Emotionale Bedingungen des Fernstudiums
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sabrina Matuschke
- Abgabedatum: Oktober 2007
- Umfang: 192 Seiten
- Dateigröße: 1,3 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Rostock Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0965-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Matuschke, Sabrina Oktober 2007: Emotionale Bedingungen des Fernstudiums, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Motivation, Lernprozess, Lernstrategie, E-Learning, Chat
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Diplomarbeit von Sabrina Matuschke
Einleitung:
‘Dem stärksten Willen fehlt oft die Kraft, die einer zarten Emotion selbstverständlich ist’ (Elfriede Hablé). Getreu diesem Aphorismus sollten Emotionen auch im Lernprozess genügend Beachtung zukommen.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit Emotionen im Lernprozess im Allgemeinen und mit den emotionalen Bedingungen des Fernstudiums im Speziellen. Mir ist aufgefallen, dass Emotionen grundsätzlich auf bestimmte Art und Weise kommuniziert werden, und dass sie ebenso durch Kommunikation beeinflusst werden können. Gleichzeitig machte ich die Feststellung, dass Emotionen auch an Lernprozessen beteiligt sind. Für den Lernprozess an sich spielen Emotionen insofern eine Rolle, als sie zum Lernen motivieren, den nötigen Antrieb schaffen und Ziele besser verfolgen helfen. Man kann davon ausgehen, dass Emotionen allzeit zugegen sind, sie somit den Lernprozess begleiten und ihn positiv oder negativ beeinflussen können. Negative Emotionen, wie zum Beispiel Angst, können den Lernprozess hemmen. Schlechte Ergebnisse sind die Folge. Positive Emotionen, wie Freude am Lernen, werden i. d. R. positivere Ergebnisse mit sich bringen.
Durch meine Tätigkeit als Teletutorin im Fernstudiengang ‘Umwelt & Bildung’ stellte sich für mich nun die Frage: Spielen im Fernstudium die gleichen Emotionen eine Rolle, und wie werden sie kommuniziert, wenn die Lehrenden und Mitstudierenden nicht präsent sind? Ist es möglich, Emotionen trotzdem telefonisch oder virtuell zu übertragen? Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema musste ich feststellen, dass das Fernstudium und E-Learning noch nicht ausreichend aus diesem Blickwinkel untersucht wurde. In der Schule rücken heute neben kognitiven Aspekten auch affektive Komponenten (wie Emotionen) beim Lernen immer mehr in den Vordergrund. Langeweile in bestimmten Stunden, Angst vor Klassenarbeiten und Freude über gute Noten finden mehr Beachtung und sorgen für Überlegungen, wie negativen Emotionen entgegengewirkt werden und positive Emotionen gefördert werden können. Heute ist bekannt, dass das Gedächtnis eng mit dem Limbischen System zusammenhängt, also jenem Teil des Gehirns, welches für die Gefühle verantwortlich ist. So spielen Assoziationen mit Gesehenem, Gerochenem und Gefühltem eine große Rolle beim Erinnern. In den letzten Jahren wurde viel Gehirnforschung betrieben, um die am Lernen beteiligten Abläufe im Gehirn, erfassen zu können.
Lange Zeit wurden Emotionen in der Erziehungswissenschaft und pädagogischen Psychologie jedoch vernachlässigt. Das Fernstudium wird noch immer nicht auf emotionale Aspekte hin untersucht. Es gibt leider keine aktuellen Studien zu den Lebensbedingungen von Fernstudierenden und nur wenige Artikel aus der Fachliteratur, die sich mit dem Zusammenhang von Emotionen und E-Learning beschäftigen. Ein hervorragendes Beispiel ist der Artikel ‘Die vergessenen Weggefährten des Lernens: Herleitung eines Forschungsprogramms zu Emotionen beim E-Learning’ von Gabi Reinmann-Rothmeyer, der sich mit der Integration von Emotion und Motivation im E-Learning beschäftigt. Aus diesem Grund möchte ich in dieser Arbeit die beiden Komponenten Fernstudium (E-Learning und Blended Learning) und Emotionen etwas näher zusammenführen. Ein empirischer Teil, in dem ich die Kommunikation von Chats auf Emotionen hin untersuche, soll dazu meine Annahmen untermauern.
Meine Hauptthese, die der Arbeit zugrunde liegt, lautet: Ein Fernstudium ist emotional belastender als ein Präsenzstudium. Diese Annahme entsteht, wenn ich darüber nachdenke, dass die Fernstudierenden neben dem Studium noch einem Beruf nachgehen und der soziale Kontext ein komplett anderer ist als der in der Schule oder an einer Präsenzhochschule. In diesem Zusammenhang tun sich Fragen auf wie:
Kommt der Austausch mit Kommilitonen/-innen zu kurz? Kommt er überhaupt zustande? In welcher Art und Weise ist er mit der anderen Form vergleichbar?
Müssen Fernstudierende in besonderem Maße motiviert werden?
Sollten Fernstudierende andere bzw. zusätzliche Voraussetzungen für das Studium mitbringen als Präsenzstudierende?
Wie kann die Betreuung und Motivation im Blended bzw. E-Learning aussehen?
Diese und weitere Fragen werde ich in den nächsten Kapiteln beantworten. Mein Anliegen besteht darin herauszufinden, welche Emotionen bei Fernstudierenden zu erkennen sind und wie sie überhaupt wahrgenommen werden können.
Im Anschluss möchte ich Möglichkeiten aufzeigen, die die negativen Emotionen (belastende Emotionen wie Stress und Unsicherheit) ein wenig reduzieren und positive Emotionen (wie Freude) fördern. Ziel ist es demnach, meine These in den folgenden Kapiteln zu verifizieren, um anschließend auf notwendige Konsequenzen für das Fernstudium, Blended Learning und E-Learning einzugehen.
Es ist jedoch unerlässlich, sich eingangs mit den in dieser Arbeit verwendeten Fachtermini auseinanderzusetzen. Die vorliegende Diplomarbeit beginnt daher zunächst mit der Definition und Erläuterung der komplexen Begrifflichkeiten Emotion, Kognition und Motivation. Im Anschluss daran widme ich mich dem Zusammenhang von Kommunikation und Emotionen. Inhaltlich beschäftigt sich dieses Kapitel mit der Frage, über welche Kanäle Emotionen kommuniziert werden. Danach gebe ich noch einen Einblick in die Sozialisation der Emotionen. Das heißt, es soll geklärt werden, ob Emotionen angeboren sind. Sollte dies der Fall sein, ist dann jeder mit dem gleichen Emotions-Set ausgestattet? Daraus resultiert die nächste Frage, ob man in der Erziehung Einfluss auf die Entwicklung der Emotionen nehmen kann. Abschließend werden kulturelle Unterschiede bei der Ausprägung der Emotionen untersucht. Zum Abschluss dieses Kapitels gebe ich eine kurze Zusammenfassung mit einem Ausblick, welche Rolle Emotionen gerade in der Pädagogik spielen. Ein solches Fazit mit Entwicklungstendenzen werde ich nach jedem Kapitel schreiben.
In Kapitel 3 beschäftige ich mich etwas ausführlicher mit der Bedeutung von Emotionen und Motivation in Lernprozessen. Als Einstieg geht es um den Bedeutungswandel und die Definition des Begriffs ‘Lernen’. Danach folgt eine genauere Betrachtung des Themas ‘Gefühle beim Lernen’, insbesondere des Gefühls Freude. Von den Gefühlen schlage ich einen Bogen zum Thema Gedächtnis und zeige den Zusammenhang von Gefühlen und Gedächtnisfunktionen auf, die schließlich eine wesentliche Rolle beim Lernen spielen. Um das Wissen über die Beteiligung von Emotionen zu nutzen, gibt es bestimmte Memo- bzw. Lernmethoden, die ich im Kapitel 3.5 erläutere.
Vom Lernen im Allgemeinen komme ich dann im Kapitel 4 zum Fernstudium, wo ich als erstes den Begriff Fernstudium erörtere und einen kurzen Überblick über die Geschichte des Fernstudiums gebe. Im Anschluss daran betrachte ich verschiedene Theorien, die häufig in den Zusammenhang mit didaktischen Konzepten im Fernstudium gebracht werden. Dabei handelt es sich um einen kritischen Blick auf die Lerntypentheorie von Frederic Vester und eine Übersicht über die Lernstrategien.
Im Kapitel 5 erörtere ich dann den multimedialen Aspekt des Fernstudiums und kläre, was sich hinter dem Begriff E-Learning verbirgt. Dabei erläutere ich die technische Seite, die Lernumgebung und die Didaktik beim E-Learning. Ein Gesichtspunkt, der ebenso Beachtung im E-Learning findet, ist die Betreuung der Fernstudierenden. Hierbei schildere ich die Aufgaben und Kompetenzen bei der Betreuung und gehe dann zur emotionalen Belastung über, wobei ich besonderes Augenmerk auf den Belastungsfaktor Stress lege. Der Grund dafür ist, dass ich annehme, dass es der größte Belastungsfaktor im Fernstudium ist, da die Studierenden in den meisten Fällen berufstätig sind und häufig eine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen. (Prüfungs-)Angst als Belastungsfaktor kann dagegen im Präsenzstudium gleichermaßen auftreten wie im Fernstudium.
Mit dem Kapitel 5 ‘E-Learning und Emotionen’ ist der Theorieteil dieser Arbeit abgeschlossen; beim Schlusskapitel handelt es sich um den empirischen Teil meiner Arbeit. Darin werde ich einleitend von meiner Arbeit als Teletutorin berichten, wozu ich kurz den Fernstudiengang ‘Umwelt & Bildung’ der Universität Rostock vorstelle. Besonderes Augenmerk möchte ich dabei auf die Online-Betreuung legen. Ich werde aufzeigen, dass und in welcher Art und Weise es möglich ist, die wichtigsten emotionalen Vorgänge des Lernens auch über die begrenzten Kanäle zu übertragen. Dafür bediene ich mich eingangs der Forschungsmethode der Qualitativen Inhaltsanalyse, um das Datenmaterial zu strukturieren und systematisieren. Im Kapitel 6.2 gehe ich auf das Material ein. Es handelt sich beim Datenmaterial um sechs Chatprotokolle, die während der Online-Sprechstunden aufgezeichnet wurden. Bevor ich diese Protokolle analysieren und interpretieren kann, muss ich mir über meine Fragestellung und das Ziel der Untersuchung im Klaren sein. Daraufhin erläutere ich das methodische Vorgehen. Im letzten Schritt erfolgt eine kommunikationsanalytische Auswertung der Chatprotokolle und eine Beantwortung meiner Fragestellungen. Auch am Ende dieses Kapitels folgt wieder eine Zusammenfassung mit einem Ausblick. Abschließend werde ich in meinen Schlussbetrachtungen die gesamte Arbeit, d. h. den Theorieteil und Empirieteil noch einmal zusammenfassen und in einen Gesamtzusammenhang stellen. Dazu werde ich das Fazit meiner Erhebung mit einbeziehen und die Hauptthese meiner Arbeit noch einmal überprüfen.
Ich habe mich in dieser Diplomarbeit für eine gendergerechte Sprache entschieden. Das heißt, ich werde i. d. R. beide Geschlechter nennen, z. B. Lehrer und Lehrerin oder Wörter verwenden, die im Plural neutral sind, z. B. Lehrende. In Fällen, in denen die Grammatik es zulässt, werde ich die Variante mit dem großen I einsetzen, z. B. die SchülerInnen. Dabei richte ich mich nach den Sprachrichtlinien der herausgegebenen Broschüre der Gleichstellungsbeauftragten der Fachhochschule Köln von 2003 sowie dem Leitfaden ‘geschlechtergerechtes Formulieren’ vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur aus Wien. Zitate werde ich nicht gendergerecht umformulieren. Sollte eindeutig klar sein, dass es sich nur um das weibliche oder männliche Geschlecht handelt, verwende ich nur die entsprechende Form.
Inhaltsverzeichnis:
| THEORETISCHER TEIL | ||
| 1. | EINLEITUNG | 1 |
| 2. | EMOTIONEN IN DER PÄDAGOGIK | 5 |
| 2.1 | EIN ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER EMOTIONSPSYCHOLOGIE | 5 |
| 2.2 | EMOTION – ASPEKTE EINER DEFINITION | 8 |
| 2.3 | KOGNITION | 14 |
| 2.4 | MOTIVATION | 16 |
| 2.4.1 | INTRINSISCHE UND EXTRINSISCHE MOTIVATION | 20 |
| 2.5 | WIE WERDEN EMOTIONEN KOMMUNIZIERT | 23 |
| 2.6 | ZUR SOZIALISATION DER EMOTIONEN | 26 |
| 2.6.1 | AUS DER SOZIALWISSENSCHAFTLICHEN PERSPEKTIVE | 27 |
| 2.7 | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 33 |
| 3. | BEDEUTUNG VON EMOTION UND MOTIVATION IN LERNPROZESSEN | 35 |
| 3.1 | BEDEUTUNGSWANDEL UND DEFINITION DES BEGRIFFS ‘LERNEN’ | 35 |
| 3.2 | GEFÜHLE BEIM LERNEN | 38 |
| 3.2.1 | FREUDE – EINE VERNACHLÄSSIGTE EMOTION | 39 |
| 3.4 | GEDÄCHTNIS | 40 |
| 3.5 | VERNETZTHEIT VON INFORMATIONEN | 41 |
| 3.5.1 | MIND MAPPING | 44 |
| 3.6 | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 46 |
| 4. | FERNSTUDIUM – LERNTYPEN, LERNSTILE, LERNSTRATEGIEN | 48 |
| 4.1 | ZUM BEGRIFF DES FERNSTUDIUMS | 48 |
| 4.2 | EIN KURZER HISTORISCHER ÜBERBLICK | 53 |
| 4.3 | LERNTYPEN – SINNVOLL ODER IRRTUM? | 54 |
| 4.4 | LERNSTRATEGIEN | 57 |
| 4.4.1 | APPROACHES-TO-LEARNING-ANSÄTZE | 64 |
| 4.5 | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 69 |
| 5. | E-LEARNING UND EMOTIONEN | 71 |
| 5.1 | EINFÜHRUNG E-LEARNING | 72 |
| 5.1.1 | DIE TECHNISCHE SEITE DES E-LEARNING | 75 |
| 5.1.2 | LERNUMGEBUNGEN BEIM E-LEARNING | 77 |
| 5.1.3 | DIDAKTIK BEIM E-LEARNING | 80 |
| 5.2 | BETREUUNG IM FERNSTUDIUM | 86 |
| 5.2.1 | AUFGABEN UND KOMPETENZEN BEI DER BETREUUNG | 96 |
| 5.2.2 | EMOTIONALE BELASTUNG | 101 |
| 5.3 | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 110 |
| EMPIRISCHER TEIL | ||
| 6. | DER CHAT ALS BELASTUNGSHEMMENDER FAKTOR? – AM BEISPIEL DES FERNSTUDIUMS AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK | 113 |
| 6.1 | EIN EXKURS IN DEN FERNSTUDIENGANG ‘UMWELT & BILDUNG’ | 113 |
| 6.2 | DATENERHEBUNG UND MATERIAL | 115 |
| 6.3 | FRAGESTELLUNG UND ZIEL DER UNTERSUCHUNG | 117 |
| 6.4 | METHODISCHES VORGEHEN | 118 |
| 6.5 | AUSWERTUNG | 120 |
| 6.6 | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 128 |
| 7. | SCHLUSSBETRACHTUNGEN | 130 |
| 8. | LITERATUR | 137 |
| ABBILDUNGSVERZEICHNIS | 145 | |
| ANHANG | 146 | |
| INHALTLICHE KATEGORIEN | 146 | |
| ANKERBEISPIELE | 147 | |
| CHAT 1 (29.11.2006) | 149 | |
| CHAT 2 (06.12.2006) | 158 | |
| CHAT 3 (13.12.2006) | 169 | |
| CHAT 4 (17.01.2007) | 177 | |
| CHAT 5 (31.01.2007) | 181 | |
| CHAT 6 (07.02.2007) | 185 |
Textprobe:
Kapitel 4.4, Lernstrategien:
Die Theorie der kognitiven Entwicklung:
In den letzten Jahren sind Lernstrategien zu einem wichtigen Thema geworden. Dies hängt eng mit der Lernforschung zusammen und damit, dass es seit der ‘kognitiven Wende’ eine völlig neue Sichtweise der Lernvorgänge im Menschen gibt. War zuvor die Sichtweise der Behavioristen vorherrschend, die davon ausging, dass Lernen die Veränderung des Verhaltens durch Versuch und Irrtum oder durch Konditionierung sei, gewannen kognitive Vorstellungen mit der Zeit immer mehr an Einfluss. Dem Individuum wurden innere Abläufe und Kognitionen zugeschrieben, mit denen es Wissen gewinnt, um Entscheidungen zu fällen und wirksam handeln zu können.
Der Begriff ‘Lernen’ erfuhr eine große Veränderung durch die Entwicklungspsychologie von Jean Piaget. Piaget zufolge beruht jede Entwicklung auf demselben Prinzip, und zwar auf dem Austausch eines Organismus mit der Umwelt und seiner Intention, sich dieser anzupassen. Nach ebendiesem Prinzip laufe auch die geistige Entwicklung ab. Dafür baut der Mensch Strukturen auf, die sich verändern (variante Elemente), deren Entwicklung jedoch immer die gleichen Prozesse zugrunde liegen (Invarianten). Als Invarianten werden Adaption (Anpassung) und Organisation angesehen.
Zur Adaption gehören die Assimilation und die Akkomodation. Eine kognitive Struktur organisiert sich demzufolge über die kognitiven Lernprozesse der Assimilation und Akkomodation. Unter Assimilation versteht man aktives Interpretieren und Einordnen von Erfahrungen in bereits vorhandenes Wissen. In der Akkomodation wird vorhandenes Wissen umorganisiert, um neuen Erfahrungen Rechnung zu tragen. Akkomodation erfordert kognitive Konflikte zwischen Bekanntem und Neuem, deren Unterschied hinsichtlich des individuellen kognitiven Aufwands nicht zu groß sein darf.
Piaget schildert, dass die gegenseitige Anpassung zwischen Organismus und Umwelt der Herstellung eines Gleichgewichtszustands zwischen Individuum und Außenwelt dient. ‘Das Individuum möchte sich in Einklang mit der Umwelt empfinden’. Ein Ungleichgewicht tritt ein, wenn die Anforderungen und Bedingungen der Außenwelt sich verändern und die Umwelt mit den vorhandenen kognitiven Schemata nicht mehr bewältigt oder eingeordnet werden kann. Die Anpassung an die Umwelt geschieht dann über die kognitiven Lernprozesse der Akkomodation und Assimilation.
Laut Piaget ist die Anpassung in allen Fällen erst dann vollendet, wenn sie zu einem stabilen System führt, d. h. wenn ein Gleichgewicht zwischen Akkomodation und Assimilation besteht.
Bloßes Reproduzieren von Wissen verhindert dabei Adaptionsvorgänge und ist deshalb aus Sicht der Theorie der kognitiven Entwicklung wenig sinnvoll. Piaget beabsichtigt eine Verbesserung der Erkenntnis zu erreichen und keine auswendig gelernte Reproduktion fremder Erkenntnisse.
Definition und Beschreibung von Lernstrategien:
Wie im vorigen Abschnitt deutlich wurde, sind Lernstrategien von großer Bedeutung. Sie sind die als ‘Schlüsselqualifikation’ bezeichnete Kompetenz zur Selbststeuerung des eigenen Lernverhaltens. Viele verschiedene Theorien wurden aufgestellt, um dieses fächerübergreifende Bildungsziel zu beschreiben. Nahezu zeitgleich beschäftigten sich Theoretiker und Theoretikerinnen verschiedenster Länder mit den gleichen Fragen und gelangten teilweise zu sehr ähnlichen Ergebnissen, die an dieser Stelle näher erläutert werden sollen.
Zu lernen, wie man das Lernen effektiv gestalten kann, ist eine wichtige Voraussetzung für das Zurechtfinden in einer Informationsgesellschaft, in der es zunehmend wichtiger wird, sich stets weiterzubilden und neue Informationen eigenständig auszuwählen, aufzunehmen und zu verarbeiten.
Besonders bedeutsam ist die Fähigkeit zum selbst gesteuerten Lernen unmittelbar im Studium. Hier gilt sie als notwendige Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium, da Studierende nicht nur durch Lehrveranstaltungen in ihr Fach eingeführt werden, sondern sich relevante Wissensbestände auch eigenständig anhand von Texten und anderen Lernmaterialien erarbeiten müssen.
Allgemein sind Lernstrategien Verhaltensweisen und Kognitionen, die Lernende zielgerichtet zur Beeinflussung ihres Wissenserwerbs einsetzen. Der Zweck einer solchen Lernstrategie besteht in einer Steuerung des motivationalen oder affektiven Zustands Lernender und in der Form, in der Informationen ausgewählt, erworben, organisiert oder in vorhandenes Wissen integriert werden. Man geht dabei von Lernenden aus, die Informationen aktiv verarbeiten, interpretieren und zusammenfügen, wozu sie diverse Strategien zur Selektion, Enkodierung, Speicherung sowie zum Abruf von Informationen heranziehen.
Lerntechniken, Lernstile und Lernstrategien:
Gläser-Zikuda zufolge sind Lerntechniken, Strategien und Lernstile organisierende Prozesse des kognitiven Systems, die sich in drei Hierarchiestufen unterteilen lassen. Lerntechniken stehen dabei ganz unten in der Hierarchie und sind nur in einem eng begrenzten Aufgabenbereich einsetzbar. Sie können als Teilhandlungen gesehen werden, die je nach Situation und Aufgabe in die Strategie eingegliedert werden können. Strategien stellen daneben eine Kombination von Lerntechniken dar, die zusammen einen Plan zur Bewältigung eines Problems ergeben. Lernstrategien können flexibel und situationsgemäß eingesetzt werden. Ob ihr Einsatz jedoch bewusst geschieht, ist strittig. Man geht davon aus, dass sie als zielführende Verfahrensweise erst bewusst angewandt und dann allmählich automatisiert werden.
Lernstile werden dagegen als generalisierte Merkmale oder Eigenschaften von Personen aufgefasst. Man spricht davon, dass eine Person in vielen verschiedenen Situationen ähnliche Strategien anwendet, wobei es sich dann um einen so genannten kognitiven Stil handelt. Sie führen zu einer typologischen Klassifikation von Lernen.
Lernstrategien müssen daher deutlich von Ansätzen, die sich mit Lernstilen und kognitiven Stilen befassen, unterschieden werden. Lernstile und kognitive Stile sind relativ stabile kognitive und affektive Verhaltensweisen, die widerspiegeln, wie Lernende ihre Lernumwelt wahrnehmen und auf sie reagieren. Sie gehen von Persönlichkeitsmerkmalen und der Anpassung der Lernumwelt an die ‘Stärken’ des ‘Lerntyps’ aus. Sie berücksichtigen in ihren Untersuchungen nicht, inwieweit bestimmte Lehr-Lern-Umgebungen zur Veränderung eines gewissen Lernverhaltens beitragen könnten.
Die Lernstrategieforschung beschäftigt sich vor allem mit der Praxis universitärer Lehre, die das Lernen mit Studientexten ins Zentrum stellen bzw. mit Lehr-Lern-Prozessen, die im Rahmen traditioneller Vorlesungen und Seminare stattfindenden. Studien, die sich auf das Lernen mit Computern oder anderen interaktiven Medien und hypermedialen Lernumgebungen beziehen, wurden bislang nur selten durchgeführt. Gründe dafür können sein, dass solche Lehr-Lern-Arrangements bisher noch wenig an Hochschulen realisiert und vorliegende Lernprogramme nur für Unterricht an Schulen konzipiert wurden. Zudem weisen solche Programme noch häufig einen sehr einfachen Aufbau auf. Trotzdem ist eine weitgehende Vernachlässigung von Fragen der Lernstrategienutzung beim Lernen in modernen computergestützten Lernumgebungen feststellbar. Daher ist bislang noch nicht geklärt worden, inwiefern das Lernen in multimedialen Lernumgebungen andere Lernstrategien hervorruft und erfordert als das herkömmliche Text- und Seminarbezogene Lernen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842809659
Arbeit zitieren:
Matuschke, Sabrina Oktober 2007: Emotionale Bedingungen des Fernstudiums, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Motivation, Lernprozess, Lernstrategie, E-Learning, Chat



