Verlauf | 13 |
| 3.1.4 | Therapiemöglichkeiten | 17 |
| 3.1.4.1 | medikamentöse Behandlung | 17 |
| 3.1.4.2 | nicht medikamentöse Interventionsmaßnahmen | 19 |
| 3.2 | Umgang mit geistig verwirrten Menschen | 20 |
| 4. | Die qualitative Sozialforschung | 22 |
| 4.1 | Grundlagen | 22 |
| 4.1.1 | Das qualitative Denken | 22 |
| 4.1.2 | Die 13 Säulen qualitativen Denkens | 25 |
| 4.2 | Verfahren qualitativer Analyse | 27 |
| 4.2.1 | Die Einzelfallanalyse in der qualitativen Forschung | 28 |
| 4.2.2 | Das problemzentrierte Leitfadeninterview als Erhebungsverfahren | 30 |
| 4.2.3 | Aufbereitungsverfahren | 31 |
| 4.2.3.1 | Die wörtliche Transkription | 31 |
| 4.2.3.2 | Das zusammenfassende Protokoll | 32 |
| 4.2.4 | Die qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsverfahren | 33 |
| 5. | Belastungsfaktoren in der Pflege Demenzkranker | 36 |
| 6. | Das Belastungserleben der Coburger Pflegenden Angehörigen | 40 |
| 6.1 | Belastungen, die von der Familie ausgehen | 40 |
| 6.2 | Belastungen durch Mobilität des Gepflegten | 43 |
| 6.3 | Belastungen durch Angebundenheit und Routine | 46 |
| 6.4 | Belastungen, die vom Pflegesystem ausgehen | 49 |
| 6.5 | Belastungen durch Schuldgefühle und Pflichtbewusstsein | 54 |
| 6.6 | Belastungen durch das Verhalten der gepflegten Angehörigen | 56 |
| 6.7 | Belastungen für den Körper | 58 |
| 6.8 | Belastung durch "Angst vor dem aus" | 59 |
| 6.9 | Persönlichkeitsveränderung der PA durch die Pflege | 60 |
| 6.10 | Zusammenfassende Auswertung | 62 |
| 7. | Entlastungshilfen in Coburg Stadt und Land | 64 |
| 7.1 | Gegenwärtige Entlastungshilfen (Interview mit Johanna Thomack, gerontopsychiatrische Beratungsstelle HeAz, Coburg) | 64 |
| 7.2 | Entlastung durch Planung (Interview mit Martina Berger, Landratsamt Coburg) | 67 |
| 8. | Wahrnehmung der Entlastungshilfen durch die Pflegenden Angehörigen Coburgs | 71 |
| 8.1 | Nicht institutionelle Entlastungsfaktoren | 71 |
| 8.1.1 | Entlastung durch die Familie | 71 |
| 8.1.2 | Entlastende Anerkennung durch das Pflegesystem | 73 |
| 8.1.3 | Entlastung durch Selbstentlastung | 74 |
| 8.1.4 | Entlastung durch ein Sicherheitsgefühl | 76 |
| 8.1.5 | Entlastung durch Pflegehilfsmittel | 77 |
| 8.2 | Institutionelle Entlastungshilfen der Stadt und des Landkreises Coburg | 77 |
| 8.2.1 | Entlastungshilfe "ambulanter Dienst" | 78 |
| 8.2.2 | Entlastungshilfe "Tagespflege" | 83 |
| 8.2.3 | Entlastungshilfe "Kurzzeitpflege" | 86 |
| 8.2.4 | Entlastungshilfe "Gesprächskreise" | 90 |
| 8.2.5 | Entlastungshilfe "Helferkreise" | 93 |
| 8.2.6 | Entlastungshilfe "Beratung" | 96 |
| 8.2.7 | Entlastungshilfe "Pflegekurs" | 97 |
| 8.2.8 | Entlastungshilfe "Nachtbetreuung" | 98 |
| 8.2.9 | Weitere Entlastungshilfen | 99 |
| 8.2.10 | Fehlende Entlastungshilfen in Coburg | 100 |
| 8.3 | Zusammenfassende Auswertung | 101 |
| 9 | Resümee und Empfehlung an die Stadt und den Landkreis | 102 |
| Anhang | 105 | |
| I | Auswertung der Fragebögen zum Interview | 106 |
| II | Leitfaden zu den Interviews | 120 |
| III | Transkripte der Interviews | 122 |
| IV | Abbildungsverzeichnis | 255 |
| V | Literaturverzeichnis | 256 |
Textprobe:
Kapitel 5., Belastungsfaktoren in der Pflege Demenzkranker:
Wer die Pflege eines Demenzkranken übernimmt, muss mit Belastungen rechnen. Belastungen, die seine körperliche, aber auch seine psychische Gesundheit strapazieren. Pflege Demenzkranker bedeutet immer für denjenigen, der sie übernimmt, aber auch für viele, die um ihn herum sind, ein hohes Maß an Verlust. Was das genau bedeutet, werde ich gleich erläutern. Zunächst möchte ich aber erst einmal darlegen, wer überhaupt Demenzkranke pflegt, Nur der kleinste Teil aller Demenzpatienten wird in einem Alters- und Pflegeheim betreut, nämlich nur 25%. Die restlichen 75% werden zu Hause versorg. Zur näheren Erläuterung stellt Krämer folgendes Diagramm zur Verfügung:
Pflegende Angehörige haben mit den verschiedensten Belastungsfaktoren zu kämpfen. Grob kann man sie in zwei Kategorien einteilen: die objektive Last und die subjektive Belastung oder der subjektive Verlust. Die objektive Last kann erfasst werden. Wie viel Zeit muss der Pflegende mit dem Demenzkranken verbringen? Was muss er alles für ihn tun? Besonders die körperlichen Belastungen seien hier erwähnt – wie viel, wie schwer muss der Angehörige z.B. heben? Sind die objektiven Belastungen erst einmal erfasst, kann man ihnen mit Entlastungshilfen entgegenwirken. Bei den subjektiven Belastungen ist es schon schwieriger. Hier kann kein Außenstehender eine Strichliste führen, um zu sagen wie hoch die Belastung ist. Für jeden ist das Belastungsempfinden anders.
Doch mit welchen konkreten Belastungsfaktoren haben die Pflegenden Angehörigen nun zu kämpfen?
Veränderung der eigenen Lebensplanung: Jeder Mensch macht in seinem Leben bewusst oder unbewusst eine Lebensplanung. Nach der Schule die Ausbildung, danach der Beruf. Ein glückliches Leben mit dem Partner. Und dann das Aus. Der Partner hat Demenz. Ab dieser Diagnose ändert sich alles. Pläne, die für die nahe oder ferne Zukunft geschmiedet worden sind, der Lebensabend, all das kann nicht mehr so durchgeführt werden, wie es einst beschlossen wurde. Von einem partnerschaftlichen Miteinander ändert sich das Leben für den Pflegenden in ein „Ich bin immer für dich da“. Pflichtbewusstsein stellt sich ein. Die Betreuung des Partners steht von nun an im Mittelpunkt. Auch wenn der Gepflegte nicht der Partner ist, ändert sich das Leben für den Pflegenden. Meist ist es die Tochter oder Schwiegertochter, die die Pflege des Vaters/ der Mutter oder Schwiegervaters/ Schwiegermutter übernimmt. Die Pflege nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass Arbeiten nicht mehr möglich ist. Die Familie erleidet unter Umständen finanzielle Einbussen. Auch psychisch leidet die Familie unter der Pflege. Der gepflegte ist immer da. Ein normales Eheleben wird schwierig, Beziehungsprobleme können auftreten.
Angebundenheit / Zuständigkeit: Die Angebundenheit ist eine der größten Belastungen für die Angehörigen. Wie oben schon beschrieben, ist der Gepflegte immer da. Man kann, je nach Stadium, nicht einfach mal alleine lassen oder gar einfach so in den Urlaub fahren. Ist der Demenzkranke noch nicht bettlägerig, ist er sehr mobil. Er läuft den ganzen Tag durch das Haus. Man muss aufpassen, dass er nicht wegläuft. Auch kann man ihn nicht immer und überall mitnehmen. Nachts haben viele Pflegende Angehörige ständig ein waches Auge und ein waches Ohr aus Angst, der Patient könnte weglaufen oder sonst einen „Unfug“ anstellen.
Etwas leichter wird es, wenn der Gepflegte bettlägerig ist. Dann kann man ihn schon mal alleine lassen. Aber nicht für lange Zeit, denn nun braucht er verstärkt die körperliche Pflege. Er muss gewaschen werden, Einlagen müssen ausgewechselt werden. Er muss gelagert werden, damit sich kein Dekubitus einstellt. Natürlich könnte man sagen, dass man sich in der Familie abwechseln könnte mit der Pflege. Doch praktisch sieht es so aus, dass keiner Zeit hat, weil sie alle arbeiten, oder einfach die Pflege nicht übernehmen wollen, weil sie es psychisch nicht können. Alles bleibt also an der Hauptpflegeperson hängen.
Verschlechterung des Gesundheitszustandes / Nähe zum Tod:
Als große Belastung empfinden die Pflegenden Angehörigen die stetige Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Demenzkranken aus zweierlei Gründen. Erstens bedeutet dies eine stetig wachsende körperliche Belastung. Der Gepflegte kann immer weniger selbst, man muss ihn waschen, muss ihn heben. Körperliche Schäden durch falsches, ungelerntes Heben bleiben da meist nicht aus, wenn man bedenkt, dass viele Pflegende selbst schon älter sind und körperliche Leiden haben. Viel gravierender sind jedoch die psychischen Belastungen. Man kennt seinen Partner oder seinen Familienangehörigen ja noch von früher. Meist kommt die Aussage, dass er/sie ein lebenslustiger Mensch war, ein starker Mann, eine energische Frau. Der stetige geistige Verfall der Patienten wird zwar wahrgenommen, man will ihn aber nicht wahr haben. Gerade der Faktor, dass eine Demenz zur Folge hat, dass die Logik versagt und dafür die emotionale Seite Oberhand gewinnt, stellt eine enorme Belastung dar, mit der die Angehörigen umzugehen lernen müssen.
Doch selbst, wenn der geistige und körperliche Verfall akzeptiert und verstanden wurde kommt eines Tages der Zeitpunkt, wo die man sich die Frage stellen muss, wie lange der Demente wohl noch lebt. Der Tod mit all seinen Facetten ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Man spricht nicht darüber. Der Tod macht Angst. Im Falle der Pflegenden Angehörigen nicht nur, weil man demnächst einen lieb gewonnenen Menschen verlieren wird, sondern weil man durch den Tod auch der Lebensinhalt verschwindet. Man hat seine Lebensplanung auf die Pflege umgestellt, ist durch die dauernde Angebundenheit auf den zu Pflegenden fixiert und dann ist er weg. Was kommt dann?
Fehlende Anerkennung:
Viele Angehörige leiden unter fehlender Anerkennung. Die Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck sieht nur (meist) eine Frau, die zu Hause ist. Was sie aber täglich leisten muss, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hat, wird nicht gesehen. Teilweise werden Pflegende Angehörige vom Bekanntenkreis auch abgelehnt, weil sie gemeinsame Aktivitäten wegen der Angebundenheit nicht mehr mitmachen können. Selbst vom Gepflegten erhält der Angehörige meist keine Dankbarkeit, weil er oft dazu nicht mehr in der Lage ist. Auch vom Pflegesystem ist es teilweise schwierig Anerkennung zu bekommen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836609401
Arbeit zitieren:
Gerstner, Frank Juli 2004: Entlastungshilfen in der ambulanten Pflege Demenzkranker, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Demenz, Ambulante Pflege, Entlastungshilfen, Sozialforschung, Sozialwesen



