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Emotionale Veränderungen beim expressiven Schreiben

Affektive Dynamik in Abhängigkeit von Emotionsausdruck, körperbezogener Aufmerksamkeitsfokussierung und emotionaler Distanzierung

Emotionale Veränderungen beim expressiven Schreiben
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Tony Hofmann
  • Abgabedatum: Mai 2009
  • Umfang: 122 Seiten
  • Dateigröße: 784,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 260
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4082-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hofmann, Tony Mai 2009: Emotionale Veränderungen beim expressiven Schreiben, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Emotion, Intuition, Körper, Aufmerksamkeit, Traumatherapie

Diplomarbeit von Tony Hofmann

Einleitung:

Das Ziel dieser Diplomarbeit ist es, Theorien und praktische Ansätze miteinander zu verknüpfen, die in unterschiedlichen Feldern der Psychologie und Psychotherapie jeweils etabliert und anerkannt, jedoch relativ unabhängig voneinander entstanden sind, und die bisher vorrangig in ihren eigenen Theoriebildungen weiterentwickelt wurden. In der reinen Psychotherapieforschung werden vor allem Studien im (kontrollierten) Prä-Post-Design durchgeführt, welche, um unter anderem auch Finanzierungsfragen zu untermauern, nur auf die reine Effektivität der untersuchten Verfahren rekurrieren. Die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen werden jedoch nur selten im Detail operationalisiert und grundlagentheoretisch abgesichert. Zwischen in der allgemein- und sozialpsychologischen Forschung diskutierten Grundlagenmodellen und den in der psychotherapeutischem Praxis angenommenen Wirkmechanismen fehlt dadurch bislang eine empirisch fundierte Verlinkung: ‘Die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Emotionen, Kognitionen und somatischen Prozessen sind immer noch ungeklärt’.

Es soll deshalb in dieser Arbeit ein Entwurf vorgelegt werden, der am Beispiel der Affektregulation versucht, innerhalb der Konzepte der humanistischen Psychotherapie, des Paradigmas des ‘emotionalen Schreibens’, der Forschung zur Wirkung der Expression von Emotionen auf die psychische Gesundheit und der aktuellen allgemein- und sozialpsychologischen Forschung Überlappungen zu finden. Ein Verständnis der Zusammenhänge zwischen körperlichen Prozessen, Emotionen und Kognitionen könnte dabei helfen, die Mechanismen besser zu erfassen, die in der Psychotherapie (und auch, ganz allgemein gesehen, im Alltag) emotionalen Veränderungsprozessen zu Grunde liegen.

Hierzu soll zunächst detailliert auf ein theoretisches Rahmenmodell der sozialkognitven Forschung eingegangen werden. Darauf aufbauend werden theoretische Ansätze zu Emotion, Intuition, Körper und Neurologie beschrieben, die die Vorhersagen des RIM differenzieren und erweitern. Einige der Methoden, Interventionsansätze und Ergebnisse der humanistischen Psychotherapie, des emotionalen Schreibparadigmas und der Traumatherapie sollen schließlich anhand dieses Grundgerüsts integriert und interpretiert werden. Auf Basis dieser Überlegungen werden konkrete Hypothesen über Einflussfaktoren auf affektive Veränderungsprozesse abgeleitet.

In einer empirischen Untersuchung wurden die Hypothesen überprüft; die Methodik und die Ergebnisse der Untersuchung werden im dritten und vierten Abschnitt dieser Arbeit ausführlich beschrieben.

Schließlich wird im letzten Teil der Arbeit diskutiert, inwieweit die vorliegenden Ergebnisse mit den oben genannten Grundlagentheorien und deren Implikationen vereinbar sind und an welchen Punkten darauf aufbauend die genannten (psychotherapeutischen und grundlagentheoretischen) Denkansätze einander befruchten und sowohl zu weiteren Forschungsarbeiten als auch zur Ableitung praktischer Empfehlungen anregen können.

Inhaltsverzeichnis:

0. Abstract 5
1. Einleitung 6
2. Literaturüberblick 8
2.1 Das Reflektiv- Impulsiv Modell 8
2.2 Die Rolle des Affekts 11
2.3 Die Rolle des Körpers 12
2.4 Neurologische Modelle 15
2.5 Veränderung affektiver Zustände 17
2.6 Zwischen-Fazit 23
2.7 Kognitive Integration im Paradigma des ‘emotionalen Schreibens’ 23
2.8 Kognitive Integration in der Traumatherapie 25
2.9 Kognitive Integration in den humanistischen Psychotherapieverfahren 27
2.10 Schlussfolgerungen 35
3. Methoden 38
3.1 Rekrutierung der Teilnehmer 38
3.2 Versuchsdesign 38
3.3 Operationalisierung der abhängigen Variablen 41
3.4 Versuchsablauf und Operationalisierung der unabhängigen Variablen 43
3.5 Datenaufbereitung und -analyse 49
4. Ergebnisse 54
4.1 Manipulationschecks 54
4.2 Auswirkungen des Schreibens auf den affektiven Zustand: Gruppenunterschiede 55
4.3 Moderatoreffekte von ‘Genauigkeit’ und ‘Vollständigkeit’ 62
4.4 Auswirkungen des Schreibens auf den affektiven Zustand: Unterschiede anhand des Textinhalts (Rating) 64
4.5 Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften auf die affektive Dynamik 67
4.6 Zusammenhang von aggressivem Verhalten (‘Bestrafung’) und Änderungen im nachfolgend gemessenen Ärger 69
5. Diskussion 71
5.1 Einzelergebnisse 71
5.2 Entscheidungen über Hypothesen 76
5.3 Implikationen für die therapeutische Praxis 78
5.4 Grenzen dieser Untersuchung und Implikationen für weitere Forschung 79
5.5 Ausblick 82
5.6 Zusammenfassung 83
Anhang 86
Literaturverzeichnis 106

Textprobe:

Kapitel 5.3, Implikationen für die therapeutische Praxis:

Die Ergebnisse dieser Untersuchung weisen darauf hin, dass eine Aufmerksamkeitslenkung auf den Körper nützlich sein könnte, um emotionales Verhalten zu intensivieren. Damit ergeben sich interessante Implikationen für Greenbergs Therapieansatz, demzufolge vor allem Personen, die unter einer Überregulierung ihres Affekts leiden (vgl. Abschnitt 2.9.) von einem solchen Vorgehen profitieren könnten. Insbesondere, wenn es also in der Psychotherapie darum geht, emotionales Verhalten zu verstärken, könnte eine Aufmerksamkeitslenkung auf affektbezogene Körperempfindungen hilfreich sein.

Im Gegenzug scheint es so zu sein, dass die Expression des (rein) affektiven Erlebens eher zu einer Abschwächung des affektiven Zustandes führt (vgl. auch Abschnitte 2.6. bis 2.9.). Nach Greenbergs Therapieansatz dürften also vor allem Klienten, die unter einer Unterregulierung ihres Affekts leiden, von der genauen (z.B. schriftlichen), Expression affektiver Zustande profitieren.

Eine qualitative Begutachtung der verfassten Texte der beiden Focusing-Versuchsgruppen erzeugt den Eindruck, dass die Probanden mit instruiertem Körperbezug in der Schreibaufgabe der vorliegenden Untersuchung i.d.R. kein vollständiges Focusing betrieben, sondern lediglich ihre Aufmerksamkeit auf den Körper gelenkt, und dann als nächstes klassisches expressives Schreiben (i.S.d. Pennebaker-Ansatzes) betrieben haben. Man könnte also sagen, dass der typische Focusing-Prozess bei den allermeisten Probanden zu früh abgebrochen und in einer nicht mehr körperbezogenen Richtung weiter geführt wurde. Dieser Eindruck ergibt sich vor allem, wenn man die verfassten Texte der beiden Focusing-Gruppen mit Äußerungen von Klienten in tatsächlichen Focusing-Sitzungen qualitativ vergleicht. Auch die oben (Abschnitt 5.1.) beschriebene fehlende quantitative Verifizierung der Focusing-Instruktion im Manipulationscheck deutet auf eben diesen Umstand hin. Dies würde bedeuten, dass in den entsprechenden Gruppen zwar eine kognitive Integration affektiver Inhalte des IS stattfand, jedoch möglicherweise keine (ausreichende) kognitive Integration auch visceraler und sensomotorischer impulsiver Inhalte. Aussagen darüber, ob das praktische (vollständige) Vorgehen im Focusing emotionale Zustände eher intensiviert oder abschwächt, lassen sich deshalb aufgrund der vorliegenden Daten nicht treffen.

Grenzen dieser Untersuchung und Implikationen für weitere Forschung:

Implizite Maße. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die impliziten Messverfahren in der vorliegenden Untersuchung keine signifikanten Unterschiede zwischen den experimentellen Bedingungen hervorbrachten. Auch wenn die angewandte Prozedur (Nutzung einer lexikalischen Entscheidungsaufgabe, LDT) bei Denzler et al. bereits erfolgreich eingesetzt wurde, steht zu bedenken, ob nicht eventuell ein impliziter Assoziationstest generell ein sinnvolleres Messinstrument für die Messung impliziten Ärgers sein könnte.

Generalisierbarkeit. Des Weiteren werden durch die angewandten Verfahren Grenzen der Generalisierbarkeit deutlich. Es wurde durch die angewandte Emotionsinduktionsprozedur lediglich moderater Ärger induziert. Wie bereits zuvor diskutiert wurde, wäre zu überprüfen, ob eine stärkere Ärgerinduktion andere Ergebnisse hervorbringt. Eine Methode, die starken Ärger induziert, wird beispielsweise bei Bushman beschrieben, wo Probanden einen Aufsatz schreiben, und danach auf unfaire Weise dafür kritisiert werden. Dies ruft i.d.R. unmittelbar sehr starken Ärger hervor.

Weiterhin wurde in der vorliegenden Untersuchung als Verhaltensmaß ein vom Probanden abgegebenes (Gerichts-)Urteil herangezogen. Die Probanden waren sich in diesem Fall im Klaren darüber, dass sie einen fiktiven Filmausschnitt angesehen haben, und dass deshalb auch das abgegebene Urteil eher einen fiktiven (als einen realitätsnahen) Charakter haben könnte, was die ökologische Validität dieses Maßes in Zweifel ziehen könnte. Man könnte weiterhin argumentieren, dass dies eher einer kognitiven Einschätzung als einem ‘echten’ Verhalten entspricht. Deshalb wäre es möglicherweise sinnvoll, in künftigen Studien eine (‘echte’) Bestrafung eines (‘echten’) Aggressors vorzunehmen, beispielweise durch eine Coverstory: Proband könnte z.B. beeinflussen, in welcher Höhe eine Geldprämie ausfällt, die der Aggressor für seine Teilnahme am Versuch erhalten soll, oder eine scheinbare Evaluation der (unfairen) Aufsatzkritik des Aggressors vornehmen (‘Wie würden Sie Ihren Dozenten benoten?’).

Bei der inferenzstatistischen Überprüfung der Ergebnisse würde aufgrund des Pilotcharakters der vorliegenden Untersuchung keine Alpha-Adjustierung nach Bonferroni (bzw. Bonferroni-Holm) durchgeführt. Darum sind alle gefundenen Ergebnisse lediglich unter Vorbehalt zu interpretieren (die vorliegende Untersuchung war v.a. explorativer Natur; dies rechtfertigt dieses Vorgehen). Auch eine mögliche Konfundierung der 8- bzw. 10-minütigen Schreibdauer in unterschiedlichen Gruppen könnte darüber hinaus ebenfalls einen verzerrenden Einfluss auf die Ergebnisse ausgeübt haben. Es ist deshalb sinnvoll, in weiteren Untersuchungen die einzelnen gefundenen Ergebnisse (vgl. Punkt 5.1) noch einmal einzeln zu verifizieren.

Aufgrund der weiter oben (Punkt 5.3.) beschriebenen Tatsache, dass die Focusing-Prozedur möglicherweise nur partiell erfolgreich war, kann daran gezweifelt werden, ob in den Probanden dieser Untersuchung eine ausreichend vollständige kognitive Integration körperlicher Zustände erfolgt ist. Es wäre sinnvoll, bei weiteren Untersuchungen vor der Durchführung des Versuchs mit den Probanden ein Focusing-Training durchzuführen, oder bei der Rekrutierung der Teilnehmer von vornherein Personen, die mit der Reflektion über ihr körperliches Empfinden (z.B. Balletttänzer, Physiotherapeuten, Menschen mit Erfahrung in Focusing oder Körpertherapie) vertraut sind, anzuwerben.

Ein letzter Aspekt, der die Generalisierbarkeit der gefundenen Ergebnisse einschränkt, ist die Tatsache, dass die Hypothesen lediglich anhand der Induktion und Expression von Ärger überprüft wurden. Die Resultate müssen darum nicht unbedingt übertragbar auf andere Emotionen sein. Insbesondere aus neurophysiologischer Sicht ist anzunehmen, dass bei unterschiedlichen affektiven Zustände unterschiedliche zentralnervöse Areale aktiv sind. Deshalb ist es sinnvoll, die Folgen einer kognitiven Integration impulsiver affektiver Inhalte (IS) durch reflektive Operationen (RS) auch anhand anderer negativer und positiver affektiver Zustände zu überprüfen.

Vorschläge für zukünftige Studien. Um neben den bisher genannten Punkten die Hypothesen zur emotionalen Distanzierung weitläufiger überprüfen zu können, wäre es sinnvoll, auch starken Ärger zu induzieren, statt ausschließlich moderaten. Eine instruierte emotionale Distanzierung müsste die Probanden mit starkem induzieren Ärger in ein optimales ‘window of tolerance’ versetzen, und damit die kognitive Integration erleichtern, da das Arousal dann mittelstark wäre; bei schwachem induzieren Ärger hingegen müsste die emotionale Distanzierung eine kognitive Integration erschweren, da das Arousal in diesem Fall zu schwach werden würde. Bei keiner emotionalen Distanzierung und starkem induzierten Ärger müsste die kognitive Integration ebenfalls erschwert sein, da das Arousal dann zu stark wäre. Eine Vermittlung über das Arousal könnte auch durch zusätzliche physiologische Maße (z.B. Messung des Herzschlags oder der Hautleitfähigkeit) belegt werden.

In der vorliegenden Untersuchung wurde die emotionale Distanz lediglich durch die Aktivierung affektinkompatibler Inhalte erzeugt. Deshalb wäre auch anzuraten, die zweite Möglichkeit der emotionalen Distanzierung experimentell zu überprüfen. Dies könnte beispielsweise mittels einer Distanz-schaffenden Auswahl an Freiraum- Instruktionen des Focusing-Ansatzes geschehen.

Weiterhin wäre es sinnvoll, bei einer Untersuchung des Körper-Faktors das weiter oben beschriebene Training in Focusing durchzuführen, oder die Rekrutierung von Menschen zu berücksichtigen, die Erfahrungen in der Reflektion von Körperempfindungen haben.

Um zu differenzieren, ob bei emotionaler Distanzierung das ‘unerwartet-Neue’, das Probanden möglicherweise berichten, sich lediglich auf die aktivierten affektinkompatiblen Inhalte bezieht, oder ob im Probanden völlig neue Sichtweisen zu dem prozessierten Thema entstehen, wäre es sinnvoll, zu fragen, worin das ‘unerwartet-Neue’ konkret bestünde. Die so gewonnenen Daten ließen sich per Rating einer der beiden Möglichkeiten (neue rein affektinkompatible Inhalte vs. neue Perspektiven) zuordnen. Dies könnte Aufschluss geben auf die Frage, ob die emotionale Distanzierung einen eigenen, unabhängigen Einflussfaktor darstellt, oder ob sie lediglich moderierend auf die anderen Faktoren einwirkt.

Um die weiter oben geschilderte differenziertere Sichtweise bezüglich der Katharsis-Hypothese zu belegen, wäre folgender Versuch möglich: wie bei Bushman beschrieben, ließe sich Ärger durch eine unfaire Beurteilung eines Aufsatzes induzieren. Als aggressives Verhalten wären verschiedene Stufen möglich: 1. Die Probanden schlagen auf Boxsäcke ein, und sehen dabei das Bild des Aggressors. 2. Die Probanden schlagen auf Boxsäcke ein, sehen dabei ein Bild des Aggressors, und können im Nachhinein kurz schriftlich darüber reflektieren, wie sich dieses Verhalten angefühlt hat (impulsive und reflektive Verarbeitung; symbolische Schädigung des Aggressors). 3. Die Probanden bestrafen den Aggressor durch Verweigerung von Geldprämien in einem (simulierten) Spiel (impulsive und reflektive Verarbeitung; nicht-symbolische bzw. direkte Schädigung des Aggressors), und reflektieren im Nachhinein kurz darüber. Bei Stufe 1 sollte der Ärger, wie bei Bushman beschrieben, steigen. Bei Stufe 2 sollte der Ärger aufgrund der kognitiven Integration moderat sinken. Bei Stufe 3 sollte der Ärger aufgrund der zusätzlich zur kognitiven Integration stattfindenden Zielerreichung stark sinken.

Arbeit zitieren:
Hofmann, Tony Mai 2009: Emotionale Veränderungen beim expressiven Schreiben, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Emotion, Intuition, Körper, Aufmerksamkeit, Traumatherapie

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